Körtner, Raimo: Rauch

Der Rauch der schlechten Zigaretten verschlägt sich kalt und schwer in die Tiefe des menschenleeren Raumes. Verloschene Reklame bedeutet die fortgeschrittene Zeit. Der Wirt macht das immer genau so.
Die Gläser sind leer, Rechnungen beglichen.
Ein männlicher Junge, ein jungenhaft sich gebender Mann. Letzte Gläser am letzten besetzten Tisch.
Es ist ein leises Gespräch, fast Flüstern nur, lang ist es aber und langsam und angespannt.
Der Mann: Sätze, Texte, bedeutungsschwer. Er ringt nach Worten. Spricht aus, bekräftigt, nimmt zurück, wiederholt sich. Seine Brauen schwimmen im Konzert erregter unterhäutiger Muskelstränge, die sein Gesicht ausmachen, das dunkel war, zuerst, und nun zum Lächeln sich aufhellen will, Wort um Wort. Der Körper scheint zu wachsen, wird gerader, löst sich aus bestimmter Korrektheit nach oben, dann auch nach rückwärts, läßt die Starre endlich vermissen. Kann man das Atmen hören?
Der Junge: hört zu, Antenne für einen Monolog. Das Spiel des Gesichtes verrät nichts. Unruhig sind die Beine, unsichtbar unter dem Tisch, Stellungswechsel der Schenkel, beiläufig vielleicht. Der Oberkörper hat sich an die Lehne geheftet. Die Augen reden: Erzähl es mir. Ich habe vor zuzuhören. Wenigstens höre ich erst einmal zu.
„Gib mir die Schlüssel. Ich fahre dich noch.“ Die Gläser sind leer, Rechnungen beglichen.

© 1996 by Raimo Körtner

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