Sürken, Veronika: Herbsttraum

Leise stapfst du den Weg entlang. Der Wald, der in allen bunten Farben leuchtet, verschluckt das Echo deiner Schritte. Dein Pfad führt an einer alten Jagdhütte vorbei und tiefer in den Wald hinein. Langsam kommst du zur Ruhe. Deine Brust hebt und senkt sich im ruhigen Rhythmus des Windes, der durch das Laub der Bäume bläst und die Blätter leicht zum Schaukeln bringt.
Ich muss lächeln. Lange habe ich dich nicht so ruhig gesehen.
Du gehst weiter und dein Weg führt dich auf eine Lichtung. Ich folge dir mit langsamen Schritten. Du siehst mich nicht.
Plötzlich bleibst du stehen. Dein Kopf ist gesenkt und du schlägst die Hände vor das Gesicht.
Schluchzend hebt sich deine Brust…immer schneller…
Ich erschrecke und gehe mit zögernden Schritten auf dich zu. Meine Arme umschließen dich und halten dich fest.
Du atmest tief durch und schließt die Augen.
„Warum hast du mich verlassen?“, fragst du und hebst den Kopf, um den Wind in deinem Gesicht zu spüren, der deine Tränen, die langsam deine Wangen hinabrollen, fortwischt. Mein Herz erzittert, als ich den Schmerz im Klang deiner Stimmer vernehme.
Leise rede ich auf dich ein: „Mein Schatz, ich habe dich nicht verlassen. Siehst du denn nicht, dass ich vor dir stehe? Spürst du nicht, dass meine Arme dich halten und wärmen?“
Mein Herz verkrampft sich, als ich dich aufschluchzen höre.
„Oh, Liebling, beruhige dich. Ich bin bei dir, bei dir, für alle Zeit.“
Stille umhüllt uns. Die Zeit scheint stillzustehen.
„Erinnerst du dich an den Abend auf der Veranda? Ich hielt deine Hand. Wir waren beide glücklich und dankbar für die wunderbare Zeit, die uns geblieben war. An jenem Abend haben wir meine Leukämieerkrankung, wenn auch nur für kurze Zeit, vergessen können. Es war nicht mehr wichtig.“ Ich halte inne und streiche dir kurz mit der Hand über die Wange.
„Mein Schatz, erinnerst du dich, als wir im Mondlicht voneinander Abschied nahmen? Du warst so ruhig und weintest nicht, als ob du gewusst hast, dass unser Abschied nicht für immer ist.“
Langsam kommst du zur Ruhe. Deine Brust hebt und senkt sich nun gleichmäßig.
„Du weißt, ich liebe dich für immer.“
Ein Lächeln huscht über deine Lippen. „Ich liebe dich auch, wo auch immer du sein magst.“ Du öffnest deine Augen. Du hast mich verstanden.
Langsam löse ich meine Umarmung und lasse dich los. Einen Augenblick scheinen sich unsere Blicke zu treffen.
Leise drehst du dich um und gehst den Weg zurück, an der Jagdhütte vorbei, und über die Wiese, die übersät ist mit dem Laub der Bäume. Lächelnd schaust du nach vorn, der Sonne entgegen.
Du weißt, wir werden uns wiedersehen.

said shiripour: das perfekte online business
ad

© 2002 by Veronica Sürken

Hinterlasse jetzt einen Kommentar

Kommentar hinterlassen