Pandorra: Compumanie

Dieses Summen macht mich wahnsinnig. Dieses stetige Summen als wenn ein Schwarm Fruchtfliegen durch meine Ohren saust. Ich höre es immer. Jeden Tag, jede Nacht höre ich dieses schreckliche, monotone Summen, das sich tief in meine Gehörmuschel eingenistet hat, um mir das Leben zur Hölle zu machen.

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Schauen Sie nicht so ungläubig. Sie wissen doch, wovon ich rede.
Wo man auch hingeht, man hört es überall; bei romantischen Abenden im Planetarium, in der Sauna oder wenn man im Supermarkt vierzig Minuten an der Kasse steht, um seine Schachtel Zigaretten zu bezahlen. Aus diesem Grund gehe ich auch nicht mehr aus dem Haus. Meine kleine Wohnung ist stets verdunkelt, damit bloß kein Summen von außen in mich und meine Einsamkeit eindringt.

Geschlafen habe ich schon lange nicht mehr. Zum einen weil das Summen mich nicht läßt, zum anderen weil es sich, selbst wenn mich die Erschöpfung zwingt, die Augen zu schließen, in meine Träume drängt und aus jedem dieser ein Horrorerlebnis macht, aus dem ich schweißgebadet erwache.
Sie müssen nicht denken, ich sei ein überdrehter Spinner. Auch ich war –wie Sie- einmal ein ganz normaler Mann. Ich hatte eine bildhübsche Frau, die mir stets all ihre Liebe zuteil werden ließ, und zwei hochintelligente Kinder. Ich arbeitete als Filialleiter eines Vertriebs für Comuterzubehör. Wir waren eine sehr glückliche Familie, als ich zum ersten Mal das Summen wahrnahm. Doch als ich endlich verstand, woher es kam, war es schon zu spät.
Warum bemerkt niemand außer mir, was hier vor sich geht? Bin ich der letzte Ritter in einer computergesteuerten Welt? Begreift ihr nicht, daß eure Gehirne vernetzte Festplatten sind, mit einem Betriebssystem, das Bill Gates –sofern er davon wüßte- sich im Grabe umdrehen ließe? Ihr seid zu Maschinen geworden, die von Maschinen gesteuert werden. Der euch implantierte Virus frißt sich durch eure Festplatten, beißt sich fest und vernichtet jede eigenständige, menschliche Funktion eures Verstandes. Eure Augen sind nicht mehr als Monitore, denen Billiggrafikkarten vorschreiben, was sie zeigen dürfen. Eurer Arbeitsspeicher ist so gering, daß nur die notwendigsten und minimalsten Prozeduren durchgeführt werden können, so daß euch keine Chance zu Eigenständigkeit bleibt.
Ich weiß weder, wie es zu diesem übermenschlichen Ausnahmezustand kam, noch was ihn ausgelöst hat.
Vor einigen Jahren brach ein regelrechte Comutermanie aus. So wie unser Vertrieb für Zubehör blühte auch jeder andere auf. Aufträge konnten nicht mehr ausgeführt werden, weil das Personal und die Lieferanten völlig überfordert waren. Computerläden sprießen wie Pilze aus dem Boden. Bald gab es davon mehr als Lebensmittelgeschäfte und Supermärkte. Neue Technologien schienen sich fast von selbst zu entwickeln, denn täglich wurden die gestrigen als überholt dargestellt.
Doch das absurde war, je mehr aufgerüstet, umgebaut, eingebaut und installiert wurde, um so weniger liefen sie. Ein Börsenkrach jagte den nächsten; Rechner stürzen ab wie Raketen im zweiten Weltkrieg; jeder Einkauf wurde zum Desaster; weil die computergesteuerten Kassen ständig Probleme machten; sämtliche Firmen gingen pleite aufgrund dieser Dauercrashs der Börse und ihrer eigenen PCs.
Nur das Computergeschäft florierte. Während wegen der kollabierenden Wirtschaft alles immer teuer wurde, bekam man alles, was mit PCs zu tun hatte, regelrecht hinterher geworfen.
Aber es nütze nichts. Die Computer schienen beinahe eine abnormale Art von Eigenleben zu führen. Sie waren längst nicht mehr kleine, nützliche Helfer, um den Menschen das Leben zu vereinfachen, sondern zickige, gefräßige kleine Monster, die ihren Besitzer dafür benutzten, ihnen das zu besorgen, was sie brauchten. Und die Besitzer taten das so rigoros, daß man meinen könnte, sie befänden sich in einem hypnotischem Zustand.
Man fütterte sie unentwegt mit immer teuer werdenden Strom, den sie gierig verschlangen und von dem sie immer mehr wollten. Man bot ihnen schon fast an Luxus grenzende, exklusive Hard- und Software, um ihnen das Computerleben einfacher zu gestalten. Man sorgte dafür, daß sie ein helles Plätzchen hatten, damit sie sich auch wirklich wohl fühlten. Doch je mehr man begann, sie wie Menschen oder Haustiere zu behandeln, je mehr man für sie tat, um so zickiger und unberechenbarer wurden sie. Ihr Durst nach Strom und Hunger nach Soft- und Hardware steigerte sich schier ins Unermeßliche. Sie machten uns Menschen sich Untertan, damit wir auch nie vergaßen, sie zu füttern und die kleinen, weißen Tasten zu streicheln. Jeder Computer war zu einer Domina geworden und ab und an brach einer ihrer Sklaven unter den Torturen zusammen und landete in einer kleinen Holzkiste, um sich die Radieschen von unten anzusehen. Sie denken jetzt bestimmt: ‚Wie gut, daß es wenigstens da keine Computer gibt!‘. Irrtum. Die Liebe der Menschen zu ihren unkontrollierbar gewordenen, kleinen technischen Erfindungen ging soweit, daß man sich sogar mit ihnen begraben ließen.
Das war euer größter Fehler. Seid ihr Idioten nie auf den Gedanken gekommen, daß sie sich ihr erworbenes Eigenleben nicht so schnell wieder wegnehmen lassen? Meint ihr, die kleinen Biester lassen sich so einfach wieder abschalten? Was, ich bin doch ein überdrehter Spinner? Wie ihr meint, ihr werdet schon sehen. Aber ich sage euch, sie können ohne Strom leben. Ich weiß das. Meine Festplatte ist noch nicht verkalkt. Ich hab es mit eigenen Augen gesehen. Sie haben im Laufe der Zeit eine Möglichkeit gefunden, ihre Energie aus Maden und Würmern zu gewinnen. Ihr habt ihnen zu viel beigebracht. Und jetzt tut ihr so als wäre alles in Ordnung, während sie ihre Pläne zur Übernahme der Weltherrschaft schmieden und spezifizieren.
Jaja, lachen Sie nur. Ihnen wird das Lachen schon noch vergehen. Aber sagen sie nicht, ich hätte sie nicht gewarnt. Ich kann warten. Was soll ich auch sonst tun in diesem kleinen Raum mit einem Bett, einem Tisch mit zwei Stühlen und dem kleinen vergitterten Fenster?
Tja, und nun stehe ich hier und schau mir die karierten Hochhäuser an, während das Summen der Milliarden Rechner in dieser Stadt nach und nach jede einzelne meiner Gehirnzellen betäubt.

„Bill“ … „BIIIILLLL, SCHALTEN SIE ENDLICH DAS HÖRGERÄT EIN. ES IST ZEIT FÜR IHRE PILLEN!!“

© by Pandora, 2001

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