Nadine: Blut an den Händen

So viele Erinnerungen aus der Vergangenheit stiegen in ihr auf, als sie neben ihm im Licht der Laterne auf der Bank saß. Sein Gesicht wirkte makellos, blass und schön und seine grünen Augen leuchteten, wie dunkle Sterne. Er zog sie in seine Arme und wischte ihr die Tränen fort. Das hatte er noch nie getan. Noch nie hatte
er die körperliche Distanz zwischen ihnen überwunden. Geistige Barrieren hatte es noch nie zwischen ihnen gegeben. Beinahe musste sie lachen, aber sie hatte Angst, er würde sie dann loslassen. Sie kannten sich erst seit drei Wochen -Nein, sie kannte ihn nicht wirklich, aber er kannte sie erstaunlich gut und gab ihr das Gefühl ihm vertrauen, ihm alles sagen zu können und deshalb war es ihr egal, dass er aus dem Nichts aufgetaucht war und nie viel über sich redete. Auch die Angst, die er ihr manchmal machte, eine Angst, die sie nicht erklären oder begründen konnte, konnte sie nicht davon abbringen sich mit ihm zu treffen.
Manchmal schlich er sich an ihrem Treffpunkt heimlich an sie heran und wenn sie erschrak, sagte er
immer: „Du bist ein richtiger Feigling. So wirst du es nie zu etwas bringen! „Sie fühlte sich dann immer gekränkt, obwohl sie wusste, dass er recht hatte.

Einmal hatte er es ihr erklärt: „Deine Angst lähmt dich und hindert dich daran, das zu tun, was richtig für dich
ist.“ Er hatte ihren Arm genommen und den Ärmel hochgezogen. Lange, wulstige Narben zogen sich über
ihren gesamten Unterarm.
„Das hast du dir selbst zugefügt, Mädchen. Warum?“
Sie hatte ihm den Arm entrissen, Tränen schimmerten in ihren Augen. Sie kannte die Antwort. Tief in ihr
drinnen, machte sich das Bewusstsein breit, aber sie schluchzte nur leise, brachte kein Wort heraus. Er
sprach für sie, wobei seine Stimme ruhig und sachlich war.
„Du besitzt etwas, das dich daran hindert die Demütigungen, die er dir zufügt einfach hinzunehmen. Stolz!“
Er legte die Hand unter ihr Kinn und zwang sie, ihm in die Augen zu sehen. Sie waren unergründlich in ihrer
dunklen Tiefe. Er fuhr etwas lauter fort: „Es ist dein Stolz, der dich dazu zwingt dir selbst Schmerzen
zuzufügen, wenn du dich wieder einmal nicht gegen seine Schläge gewehrt hast. Ist es nicht so?“
Sie hatte nur gewimmert und nach einer halben Ewigkeit drückender Stille hervorgepresst: „Ich will mich ja
wehren, aber ich kann es nicht…Er ist stärker, als ich. Ich kann es nicht…“
„Aber du willst es. Er hat nicht das recht dazu dir weh zu tun! Oder doch?“ Sie hatte hilflos den Kopf
geschüttelt. „Dann musst du etwas dagegen unternehmen. Er muss bestraft werden!“

Bestraft werden! Er brachte ihr bei, dass sie es nicht zulassen durfte gedemütigt zu werden. Er brachte sie
dazu sich ihrer Schwäche zu schämen, sich dieser Scham bewusst zu werden.
Sie fragte nicht mehr danach, woher er soviel über sie wusste, oder wo er hergekommen war. Sie hörte nur
zu und erzählte. Sie begann langsam zu leben -Abends, wenn sie sich heimlich mit ihm traf. Dann ging sie
nach hause, schlich hinein und hoffte, dass er schlief. Schlief er nicht, fragte er wo sie war. Sie antwortete
nicht, ließ die Schläge und die Demütigungen zunächst noch über sich ergehen, immer an den nächsten
Abend denkend. Dann begann sie sich zu wehren, schlug zurück und wurde schlimmer, als zuvor
verdroschen. Manchmal konnte sie vor Schmerz nicht schlafen, manchmal wollte sie ihn dafür töten, was
zunächst ein weit entfernter Gedanke war, der aber immer mehr an Gestalt gewann und sie nicht mehr losließ.

An diesem Abend hatte sie die endgültige Entscheidung getroffen. Er war später, als gewohnt erschienen und
hatte gesagt, dass es fortgehen würde. sie hatte ihn angefleht sie mitzunehmen, aber er schüttelte nur den
Kopf. „Nicht so! Nicht bevor du endlich deine Angst überwunden hast. Ich umgebe mich nicht mit Feiglingen,
auch nicht mehr mit dir!“
Sie hatte ihn gefragt, was sie tun sollte und er hatte nur leise gelacht und gesagt, dass sie die Antwort
kenne. „Du musst ihn töten!“
Sie hatte verzweifelt den Kopf geschüttelt. Es war unerträglich dies zu hören. Noch schlimmer, als der bloße Gedanke daran. Gedanken konnte man so leicht bei Seite schieben, aber diese Worte hallten unnachgiebig und grausam in ihrem Kopf weiter.
„Das wäre falsch, unmoralisch! Ich darf doch keinen anderen Menschen…“ Wieder ein kaltes Lachen von
ihm. „Moral? Falsch? Lässt du dich von solch billigen, gesellschaftlichen Normen lenken? Merkst du denn
nicht, dass genau das, der Grund deiner Schwäche ist? Warum ist er stärker, als du? Weil er gegen alle
Normen verstößt!“
Sie hatte ihm erklären wollen, dass das der Grund war, warum sie ihren Vater hasste und nicht lieben konnte
und dass sie, wenn sie genauso handelte, nicht besser war, als er, aber seine Lösung war letztendlich doch so einfach, so klar,
dass sie diesen Gedanken einfach irgendwo tief in ihrem inneren vergrub. Er war für sie da. Der einzige Mensch, der sich um sie
kümmerte und er bot ihr eine Lösung, die sie annehmen würde.
„Ich werde es tun! Sag mir nur, wie.“
„Das musst du selbst herausfinden! Wenn du es schaffst, nehme ich dich mit.“

Jetzt saß sie da und weinte in seinen Armen, bis ihre Tränen versiegt waren und er sie losließ, um ihr in die
Augen zu schauen.
„Morgen früh legt meine Jacht vom Hafen ab. Das Schiff heißt Raven und läuft um sechs Uhr aus. Ich
erwarte dich.“
Ohne ein weiteres Wort ging er und Ließ sie allein mit ihren Gedanken.

Sie schlich ins Haus und wagte es nicht, das Licht anzumachen. Er schlief schon. Leise tastete sie sich
durch die Dunkelheit in die Küche vor und machte Licht. Es war bereits vier Uhr und sie hatte keine Zeit zu
verlieren. Sie griff in die Schublade und tastete nach einem gösseren Messer. Würde sie genug Kraft haben
es ihm ins Herz zu stossen? Was war, wenn er vorher aufwachte? Ein Geräusch ließ sie herumfahren.
Als hätten ihre Gedanken sie verraten, stand ihr Vater plötzlich in der Tür. Unvermittelt musste sie daran denken , dass Wölfe Angst riechen konnten. Hatte er ihre Angst gerochen? Er sah grotesk aus, nur mit einer schmutzigen Unterhose bekleidet, den
widerlich behaarten, fetten Bauch hinüberhängend. Das Gesicht aufgedunsen, mit geschwollenen, roten
Augen. Die letzten Reste seines Haares klebten ihm fettig an der dummen, flachen Stirn. Sie musste fast
würgen, bei dem ekeligen Geruch, von Schnaps, Bier und Erbrochenem, der zu ihr hinüberdrang, als er mit
heiserer, aufgebrachter Stimme fragte: „Was machst du, mitten in der nacht, in der Küche, du kleine
Schlampe?“
Sie antwortete nicht, sah ihn nur stumm an, wobei sie mit ihrer zitternden, rechten Hand verzweifelt den kalten
Griff, des Messers umklammerte.
„Antworte gefälligst!“ Er machte einen bedrohlichen Schritt auf sie zu und sie wich instinktiv zurück. Jetzt
brüllte er: „Den ganzen Tag hast du nichts getan. Treibst dich rum. Komm her, du kleine Hure!“ Er hob die
Hand zum Schlag und stürzte auf sie zu. Er hatte das Messer nicht bemerkt. Ohne zu überlegen hob sie es,
stach zu und spürte, wie es durch das wabbelige, stinkende Fleisch seines Bauches drang. Er heulte laut
auf. Er war zu schnell gewesen. Sie hatte es nicht hoch genug heben können, um richtig zu treffen. Er
torkelte und versetzte ihr einen Schlag, der alles vor ihren Augen verschwimmen ließ. Seine Schreie waren
schrill und nicht mehr menschlich. Mit seinen ungeschickten, fetten Händen, versuchte er das Messer
herauszuziehen. Sie kroch über den Boden, der rot und nass von seinem Blut war und glitt aus. Zu ende
bringen -Sie musste es zu jetzt zu ende bringen. Er sollte aufhören zu schreien. Es machte sie wahnsinnig.
ihre Ohren schmerzten. Sie zog sich an einem Schrank hoch, tastete und ergriff den erstbesten Gegenstand,
der sich ihr bot. Eine Pfanne. Sie war schwer, es würde gehen. Sie fuhr herum. Er taumelte, lag noch immer
nicht auf dem Boden. Sie schlug mit aller Kraft zu und hörte das Knacken, seiner brechenden Nase. Sie
schlug weiter, immer und immer wieder in sein verhasstes Gesicht. Dabei brüllte sie: „Hör auf zu schreien!
Hör auf zu schreien! Du machst mich wahnsinnig! Hör auf zu…“ Sie konnte nicht aufhören ihn zu schlagen.
Auch, als er regungslos am Boden lag, schlug sie weiter auf ihn ein und mit jedem Schlag wurde die
schreckliche Euphorie, die sie beschlich, stärker. Sie spürte und hörte das Knacken, der brechenden Knochen.
Sie schlug, bis sie die Kraft verließ und sie zu Boden sank. Es schien eine Ewigkeit zu vergehen, bis sie
wieder ruhig atmen konnte und sie es wagte ihn anzusehen. Erst jetzt wurde ihr bewusst, dass sie mit
geschlossenen Augen zugeschlagen hatte.
Er, oder das, was von ihm übig war, lag auf dem Rücken und rührte sich nicht. Arme und Beine waren
grotesk verdreht und sein Gesicht bis zur Unkenntlichkeit zerschmettert. Zwischen dem ganzen Blut trat
Gehirnmasse aus der gebrochenen Schädeldecke heraus. Wo sein rechtes Auge gewesen war, war nur noch
eine leere, blutige Höhle. Das andere Auge starrte sie blutunterlaufen und in namenlosem entsetzen an. Sie
würgte und erbrach sich auf den Boden. Der Geruch des Blutes und des Erbrochenen schnürten ihr die
brennende Kehle zu. Sie rannte hinaus und knallte die Küchentür hinter sich zu, als wolle sie etwas davon
abhalte, ihr hinaus zu folgen. Keuchend lehnte sie an der Wand und starrte auf das Blut an ihren Händen
und ihrer Kleidung. Sie würgte wieder, aber es war nichts mehr in ihrem Magen. Sie lief, taumelnd die Treppe
hinauf und riss sich die Kleidung vom Leib.

Das kalte Wasser, das ihr aus der Dusche über den Körper lief und das Blut abwusch, ließ sie langsam
wieder klar denken. Ihr wurde bewusst, was sie getan hatte, aber statt Entsetzen spürte sie nur noch eine
tiefe Befriedigung. Sie hatte sich von ihm gelöst. Ihn bestraft. Jetzt hatte sie keine Angst mehr, jetzt würde
er sie mitnehmen. Jetzt würde sie leben. Und dennoch konnte sie die tränen nicht mehr zurückhalten…

©2000 by Nadine

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