Gut, Pascal: Der Lügner und sein Schüler

Es war vor langer Zeit, wo ein Mann lebte bekannt durch seine Lügengeschichten. Hunderte von Gelehrten aus dem Morgenland reisten weit um die Welt nur um sich seiner Zunge zu messen. Doch keiner von ihnen vermochte es seine Lügen von wahren Geschichten zu trennen. So lebte der alte Lügenbaron weitentfernt der Zivilisation in einer Villa, reichgeworden aus seinen Lügen. Eines Abends, er war schon alt und grau, klopfte ein Fremder an die Türe seines Anwesens. Kaum hat er das Tor zu seinem Reich geöffnet, erblickte er eine starke von Kraft strotzende Gestalt, welcher die grüne Farbe hinter den Ohren nur so hervorquoll. Die junge Gestalt, eines Lehrers Sohne, welcher gerade sein Elternhaus verlassen hatte um Arbeit und Lehre zu suchen, bat sogleich nach dem Anblicke des alten Lügenmeisters um Einlass. So gestand ihm der Alte diese Ehre und liess den Jungen sich auf einem Stuhl vor dem Kamin niedersetzen. „Was ist euer Anliegen?“ Fragte er seinen ungebetenen Gast.

Dieser setzte sich hoch und begann mit vorlauten Worten sein Anliegen vorzubringen: „Ich hörte viele Geschichten von Euch und Eurer Begabung um das Lügengeschick. Meines Vaters Hand setzte mich vor die Tür, weil sein geehrter Kopf mich für einen faulen Eselsbock hielt. So soll ich mir nun eine Lehre suchen, damit ich mir meine Lebensarten leisten könne. Doch ehrlich gesagt, können mich weder Schreinerei noch Schreiberei richtig begeistern. Nun aber euer Handwerk würde ich gerne erlernen. Der alte Hausherr lachte laut auf, so dass sich selbst die Mücken im Schlafgemach eine neue Essensmöglichkeit suchten. „Lacht nicht über mich Herr!“ Fuhr der Bengel fort: „lasst mich erklären. Begabt durch eure Lügenkunst seid ihr zu alt und erschöpft um sie noch zu nutzen. Und Weltensleut vergessen euren Namen zeitlich wieder. So lernt es mich und ich werde euern Namen unvergesslich machen und eure Kunst weiterführen. Nichts von euch wird in der Lage sein auszusterben. Und natürlich“ beendete er sein Plädoyer grinsend „werde ich euch an meinen sicherlich reichen Lügenverdiensten beteiligen.“ Mit diesen letzten Worten war ihr gemeinsames Bündnis besiegelt. So lernte der Jüngling von seinem neuen Herrn, wie man die Wahrheit so veränderte, drehte, oder wandelte, dass sie zur unbemerkbaren Lüge wurde. Das Talent des jungen Schülers liess ihn schnell in der Gunst seines Meisters in die Höhe emporsteigen. Der Schüler begann mit seinen neugewonnenen Talenten in Dörfer zu ziehn und erschlich sich dort das Geld anderer Leute durch Lügen und Flunkereien. Mit jenem kehrte er an den Abenden zu seinem Meister zurück, welcher stolz den Erzählungen des Jungen lauschte. Und an jedem kommenden Abend, an dem der Lügenschüler von seinen Beutezügen zurückkam, wurde dem Alten immer klarer, wie mächtig sein Schüler seither wurde. Aber auch dem Jüngling entging der misstrauische Wechsel der Stimmung seines Meisters nicht. Beiden wurde die verzwickte Lage in der sie sich befanden immer klarer. Sie waren beide einander abhängig geworden. -Abhängig einer Person welche mit der Lüge eins wurde. Woher wusste nun der eine vom anderen, dass dieser ihn nicht belüge, benutze oder betrüge? So wuchs in ständig gleichbleibendem Takt ihr Misstrauen gegeneinander. Der eine begann den andern nicht mehr aus dem Auge zu lassen. Der Schüler vergass seine täglichen Lügentouren, da er nicht wusste, was der Alte in seiner Abwesenheit treiben würde und jener seinerseits hätte ihn auch nicht gehen lassen. Kochte einer das Mahl, getraute sich der andere kaum davon zu kosten. Die Messer in der Küche Schränke wurden immer von neuem nachgezählt. Wer weiss, vielleicht hatte der eine ja eins unter dem Hemd nahe seinem Wanst versteckt. Die Jahre vergingen schneller und schneller. Und eines Nachts war die Zeit des Alten nun endlich gekommen und er starb an dem Klosse des Misstrauens im Halse. Und gar als er seinen letzten Seufzer tat, war in seinem Kopf: Der Schüler habe ihn umgebracht. Und dieser nun seinerseits befreit von der Dunkelheit des tödlichen Misstrauens öffnete die Tür um hinauszutreten in die Welt und um seine trügerische Macht von neuem beginnen zu nutzen. Doch stellte er fest, hatte er in all den Jahren im Käfig des Misstrauens gefangen sein Talent verloren. Und so starb der zum Mann gewordene Schüler, welcher nie etwas gelernt hatte elendlich an Hunger und Kälte.

© 2000 by Pascal Gut

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