Mayer, Stephanie: Opa und die Schokonuss-Creme

Es ist verblüffend, wie gewitzt ein fünfjähriges Kerlchen es beherrscht, Großeltern nach seiner Pfeife tanzen zu lassen, sie aber anschließend damit nicht zur Weißglut zu treiben.
Ich spreche von meinem Sohn Lars. Hin und wieder verbringt er die Nacht von Samstag auf Sonntag bei meinen Eltern, die ihren Enkel übrigens abgöttisch lieben und ihn leider auch ein klein wenig mehr verwöhnen, als üblich.
Letzte Woche Sonntag passierte etwas, was mich nachdenklich stimmte und mich an meiner Erziehung zweifeln ließ.

Am Sonntagmorgen deckte Mutter liebevoll den Frühstückstisch. Die Quantität glich dem Frühstücks-Buffet eines 5-Sterne-Hotels. Diverse Wurst- und Käsesorten standen zur Auswahl, mindestens vier Fruchtarten an Marmeladen und Konfitüren eiferten in ihren Farben um die Wette und im Brotkörbchen lagen frische, selbstgebackene warme Brötchen. Nach einer liebevollen Weckarie schlurfte mein Sohn in die Küche. Der Kakao war warm und Mutter goss meinem Filius etwas in die Tasse. Der blickte derweil suchend auf dem Tisch herum. „Möchtest du Salami?“ fragte Mutter. „Nö“, kam es kurz von Lars. „Möchtest du Butterkäse?“ wollte nun Vater wissen. Stumm schüttelte Lars seinen Kopf und zog die Nase kraus. „Möchtest du Erdbeermarmelade?“ Langsam waren die beiden mit ihrem Latein am Ende. „Nee“, war alles, was Lars zum mehr als reichhaltigen Angebot zu sagen hatte. „Was möchtest du denn?“ fragte Vater und öffnete den Kühlschrank. Gähnende Leere, logisch, denn der Inhalt stand auf dem Tisch. „Schokonuss-Creme“, verlangte mein Sohn. Vater und Mutter schauten sich entsetzt an. Schokonuss-Creme! Wie um alles in der Welt konnten sie nur den Lieblingsbrotaufstrich ihres Enkels vergessen? Hektisch öffnete Mutter alle Schränke, in der Hoffnung, noch irgendwo in einer Ecke ein Glas zu finden. Fehlanzeige! Das schlechte Gewissen nagte an ihr. Auch die angebotene Tafel Schokolade – als Ersatz – wurde abgelehnt. Energisch stand Vater auf. „Anna, wenn der Junge Schokonuss-Creme haben möchte, dann bekommt er sie auch, wäre doch gelacht.“ „Aber Oskar, es ist Sonntag, die Geschäfte haben geschlossen“, erinnerte meine Mutter und ließ ratlos ihre Arme hängen. „Aber es gibt noch Tankstellen und Kioske. Irgendjemand wird ja wohl Schokonuss-Creme haben.“ Flugs schnappte er sich seinen Autoschlüssel und machte sich auf den Weg. Drei Kioskbesitzer schüttelten verneinend ihr Haupt. Schokonuss-Creme gehöre nicht zu den häufig nachgefragten Produkten. Er solle es doch mal bei einer Tankstelle versuchen, oder in einer Bäckerei. In nächster Umgebung gab es eine große Tankstelle mit einem modernen Multistore. Die gut gefüllten Regale glichen denen eines Lebensmittel-geschäftes. Ungelogen hätte man hier einen Wocheneinkauf tätigen können, aber zu welchen Preisen! Das Fach der Schokonuss-Creme war leer. Keineswegs entmutigte dies meinen Vater. Ihn packte das Jagdfieber. Die Bäckerei in der nächsten Straße hatte geschlossen und die Konditorei – nur fünf Minuten entfernt – machte Betriebsferien. Schon bei der nächsten Tankstelle aber wurde die Aktion mit Erfolg gekrönt. Das Glas kostete zwar fast doppelt soviel wie im Supermarkt, aber was tat Opa nicht alles für seinen einzigen Enkel. Nach über einer Stunde kehrte er samt Glas stolz an den Frühstückstisch zurück. Meinem Filius hatte die ganze Aktion zu lange gedauert. Er saß mit marmeladenverschmierten Mund satt auf seinem Stuhl und mochte keine Schokonuss-Creme mehr. Verständnisvoll nickend stellte mein Vater den Brotaufstrich in den Schrank. Dann hatte man eben für das nächste Mal wenigstens etwas in Reserve.
Am Nachmittag erzählte mein Filius stolz, was Opa am Morgen für eine „Äkschen gemacht hatte“. Innerlich musste ich lachen, denn aus seinem Kindermund klang es wirklich zu drollig. Ich biss mir auf die Lippen, um ernst zu bleiben. Nicht um alles in der Welt durfte ich ihm eine schmunzelnde Mama zeigen. In strengem und erzieherischem Ton versuchte ich ihm klar zu machen, dass sein Benehmen nicht in Ordnung war. Aber mit seinen fünf Jahren ist er noch viel zu klein, dies zu verstehen, dachte ich, und außerdem: Wenn die Großeltern sich auf so etwas einließen, müsste man ihnen den Vorwurf machen. Nachdem ich mit meinen Ausführung fertig war, schlang er seine kleinen Ärmchen um meine Hüfte. Liebevoll strich ich ihm über seinen Haarschopf. Warme Muttergefühle durchfluteten meinen Körper. Plötzlich schaute er zu mir hoch. „Aber klasse fand ich es trotzdem“, sprach’s und düste ab ins Kinderzimmer.

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Stephanie Mayer, © September 2000

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