Heim, Wilhelm: Drei Freunde, Fussball, Gewitter

Heim, Wilhelm: Drei Freunde, Fußball, Gewitter
Drei Freunde, Fußball, Gewitter

Schriftsteller und Schreibwettbewerbe haben ein gespaltenes Verhältnis zueinander. Auf der einen Seite will sich der einsame und in sich selbst verlorene Schriftsteller mit anderen messen und sein literarisches Können unter Beweis stellen, auf der anderen Seite lassen sich Schriftsteller nur ungern darauf ein, ein Thema übergestülpt zu bekommen. Mit einer Themenvorgabe ist die schriftstellerische Freiheit streng genommen schon dahin.

Ich stand vor einiger Zeit vor genau dieser inneren Zerreißprobe, als ich von einem Schreibwettbewerb mit dem Thema „Drei Freunde, Fußball, Gewitter“ las. Zwar leuchteten meine Augen bei dem Wort Wettbewerb auf – denn endlich konnte ich beweisen, dass ich der Beste sein konnte, endlich ergab sich die Möglichkeit für Öffentlichkeit – aber was mir nicht gefiel, war die Überschrift. Sie verunsicherte den starken und selbstbewussten Geist des Schreibens in meinem Geist. Die drei Worte Freunde, Fußball, Gewitter waren nicht durch „und“, sondern nur durch Komma miteinander getrennt bzw. verbunden. Als ausgeglichener Mensch vermisste ich Harmonie in dieser Wortkomposition. Außerdem fragte ich mich, was die Zahl drei zu bedeuten hatte. Sollte nach diesen vier Buchstaben nicht ein Doppelpunkt stehen? Drei: Freunde, Fußball und Gewitter. Diese Reihenfolge gefiel mir wesentlich besser, sie war weich und abgeschlossen, allenfalls das Gewitter könnte noch Fragen aufwerfen. Der Ideengeber des Themas hatte bestimmt einen schlimmen Alptraum hinter sich. Es bestand natürlich auch die Möglichkeit, dass der Ursprung des Themas tatsächlich einer realen Begebenheit entstammte: Samstagnachmittag. Aufgrund anhaltenden Regens ist der Platz, auf dem das Kreisklassespiel Kremmen gegen Waichow um den Abstieg in die Stadtklasse – und damit in die Namenlosigkeit – in Kürze stattfinden soll, völlig aufgeweicht. Die Stimmung zwischen den Spielern und den wenigen Zuschauern bewegte sich gegen null. Da die Bedingungen für jede Mannschaft gleich waren, einigt man sich, trotz Regens zu kicken. Die Nummern 9,10 und 11 aus Waichow (damit man auf drei kommt) … Der Wettergott gewährt keine Gnade und schickt ein brutales Gewitter von Himmel. Ein gewaltiger Blitz verletzt einen der drei Freunde lebensgefährlich, die Dramatik des Nachmittags steigerte sich. Nach kurzem Chaos, Hilf- und Ratlosigkeit der übrigen wird einer der zwei verbliebenen Freunde eine rettende Idee haben. … Am Schluss werden sich alle lieb haben und die Geschichte endet mit Happy End. So oder ähnlich – vielleicht nicht ganz so gefährlich – erlebte der Ideengeber sein Schlüsselerlebnis. Aufgrund der Tatsache, dass es sich um ein Schlüsselerlebnis handelte, veränderte diese Situation – er könnte sogar selbst das Opfer des Blitzes gewesen sein – sein Leben, was selbstverständlich dazu berechtigt, daraus ein Thema für einen Schreibwettbewerb zu machen. Gewissermaßen hat man damit dem Erlebnis bzw. dem rettendem Freund das Bundesverdienstkreuz 1. Klasse verpasst.

Wenn es denn so gewesen ist, dann wage ich die Frage nach der Sinnhaftigkeit solcher Themen für Schreibwettbewerbe nur für mich selbst und nicht öffentlich zu stellen, womöglich sitzt der Ideengeber sogar in der Wettbewerbsjury. Öffentliche Zweifel hinsichtlich der Themenauswahl kämen einem literarischen Selbstmord gleich.
Schließlich kam ich nach längerem Nachdenken zu dem Ergebnis, dass die Sinnlosigkeit des Themas, den Entwurf eines preisfähigen Handlungsstranges und einer dazugehörigen Geschichte ungleich komplizierter macht. Mich bestieg die Angst, dass dies nur mit einem Blick ins absurde Theater möglich war. Denn was kann absurder sein, als das absurde Theater? Allerhöchstens das Thema eines Schreibwettbewerbes wie „Drei Freunde, Fußball, Gewitter“. Ein kluger Schachzug von mir könnte aber auch darin liegen, dass ich bei der Erstellung des roten Fadens der künftigen Story so absurd wie möglich denke. So absurd, dass es bereits logisch und rational ist. Völlig unmöglich? Ich fand, in diesen Überlegungen den goldenen Lösungsweg für das Niederschreiben meiner Geschichte gefunden zu haben. Ich war stolz, denn gleichzeitig hielt ich für den kompliziert denkenden Leser eine raffinierte Hürde für die Interpretation der Geschichte bereit. Ein Literaturfreak wird nie im Leben einen rationalen Zugang zu einem absurden Thema erwarten. Ich vermutete, dass die meisten Schriftsteller ähnlich dachten. Das Ergebnis der Literaturgeschichte liegt ja darin, dass sich Millionen von Schülern Deutschstunde für Deutschstunde mit den kompliziertesten Interpretationsansätzen quälen und die Lösung nicht finden. Deswegen liebe ich Krimis. Da ist ein Stein ein Stein. Und wenn an dem Stein Blut klebt, dann ist dieser Stein mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit das Mordwerkzeug und nicht das Symbol für eine kalte, gefühllose Seele, aus der die letzten Reste des Lebens tropfen.

Der rationalste Zugang zum Thema ist gleichzeitig auch der realistischste. Und der bewegt sich auf Ebene des schon skizzierten Fußballspiels um Leben und Tod. Das ist so rational, dass es schon wieder banal ist. Dass aber der rationalste Zugang trotzdem nicht der leichteste ist, zeigt, dass ich nach wie vor außer dem Fußballspiels keinerlei Ideen aufs Papier brachte. Manche behaupten zwar, dass Schreiben im Blut liege, doch ganz so einfach ist das nun auch nicht. Ab und an muss ich Steins „Über das Schreiben“ und Uelands „Die Lust zu schreiben“ bemühen, um mir auf dem Hintergrund des stressigen Alltags immer wieder bewusst zu machen, dass ich ein kreativer Mensch bin und etwas Wichtiges zu erzählen habe – auch wenn das Thema noch so sinnlos gewählt ist. Bedauerlich, dass diese do-it-yourself Bücher wenig mit Fußball, Freunden und Gewittern zu tun haben. Bei sinnlosen Themen helfen die angepriesenen Bücher nicht im Geringsten. Im Gegenteil, sie verführen den Schreibwilligen dazu, die eigene Person überhöht darzustellen. Das nehmen die Leser nicht immer positiv auf. Wenn die einschlägige Helf-dir-selbst-Literatur also nicht hilft, dann bin ich gezwungen, mein sicheres Schreibrefugium – den Platz am Fenster zur Strasse – zu verlassen und mich ins Leben zu stürzen und Fakten zu recherchieren. Das bedeutet harte Arbeit. Wenn nicht von selbst Tinte aufs weiße Papier gelangt, grase ich Cafés ab, warten auf mich einsame Kneipenbesuche und die stille Teilnahme an Selbsthilfegruppen. Befindet sich mein schriftstellerisches Ich allerdings in einer Schreibkrise, sind obige Tätigkeiten leider die reinste Zeitverschwendung. Inzwischen beginne ich nie eine Story, bevor ich mir nicht Klarheit über die Frage verschafft habe, wer ich eigentlich bin. Manche meinen zwar, dass die These, Schreibkrisen sind Identitätskrisen, gewagt ist, ich allerdings halte sie aufgrund meiner Erfahrungen für gerechtfertigt.

So schön die rationalen Gedankengänge auch sind, sie rufen das Problem der Nettigkeit hervor. Nett zu lesen, aber streng genommen fehlt die Phantasie und die Kreativität. Der Leser denkt verzweifelt nach, fragt sich, mit welchem Problem sich der Autor quält und verliert in schnellen Zeiten recht bald die Geduld an der Geschichte. Der moderne Leser ist „anspruchsvoll“. Die Zeiten, in denen sich der Schriftsteller auf seine Freiheit und den Gedanken berief, dass jeder zunächst für sich selbst schreibe, sind vorbei. Lifestyle-Autoren betrachten das Schreiben schon lange nicht mehr als eine private/persönliche Angelegenheit, sondern als einen Job. Das Gesetz, Schreiben als Berufung, wird von den neuen Schreibern enttabuisiert. Wohl einzig aus dem Grunde, dass man mit „Berufung“ oft keinen Zaster verdient, sondern am Beginn des Schaffens „nebenbei“ einer geregelten Arbeit nachgehen muss (was aber von den alten Helden als Vorteil erachtet wird, da man als bald nach dem ersten Romanerfolg nicht den Boden unter den Füssen verliert). Lifestyle-Menschen tippen auf den neuesten Notebooks. Überall, an jedem Orte sieht man sie die Buchstaben in Form von Bytes auf Festplatten speichern. Die alte Schreibmaschine, das papierene Notizbuch für spontane Gedankeneinfälle und zufällige Beobachtungen werden abgelöst. Es ist nicht mehr modern durch den Urwald des Lebens auf Entdeckungsreise zu gehen. Schreiben um des Schreiben willen ist out. Man schreibt, um den eigenen Namen in Fachmagazinen und Feuilletons zu lesen, man notebooked für ein dickes Plus auf dem monatlichen Kontoauszug. Überschriften werden zu Platzhaltern, sie werden leer, ohne Intention. Die drei Freunde, der Fußball und das Gewitter verkümmern im Microsoftreich, wo sie als Nullen und Einsen Krüppeln gleichkommen. Lifestyle-Autoren besitzen keine Handschrift mehr, ihre Unterschrift besteht aus einem Dollarzeichen. Ein Gewitter braut sich nur dann zusammen, wenn sich die Getränke auf der Party „Schriftstellerei“ dem Ende zu neigen. Schlimm wird es, sollten sogar die Gläser zu Boden fallen.

Wenn ich mir Gedanken für neue Geschichten mache, neige ich fast immer dazu, in grundsätzliche Fragen abzuschweifen. Deshalb versuche ich neuerdings mit der Clustermethode die Gedanken zu systematisieren und mich nicht auf bloßes Brainstorming zu verlassen.
So sehr ich mich aber auch anstrengte, trotz Clustern und Kneipenbesuchen klebten meine Überlegungen an besagtem Fußballspiel fest. Da half auch nicht der Blick auf das dem Thema beigestellten Photo. Es hieß in der Bildunterschrift, dass das Bild die Wettbewerber inspirieren und anregen soll. Ich fragte mich, was an diesem äußerst verschwommenen und unscharfen Bild anregend sein soll. Lediglich eine Lichtquelle ist darauf zu erkennen und deren Konturen ähneln einem Flutlichtmast während einer verregneten Dämmerung. Irgendwann gab ich dann das Vorhaben auf, eine Geschichte zu diesem Wettbewerbsthema verfassen zu wollen. Es wollte und wollte nichts aufs Papier gelangen. Zu dem quälte mich noch ein enormer Zeitdruck, verursacht durch den Abgabetermin. Dabei heißt es immer, dass Schriftsteller unter Druck am besten arbeiten.

© August 2002 by Wilhelm Heim

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