Bochanan Peter: Ihr schönster Heiligabend

Jane zog das vollgeschriebene Blatt aus der Schreibmaschine und legte es in einen danebenliegenden Ordner. Dann stülpte sie den Deckel auf die Schreibmaschine und verschloss sie. Schluss für heute, gleich würde ihr Liebling nach Hause kommen.
Mit ihrem Liebling meinte sie ihre fünfjährige Tochter Emily mit der sie hier in dem kleinen Vorort von Boston lebte. Emily war mit einer Freundin und deren Mutter zum Schlittschuhlaufen gefahren. Es klappte zwar noch nicht allzu gut aber jeden Tag machte die junge Dame Fortschritte. Normalerweise war Jane immer mit von der Partie aber heute ging es leider nicht denn ihr Verleger saß ihr im Nacken.
Jane war Schriftstellerin, keine besonders berühmte, aber es reichte um sie und ihre kleine Tochter durchs Leben zu bringen. Sie war mit dem Manuskript für ihr neues Buch schon im Verzug und deshalb musste sie unbedingt damit fertig werden bevor es richtig Ärger gab denn sie war die Alleinernährerin der kleinen Familie.
Ihr Mann Greg war vor drei Jahren in den Irak abkommandiert worden und von dort nicht mehr zurückgekehrt. Es gab noch viel zu tun an diesem Nachmittag denn Jane hatte Emily versprochen das sie auch dieses heute, wie in jedem Jahr eigentlich, Plätzchen backen würden um diese in der Nacht dem Weihnachtsmann zusammen mit einem Glas Milch als Stärkung hinzustellen.
Dann wollten sie noch schnell in die Stadt um eine Kleinigkeit für ihre Schwester Myriel zu kaufen die sich für den nächsten Tag zu Besuch angemeldet hatte um die Geschenke für Emily zu bringen. Wenn das erledigt war dann schmückten sie traditionell zusammen den Weihnachtsbaum und aßen danach zu Abend.

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Wenn Emily dann später im Bett war würde Jane die Geschenke unter den Baum legen und die Kekse essen und die Milch trinken damit alles so war wie es sein musste wenn Emily am nächsten Morgen ins Wohnzimmer kam. Mit Schwung flog plötzlich die Haustüre auf und eine außer Rand und Band geratene Emily stürmte ins Haus.
“ Mami Mami, ich hab eine Pirotte gedreht, ganz alleine. Du kannst Tante Mildred fragen, die hat es gesehen.“
Mit diesen Worten folg sie ihrer Mama in die Arme und drückte sie ganz fest an sich.
Mildred und ihre Tochter Samantha standen derweil im Türrahmen und mussten über die gedrehte “ Pirotte “ genauso lachen wie Jane auch.
“ Sie meint natürlich eine Pirouette, hallo Jane. Wie läuft’s mit deinem Roman? Ich hoffe du hast es bald geschafft.“
“ Noch nicht ganz aber bis Ende des Jahres hat mein Verleger das Manuskript bevor er mir noch einen Herzinfarkt bekommt.“
Mildred und Samantha waren derweil ins Wohnzimmer getreten und hatten, nachdem sie ihre dicken Jacken abgelegt hatten, Platz genommen.
“ Lass und ein Glas Eierpunsch genießen, den hab ich gestern schon gemacht und du hast dir auch eine Stärkung verdient nach dem Vormittag mit den beiden.“
Mildred stimmte freudestrahlend zu denn sie liebte Janes selbstgemachten Eierpunsch. Die Kinder zogen sich mit einem Orangensaft in Emilys Zimmer zurück und spielten ein wenig. So hatten die beiden Frauen etwas Muße zum Plaudern allerdings nicht allzu lange denn nach einer halben Stunde kam Emily aus ihrem Zimmer und erkundigte sich wann es denn etwas zu essen gäbe.
Das war dann auch das Zeichen zum Aufbruch für Mildred und Samantha denn diese wurden auch langsam hungrig.
So verabschiedeten sie sich von Jane und Emily und gingen heim.
Jane hatte ein paar Burgers vorbereitet. Erstens waren Burger eine von Emilys Lieblingsgerichten und zweitens durfte es ja nicht zu viel Zeit in Anspruch nehmen das Essen zuzubereiten da der Nachmittag mit Arbeit recht gefüllt war.
Als beide gesättigt waren bereitete Jane den Teig für die Plätzchen zu und Emily sah ihr dabei interessiert zu. Ausstechen, das war immer Emilys Aufgabe und sie legte die ausgestochenen Plätzchen auch eigenhändig und mit leuchtenden Augen auf das mit Backpapier ausgelegte Backblech. Dann schob Jane das Blech in den vorgeheizten Backofen und Emily blieb vor der Klarsichtscheibe hocken und beobachtete wie die Plätzchen langsam goldbraun wurden. Nachdem diese den Ofen verlassen hatten und auf der Arbeitsplatte in der Küche abkühlten nahm Jane Emily auf den Arm und ging mit ihr ins Kinderzimmer.
„So mein Schatz, jetzt ziehen wir uns an und fahren schnell noch in die Stadt. Ich muss beim Weihnachtsmann noch dein Geschenk für Tante Myriel bestellen. Das dauert nicht lange und du kannst solange bei Onkel Harry im Spielwarenladen bleiben, ich hole dich dort dann wieder ab.“
Jane wollte nicht dass die Legende Weihnachtsmann für Emily allzu früh starb, deshalb wollte sie das Geschenk für Myriel selbst besorgen. Die Parfümerie in der sie Myriels Lieblingsparfüm gefunden hatte lag nur drei Geschäfte weiter wie der Spielwarenladen von Myriels Mann.
Dort war sie für die kurze Zeit gut und sicher aufgehoben.
Als die beiden das Haus verließen sahen sie das es wieder angefangen hatte zu schneien. Dicke Flocken fielen vom Himmel und gesellten sich zu denen die bereits in den letzten Tagen eine feste Schneeschicht auf den Straßen, Häusern, Autos und Bäumen gebildet hatten.
“ Jetzt aber schnell sonst müssen wir am Ende noch in der Stadt übernachten und verpassen den Weihnachtsmann.“ sagte Jane und die beiden fuhren los. Unterwegs sangen sie ein Weihnachtslied zu der Melodie die aus dem Radio klang und beide waren fröhlich und vergnügt.
Das Schneetreiben wurde immer dichter und Jane beeilte sich nachdem sie Emily bei ihrem Schwager abgeliefert hatte mit dem Einkauf.
Dann fuhren sie vorsichtig zurück und Jane atmete auf als das Auto sicher in der Garage stand.
Während Emily sich in ihrem Zimmer umzog versteckte sie schnell das Geschenk für Myriel im Schrank und ging dann in die Garage um den Christbaumständer und den Weihnachtsbaum zu holen.
Sie war gerade damit beschäftigt den Weihnachtsbaum so im Ständer zu verschrauben das er einigermaßen gerade stand als Emily das Wohnzimmer betrat.
“ Geh doch bitte schon mal in der Diele die Kugeln und den Stern für die Spitze holen Schatz, Mama ist gleich fertig und dann fangen wir an.“
Emily holte Schachtel für Schachtel, einzeln, damit ja nichts kaputt ging und legte alles vorsichtig aufs Sofa.
Dann reichte sie Ihrer Mutter eine Kugel nach der anderen und diese hing sie dann an dem Baum. Als nächstes kam das Lametta dran und dann das schwierigste, die Lichterkette. Ganz zum Schluss setzte Jane noch den Stern auf die Spitze.
Nach zwei Stunden hatten die beiden es geschafft und ein wunderschön anzuschauender Weihnachtsbaum zierte das Wohnzimmer. Sie räumten gemeinsam die leeren Kartons der Kugeln weg und hatten damit alles erledigt das sie sich für diesen Nachmittag vorgenommen hatten.
Während Jane sich um das Abendbrot kümmerte schaute Emily ein wenig fern, es waren ja sooo schöne Sendungen im Fernseher am heiligen Abend. Da wusste man gar nicht was man schauen sollte. Emily hatte sich für die Geschichte des “ Ebenizer Scrooge “ entschieden. Sie mochte den schönen Ausgang der Geschichte die sie im vorigen Jahr schon gesehen hatte.
Nach dem Abendbrot gab es für Emily zur Belohnung weil sie so fleißig und brav gewesen war heute ein paar von den selbstgebackenen Keksen. Diese verzehrte sie mit wahrer Wonne.
Dann setzten sie sich gemeinsam auf die Couch um noch etwas fern zu sehen. Ein Kinderkanal strahlte “ Weihnachten mit Micky und Minni “ aus und das wollte Emily unbedingt noch sehen. Sie kuschelte sich eng an ihre Mama und rutschte in ihren Arm. Jane drückte sie sanft an sich und genoss ihre Nähe und den Frieden den sie jetzt deutlich spürte.
Als der Film zu Ende war sagte Jane
“ So mein Liebling, nun wird es aber höchste Zeit für dich ins Bett zu gehen. Geh bitte schon mal die Zähne putzen und leg dich hin. Ich komme dann und lese dir noch eine Geschichte vor.“
“ Aber Mami, ich bin doch noch gar nicht müde. Muss ich wirklich schon? “
Das kannte Jane schon denn diesen Spruch hörte sie desöfteren aber sie blieb hart denn sie hatte ja auch noch einiges zu tun und wollte selbst nicht allzu spät ins Bett.
Nachdem sie ihrer Maus noch eine kurze Geschichte vorgelesen hatte gab sie ihr einen dicken gute Nacht Kuss und löschte dann das Licht in Emilys Zimmer.
Wieder im Wohnzimmer angelangt entschloss sie sich noch ein Glas Eierpunsch zu trinken und einen Film anzuschauen und dann mit dem Verteilen der Geschenke unter dem Baum anzufangen. Sie wollte ganz sicher sein das Emily sie nicht dabei erwischte.
Der Film war recht spannend und so merkte Jane gar nicht wie schnell die Zeit verging. Als sie auf die Uhr blickte war es bereits 10 Minuten nach elf Uhr
“ Nun aber geschwind “ dachte sie und suchte eilends alle Geschenke zusammen. Einen Teil hatte sie in der Garage versteckt, einen anderen Teil im Keller. So konnte sie sicher sein das, wenn Emily einmal etwas finden sollte, immer noch ein Teil der Geschenke unentdeckt bleiben würde. Sie war mit den Geschenken fertig und in der Küche damit beschäftigt die Milch für den Weihnachtsmann einzugießen und die Kekse auf einen Teller zu legen. Die würde sie dann gleich noch schnell verzehren und dann ebenfalls ins Bett gehen, da klingelte es an der Haustür.
“ Wer klingelt denn um diese Zeit noch an fremder Leute Türen?“
Jane beeilte sich die Haustüre zu öffnen bevor derjenige noch einmal klingelte und damit eventuell Emily weckte.
Bevor sie die Haustür öffnete schaltete sie draußen das Hoflicht ein, dann drehte sie die Klinke und zog die Tür auf. Ein Mann stand draußen mit dem Rücken zu ihr und über und über mit Schnee bedeckt.
Als dieser sich zu ihr umdrehte und sie sein Gesicht erkennen konnte stieß Jane einen unterdrückten Schrei aus. Vor ihren Augen tanzten plötzlich Sterne und ihr Herz raste das sie dachte es müsse just zerspringen. Dann konnte sie sich nicht mehr auf den Beinen halten und fiel in Ohnmacht.
Der Mann vor der Türe konnte ihr so gerade noch entgegenspringen und sie auffangen, sonst wäre sie wohlmöglich auf dem harten, kalten Boden gelandet. Er nahm sie auf den Arm und trug sie ins Haus. Dort legte er sie vorsichtig auf die Couch. Dann suchte er nach der Küche und befeuchtete ein Handtuch das dort auf dem Tisch lag.
Mit diesem ging er zurück ins Wohnzimmer und legte es der Frau auf die Stirn. Als Jane aus ihrer kurzen Ohnmacht erwachte fand sie den Mann über sich gebeugt vor und der streichelte sanft über ihren Arm.
“ Hallo Liebling, hab ich mich so schrecklich verändert das du meinetwegen in Ohnmacht fallen musst? Ich weiß, das ist jetzt ein Schock für dich aber ich kann alles erklären.“
“ Bitte sag mir das das kein Traum ist, ich kann es einfach nicht glauben. Bist du es wirklich oder spielt der liebe Gott mir nur einen bösen
Streich ? Oh Greg, du bist wieder da.“
Mit diesen Worten fiel sie ihm in die Arme und begann hemmungslos zu weinen. Er ließ Jane ganz in Ruhe bis sie sich von selbst wieder ein wenig erholt hatte und erzählte ihr dann was passiert war. Greg war mit seiner Gruppe bei einer Patrouille in einen Hinterhalt geraten und man hatte ihn gefangen genommen.
Dann war er in ein Gefangenenlager abtransportiert worden. Da die Gefangenen immer an andere Plätze gebracht wurden hatten die Suchtrupps keine Chance sie zu finden. Vor drei Wochen war ihnen dann während des Überfalls einer Rebellentruppe die Flucht gelungen.
Als sie die deutsche Botschaft in Bagdad erreichten waren sie endlich in Sicherheit. Dort erfuhren sie auch dass man sie weil ihre Leichen nicht gefunden worden waren irgendwann für tot erklärt hatte.
Die Mitarbeiter der Botschaft wollten sofort ihre Familien verständigen aber Greg hatte das als einziger abgelehnt.
“ Ich wollte euch überraschen und da ich vollkommen mittellos dastand und es so kurz vor Weihnachten war hatte ich gedacht dass meine Rückkehr für euch vielleicht ein gelungenes Geschenk sein könnte. Deshalb hast du nichts von meiner Rückkehr wissen können.“
“ Oh Greg, ich brauche nichts anderes denn du bist wahrlich mein schönstes Geschenk und dies heute ist meine schönstes Heiligabend. Was meinst du was unsere Maus morgen für Augen macht wenn ihr Papa wieder da ist.“
Jane holte den Eierpunsch aus der Küche und sie feierten Gregs Wiederkehr bis zum frühen Morgen, dann schliefen sie Arm in Arm und selig über des Schicksals seltsame Fügung auf der Couch ein.

© 2007 by Peter Bochanan

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