Lingenberg, Tino: Ein Opfer der Unachtsamkeit

Einmal…nur ein einziges Mal war Ihm das bisher passiert.
Bei der Professionalität und der routinierten Gelassenheit, mit der Er jeden Tag vorging,
erschien Ihm schon dieser eine Fehler wie ein Weltuntergang. Hätte Er damals nur ein kleines
Stückchen höher angesetzt, hätte unnötiges Blutvergießen vermieden werden können. Die Wunde,
die durch das Ereignis aufgebrochen worden war, war Ihm deutlich anzusehen.
Besonders mißfiel Ihm dabei das offensichtlich bösartige Getuschel zwischen Seinen Kollegen
auf der Wache, die endlich einen Riss in Seinem ansonsten perfekten Erscheinungsbild
gefunden hatten.
Doch die Zeit heilt bekanntlich alle Wunden, und so geschah es auch in diesem Fall.
Das Leben normalisierte sich wieder, der Vorfall geriet in Vergessenheit und Er überzeugte
wieder durch Seinen kompromißlosen Perfektionismus in jeglicher Hinsicht.
Und ausgerechnet als auch der letzte Funke Erinnerung an jene Zeit erloschen war, mußte es
wieder geschehen. Gerade als das Leben wieder seine gewohnten, immer wieder kehrenden Bahnen
eingenommen hatte, brach die alte Wunde wieder auf. Und diesmal wußte Er, dass dieser Fehler
nicht nur aus einer kleinen Unachtsamkeit resultierte, sondern aus einer bewußten
Fehlentscheidung.
Warum hatte Er sich nur dieses Mal nicht auf sein altes, bewährtes Handwerkszeug verlassen ?
Warum war Er nachlässiger in der Handhabung des neuen Geräts geworden, nur weil man ihm
einen höheren Sicherheitsstandard versprochen hatte ? Sonst war es doch eher Seine Art,
solchen Versprechen skeptisch gegenüber zu stehen und sie ausführlich auf ihre
Richtigkeit zu überprüfen.
Wenigstens half Ihm dieses neuerliche Mißgeschick zu einer eindeutigen und unabänderlichen
Entscheidung:
Das war das erste und letzte Mal, dass Er zum Rasieren einen Ladyshave benutzt hatte !
© 2000 by Tino Lingenberg

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