Fleck, Thomas: Radio

Abends treffe ich Oskar in der Kneipe. Wie immer ist er schon da wenn ich komme. Er ist pünktlich wie immer. Ich nicht. Auch wie immer.
„Na?“
Oskar , offenbar gut gelaunt, lacht mich an.
„Na Oskar?!“
Ich setze mich neben ihn auf einen Barhocker. Der Tresen ist nicht voll besetzt, weil es noch früh ist am Abend. Wie angenehm; wie freitags & das Wochenende steht einem noch bevor.
„Ein Bier, bitte.Hallo.“, ruft Oskar dem Barmann zu.
„Wie angenehm.“
„Du bist unpünktlich.“
„Jaja.“
„Was ist angenehm?“
„Daß es noch so früh ist heute Abend & der ganze Mist erst noch passiert.“
„Was denn für Mist schon wieder? Dir geht’s doch gut.“ Oskar dreht eine seiner seltsamen Zigaretten. „Freilich geht’s mir gut. Prost.“
„Prost.“
„Meiohmei ….“
„Was wohl der Wondratschek jetzt macht?“
Das wundert mich jetzt, daß Oskar sich das fragt, wo er doch nüchtern ist. Er kramt in seinen Taschen, zieht Streichhölzer heraus & steckt sich die Zigarette an.
„Ach, was soll ich sagen …“ setzt er an; ich muß grinsen, weil ich ihn so am liebsten mag. Er muß sich die Zigarette nochmal anzünden, was ihn aber nicht stört. Gar nicht. Er schaut stur geradeaus.
„… vielleicht die Worte, die auchWondratschek einem seiner Bücher voranstellte: ‚Herr im Himmel, ein Schiff, das ausläuft, ist immer noch ein wundervoller Anblick.‘ Warum sitzen wir nicht daheim & lesen?“, will er wissen & dann sagt er, in diesem Tonfall, jeder müsse wissen, worum es geht:

„Das is von der Jane Bowles.“ Ich kenne sie aber nicht. Ich weiß auch nicht viel über Wolf Wondratschek. Daß der in München wohnt, na und? & dieses Gedicht aus einem der Bücher, die Oskar mir schenkt. Ein kleines Gedicht über eine Wohnung, die so dicke Wände zu haben scheint, daß man nicht hört wenn einer nebenan um Hilfe schreit; & wie angenehm das sein muß in so einer Wohnung zu wohnen.
„Lesen & trinken Bier. Jeder für sich. Das ist doch schön.“
„Ja warum bist du dann nicht zuhaus geblieben?“
„Ja, weil ich dich sehen wollte!“ sagt er empört. Ich frage ihn, ob er einen Schnaps dafür will, den er dankend ablehnt.
„Du bist so vernünftig Oskar.“
Ich bestelle beim Barmann einen Schnaps. Mir doch egal. Ich freue mich, daß es uns gutgeht. Wondratschek, tststs; & daß Oskar nicht über Frauen spricht, im Augenblick.
„Du hast doch auch kein Geld.“ sagt er dann um sich zu entschuldigen.
„Trink nur Oskar.“ sage ich. ——-
„Also gut. Aber den nächsten zahl‘ ich dann.“
Er winkt dem Barmann, damit der ihm auch ein Glas einschenkt
„Jaja.“
„Hast du schon was gegessen?“, will er jetzt wissen.
„Bißchen.“, antworte ich. —— –
“ Bei uns wäre die Musik besser als hier.“, sagt Oskar.
„Aber das Schnapsangebot nicht so breit. Hättest du denn überhaupt Bier im Haus?“
„Nein.“, gibt er zu.
„Also.“
„Prost.“
„Zum Wohl.“ —–
„Aber die Musik wär‘ trotzdem besser.“, sagt er trotzig & dann laut: „Da ist ja das Radio an. Die spinnen wohl hier. Was ist denn los heute?“
Oskar hat recht. In der Kneipe läuft Radiomusik. Ich kann Radio nicht ausstehen; obwohl es so ein großartiges Medium sein könnte..
„Hast‘ ihn gehört den Fatzke? Was versteht der denn?! Garnix! Hoffentlich kommt bald Werbung, oder Nachrichten, da können sie keinen Quatsch erzählen. Was quasselt der Idiot denn von Siebziger Jahre Rockmusik & spielt doch was von heute? Der Song ist von vierundneunzig!“
„Der muß ja spielen, was die Industrie ihm vorgibt. Beziehungsweise der Programmdirektor. Der muß die Charts rauf & runternudeln, damit sich ihre Plastikscheisse verkauft.“
„Hahaha, nicht mal richtige Scheisse haben die!“
„Weißte, manchmal muß man das Zeug garnicht hören, es reicht wenn man weiß, daß es das gibt & daß man’s daheim hat.“
„Dabei mag ich Radio. Mehr als die meisten anderen wahrscheinlich. Ich ertrage nur nicht, wie in Deutschland damit umgegangen wird. Abgesehen vom ‚Zündfunk‘ natürlich.“ „Ja.Randgruppenbefriedigung.“
„Blödes Wort.“
„Trifft aber zu.“
„Stimmt. Hab ich dir schon erzählt, daß ich mal einem Radiomoderator geschrieben hab? Da gab’s im Stern einen Artikel über den, daß er 30.000 LP’s daheim hat. Da wollte ich von ihm wissen, wie er sich fühlt wenn er diesen Unsinn auflegen muß, den er auflegt, tagein tagaus. & ich hab das ernst gemeint, völlig arglos. Ich wollte den gar nicht verarschen.“
„&?“
„Hab‘ nie ’ne Antwort gekriegt. Na egal. Einmal haben wir uns was gewünscht. Bei einem von diesen Wunschkonzerten nachmittags. Da sollte man seine Wünsche zum bairischen Rundfunk schicken & die haben’s dann gespielt. Hahaha. So ein Schwachsinn. Die Leute haben sich dann Sachen gewünscht, die ohnehin den ganzen Tag liefen. Mannomann, so ’ne Scheisse.“
„Ja &? Was habt ihr euch gewünscht?“
“ ‚Three Minutes Silence‘ von der Plastic Ono Band. Hahaha. Die haben’s aber nicht gebracht.“
Oskar lacht. Prima.
„Menschmensch, in der Zeit musste ich zweieinhalb Jahre lang jeden Tag Radio hören! Im Büro. Montag bis Freitag. Acht Stunden. Jeden Tag. Irgendwann hab ich angefangen eine Strichliste zu führen. Darüber wie oft bestimmte Songs gespielt werden täglich …..“
“ —- “
„Den ersten Platz hat der Stevie Wonder belegt: ich glaub‘ sieben mal ‚I Just Called To Say I Love You‘ .Das ist hart, oder? SIEBEN MAL!“
„Um Himmels willen. Ein scheiß Song, wo der doch soviel gute Sachen gemacht hat.“
„Ja, ein Jammer.“ stimme ich ihm zu. „Aber die Leut‘ fahren drauf ab.“
„Ja weil sie’s nicht besser wissen. Wie denn, wenn sie den ganzen Tag nur den Müll hören. Wie sollen die denn ihre Ohren schulen? Was man nicht kennt, vermisst man nicht.“
„Das wäre ja alles nicht so schlimm, wenn die dann wenigstens aufhören würden über Musik zu reden. Aber die haben dann ja richtig Meinungen dazu. Hör‘ mir auf mit Radio. Pfuideibel! Lassen da jeden dahergelaufenen Sabbelheinz an eine der intimsten Stellen ihrer Körper. Nämlich ihre Ohren! Hochsensible Sinnesorgane. Mit direkter Verbindung zu Bauch & Hirn.“
„& Herz.“, fügt Oskar hinzu.
„& Herz.“, wiederhole ich. „MACHEN SIE IHRE URWALDMUSIK LEISER!!!“ Genau. ‚ Diese Musik ist ein Urwald!‘ Wunderbar.
„Ist das nicht ein wenig elitär?“
„Nö garnicht. Ja klar. Nein, aber annölen will ich mich nicht lassen, wenn so ein Depp dann versucht mir klarzumachen meine Musik wäre nix. Scheusslich & wie ich mir das anhören könnte sowas, wasdasdennseinsoll …etcpp. Die sollen mich in Ruh‘ lassen.“
„Trinken wir noch eins?“ fragt Oskar.
„Freilich.“
„Hallo?“, Oskar winkt erneut den Keeper zu uns & bestellt. Er dreht sich auf dem Barhocker zu mir & lacht freundlich, sein Bier in der Hand.
Er nimmt einen großen Schluck und fragt, ob es mir manchmal auch so ginge, daß ich nicht weiß welche Musik ich hören will, obwohl man doch ganz deutlich spürt, daß, und wie es dann komme, daß keine Band es einem recht machen kann; die einen sind zu schnell die anderen zu leise, dann ist der wieder zu böse und Jazz zu nervös und Blues passt überhaupt nicht und man sucht immer wilder in Schallplatten und CDs, dann bleiben wieder die Platten nur im inneren Cover &sw.
„Ja.“ antworte ich „Manchmal wenn ich Cassetten aufnehme ist das so. Da wechselt sich dann AC-DC mit Al Jarreau ab. Das ist so eine Stimmungssache, glaubich.“
Oskar reicht das offensichtlich nicht als Antwort. „….& was ist das für eine Stimmungssache? Kannst du dich dann nicht entscheiden, wie du dich fühlen sollst, oder weißt du’s einfach nicht?“
„Die Frage stellt sich mir nie.“ antworte ich ausweichend. „Das ist vielleicht eine Form von Hysterie. Wenn ich schlecht drauf bin & ein schlechtes Gewissen habe, weil ich eigentlich was anderes erledigen müsste & keine Lust dazu- Ach, das mach ich übermorgen, aber dann ist Samstag und die Post hat zu. Toll. Die kümmern sich dann schon, die vergessen dich nicht. ‚Ankündigung der Vollstreckung‘ steht dann auf dem Einschreiben.“
„Häh?!“
Oskar macht eine Grimasse, als hätte er in eine Zitrone gebissen.
„Spinnst du jetzt?“
„Ja, oder? Wollte doch nur mal sagen, wie’s so ist manchmal.“
Ich trinke einen großen Schluck Bier, um nicht noch mehr dazu sagen zu müssen. Oskar wirkt leicht verunsichert, weil er wieder glaubt er müsse das jetzt ernst nehmen und vermutet wahrscheinlich ich hätte irgendwelche aktuellen Schwierigkeiten. Hab ich ja auch. Sein Tonfall wirkt therapeutisch, wie der eines Priesters. Er fragt, wie mit vorgehaltener Hand: „Hast du Probleme?“
„Nein.“, antworte ich & muß ein bißchen lachen. „Jetzt trink einen Schluck. Nur der übliche Scheiss halt. Nix, was nicht sonst auch passiert.“
„Komm‘, du hast doch was?!“
Oskar läßt nicht locker. Er will mir unbedingt helfen, aber ich lasse ihn nicht.
„Nein ich hab nichts.“, sage ich ihm nochmal.
„Ach.“
„Hab nix. Trink‘!“
„Okay.“
„Na also.“
„Du hast doch Geldprobleme.“
Jetzt muß ich beinah‘ lachen. „Ich hab immer Geldprobleme.“, sage ich schmunzelnd.
„Also hast du doch was.“
„Ja Oskar.“ und proste ihm weiter zu,
„Geld hab ich nicht, das hab ich.“
„Ach so.“
Oskar lacht erlöst „Ich dachte schon es wäre was anderes.“
Wir trinken die Biere aus; ich auf die tolle Freundschaft mit Oskar, was ich ihm aber nicht sage und er auf die Frauen, was er mir schon sagt.
„Prost!“, sagt er, den Blick geradeaus über die Theke in Richtung Schnapsregal,
„ich trink auf euch ihr Frauen. Obwohl ihr’s nicht immer verdient, aber ihr habt ja noch Zeit. Ich bin ja noch eine Weile da.“
Er macht eine lange Pause, dann macht er: „Na ja.“
Wieder Pause.
Jetzt sitzt er da auf dem Barhocker und ich weiß genau, daß er schon eine ganze Weile alle Frauen anschaut wie sie in die Kneipe kommen & einen Platz, oder ihre Verabredungen suchen. Vor allem die Kleine die eine schönen Jacke mit einer lustigen Kapuze anhat, so eine, wie sie Oskar auch gekauft hat in diesem Frühjahr. Als sie sich vorhin direkt neben ihn an die Bar setzt, weil sonst kein Platz war an der Theke, hat er das mit einem nervösen, liebenswerten Herumrutschen auf seinem Hocker quittiert; einer neunzig Grad Drehung zu mir hin, man muß ihn wirklich einfach gern haben, nie könnte ich ihm irgendwas übel nehmen. Wie auch. Manchmal, in seiner Anwesenheit, habe ich das Gefühl es gäbe keinen Argwohn auf der Welt, kein Elend, keinen Pabst und keine Privatsender. Und kein Radio. Nur immer wieder eine neue Rypdal LP und 1984 hätte sich Richard Brautigan nicht erschossen und im Plattenladen käme nicht Joni Mitchell gleich nach Modern Talking. Der Alkohol hat heute eine angenehme Wirkung. Ich spüre ihn ins Hirn kommen mit dem Blut; ich mache ihm die Tür weit auf. Bien venu viel pot.
Ich schaue Oskar an, wie er die Frauen anschaut. Er merkt es und lacht, sieht verlegen nach unten, schiebt seinen Krug auf dem Bierdeckel hin & her, um ihn herum eine deutlich sichtbare Aura so harmlos wie Schokoladeneis. Ich bin aufrichtig gerührt. Ich will ihm sagen, daß ich ihn gern habe. Stattdessen lasse ich ihm noch einen Schnaps hinstellen. Es wäre mir peinlich wenn er merkte, daß ich mich nur wegen dem Bier so fühle.
„Ahja, mei ….“ stöhnt er als das Glas kommt. „Schon wieder? Eigentlich wollt‘ ich noch heimgeh’n & was lesen & einen Kaffee machen. Naja .“
Es fällt ihm schwer Nein zu sagen. Mir ist es recht. Der Barmann kommt & fragt, ob er nachschenken soll. „Freilich.“
Er nickt & verschwindet wieder hinter seinem Zapfhahn. Gut so. Oskar ist brüskiert, weil er nicht gefragt wurde.
„Das ist wie mit den Frauen, ähh ….“
Er dreht sich um, ob ihn nicht die mit der Jacke hört, aber sie ist längst weg.
„Ist ja egal. Mir geht’s so auch gut.“
Jetzt bestellt er sein Bier. „Die schauen auch immer nur dich an. Die Frauen, Paul. & sogar die Barkeeper.“ „Ach was Oskar. Nur Geduld. Die kommen schon von selber. Wart’s nur ab.“
„Jaja. Das sagst du immer.“, stöhnt er & hebt an:
„Was schlimm ist: ………….“
Hat er mich das jetzt gefragt?
„Wenn du nicht wärst.“, sage ich aufs Geratewohl.
„Ach Schmarrn!“
Oskar hebt eine Hand mit gestrecktem Zeigefinger & sagt eindringlich: „Bei Hitze ein Bier sehen, das man nicht bezahlen kann. “
„Prost Oskar!“
„Gottfried Benn!“, erklärt er mir entrüstet & mir scheint als wäre er schon ein wenig betrunken.
„Ja. Prost Gottfried, von mir aus.“
Ich hebe erneut mein Glas.
„Du Depp! Ich hab mir das so schön vorgestellt heut‘ Abend; wollte mir noch ein paar Notizen machen.“ sagt er kleinlaut und schaut dabei auf sein Bier und fängt an eine Ecke seines Bierdeckels zu entfernen. „Mach halt hier Notizen. Passiert doch genug. Du & die Frauen“, schlage ich vor. „Jaja, ich & die Frauen …. Was soll ich denn notieren? Wie ich auf sie warte?“
„Ja, warum nicht. Vielleicht fällt dir dazu was Gescheites ein.“
„Aber das ist ja dann auch nur im Kopf!“
„Andre Heller.“
“ …. & sind sie nicht in deinem Kopf, dann sind sie nirgendwo.“; & mit gespielter Niedergeschlagenheit:
“ — Oh mei “
„Na also
„Alter du hast mich nicht verstanden. Die Frau vorhin hat beim Hinsetzen mein Bein berührt.“
“ &? Zufall.“
„Mein Bein berührt ….“
„&? Hat das was ausgelöst in dir?“
„Natürlich!“
„Das war nur ein Synapsenkurzschluß. Vergiss‘ es wieder.“
„Du Depp! Wie soll ich das denn vergessen? Synapsenkurzschluß. So ein Schmarrn.“
„Wenn es Absicht war, dann geh halt hin. Die sitzt doch hier irgendwo.“
„& dann soll ich ihr erzählen, daß ich auch so eine Jacke habe.“
„Nein.“
„Nein, sonst weiß ich aber nichts zum reden.“
„Müßt ja nicht reden.“
„Ja soll ich sie nur anschauen?“
„Ja. Schließlich habt ihr euch ja schon berührt. Immerhin.“
„Sie hat mich berührt!“
„Na umso besser.“
„Du machst es dir immer so leicht.“
„Ist ja auch leicht. Wo sie dich doch schon berührt hat Oskar ..“
Wir müssen lachen. Ich kneife Oskar in sein blödes Bein.
„Nicht dahin!“, schreit er empört, „Da war doch vorhin noch ihr Bein. Ihr Bein!“
„Jaja, ihr Bein. Wahrscheinlich hört sie den ganzen Tag Radio.“
„Oh nein!“
„Da hilft ihr auch kein schönes Bein mehr.“
„Aber sie hat meins damit berührt.“
„Was muß ich machen, damit du hingehst & sie aufforderst, es nochmal zu tun?“
„Du willst bloß was zu lachen haben ….“
„Natürlich.“
„Du würdest das machen, oder?“
„Ja. Warum nicht?“
„Ich wüsste aber nicht, was ich dann weiter reden sollte.“
„Wüsste ich doch auch nicht Oskar“
„Dir würde aber was einfallen.“
„Zitiere doch irgendeinen Gottfried Vers dann.“
„Das würde sie doch nicht verstehen, wo sie doch dauernd Radio hört
„Stimmt, sie würde es nicht verstehen.“
Ich weiß nicht was ich tun soll, also trinke ich einen Schluck. Dann schaue ich mir Oskar an. Er hält mit einer Hand seinen Bierkrug fest und kratzt mit der anderen wieder an seinem Bierdeckel. Wenn ich Geld hätte würde ich was abgeben, um zu erfahren, was er jetzt denkt. Er grinst. Und das sieht schön aus, weil er ein enorm markantes Gesicht hat. Sein Unterkiefer ist eckig; richtig kantig. Er hat schmale Lippen und ist das Grauen für jeden Zahnarzt, weil er den Mund nicht zwei Finger breit aufmachen kann. Jede Plaqueentfernung ist eine Endoskopiearbeit für die Dentisten. Die Backenknochen entsprechen einem Schönheitsideal, aber das glaubt er mir nicht. Dabei hat sein Gesicht viele Merkmale dafür, aber Oskar will nichts wissen von Physiognomie. Er sagt er habe keine Komplexe, aber seine Nase wäre schon sehr groß. Das stimmt. Sie ist riesig; & seitdem er sich die langen Haare hat abschneiden lassen fällt sie noch viel mehr auf. Ich will ihm ein Kompliment machen wegen seinem aparten Gesicht, aber mir fällt die richtige Formulierung nicht ein. Irgendwas, was die Struktur bestimmter Schädelknochen betrifft, nennt man Komposition; aber ich will mich nicht blamieren, weil Oskar die Ausdrücke wahrscheinlich kennt, oder sie bei Gelegenheit nachschlägt.
Mit Ausnahme von Namen behält er alles. „Mein Namensgedächtnis!“
Also sage ich: „Was stellst du dich so an? Mit deinen schönen Augen?!“
„Was is?“, fragt er verwirrt. „Soll ich DAS zu ihr sagen??“
„Ja.“, rede ich mich raus, „Ja, warum nicht?“
Dafür hat er aber nicht viel übrig.
„Du Depp.“, sagt er erneut.
Wir schweigen & ich schaue kurz aus den Fenstern, raus auf den Betrieb in der Gasse. Freitags ist es früher belebter, weil alle Zeit haben & bald aufbrechen in die Kneipen undsoweiter. So eine unnütze Feststellung, denke ich, das tun sie jedes Wochenende & die Nacht zuckt ihre preußischblauen Achseln dazu.
Ich denke an Simon. Ich frage mich wie das wäre, wäre er jetzt hier dabei. Schön wär’s. Wir würden ihm gebannt zuhören & seine bonmots aufsaugen & versuchen sie zu behalten. Und immer wieder aus Neue Biere bestellen bis wir nicht mehr sitzen können. Wir würden alles was er sagt sofort unterschreiben, ohne Widerrede. Ich bin betrunken stelle ich fest. Aber weiter ist nichts. Draußen die anderen sind es einfach noch nicht. Das ist alles.
Ich weiß nicht was vor sich geht, aber das beunruhigt mich nicht weiter. Ich denke, daß das nichts mit irgendeinem Großen Plan zu tun hat & daß Oskar auch betrunken ist, mehr als ich, aber das ist völlig egal. Ich will nur hier sitzen & betrunken sein, egal was draußen oder sonstwo inzwischen geschieht. Ich stelle mir all die Szenen vor, die sich jetzt in diesen Augenblicken in der Stadt abspielen; daß Pärchen sich trennen, sich gerade anschreien bevor einer aufsteht & den anderen verlässt, die Tür hinter sich zuknallt & raus. Vielleicht einer von denen, der gerade draußen vorbeigeht. Oder es kommen zwei zusammen. Sie bewegen genau jetzt sich aufeinander zu & küssen sich. Die werden nicht hier am Fenster vorbeikommen, weil sie jetzt einen Platz finden müssen um zum ersten Mal miteinander zu schlafen. Natürlich erst wenn sie fertig sind mit dem Zum Ersten Mal küssen. Andere stehen jetzt in ihren Badezimmern & ihnen ist schlecht. Gleich müssen sie sich übergeben; aus den unterschiedlichsten Gründen. Einer steht vielleicht vorm Geldautomaten, aber der hat den Vorgang abgebrochen & die hinter ihm sind schon ungeduldig & bringen kein Verständnis auf für die finanzielle Misere, die sich gerade vor ihnen abgespielt hat. Sie wollen nur an die Reihe kommen, damit sie Geld haben um den Eintritt für die Szenedisco bezahlen zu können, in die sie der Türsteher „Das blöde Arschloch“, vielleicht garnicht reinläßt. Ich will wissen, ob, wenn man alle Gemütszustände, die sich in einer der nächsten Sekunden zutragen werden, addierte, ihre Summe ein positives oder ein negatives Vorzeichen hätte. & ob es irgendwen interessiert
indes die donau, in ihrem nassen bett,
unruhig hin&her sich wälzt.

„Hab ich dir eigentlich schon von Marie erzählt?“ frag ich ihn.

© 2002 by Thomas Fleck

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