Heim, Wilhelm: Eine Theorie vom Schreiben

Schreiben ist sicherlich nichts für schwache Nerven. Selbst wenn das Linienziehen auf weißen Blättern so einfach und banal wirkt, birgt eine große Gefahr darin. Die Situation der geistigen Freiheit ist nicht jedermanns Sache. Im Prinzip ist der Schreibende nur durch die Gesetze der Schwerkraft gebunden, er muß den Bleistift nur auf das Papier drücken und bewegen. Sonst gibt es keinen Zwang, Freiheit in der Sprache, Freiheit in der Kombination der Adjektive, Verben und Substantive. Vielleicht noch ein paar Präpositionen und fertig ist das Manuskript.
Melodien schaffen, Herzenswärme erzielen, Perfektionieren, Ästhetizieren, die Welt grausamer machen als sie ist, der Schreiber ist frei. Im Stillen ist er der Chef und träumt sich einen fetten Ledersessel und ein großes Büro in einem modernen Hochhaus herbei. Der Thron über den Menschen. Leicht vergißt er dabei, daß ihm die Vorstellungen vom Gewinnersein nur Sterilität und Kälte bescheren. Der Schreibende braucht Atmosphäre, vielleicht die Kälte des Verlierens, jedoch bestimmt nicht die des Erfolges. Erfolg verdirbt den Appetit auf Neues. Manchmal muß man nämlich forschen. Leise und langsam vor sich hinarbeiten, wenn es sein muß, auch inmitten des Menschentraumes von der Hochgeschwindigkeit.
Schwierig wird es, wenn die eigenen Einfälle ausbleiben. Leere. Man wird leicht abhängig vom Geschehen, von Personen, die man nicht liebt. Aber auch dann können Kunstwerke Form annehmen, und ein Blatt wird voller.
Mit der Zeit wird es keine Schreibmaschinen mehr geben. Bald heißt es „Schreiben für die Zukunft“, und irgendwer erläßt ein Vergangenheitsverbot. Das war es dann endgültig für die Schreibmaschinen. Die SMS wird die Message auf den Punkt bringen, überflüssiges Papier wird verbrannt.

Es gibt keine Theorie vom Schreiben. Vielleicht sterben die Schreibenden irgendwann aus, aber hoffentlich wird es noch Rabbis geben, die uns die Geschichten davon erzählen, wie es mit dem Schreiben früher zugetragen hat.

(c) August, 2001 by Wilhelm Heim

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