Gut, Pascal: Der Mitternachtsfahrgast

Es ist 00.00 Uhr. Ich hasse diese blöden, arschkalten Winternächte. Um drei Uhr kann ich meinen Dienst beenden und heimfahren. Doch die nächsten drei Stunden darf ich noch im Taxi hocken und mir die Finger wund frieren. Hätte mir einer früher gesagt, dass ich mal so enden würde, hätte ich ihm sein vorlautes Maul poliert und ihm einen Tritt in den Hintern gegeben. Was ist denn schon dabei. Ich arbeite immerhin hart. Möchte mal einen Bankier 10 Stunden in einem Taxi sitzen sehen. Aber kriegt man dafür den gebührenden Respekt? Nein, natürlich nicht. Stattdessen läuft ein Verrückter rum und schneidet uns die Kehlen auf. Letzte Woche hatte es gerade Chris erwischt. Er hat ne Frau und ne Tochter, die bangen jetzt um sein Leben. Zu mir soll der Mistkerl mal kommen, bin gewappnet. Ich hab unter meinem Sitz ne Waffe angeklebt. Blas ihn weg, wenn er zu mir kommt.

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00.10, ich zähl schon die Minuten und diese blöden Handschuhe geben auch kein bisschen warm. Da, ne Alte kommt auf mich zu, wird auch Zeit. Ich brauch die Kohle. Was tut die? Verdammt, jetzt is se weg. Bist wohl was besseres! Was?! Das ist doch ne blöde Kuh. Soll sich den Tod holen –erfrier von mir aus du Huhn. Wenns jetzt noch beginnt zu schneien, dreh ich durch. Das fehlte mir noch, jetzt wo ich immer noch die Sommerreifen drauf hab.
00.25, kann ja kaum noch meine Augen offen halten. Genehmige mir mal besser nen guten Schluck, das bringt mich wieder auf Vordermann. Man sollte meinen, in so ner Nacht gebe es für Fahrer wie mich genug Kundschaft, aber denkste. Haben alle das Gefühl, sie werden mit ner Limo abgeholt.
Da ist einer an der Tür. „Hallo, steigen sie ruhig ein Mister!“ Meint der, ich halt ihm noch die Tür auf oder was? Und los geht’s. „Wohin soll ich sie bringen?“ Toll das liebe ich, weiss es nicht mal genau. Was denkt der sich, ich mache hier keine Rundfahrten. Die Uhr noch an und aufs Gas drücken. Scheint kein gesprächiger Geselle zu sein. Ist mir recht. Bin sowieso nicht aufgelegt zum Quatschen, bin kein Therapeut. Manche haben das Gefühl, wenn sie hier einsteigen, müss ich ihnen über ihre Probleme weghelfen, sie unterhalten, politisieren und so.

Wenn ich ihn mir so genau betrachte, muss ich sagen, das is kein besonders aufgestellter Typ. Finstere Mine hat der, wie en Knacki. Es fehlt nur noch das Tatoo. Möchte mal wissen was er unter seiner Jacke versteckt. Hält seinen Arm ganz vermummt. Und angezogen is der. In der Jacke würde ich nicht mal im Frühling rumlaufen. Ist der überhaupt vom Zug gekommen? Der war nicht vom Bahnhof. Das hätte ich gesehen. Scheisse, möchte wissen, was er da hat. Ich habs doch nicht nötig, solche Typen rum zu kutschieren. Der redet nichts, ist stumm. Das gefällt mir nicht. Weiss nicht wo er hin will, da wär mir wohler, wenn er gar nie eingestiegen wär. Woher weiss ich, dass er mich nicht abstechen will. Vielleicht ist das der von Chris.
Ach was, Chris war in ner andren Umgebung, nicht beim Bahnhof. Und sonst hab ich ja die Pistole.
Sieht aber schon verdächtig aus, der Typ. Sollte fragen woher er kommt. Aber vielleicht würde ihn das misstrauisch machen und er dreht durch. Hoffentlich merkt der nichts. Ich kann kaum noch gerade fahren. Wenn jetzt ne Kontrolle ist, werden die mich glatt für betrunken halten, aber vielleicht wär genau das meine Rettung, oh Mann.

Wenn ich das Foto von Annie nur aufgestellt hätte. Vielleicht bekäm er Mitleid, wenn ich ihm von meiner Familie erzählen würde. Er weiss ja nicht, dass ich und Annie Kinder nicht leiden können. „Wissen sie Mr….“ – „Biegen sie bitte links ab“ Links? Das gefällt mir nicht, hier ist s einsam. Hier wohnt keine Menschenseele, was will der Typ? „Dort drüben am Rand können sie mich rauslassen.“ Der verarscht mich. Sollte die Waffe nehmen und ihn jetzt auf der Stelle abknallen, was ist, wenn es nachher zu spät ist? Ich hab nicht mal den Militärdienst gemacht. Immerhin ist das mein Leben, wo rum s jetzt geht. Doch wenn er es nicht is, dann wär ich en Mörder. Ich bin gleich da, was soll ich tun? „Hier bitte.“ Jetzt oder nie. Taste mit der linken Hand unter den Sitz- ganz vorsichtig. Jetzt das Klebeband lösen, bloss leise sein. „Hier bitte“ So bin bereit. Jetzt anhalten. Bleib bloss still dahinten. Mit der rechten Hand taste ich jetzt zur Waffe und schalte mit der linken die Uhr ab. Der Kerl zieht seinen Arm aus der Jackentasche. Das darf nicht wahr sein. Das ist ein Messer, ein Messer!! Verdammt die Waffe, krieg sie nicht raus, jetzt hab sie, muss schnell schiessen……..

Ich muss die Augen wieder öffnen, vielleicht lebt er noch und fällt mich gleich an. Oh mein Gott, alles voller Blut. Kann kaum hinsehen, hab ihm direkt ins Gesicht geschossen, glaub ich.
Ja das haste davon. Ich bin ein Held. Wird in jeder Zeitung kommen. Doch wo hat der sein Messer? Verdammt, ich seh kein Messer. Muss nach hinten gehen und nachschauen.
Es ist immer noch so kalt draussen und die blöde Hintertür klemmt. Offen! Wo ist das Messer?
Da muss eins sein. In seiner Hand, in der rechten Hand muss es sein. Da ist nur ne Brieftasche. Nein, das kann nicht sein. Wo ist das Messer. Dieses verfluchte Messer muss da sein…..
Da ist nichts, was soll ich tun, was soll ich tun.?….
Vielleicht hat er’s irgendwo in der Kleidung versteckt und kam noch nicht dazu es zu ziehen. Muss ihn aus dem Wagen ziehen. Ist alles ganz nass am Boden, liegt im Schlamm der Typ, geschieht ihm auch recht so. In der Manteltasche hat er nichts. Dann wird es in der Hosentasche sein. Da ist auch nichts. Unter der Jacke wird es sein, nein. Vielleicht hat er’s unter seinem Hemd, irgendwie befestigt. So runter mit den Fetzen. Da ist nichts. Natürlich, er hat s an den Beinen angemacht oder innen an den Hosen.
Wenn mich jetzt einer sehen würde, wie ich einem mit ner Kugel im Kopf die Kleider vom Leib reisse. Aber was tut man nicht alles, für das Allgemeinwohl……
Da ist kein Messer!……
Oh mein Gott, ich habe einen Fremden einfach so erschossen. Stehe hier Im Schlamm neben einem halb nackten Toten. Keiner wird mich verstehen, wenn ich’s erklären werde. Ich könnte ihn wegbringen, hier lassen. Aber der ganze Wagen ist voller Blut. Die werden mich anspucken, kreuzigen werden die mich.
Ich weiss, ich hol en Messer und drück s ihm in die Hand. Niemand wird daran zweifeln. Das werde ich tun. Ich hab das ja nicht aus Boshaftigkeit getan. Oh Gott hilf mir…………..

© 2000 by Pascal Gut

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