Heim, Wilhelm: Eine Ostergeschichte

Wieder einmal steht Ostern vor der Tür. Christen wie Juden feiern die Auferstehung von Jesus Christus ohne zu wissen, warum sich an Ostern Jesus nicht in seiner Höhle befindet. Es darüber unzählige Versionen, aber die wirkliche Geschichte will ich euch erzählen.
Von je her war Jesus ein Objekt von Pilgerfahrten und modernem Tourismus. Aber auch die Verwandtschaft sah ihn gern bei Geburtstagen, Ostern und Weihnachten. Sie liebten ihn.
Doch irgendwann hatte der junge Mann das dämliche Gequatsche zu den Familienfesten satt. Der Streß mit der Verwandtschaft und den Touristen, die an solchen Tagen stets durch seine Wohnung pilgerten, ging ihm tierisch auf die Nerven. Seine Kumpels Allah, Buddha und Manitu traf die geballte familiäre Aufmerksamkeit ebenso heftig wie ihn, allerdings nicht zu Ostern. Daher beschlossen sie zu Ostern dem armen Jesus zu helfen. Da das Wetter an diesen Tagen oftmals recht gut war, schlugen sie ein Zeltlager im Wald auf und schufen die österliche Skatrunde. So brauchte Jesus die bucklige Verwandtschaft über die Feiertage nicht ertragen. Diese Zeit war schlimm, ungern erinnert er sich daran … kaum war er zu Hause angekommen, traf ihn die obligatorische Frage der Eltern: „Wie geht’s Dir, Bub? – Gut. Das ist schön.“ Und dann legte good old Mum los. Schlimmer als in jeder Arzt- oder Krankenhausserie im Kabelfernsehen. Emergency room, Chicago Hospital oder auch die Schwarzwaldklinik – sie waren nichts, absolut gar nichts, gegen good old Mum’s: „Mir geht’s gar nicht gut!“ Sie ließ wirklich nichts aus. Der Puls, der Blutdruck, der Darm, der Rücken, die Nase, kalte Füße, schlechte Augen, usw., usw. Neuerdings tropfte sogar die Muschi – nicht aus Geilheit zu Josef (für Unkundige: der Vater von Jesus). Irgendwelche Bakterien, die in der Blase ihr Unwesen trieben. Die Problemaufzählung und -analyse erinnert Jesus stets an die ersten Vorlesungen seines Medizinstudiums, das er nach dem zweiten Semester abgebrochen hatte. Nicht weil ihm der Inhalt des Studiums mißfallen hatte, sondern weil die Mitstudentinnen häßlich waren und auch die Ärztinnen zum Ausleben seiner Libido damals nicht taugten. Damals hatte er noch das Bedürfnis nach einem ausgefüllten Sexleben.
Die aktuelle Krankengeschichte von Mama war bis zum Mittagessen erzählt. Da gab’s dann erst mal richtig fettes Zeug. Kartoffeln, Soße, Gemüse und irgendeinen Braten. Jesus war genügsam, daher auch nach einigen Happen satt. Nachdem er sein Eßwerkzeug ordnungsgemäß auf dem Teller abgelegt hatte, folgte stets die gleiche Bemerkung von Mama: „Iß mein Junge! Hat es dir nicht geschmeckt? Mutti hat schöne Soße gemacht.“ Ist die blöd, als ob er diesen Tatbestand nicht schon während der Mahlzeit bemerkt hätte. Es war immer das gleiche. Auch die „das-Fleisch-fällt-von-der-Gabel-Prozedur“ von good old Father. Dem Vater fiel nämlich während des Essens wegen seiner Gier und seines großen Haufens auf der Gabel immer ein Stück Fleisch auf den Teppich. Jeder bemerkte dieses, nur er nicht. Anschließend der tödliche Blick der Mutter: „Josef, was hast du wieder gemacht? Mußt du immer so große Stücke nehmen? Was sollen denn die Leute denken?“ Daraufhin dachte Josef wahrscheinlich: Du Arschloch, sagte aber: „Ich kann machen, was ich will. Das ist mein Teppich. Ständig bevormundest du mich. Und dich brauche ich schon lange nicht!“ Jetzt war der Tag endgültig hin. Vater schmiß das Geschirr zusammen und stapelt es in der Spüle. Danach pflanzte er sich in seinen Sessel, legte die Hände gefaltet auf seinen dicken Bauch und tat, als schliefe er. Aber in ihm kochte es, seine Rache war gewiß. Für heute Nacht nahm er sich vor, auf dem Rücken zu schlafen und so laut zu schnarchen, daß die Alte unter Garantie nicht schlafen konnte. Am nächsten Morgen würde er zwar bestimmt wieder den heißen Tee am Frühstückstisch über die Beine geschüttet bekommen – aus Versehen natürlich – aber es machte ihm nichts aus, denn in den fast fünfzig Jahren hatte sich unter der Gürtellinie eh’ kaum Gefühl entwickelt. Nur einmal klappte es, das Resultat war Jesus.
Nachdem Papa sich im Sessel niedergelassen hatte, schaltete Mutti den TV-Apparat an – natürlich extra laut und sah „RTL explosiv – das Osterspecial“. Wie sollte Jesus das aushalten? Irgendwann gar nicht mehr, mit ‘nem dicken Joint verzog er sich ins Gästeklo und feierte ab. Eigentlich waren die Eltern auch schuld an seiner Drogensucht. Als dann Allah, Buddha und Manitu die Idee mit dem Zeltlager hatten, erzählte Jesus zu Hause, daß er jetzt einen vernünftigen Job im Dienstleistungsbereich habe und an Ostern arbeiten müsse. Das war der Beginn einer wunderbaren Skatrunde ….

Wilhelm Heim, April 2000

(c) 2000 by Wilhelm Heim

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