Kassner, Ramona: Eine Million Euro

Nachdenklich saß er da und tippte mit dem Bleistift auf die Tischplatte. Irgendwie war es ein seltsames Gefühl, auf den eigenen Steckbrief zu blicken. Tot oder Lebendig. Eine Million Euro. Unter dem Text ein gestochen scharfes Foto. Sein Name. Eine Kontaktadresse. Wie in alten Wildwestfilmen. Immer wieder das monotone Klack Klack, wenn er die Bleistiftspitze locker auf den Tisch fallen ließ. Es machte ihn selbst nervös. Wütend schleuderte er den Stift gegen die Wand, und steckte sich mit zitternden Händen eine Zigarette an. Natürlich ging das Telefon nicht. Ein endloses Tuten, als er den Hörer abnahm. Er legte ihn zurück auf die Gabel. Dann ging er los. Jacke, Mantel, obwohl es draußen um die 30 Grad warm waren. Auffälliger ging es nicht.

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Als der die Wohnungstür öffnete, hörte er im Treppenhaus Stimmen. „Dort oben, da wohnt er. Seien Sie still, damit er Sie nicht hört. Er könnte ja flüchten, dieser Verbrecher, dieser… Und so Jemandem habe ich die Wohnung vermietet,…“ Und so ging das eine Zeitlang lang so weiter, begleitet von dem Knarren der Treppenstufen. Sie kamen immer näher. Flucht nach vorn, das Treppenhaus hinauf. Dann das Flurfenster hinaus. Feuerleiter. Die Mütze tiefer ins Gesicht gezogen. Da brüllte auch schon einer von unten herauf: „Da ist er ja, dieser Kerl!“ Lenkte die Aufmerksamkeit auf die Gestalt auf der Feuerleiter.
Es sammelte sich eine Menschentraube am Ende der Leiter, oben am Fenster die Verfolger, die ihm in seiner Wohnung auflauern wollten. Dieser Mensch dort oben, von der Mitte der Stiege nur umrissartig zu erkennen, da ihn die Sonne von der Seite blendete., lud sein Gewehr. Zielte. Der Schatten am Nachbarhaus zeigte deutlich, wie sich der Zeigefinger krümmte. Ducken! Schuss daneben. Es hatte einen dieser neugierigen Gaffer erwischt. Tod? Keine Ahnung, nur weg hier.
Die Aufmerksamkeit der Menge galt dem blutenden Opfer. Also rannte er so schnell er konnte die Straße hinunter. Rechts? Links? Geradeaus? Keine Ahnung. Irgendwann landete er am Hafen. Überall klebten die Steckbriefe. Er entledigte sich hier seines Mantels. Auch die Mütze schütze ihn kaum. Egal wohin er schaute, er schaute in tausend Spiegel.
Knack. Ein Geräusch direkt hinter ihm. „Hände hoch, und mach keine falsche Bewegung, Kleiner.“ Der weißhaarige Wachmann, der sich von der Seite zu ihm vorbeugte, in einer Hand die Waffe, mit der anderen tastete er ihn ab. „Du bist Gold wert. Eine Million Euro. Würde Dich aber ungern erschießen, bin ja kein Unmensch, also mach keine Zicken.“ Er rührte sich nicht. Angst. Herzklopfen. Besser tun, was er sagte. „Heeeee! Alter“, tönte eine Stimme hinter einer Ladung hervor. „Du hast ihn erwischt, nun bist Du reich. Aber Du, pass nur auf, der hat eine Menge Leben auf dem Gewissen. Alleine packt Du den nicht. Lass mich Dir helfen, eine Million sind genug für zwei.“ Der Wachmann entsicherte. Unsicherheit. „Hau ab.“ „Nicht so abweisend. Ich bin Dein Freund. Der Typ da hat Dir den Hals umgedreht, bevor Du um Hilfe schreien kannst. Lass mich Dir helfen, lass uns teilen.“ „Ich brauche keine Partner, Kleiner“, meinte er, drehte sich blitzschnell um, knallte den anderen ab, und wollte sich schon wieder dem Gesuchten zuwenden, als der auch schon hinter meterhohen Kisten verschwunden war. Er fluchte, schoss drohend in die Luft. Es löste sich ein Kranhaken und erschlug den Alten.
Er wandte sich nicht um, rannte einfach weiter. Doch würde er es schaffen? Gejagt wurde er. Von der ganzen Welt, wie es schien. Er lief durch Hinterhöfe, stolperte über einen alten Penner, zugedeckt mit der aktuellen Tageszeitung. Er schaute ihn an, als hätte er einen Geist gesehen, schlug ihm dann ohne Vorwarnung ein schweres Ding über den Kopf. Wie benommen über den Schlag sackte er zu Boden, griff sich etwas, schlug zurück, rannte, davon, ließ dabei den Blick nicht von dem Alten, der ihn beschimpfte, verfolgte. Achtlos über die Straße. Das nächste Auto erfasste den Alten. Tod.
Und gleich heftete sich die Meute, die den Vorfall beobachtet hatte, an seine Fersen. Direkt zum Park. Schnell durch das Tor. Von innen schloss er den Riegel, einige Hartnäckige versuchten, über das mit Eisenspitzen gespickte Tor zu klettern, einer blieb stecken, rammte sich eine Spitze in den Körper. Was ein qualvoller Tod.
Er schaute nicht zurück, rannte weiter, auf dem Weg riss er wütend, verzweifelt noch einige Fahndungsblätter von den Bäumen, an die sie geheftet waren. Eine Telefonzelle! Er wählte die Nummer der Polizei. „Ja, bleiben Sie dort, wo sie sind, wir holen Sie ab“, meinte die Stimme am anderen Ende der Leitung. Er wartete, versteckt hinter einigen Sträuchern. Minutenlang. Dann eine Sirene. Er atmete auf. Bald in Sicherheit. Ein Polizist, alleine, mit gezückter Waffe, stieg aus dem Wagen.
Er rief etwas, entsicherte die Pistole. Klack. Das Geräusch, es drang ihm durch Mark und Bein. Dürfen Polizisten Belohnungen annehmen? Nein, das war kein Bulle. Er warf ein Auge auf den Zivilwagen. Oben ein billiges Blaulicht angebracht, das noch immer leuchtete. Der Typ am Telefon hatte ihn in eine Falle gelockt. Wollte sich mit dem anderen, der ihn jetzt suchte, die Summe teilen. Nichts wie weg. Aus dem Park. Gegenüber das Theater. Die Tür stand offen. Nichts wie rein. Der andere hinterher.
Endlose Gänge entlang, er prüfte jede Tür. Die hier war offen.
Und plötzlich stand er auf der Bühne, mitten in der Vorstellung. Ganz unerwartet war er plötzlich im Mittelpunkt des Interesses. Der andere hinterher. Die Menschen vorne raunten überrascht, dann ängstlich, schließlich aggressiv! Eine wütende Meute.
Dann die Rauchbombe, sie explodierte, blendete ihn. Er hörte Schüsse, alles stöhnte auf. Schreie! Was war geschehen? Keine Ahnung, egal, nichts wie weg. Er tastete sich vor. Da! Der Ausgang. Und nun der letzte Sprint durch die Straßen und Gassen. Zum Revier.
Außer Atem kam er dort an. Die überraschten Polizisten empfingen ihn, ließen ihn eine gute Stunde warten, bewirteten ihn mit dünnem Kaffee und süßen Bittermandelhörnchen. Die Tür ging auf, der Chef der Abteilung kam herein, setzte sich vor ihn, und meinte dann: „Es tut uns leid, Fehler der Abteilung. Das falsche Bild wurde auf die Fahndungsplakate gedruckt. Die Öffentlichkeit wurde auch schon informiert. Zum Glück wurde der Fehler entdeckt, bevor etwas passiert ist.“

© 2002 by Ramona Kassner

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