Pandorra: Hypochonder

In einem Meer aus roter Farbe liege ich gebettet. Das Röcheln in meinem Hals erschwert mir das Atmen. Mein Magen protestiert immer noch gegen die letzte Nahrungsaufnahme. Mein großer Zeh ist lila. Meinen rechten Arm spüre ich seit der letzten Onanie vor 15 Jahren nicht mehr. Meine Beine wollen schon lange nicht mehr laufen, muß an den Thrombosen liegen. Aber ich habe mich niemals beschwert. In all den Jahren schwerster Erkrankungen und Schicksalsschläge hätte ich es niemals gewagt, mein Unbehagen laut zu äußern. Ich bin ein harter Mann.

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Alles fing ganz harmlos an. Heuschnupfen. Keine wirklich schwere Krankheit, wenn man von den unerträglichen Schmerzen absieht, die durch die min. 23 Minuten andauernden Niesattacken hervorgerufen wurden. Aber wie gesagt, das war noch harmlos. Bis eines Tages meine Frau feststellte, das mein kleiner Vulkan nicht mehr als ein mit heißer Luft gefüllter Ballon war. Er hatte aufgehört zu spucken. Das war natürlich ein Schock. Erst dachte ich – wie jeder andere es wohl auch getan hätte- meine Frau wäre Schuld. Wer sonst? Ich ging also zu einer Professionellen, damit sie mir die Schuld meiner Gattin bestätigen konnte. Tat sie aber nicht. Glaube ich zumindest. Auf jeden Fall hat sie ziemlich laut gelacht. „Man muß den Dingen immer das positive abgewinnen.“ dachte ich mir und freute mich wie ein kleiner Junge darüber, daß jetzt wenigstens die Seiten der „Praline“ immer sauber blieben. Als dann der Schmerz in meinem linken Hoden eintrat, machte ich mir um die liebreizenden PinUps in meiner mastrubationsfördernden Lektüre nur noch wenig Gedanken. Es tat zu weh, um Hansi (so pflegte ich meinen kleinen Ex-Vulkanier zu nennen) etwas gutes zu gönnen. Wieder einmal, versuchte ich das Positive zu sehen und malte den rechten Hodensack gelb an. Als Malermeister weiß man eben, daß braun und blau einfach nicht zusammen passen.
Meine Frau ist nicht mehr hier. Ich glaube sie hat einen gefunden, dessen Hoseninhalt nicht wie ein Osternest aussieht. Ich gönne es ihr. Ohne sie und die Kinder ist es schon etwas einsam. Aber meine Krankheiten halten mich glücklicherweise vom Nachdenken ab. Da bleibt keine Zeit für Kinder, Ehefrauen oder Geliebte. Ständig muß man Fachzeitschriften lesen, um auf dem neusten Stand zu sein, was den medizinischen Fortschritt anbelangt. Außerdem überprüfe ich alle 5 Minuten Puls und Blutdruck. Wenn mein Herz schon stehen bleibt, will ich es wenigstens wissen. Außerdem kann ich ja eh nur noch den linken Arm bewegen, Hansi hat aus Frust den Türsteherjob an den Nagel gehängt und Schmerzen habe ich sowieso überall.
Aber ich beschwere mich weder über das Hämmern im Kopf, noch über das Pulsieren in meinen Schultern, auch nicht über das Rumoren in meinem Magen oder die Schmerzen beim Schlucken. Auch über die wehenähnlichen Ausschüttungen überflüssiger und zu Haufen produzierter Gase beschwere ich mich nie. Ich bin ein harter Kerl. Impotent und invalid, aber hart.
Langsam wird mir schummrig. Ich erkenne mit dem letzten Funken Denkvermögen, daß das gar keine rote Farbe ist, in der ich liege. Was macht das Messer da? Wenn ich mich nur bewegen könnte. Ein harter Mann wie ich wählt doch nicht freiwillig den Suizid. Langsam geht das Licht aus.
Der Vorhang fällt. Ich kann mich zwar nicht verbeugen, aber ich lächle. Ich bin ein harter Kerl.
Impotent und invalid, aber hart.

© Pandora, 2001

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