Klinsmann, Sylvia: Sag niemals nie

Ich hatte mich um halb zwei mit meiner Schwester zum Mittagessen in einer Pizzeria in der Innenstadt verabredet. Schon von weitem sah ich Dani am Eingang des Restaurants stehen. Ihr kugelrunder Schwangerschaftsbauch unter dem gelben Fleece-Sweatshirt ragte unübersehbar zwischen ihren offenen Mantelhälften hervor. Die Arme erwartete Zwillinge und man konnte förmlich zusehen, wie sie von Tag zu Tag mehr wurde. Ungeduldig trat sie von einem Fuß auf den anderen und rieb die Handflächen aneinander. Obwohl heute schon der 1. April war , war es noch immer bitterkalt.

„Hallo Schwesterherz“, begrüßte ich sie und gab ihr einen dicken Schmatzer auf die Wange. „Du hast aber schon wieder ganz schön zugelegt“, stellte ich fest, während ich mit der linken Hand zärtlich über ihren Bauch fuhr und mit der Rechten die Eingangstür der Pizzeria aufzog. „Das kann man wohl sagen, und außerdem scheinen die zwei ständig irgendwelche Feten in meinem Bauch zu feiern“, stöhnte Dani und ging vor mir ins Restaurant. „Die zappeln und strampeln den ganzen Tag.“ Wir mussten zunächst noch einen Augenblick warten, da alle Tische besetzt waren. Doch wir hatten Glück, eine der Kellnerinnen winkte und deutete uns an, ihr nach oben in die erste Etage zu folgen. Sie führte uns an einen Tisch , wo gerade ein Mann seiner Begleiterin ganz kavaliersmäßig in den Mantel half.
„Na diese schnelle Bedienung haben wir jetzt bestimmt deiner Figur zu verdanken,“ ich deutete auf Danis vorstehenden Bauch und ließ mich auf einen Stuhl plumpsen. „ Ja manchmal hat es schon Vorteile schwanger zu sein“, sagte sie, während sie ihren Schal abwickelte und hinter sich über die Lehne hing. „ Ich hätte aber auch nicht mehr lange auf meinen Füßen stehen können, immerhin bin ich schon zwei Stunden in der Stadt herumgelaufen.“ Sie entsorgte ihren gebrauchten Kaugummi im Aschenbecher. „Na Kati, wie viele Leute haben dich heute schon in den April geschickt?“ fragte sie und warf dabei einen Blick in die Speisekarte, welche die flinke Kellnerin bereits vor uns hingelegt hatte. „ Ach stimmt ja, heute ist der erste April“, den hatte ich natürlich wieder einmal vollkommen vergessen. „ Du, bei mir hat es bisher noch nie jemand geschafft“, nicht ohne Stolz klopfte ich mir auf die Schultern. „ So schnell legt mich keiner rein. Was essen wir denn, einen Salat vom Büfett?“
„O.k., aber ich bestelle mir danach noch eine Pizza und zwar die mit dem Käse im Rand, ich habe nämlich richtig Kohldampf. Und außerdem würde ich niemals nie sagen, man kann ja nicht wissen, ob es nicht doch mal einer schafft dich reinzulegen.“
„Glaub ich nicht und du denk lieber an Dr. Hansens Ernährungsbroschüre“, neckte ich sie, „ der nächste Vorsorgetermin kommt bestimmt.“ Dr. Hansen war der Frauenarzt meiner Schwester und hatte ihr bei der letzten Vorsorgeunter- suchung einen langen Vortrag über gesunde Ernährung während der Schwangerschaft gehalten, da meine Schwester schon erheblich an Gewicht zugenommen hatte. „Ja, ja, ich weiß“, winkte Dani ab, „ich habe aber trotzdem Hunger.“ „Sie sollen aber nicht für drei essen, sondern sich ausgewogen und vitaminreich ernähren“, imitierte ich den Arzt. „ Also jetzt spiel hier nicht den Moralapostel“, rief Dani und warf mir ihre Serviette an den Kopf. Die Kellnerin bewahrte mich Gott sei Dank vor schlimmeren Verletzungen. Sie nahm unsere Bestellung auf, und Dani verzog sich daraufhin sofort zum Salatbüfett. Sie kam mit einem riesigen Salatteller zurück. Meiner fiel natürlich erheblich bescheidener aus. Gerade als ich den ersten Bissen in den Mund stecken wollte, klingelte mein Handy. Wie immer dauerte es eine Zeitlang, bis ich es aus dem chaotischen Innenleben meiner Handtasche herausgefischt hatte. Ein kurzer Blick auf das Display sagte mir, dass es sich um eine unbekannte Nummer handelte.
„Hallo“, meldete ich mich. Eine aufgeregte Männerstimme bedachte mich mit einem sehr undeutlichen Wortschwall, welcher wohl so etwas wie: „ Das ist jetzt das letzte Mal, dass ich Sie anrufe, wenn die Lieferung heute nicht rausgeht, werde ich Ihre Firma verklagen“, bedeuten sollte. „ Jetzt aber mal langsam“, versuchte ich den aufgebrachten Menschen zu beruhigen, wen wollen Sie denn überhaupt sprechen?“
„ Kommen Sie mir bloß nicht auf die Tour. Ich lasse mich nicht wieder von Ihnen abwimmeln“, schrie mir der Choleriker ins Ohr. „Sie sollten sich mal eine Brille anschaffen, damit Sie auch sehen, was für eine Nummer sie eintippen. Vielleicht würden Sie dann nicht unschuldige Mitmenschen am Telefon anbrüllen,“ gab ich zurück und brach das Gespräch ab. „ Was war das denn für ein Idiot?“ wollte meine Schwester wissen.
„Den konnte man fast bis hierhin verstehen, so ein lautes Organ hatte der.“ „Ich weiß auch nicht, er scheint die falsche Nummer gewählt zu haben.“ Wir wandten uns wieder unseren Salattellern zu und erzählten uns die aktuellsten Neuigkeiten, während wir mit geraspelten Möhren, Maiskörnern und sonstigem gesunden Grünzeug kämpften.
Ich hatte den unangenehmen Anrufer schon längst wieder vergessen, als mein Handy erneut klingelte. „ Warum müssen einen die Leute eigentlich immer beim Essen stören?“ murmelte ich mit vollem Mund und kaute eine Idee schneller, während ich das Telefon herausholte. Dabei hätte ich mich fast noch an einem Stück Tomate verschluckt. „Hallo“, sagte ich mit grimmiger Stimme. „Auch hallo, ja also eh, ich bin der Anrufer von vorhin“, ertönte es kleinlaut, „ ich wollte mich nur bei Ihnen entschuldigen, weil ich Sie so angeschrieen habe. Ich hatte wirklich die falsche Nummer gewählt.“ Jetzt, da in normaler Tonlage gesprochen, klang die Stimme sympathisch.
„Wissen Sie, ich habe in der letzten Zeit soviel Ärger mit dieser Firma gehabt, da ist mir einfach der Kragen geplatzt.“ „ Macht ja nichts“, sagte ich, „ ich habe es überlebt.“
„Könnte ich Sie vielleicht zu einem Kaffee einladen, sozusagen als Wiedergut- machung?“ „Mm,“ machte ich, „ ich weiß nicht, ich kenne Sie doch gar nicht.“ „Ich Sie auch nicht,“ war seine logische Schlussfolgerung, „ aber das könnte man ja ändern.“ Ich überlegte kurz und dachte dann, warum eigentlich nicht, schließlich war es eine harmlose Sache, sich irgendwo ganz unverbindlich auf einen Kaffee zu treffen. Außerdem war ich zur Zeit gerade Single und wer weiß, vielleicht lernte ich auf diese Weise meinen Traumprinzen kennen. „O.K. ,“ stimmte ich also zu, „ wann und wo?“ Er nannte mir eine Uhrzeit und den Namen eines Cafes in der Innenstadt. „Gut, und wie erkenne ich Sie? Halten Sie die obligatorische rote Rose in der Hand?“ „Nein“, lachte er, „ fragen Sie einfach nach Thomas, so heiße ich nämlich.“
Meine Schwester hatte natürlich während des Gespräches schon wieder „Rhabarberohren“ bekommen und wollte wissen, wer denn das nun gewesen sei.
„Du wirst es nicht glauben, aber das war der verrückte Typ von vorhin“, klärte ich sie auf. „Er hat sich entschuldigt und mich auf einen Kaffee eingeladen.“ „Und mit so einem willst du dich treffen? Wer weiß, was das für ein Spinner ist.“ „Er wird schon nicht im Cafe über mich herfallen, auf jeden Fall ist es doch süß, extra noch einmal anzurufen, um sich zu entschuldigen“, verteidigte ich den netten Unbekannten.
„Das stimmt natürlich“, gab meine Schwester zu, während sie ein großes Stück von ihrer Pizza abschnitt, die Käsefäden wie Spaghettis um ihre Gabel wickelte und sich den Riesenbissen dann genüsslich in den Mund steckte .

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Drei Stunden später betrat ich das besagte Cafe. Neugierig schaute ich mich um, ob vielleicht an einem der Tische ein blonder Adonis bereits sehnsüchtig auf mich wartete, aber es saßen nur ein älteres Ehepaar und zwei junge Mädchen im Cafe.
Also erkundigte ich mich bei der Kellnerin und wurde prompt an einen der hinteren Tische verwiesen. Der junge Mann sei wohl gerade auf die Toilette gegangen .
Ich setzte mich und harrte gespannt der Dinge, die noch folgen sollten. Da, ein etwas korpulenterer Mann mit Halbglatze kam soeben zur Tür heraus und – oh Schreck lass nach – auf den Tisch zu. „ Hallo, ich bin Thomas“, er streckte mir seine Hand entgegen, „und sie müssen meine Telefonbekanntschaft von heute Mittag sein, nett, dass Sie gekommen sind.“ „ Carina,“ stellte auch ich mich vor und versuchte, seine verschwitzt wirkenden dicklichen Finger nur kurz zu berühren. Dabei lauschte ich der Stimme in meinem tiefsten Inneren, die mir mit den Worten: „Denk daran, Aussehen ist nicht alles, die inneren Werte zählen auch“, Mut machen wollte. Den hatte ich auch bitter nötig, um nicht auf der Stelle wieder aufzustehen und das Cafe zu verlassen. Der Typ sah einfach schrecklich aus, außer dem bereits erwähnten spärlichen Haupthaar und dem beachtlichen Bauchansatz wies sein Gesicht Pickel in sämtlichen Entwicklungsstadien auf. Hier würde selbst das beste Antipickelmittel versagen.
„Also, ich möchte mich nochmals bei Ihnen entschuldigen“, begann er, „das Ganze ist mir wirklich sehr peinlich.“ „ Das macht doch nichts, jeder kann sich mal verwählen“, verzieh ich ihm gnädig. „ Ich war nur im ersten Moment etwas geschockt, weil ich es nicht gewohnt bin, dass man mich am Telefon so anschreit.“
„Auf jeden Fall haben wir uns dadurch kennen gelernt“, er fixierte mich mit seinen wässrigen blauen Augen, „ das ist schließlich etwas Positives.“ Dessen war ich mir allerdings nicht so sicher, und im Laufe unserer Unterhaltung wurde mir eigentlich immer klarer, dass ich diesen Herrn wohl nicht wiedersehen wollte. Er wohnte noch bei seiner Mutter und das mit schätzungsweise mindestens Anfang vierzig. Also musste man ihn bestimmt in die Kategorie „verwöhnte Muttersöhnchen“ einstufen. Außerdem war es mir sehr unangenehm, wie er ständig auf meine Figur starrte, so als ob er mich mit seinen Augen ausziehen wollte. Ich warf einen provokativen Blick auf meine Uhr und sagte: „ Oh Gott, schon so spät, ich muss leider gehen. Vielen Dank für den Kaffee, war nett, Sie kennen gelernt zu haben.“ Ich nahm meine Jacke von der Stuhllehne und wollte Richtung Ausgang marschieren. Aber so einfach konnte ich mich natürlich nicht aus der Affäre ziehen. „Halt, nicht so schnell“, seine dicklichen Finger griffen nach meinem Arm. „Sie gefallen mir wahnsinnig gut, ich möchte Sie unbedingt wiedersehen. Wann haben Sie Zeit?“ „ Das sieht schlecht aus, im Moment habe ich wirklich furchtbar viel zu tun“, versuchte ich abzublocken. „Und außerdem fahre ich jetzt erst mal für drei Monate ins Ausland“, fügte ich noch hinzu und hoffte, ihm damit den Wind aus den Segeln genommen zu haben. „Dann müssen wir uns vorher unbedingt noch einmal sehen“, ließ er nicht locker. Also jetzt musste ich wohl doch einmal etwas deutlicher werden. „Sie scheinen es anscheinend nicht zu verstehen“, sagte ich im forschen Ton, „ich möchte Sie nicht wiedersehen, vielen Dank für den Kaffee, aber das war’s.“ In dem Moment tauchte plötzlich meine Schwester auf und rief mit schadenfroher Miene „April, April.“ Ich schaute nur ungläubig von einem zum anderen und schnallte erst einmal gar nichts. „April, April“, sagte Dani noch einmal, „ Das ganze war ein Scherz. Thomas ist ein Arbeitskollege von mir.“ Langsam dämmerte es bei mir. „Nein, das glaube ich nicht“, lachend stürzte ich mich auf sie und bedachte sie mit den erstbesten Schimpfwörtern, die mir in den Sinn kamen.
„Tja“, meinte sie nur, „man sollte eben niemals nie sagen.“

© Februar 2002 by Sylvia Klinzmann

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