Paulini, Simone: Angelina

Alles begann an einem trüben Novembervormittag, dem Tag, an dem ich meinen Job verlor. Ich sei zu alt, hieß es auf einmal, die Firma wolle neue, junge Kräfte mit umfangreichen Computerkenntnissen einstellen. Ich wurde nicht mehr gebraucht. Saß von heute auf morgen auf der Straße. Eine fast alltägliche Geschichte, sagen Sie da? Das mag sein, doch für mich ist an jenem Tag eine Welt eingestürzt. Plötzlich arbeitslos. Keine Aussicht auf einen neuen Job. Und meine Frau hat mich dann auch noch verlassen. Mit einem solchen Versager wolle sie nichts mehr zu tun haben, wie sie mir noch kurz mitteilte. Bevor sie mit gepackten Koffern und ihrem Porsche fahrenden Psychiater verschwand. Ich habe sie nicht mehr wieder gesehen.

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Doch zurück zu dem Tag, an dem ich mich in die lange Reihe der Arbeitssuchenden einreihte. Was genau ich nach Erhalt der Kündigung gemacht habe, weiß ich nicht mehr. Ganz schattenhaft sehe ich Bilder von Kneipen und Bierkrügen, unzähligen Bierkrügen, vor mir. Und spätnachts mein Gang durch die Kölner Altsstadt. Irgendwann bin ich dann im Rotlichtviertel gelandet. Eigentlich wollte ich ja gar nicht, wollte nur an den Mädchen vorbeilaufen, doch…Nun ja, schließlich zog ich mit Angelina zusammen. Sie ging nachts weiterhin „arbeiten“, um das nötige Geld für die Wohnungsmiete zu verdienen, während ich mich dafür um den Haushalt kümmerte. Langsam fing ich an, wieder glücklich zu werden und einen Sinn in meinem Leben zu sehen. Doch auch dieses neue Glück sollte mir bald genommen werden. Warum immer mir das alles passieren muss, weiß ich nicht. Dabei hatte mein Leben doch so verheißungsvoll begonnen, denn schließlich war ich ein Sonntagskind. Nun, aber das interessiert Sie sicher nicht und hat ja auch nicht viel mit meiner eigentlichen Geschichte zu tun.
Eines Tages kam es zu einem heftigen Streit mit Angelina. Worum es in dem Streit ging, möchte ich hier nicht erzählen. Es ist auch ganz egal. Wichtig ist nur, dass die Auseinandersetzung so schlimm war, dass sie mit Angelinas Auszug endete. Sie ist dann zu ihrem neuen Freund nach Düsseldorf gezogen. Für mich ein wahres Dejá-vu -Erlebnis, denn hatte meine Frau mich nicht wenige Monate zuvor auf die gleiche Weise verlassen? Ich, der ich immer ein ruhiger, ausgeglichener Mensch war, der auch in den schlimmsten Situationen stets einen kühlen Kopf bewahrt hatte, konnte plötzlich nicht mehr klar denken. Es war zu viel für mich. Erst der Jobverlust, dann das Verlassenwerden durch meine Frau du schließlich Angelinas Auszug. Ich fühlte mich nutzlos, uralt und wie ein völliger Versager. Ein Loser auf ganzer Linie.
Ich begann zu trinken, sehr viel zu trinken. Mein Lebensinhalt bestand nur noch darin, möglichst viel Alkohol zu konsumieren, um meinen Geist so zu benebeln, dass ich an nichts mehr denken, nichts mehr fühlen musste. Spätnachts dann immer meine Anrufe bei ihr, in der Villa ihres steinreichen Spielhallenbesitzerfreundes in Düsseldorf. Habe ihr vorgejammert, sie solle endlich zu mir zurückkehren. Doch was ich auch gesagt habe, es hat nichts gebracht. Sie ist nie zurückgekommen. Irgendwann fing sie an, den Telefonhörer aufzulegen, sobald sie nur meine Stimme hörte.
Schließlich wurde mir klar, dass ich Angelina hasste, hasste für das, was sie mir angetan hatte. Dafür, dass sie ein schönes Leben in einer Villa zusammen mit einem schwerreichen Mann führte, während es ihr vollkommen egal war, dass ich immer mehr verelendete. Ich verspürte nur noch den Wunsch, diese Frau zu verletzen. Ich wollte ihr zeigen, wie es sich anfühlt, wenn einem das Leben zerstört wird. Leider ging mein erster Plan völlig daneben. Dabei war er doch so genial. Ich hatte jemanden damit beauftragt, sich Angelina als vermeintlicher Freier zu nähern und ihr dann eine hochkonzentrierte Salzsäure aus einem Fläschchen ins Gesicht zu schütten. Ihre Haut wäre für immer entstellt gewesen. Doch dieser Trottel, der den Plan ausführen sollte, hat mich hereingelegt. Er teilte mir mit, dass die Sache erledigt sei, doch als ich Angelina und ihren Freund einige Wochen später überraschend in der Kölner Innenstadt traf, musste ich feststellen, dass Angelina völlig unverletzt und ich sinnlos um 10.000 Euro ärmer geworden war. Bei dieser Begegnung wurde mir aber auch klar, dass ich Angie gar nicht mehr hasste, sondern sie doch wieder zurückhaben wollte. Deshalb musste der Spielhallenbesitzer beseitigt werden. Doch wie? Wieder beauftragte ich jemanden, doch diesmal ging es um Mord. Ich erzählte dem mehrfach vorbestraften Mann, er solle in die Villa des Spielhallenbesitzers eindringen, einige Wertgegenstände mitnehmen und ihm eine Flüssigkeit ins Gesicht schütten, die ihn angeblich für eine kurze Zeit betäuben würde. Was ich ihm nicht erzählte, was, dass diese Flüssigkeit den Mann töten würde. Mein Auftrag wurde erfolgreich ausgeführt, wie ich am nächsten Abend in den Nachrichten erfuhr. Schuldgefühle habe ich keine, doch wirkliche Erleichterung verspüre ich auch nicht. Und gebracht hat es nichts. Ich weiß, dass ich Angelina nie zurückbekommen werde, auch jetzt nicht, wo ihr neuer Freund tot ist.
Heute morgen habe ich dann im Radio gehört, dass der Mann, den ich mit der Ermordung beauftragt hatte, alles gestanden hat.
Wahrscheinlich wird die Polizei bereits in wenigen Stunden vor meiner Tür stehen, um mich zu verhaften. Doch sie wird nur noch diesen Bericht vorfinden. Und meinen Leichnam.

© 2003 Copyright by Simone Paulini (2003)

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