Kißling, Stefanie: Der kleine Esel

Es war einmal ein kleiner Esel. Der hatte Probleme in der Schule. Er fühlte sich diskriminiert, weil er der einzige seiner Art war – und sie hänselten ihn alle. Der kleine Esel wurde depressiv und traurig; er dachte daran, sein Leben zu beenden.

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Er klapptere von da an alle Kneipen im Umkreis ab, um sich zu besaufen. Zu tief saß sein Schmerz, zu tief die Frustration. Seine Noten hatten abgenommen, sein Selbstbewußtsein (wenn er jemals eines hatte) war im Keller und seine Freundin mit einem Maulwurf durchgebrannt. Kurzum; es gab kaum noch Lebensmut für ihn. Er war sicher, versagt zu haben – in allem, was er war.

Also überlegte der kleine Esel, wie er es doch am besten anstellen wolle. Zuerst versuchte er sich zu erhängen. Er hatte schon den Strick um seinen Hals gelegt, stand bereits mit allen Vieren auf zwei Stühlen… als plötzlich das Telefon klingelte. Es war ein Versicherungsvertreter. Über den regte sich der kleine Esel dermaßen auf, daß er keine Lust mehr hatte, sich umzubringen. Doch ein paar Tage später kehrte seine übliche Depression zurück… und er dachte daran, von einer Brücke in die Fluten des Meeres zu springen. Er stand schon auf dem Gerüst, hatte seine Angst besiegt, die Augen geschlossen, als ihn ein Passant ganz energisch nach dem Weg fragte. Der kleine Esel gab lange Auskunft und danach wollte er nicht mehr springen.
Und so kam es, daß er sich vor einen Zug zu schmeißen vermochte. Er stand schon da, sah jede Sekunde auf seine Armbanduhr und lauschte dem Treiben des Windes, der sein kurzes Haar zerzauste… Doch der Zug hatte an diesem Tag Verspätung und so wurde auch dieser Selbstmordversuch nichts.
Einsam und verlassen zog der kleine Esel weiter. Er war überzeugt davon, irgendwo anders ein neues Leben beginnen zu können. Mit nur einer Hufe voll ging er fort von allem, was ihm lieb war – und allem, was er haßte. Er fühlte sich frei. Er fühlte sich glücklich. Er spürte die Macht der Ungezwungenheit, die Freiheit in seinen Gliedern.
Kaum hatte er das Ortsschild passiert, wurde er von einem Lastwagen überfahren.

ENDE

© Copyright by Stefanie Kißling (2001)

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