Fink, Swetlana: ICH

Ein Blick durch das Fenster zeigt mir, dass draußen die Sonne scheint, der Himmel blau ist, eigentlich alles ganz toll. Doch hier, hier drinnen, dort wo ich mich gerade befinde…

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Ich höre mich denken, Gedanken, die mir bei genauer Ausführung Angst machen. Angst, die mich jeden Tag begleitet.
Und wieder ein Blick aus dem Fenster.
Wie können die Menschen, da draußen einfach so vor sich hinleben, ohne sich Sorgen zu machen? Warum kann ich das nicht? Ich würde es doch so gerne.
Aber ich bleibe hier, gefangen, oder doch nur verborgen vor der Welt?
Ja gefangen bin ich, in meinem Denken, in dieser Welt.
Und ich verberge mich auch vor dieser, zumindest versuche ich es.
Aber wie kann ich mich vor dieser Welt verbergen, wenn ich doch immer nur in ihr lebe? Ich kann ihr einfach nicht entfliehen.
Auch mein Denken, manchmal ist es erträglich, manchmal sogar willkommen, doch oft, wenn alles unerträglich wird und die Gedanken sich nur noch mit der Erlösung des Selbst quälen…
Es wird einem alles unerträglich gemacht, wenn man etwas hat, etwas winziges, etwas woran man sich klammern kann, wird es einem oft geraubt. Ideologie wird zerstört.

Ich halte es nicht mehr aus darüber zu schreiben und doch ist das Schreiben und Malen meist das Einzige, was mir bleibt. In meiner Kunst kann ich mich auslassen, meine Seele, die meist gefangen vor sich hinvegetiert, kann sich austoben. Mit Farben und Worten kennt sie sich aus, sie hatte ja oft Gelegenheit zu üben. Bedauert wurd‘ ich schon nachdem man etwas von mir las. Und doch kommen mir die Reaktionen, die meine „Kunst“ auslöst nicht sonderlich real vor, natürlich ist meine „Kunst“ ein Spiegelbild meiner Selbst, aber können die Menschen doch nicht sehen, wie es in mir aussieht. Sie tun so, als ob sie fähig sind, mich zu verstehen.
Und es amüsiert mich.
Wir sind doch alle nur Schauspieler. Wer offenbart sich schon freiwillig, außer wirklicher Künstler, die es doch sehr verborgen in ihrer Kunst tun. Würde einer der Menschen aus den Massen auf der Straße, einer der wirklich mit allem zufrieden ist, sich künstlerisch betätigen? Würde er/sie es tun, wenn es nicht um Geld ginge? Die würden noch nicht einmal auf die Idee kommen, etwas zu schreiben.
Aber ich, ich sitze und schreibe, langsam weiß ich noch nicht einmal was, es sind Gedanken. Ein simpler Gedankenfluss, wie mir auffällt. So etwas simples, aber auch wahres habe ich schon lange nicht mehr geschrieben.
Es deprimiert mich.
Mein Leben in jungen Jahren völlig sinnlos geworden, zumindest für mich, ich lebe ja meist nur für andere.
Was werde ich in Zukunft machen?
Mir fällt nichts ein. Alles sinnlos.
Aber da draußen, die Menschen, wissen sie etwas? Was würden die sagen, wenn man sie fragen würde, warum sie eigentlich leben? Leben sie um sich jedes Wochenende zu besaufen um so ihrer Existenz zu entfliehen, nur für diesen kurzen Augenblick? Leben sie nur um Geld zu verdienen? Aber was haben sie von diesem Geld? Luxus? Aber immer noch keine wirklichen Freunde.
Aber was habe ich? Ich habe kein Geld, weil ich es nicht zu schätzen weiß, auch habe ich nur wenige Freunde, aber die halten zu mir.
Ich sollte sie wieder besuchen.
Wieder ein Blick nach draußen, der Himmel inzwischen wolkenverhangen. Mein Kopf, der von aufkommendem, pulsierenden Schmerz zu zerspringen droht.
Verzweiflung kommt auf.
Was ist, wenn ich dem allen hier und jetzt ein Ende bereite? Wen würde es schon kümmern, außer den wenigen einzelnen? Aber ich mag sie, deswegen bleibe ich. Ich lass mich quälen, unfähig mich zu wehren, gegen nichts.
Erdulde immer wieder die Schläge, die mir mein Leben bereitet. Es muss eine Strafe sein. Ich bereue, ich bereue alles.
Warum konnte ich nicht damals, vor Jahren schon, als Kind, streben? Ich war doch so nah dran. Hätte man den Tod nicht verhindert, wäre ich erlöst. Doch man wollte mich damals nicht gehen lassen.
Und jedesmal, als ich aufwachte, hatte ich gedacht, warum ich denn hier sei, wer ich denn wäre, wer die Menschen seien, sie auf mich, damals noch kleines, wehrloses, zum bewegen unfähiges Wesen, herunter sahen. Ich war so verwirrt. Ich kannte die Menschen, die mich umgaben nicht, ich lernte sie erst kennen, lernte sie „Mutter“ und „Vater“ zu nennen, lernte aber nie ihnen zu vertrauen.

Fühlte mich schon immer, als ein anderes Wesen, als das, welches sie aus mir machten. Behandelt als Kind blieb ich, obwohl ich schon früh dagegen anzukämpfen versuchte. Die ließen mich nicht lernen, bis zum 7 Lebensjahr, nur Märchen und Sagen. Danach aber, endlich, die Genugtuung für die Seele, sie ließen mich Shakespeare lesen, endlich etwas, das mich befriedigte. Darauf folgten Jahre, in denen ich mich von gleichaltrigen absonderte. Was sollte ich mit denen auch machen? Von den Älteren aber nicht beachtet, wegen meiner „Jugend“, ich war noch keine 10.
Ich schuf mir eine eigene Welt, mit Kunst etc. Zu der Zeit schrieb ich schon Lyrik, meine Malereien hingen auf Wänden in meiner Schule, dem Kindergarten.
Und doch unbeachtet.
Getreten wurde ich damals nicht nur von dem Leben, auch von den Menschen, weil sie unfähig waren mich zu verstehen. Versuchte wie sie zu sein. Es gelang mir nicht. Ich hatte mich selbst dadurch nur gequält. Verbrachte nur die nötigste Zeit mit den Menschen. Was sollte ich mit denen auch anfangen?
Sie verstehen mich nicht. Sie wollen mich nicht einmal verstehen.
Sollte ich lachen?
Doch kommen mir Tränen.
Ich sehne mich so nach einem Ende.
Stelle mir vor, wie ich einen letzten Atemzug mache, bevor ich dem allen ein Ende bereite. Dann bin ich noch eine, die sich in diesem Dörfchen umzubringen versucht, wird langsam auch Zeit, seit einem Monat schon hat es keiner mehr versucht. Die Stadt wird doch nicht ihren Ruf verlieren?

Es macht mich fertig dies zu schreiben, ich sollte etwas anderes machen. Malen, Lesen? Ich will nicht raus. Es ist nicht so, dass ich mich davor fürchtete, aber ich habe schon zu viel negatives erlebt, als dass ich mich nochmal freiwillig in diesen „Kampf um’s Überleben“ stürzen würde. Aber ich brauche Menschen. Ich brauche Wärme, die sie ausstrahlen in der Lage sind. Vielleicht tun sie es nur kurz, aber ich brauche es. Ich brauche Worte, die von anderen kommen, als von mir selbst. Doch habe ich je das bekommen, was ich wirklich brauche? Nach jedem Loben erreichte mich eine Flut von Beleidigungen und Geschimpfe. Nach jeder noch so kleinen Zärtlichkeit umhüllten mich die Wogen der zugefügten Schmerzen. Nach jedem Lachen fielen Tränen, die nicht enden wollten. Nach jeder Nähe ließ man mich alleine, sodass ich in diesem Meer der Schmerzen zu ertrinken drohte. Meine Instinkte allein ließen mich dies nicht tun, sie klammerten sich an alles, hielten mich krampfhaft über Wasser. Es wurde gekämpft um jeden Atemzug.
Instinkte… Ich war einfach unfähig sie „auszuschalten“. Das Sehnen nach Nähe ist auch nur ein Instinkt. Es bringt nur Kummer.

Vielleicht sollte ich einfach alles sein lassen? Sollte ohne Gefühl, ohne Gedanken alleine bleiben. Ich bräuchte nur noch das Gefühl und die Gedanken loszulassen. Dann wäre ich ja doch, wie die Massen auf der Straße. Doch so will ich nicht sein. Ich verkrieche mich lieber weiter in meiner Kunst, die mich schon mein Leben lang begleitete, beruhigte oder aufbrauste. Manchmal konnte ich ein paar Tage, selten sogar ein paar Wochen, mich nur in meine Kunst verkriechen, in diesen Wochen entstanden um die 40 Gedichte pro Woche. Alle zeigten mein Leben, meine Gefühle und Gedanken.

Ich brauche Musik. Sie beruhigt mich, unterbricht kurz meinen Gedankenfluss. Der doch wieder aufkommt, und mir Angst macht.
Ich will so nicht mehr.
Aber ich habe doch schon mein ganzes Leben so verbracht. Vielleicht wird es ja mal gelohnt. Unwahrscheinlich, dass es dieses Leben geschehen wird. Aber vielleicht nächstes? Oder das danach?
Werde ich für verrückt gehalten, nur weil ich von verschiedenen Leben eines Menschen rede? Ich bin es nicht, auch wenn ich dafür gehalten werden könnte, es von einigen auch werde.
Aber ich kann mich doch erinnern… an frühere Leben. Zuerst kam es als ich 12 war, in Träumen. Ich sah Menschen und Orte, die ich kannte, doch nie in diesem Leben getroffen hatte. Ich konnte mich an sie erinnern, ich vermisste sie, denn ich fühlte noch die Zugehörigkeit zu ihnen. Sie gaben mir Kraft und Wärme. Abstrus, wenn man bedenkt, dass Erinnerungen mir Kraft gaben.
Es wurde immer mehr, an das ich mich erinnern konnte, es wurde genauer. Ich begann zu lernen, das was ich damals schon gekonnt habe, Ich verstand, warum ich hier bin. Weil ich anderen helfen sollte und die Prüfungen bestehen sollte, die ich in den anderen Leben nicht geschafft hatte. Das ganze Quälen waren nur Prüfungen. Die Menschen gehörten nur zu einem großen, einzigartigen Plan, sie wussten es nur nicht. Alles hatte seinen Sinn und doch blieben Momente, in denen ich den Glauben verlor. Ich bin schwach. Wie leicht fällt es den Menschen mich zu stürzen. Mir alles zu rauben.
So will ich nicht mehr.
Ich hatte alles verloren, mit dem Tod, den ich einst hatte, sollte ich mit einem zukünftigen Tod alles wiederbekommen? Ich weiß, dass Selbstmord mich nicht weiterbringen würde, es würde mich im Gegenteil noch zurückwerfen.

„Den Tod kostend ist jede Seele, und euer Lohn soll euch vergolten werden am Tag der Auferstehung. Wer dann dem Fegefeuer fernbleibt und in das Paradies eintritt, er hat es erlangt. Nichts weiter ist das Leben hienieden als ein trügerisches Gerät.“

Koran, 3 Sura V. 182

Eines meiner liebsten Zitate.

Tränen fließen warm meine Wangen herunter, nicht oft lasse ich mich so aus, nicht einmal auf dem Papier.

Meine Entscheidung steht fest.

Ein Messer, ein kleines Blatt Papier, alles was ich noch brauche.
Auf dem Weg in den Wald, in einem schwarzen Abendkleid, ich suche meine liebste Lichtung auf. Ich würde gerne leben, doch machen die Menschen es mir unerträglich, deswegen werde ich mein Dasein nur in ewigen Toden fristen können.
Die Sonne scheint wieder.
Ich lege mich hin.
Das grüne Gras kitzelt meine Haut, die Sonne ist warm und hell.
Ich sehe sie, es sieht schön aus.
Ein letztes Mal ziehe ich die Luft in meine Lungen.
Frisch und kühl.
Das Messer in der Hand, noch einmal sehe ich es mir an.
Es glänzt.
Mit einem scharfen, schnellen Zug ziehe ich es mir über die Seite des Halses.
Es tut nicht weh.
Es befreit.
Der Körper liegt leblos auf einer kleinen Lichtung im Wald, beschienen von der Sonne, hässlich, da er schon so vieles vom Leben auszuhalten hatte. Doch der Geist, endlich frei, schwebt über dem allen, lacht, ist frei.
Noch ein kurzer Blick auf das lächelnde Gesicht.
Ich lächelte, während ich diesem Leben ein Ende setzte.
Ein physischer Tod war mir lieber, als der Tod der Seele, den ich damit verhinderte.
Das zerknüllte Blatt in der Hand enthält die Nachricht:

Ich starb wieder im Glauben an die Ewigkeit. Ich starb, damit ihr leben könnt in Frieden. Ich fand den Frieden in meinem Tod. Vielleicht habt ihr MICH nicht gesehen, vielleicht habt ihr MICH nicht verstanden, aber das braucht ihr jetzt auch nicht, denn endlich bin ich frei und IHR, MENSCHEN, könnt mir nichts mehr antun. ICH bin das Ewige Leben.

Mein Geist, frei von allem Zweifel, schwebte empor in das Licht.
Ein kurzer Blick noch auf den leblosen Leib, der mich so lange gefangen hielt, das glänzende Messer in der einen, ein zerknülltes Blatt in der anderen Hand, und ein zufriedenes Lächeln im Gesicht.

Endlich frei.

Mit 17 hatte ich ein erlösendes Ende gefunden, nach so langer Qual und einem bitteren Kampf um’s Überleben, den ich am Ende doch verlor, weil man mich nicht so sein ließ, wie ich war und man mich einfach nicht lieben wollte, es war auch zu schön meine Qualen zu sehen…

© Swetlana Fink 11.05.2003

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