Heim, Wilhelm: Ein abgekartertes Spiel

Ein abgekartetes Spiel
oder
Einkaufen mit Mama

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Ich kann mir nichts Schöneres vorstellen, als mit Mama einkaufen zu gehen. Sie vermeidet zwar, wo sie nur kann, mich auf Einkaufstour mitzunehmen – ich werde dann zu Oma abgeschoben, oder muß Papa beim Autowaschen und –polieren helfen -, aber wenn Oma mit ihren Freundinnen beim Kaffeeklatsch „Lästern-über-Leute-die-nicht-im-Raum-sind“ steigen lassen will, oder Papa im Haus Dinge reparieren muß, die Mama kaputtgemacht hat, dann hat mich Mama beim Geldausgeben am Hals. Ich brauche nicht zu erwähnen, daß ihr meine Anwesenheit dabei nicht recht ist, doch Papa kennt keine Gnade. Beim Reparieren könne er solche Bengel wie mich nicht gebrauchen. Mich trifft das Schicksal doppelt hart, denn auch beim Einkaufen sind solche Bengel nicht erwünscht. Sie rauben die letzten Nerven.


Die Welt der Großen finde ich einfach faszinierend, die Bekleidungsgeschäfte, in die Mama gern anprobieren und Geld lassen geht, sind spannender als ein Abenteuerspielplatz.
Nach nerviger und hektischer Parkplatzsuche strebt Mama zielgerichtet den Kriegsschauplatz für die nächsten Stunden an: Die Fußgängerzone mit den Bekleidungsgeschäften. Kurz bevor wir über die Schwelle dieser Prunkbauten schreiten, hält Mama gewohnheitsmäßig einen Moment inne. Es folgt die Zur-Seite-nehmen-Prozedur. Sie kniet nieder, legt beschwörend ihre Hände auf meine Schultern, neigt den Kopf leicht zur Seite – und obwohl ich darin inzwischen geübt bin – trifft mich ihr strenger Blick unvermittelt. Nach kurzem Schweigen öffnet sich ihr Mund, flehend prasselt die alte Leier auf mich herein: „Ralf. Bitte sei diesmal lieb! Faß nichts an, sabbere nichts voll, starre die Leute nicht so an und bitte – wohl der wichtigste ihrer Wünsche an mich – sag‘ Papa nicht wo wir waren!“ Ich lege dann meistens die Unterlippe über die obere und nicke nur, nicht zustimmend, sondern verständnisvoll gegenüber der armen Frau, denn ich verspüre nie die geringste Neigung, artiger-Junge-guter-Junge zu spielen. Die reiche-Leute-Geschäfte sind dafür viel zu interessant. Die Sache mit dem Dichthalten gegenüber Papa kann sie auch vergessen, zumal ich für das Liebsein nie eine Gegenleistung angeboten bekomme. Papa ist da anders. Immer wenn Mama sich vehement weigert, mich mitzunehmen, ist er sich sicher, daß seine Frau eine kleine Reise in die Stadt zum Geldausgeben plant. Auch mein alter Herr beherrscht die Zur-Seite-nehmen-Prozedur, nur mit dem Unterschied, daß er mich wie einen Erwachsenen behandelt: „Ralf. Du weißt, worauf es ankommt. Männer dürfen sich von Frauen nicht ausbeuten lassen.“ – Keine Frage, er meint das völlig ernst. – „Wenn Mama Klamotten kaufen will, dann kann sie nicht mehr klar denken. Sei also wachsam und verhalte dich wie immer!“ Nach dem von-Mann-zu-Mann-Gespräch klopft er mir immer anerkennend auf die Schulter und verzieht sich in seine Werkstatt im Keller. Er weiß, daß ich Mist baue und Mama spätestens an der Kasse bemerkt, daß ich nicht an ihrem Rockzipfel hänge. Lächelnd zieht sie noch Papas Kreditkarte hervor und will zahlen, selbstzufrieden wirft sie vor dem großen Showdown noch einen Blick in die Kassenschlange. Sie bewegt den Kopf erst langsam, schließlich immer hastiger. Ich bin nicht da! Mit großer Sicherheit folgt die Panikphase: „Ralf? Raalf, Raaalf?“ Da ich sie nicht höre, antworte ich nicht. Sie fragt die Hinterfrau in der Schlage: „Haben sie einen kleinen Jungen gesehen?“ Wenn Mama Glück hat, dann sagt die Frau – leicht arrogant –: „Sie meinen den Wanst, der in der Frauenumkleide herumstiefelt?“ – Keine Frage, Mama meint genau diesen Wanst. – Die Frau fährt fort: „Sie wissen wohl nicht, was sich gehört? Lassen den Jungen einfach allein, und von Erziehung haben sie scheinbar auch noch nichts gehört. Wohl keine Kinderstube gehabt … .“Bevor Mama panisch in Richtung Umkleidekabinen rennt, wird sie stets vulgär: „Kümmern Sie sich um ihren eigenen Dreck.“ (Sie kennt keine Gnade, wenn Fremde ihre Erziehungskompetenz in Frage stellen.) Wie gesagt: Wenn Mama Glück hat, bin ich in der Damenumkleide. Unbeirrt rennt sie also in Richtung dieser Lokalität und findet mich dann dort. Für Papa ist in diesem Zusammenhang folgendes wichtig: In natürlicher Sorge um mich läßt seine Ehefrau an der Kasse alles stehen und liegen.

Der gesamte Berg der Anziehsachen verbleibt unter dem Hey-Vergessen-Sie-Ihre-Sachen-nicht-Blick der Kassenfrau am zentralen Kassenstützpunkt. Natürlich unbezahlt. Wenn Mama mich eingesammelt hat, sind all ihre Energiereserven verbraucht, sie ist genervt und ihr Ziel nur noch eine Badewanne voll heißen Wassers. Das Geschäft und die Klamotten, Stunden zuvor noch magisch anziehend, verlieren völlig ihren Glanz und Reiz. Papa hatte viel Geld gespart. Mich erinnert das Einkaufen immer an Forest Gump. „Das Leben ist wie eine Pralinenschachtel. Man weiß nie, was kommt.“ sagte der immer. Ich kann mir ausmalen, was Forest damit meinte.

Die Autofahrt nach Hause verläuft nach einem verunglückten Einkaufsbummel schweigend. Ich sitze ruhig und selbstzufrieden auf dem Rücksitz und sehe aus dem Fenster. Meinen Spaß hatte ich in der Frauenumkleide gehabt. Manche meiner Altersgenossen heulen oft. Aber bei Mama lohnt sich das nicht, außerdem habe ich – wie gesagt –auch Verständnis für sie. Klar, es ist nicht angenehm, sondern furchtbar peinlich von der eigenen Mutter vor Fremden Leuten in der Umkleide angeschrien zu werden. Mit der Zeit habe ich mich aber daran gewöhnt, teilweise kann ich der Sache sogar Witziges abgewinnen. Es fällt mir immer äußerst schwer, nicht loszulachen, wenn Mamas Augen aus den Augenhöhlen hervorquellen, ihr Gesicht lustige Farbspiele treibt und sie vor mir und den anderen Kunden völlig durcheinander einen Tanz vollführt. Ich vermute aber, daß dieser Bewegungsablauf Drohgebärden darstellen soll. Ein gutes Rezept gegen ihre Aufführung ist, Ruhe behalten und Abwarten bis sie wieder auf dem Teppich ist. Ich frage dann immer: „Mama! Wollen wir jetzt gehen?“ Sie atmet tief durch, nimmt mich an die Hand, und wir begeben uns zum Parkplatz.
Wenn wir dann zu Hause ankommen, ist Papa meist fertig mit Reparieren. Er war auch schon gegenüber bei seinem Freund Manne gewesen. Der hat nämlich eine Tankstelle und das beste Angebot von Matchboxautos. Sobald Mama im Badezimmer verschwindet, erhalte ich ein neues Auto. Die Belohnung dafür, daß er viel Geld gespart hatte. Stolz laufe ich in mein Zimmer und verstaue das neue Modell in meiner Sammlung. Inzwischen dürften dort wohl schon über 100 Autos vorhanden sein.

(c) Mai 2001 by Wilhelm Heim

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