Schmidt-Spreer, Ursula: Meine Tochter – meine Mutter

Michaela wird 16. Ein flotter Teenager mit blauen Augen und halblangen blonden Haaren. Das war das Erbteil ihres Vaters, vielleicht war auch meine Familie mütterlicherseits daran beteiligt. Sie waren alle blond, fast rötlich-blond. Nur ich schien aus der Art geschlagen zu sein. Wahrscheinlich kam ich mehr meinem Vater nach, er war dunkel; er ging bereits auf die 80 zu, als sich die ersten grauen Silberfäden in seinem Haar zeigten.

Ich betrachtete Michaela nachdenklich. Wie schnell sind die Jahre vergangen. Wer hätte auch gedacht, dass ich mit fast 36 Jahren noch ein Baby bekommen würde. Noch dazu das einzige in der Verwandtschaft. Meine Schwester hatte sich gegen Kinder entschieden und mein Mann war ein Einzelkind. Eben noch lag sie in den Windeln, dann der Kindergarten und dann ging sie alleine in die Schule. Mir blieb zwar jedesmal das Herz stehen, wenn ich sah, wie sie die große Fußgängerampel überquerte, aber wie hätte sie es sonst lernen sollen? Die von mir gewünschten gemeinsamen Nachmittage wurden immer öfter mit Unmut quittiert – keine Lust oder ein Treffen mit Freundinnen.
Die Jahre waren nicht immer leicht. Manchmal hatte ich das Gefühl, dass Michaela nahtlos von der Trotzphase in die Vorpubertät und dann in die eigentliche Pubertät übergewechselt war. Ich wollte doch eine offene Mutter sein, sie sollte mit all ihren Sorgen und Nöten immer zu mir kommen können.

Jetzt stand sie am Telefon, legte hastig auf, als ich ins Wohnzimmer eintrat, gerade so, als ob sie etwas zu verbergen hätte. „Mit wem hast Du gesprochen?“ „Ach mit Katrin, wegen der Mathehausaufgabe.“ Sie sollte mich nicht für dumm verkaufen. Sicher war es der neue Junge aus ihrer Klasse, der sie neulich abgeholt hatte und den sie so „süß“ fand. Entgleitet sie mir? Gleichzeitig ruft mich eine innere Stimme zur Ordnung. Sie will ein Geheimnis haben, etwas, das nur ihr gehört. Spüre ich etwa Eifersucht?

Wenn ich ehrlich bin, dann hat der Abnabelungsprozess schon heftig begonnen. Es ist noch gar nicht lange her, da konnte ich ihr von der Stadt unbesehen ein t-shirt mitbringen, das sie dann auch getragen hat. Aber jetzt? Unmöglich! Sie hat ihren eigenen Geschmack, es muss entweder total eng oder total weit und schlapperig sein. Die Schuhe auf denen sie balanciert, könnten die einer Primaballerina sein. Ich rufe mich wieder zur Ordnung. Denk an deine Jugend, wispert eine Stimme in mir, du hattest Schuhe an, da hätte sich jeder andere die Füße gebrochen. Loslassen, ja ich muss loslassen. Es tut weh. Mein kleines Mädchen. Ich selbst war mit knapp 18 Jahren von zu Hause weggegangen und meine Eltern hatten mich ziehen lassen. Meine Mutter hatte mir sogar noch einen großen Fresskorb mitgegeben.
„Ich wünsche dir drei von deiner Sorte,“ das war der Standardspruch meiner Mutter gewesen. Jetzt weiß ich, wie sie sich damals fühlte.
Mechanisch wische ich über den Küchentisch, der eigentlich schon längst sauber ist. Liegt es an der Aprilstimmung, die mich erfasst? Der Winter dauert dieses Mal besonders lange. Der Schnee ist zwar abgetaut, aber es ist kalt, ungemütlich, regnerisch. Ein Wetter wie im November. Nein, ich will nicht in diese trübsinnige Stimmung verfallen. Es gibt überhaupt keinen Grund dazu.

Michaela ist gesund, munter, ein ausgeglichener Teenager, auf dem besten Weg eine selbständige, junge Frau zu werden, die im Leben sicher ihre „Frau“ stehen wird. Es ist doch meine Erziehung. Ich habe versucht ihr ein bestimmtes Rechtsempfinden zu vermitteln. Ich war für sie da, wenn sie mich gebraucht hat – und das werde ich auch weiterhin sein. Ich habe ihr beigebracht für das einzustehen, das man angestellt hat; mutig zu sein und seine Meinung sachlich vorzutragen. Ich habe sie doch auf den richtigen Weg geführt.
Den Anfang des Lebens sind wir gemeinsam gegangen. Jetzt liegt noch ein großes Stück vor ihr – allein.

Das wäre beinahe schief gegangen. Mutti kommt aber auch immer im unpassendsten Moment herein. Zum Glück ist mir die Ausrede von der Mathehausaufgabe noch eingefallen. Markus ist es wert, dass ich das Judotraining heute sausen lasse. Aber Mama ist ja immer so pflichtbewusst. Wenn sie mir nur ein bisschen mehr vertrauen würde. Ich tue doch nichts unrechtes. Mit 16 ist man schließlich kein Kind mehr.

Am liebsten würde sie noch sehen, dass ich in den Kindergarten gehe und sie mich an der Hand hinführt. Naja, jedenfalls darf ich jetzt am Wochenende auch mal etwas ohne den Familienclan unternehmen. Da ist Mama echt Spitze. Aber das liegt wahrscheinlich daran, dass sie selber viele Hobbys und einen großen Bekanntenkreis hat. Das möchte ich auch einmal haben, viele Freunde und ein offenes Haus. Wie sie das immer macht?

Heute ist sie ein aber komisch, ob das am Wetter liegt? Oder hat sie Probleme mit der midlife-crisis? Immerhin ist sie ja eine späte Mutter; ob die anders reagieren, wenn sie fast erwachsene Töchter haben? Die Mütter meiner Freundinnen sind zwar alle wesentlich jünger aber nicht unbedingt toleranter. Im Gegenteil, Jennys Mutter ist überbesorgt.

Einen komischen Kleidergeschmack hat sie entwickelt. Die t-shirts sind total out, so etwas zieht doch keiner mehr an und an meinen Schuhen muss sie auch dauernd herummosern. Neulich ist mir doch ein altes Fotoalbum in die Hände gefallen. Mutter mit Blockabsätzen und Minirock, Haare bis zum Bauchnabel mit Madonnenscheitel, zum totlachen. Das Bild sollte ich ihr mal auf den Kleiderschrank kleben, wenn sie wieder an meinen Klamotten herumnörgelt.

Ich weiß schon was gut für mich ist und was nicht. Immerhin hat sie mich ja erzogen. Ich kann ganz gut zwischen gut und böse unterscheiden und ich glaube auch ein gesundes Selbstbewusstsein zu haben. Immerhin kann ich mich in der Klasse behaupten und neulich habe ich dem Englischlehrer sogar Paroli geboten, als er über die vergangene Demo hergezogen ist. Ich weiß, ich weiß, ich bin etwas hitzig und impulsiv – aber im großen und ganzen durchaus auch sachlich.

Mama ist mein Kumpel, Merkt sie das nicht? Ich kann wirklich über alles mit ihr reden, aber ich möchte ein kleines Geheimnis das nur mir gehört, Markus zum Beispiel.

Lass‘ mich doch los Mama. Ich geh doch nicht weg. Ich komme doch wieder. Wir sind so viele Jahre gemeinsam gegangen, du hast mich beschützt und behütet. Wenn ich auf die Nase falle, auch wenn sie blutet, es ist meine Nase!
Ob ich ihr das mal sage? Besser ist wohl ein Brief. Den werde ich ihr aufs Kopfkissen legen, so wie früher, wenn ich etwas auf dem Herzen hatte und nicht darüber sprechen wollte. Ich werde sicher noch viele blaue Flecke davontragen, es ist schön zu wissen, dass sie mir dann gekühlt werden.

Ob meine Tochter (wenn ich einmal eine haben sollte) ähnliche Gedanken haben wird?

© 2001 by Ursula Schmidt-Spreer

Hinterlasse jetzt einen Kommentar

Kommentar hinterlassen