Rana: Natürlich muss es sein

Natürlich muss es sein!
Natürlich ist es wichtig! Wieso soll gerade ich keins haben? Alle haben es schon, ich nicht? Das alleine ist doch Grund genug! So wie früher, wenn Mutti sagte: Was Andere haben ist mir egal, du bekommst es nicht! Nee! Heute bin ich „gross“, und kann selber bestimmen, ob ich die Handtuchecke zum Gesichtwaschen nass mache oder den Waschlappen benutze, (den ich natürlich gar nicht besitze) selbst was ich bezahlen muss, bestimme ich … und manches Mal auch wann.

Ein Handy muss her! Her zu mir!
Tarife, Verträge, Mogel – (um nicht ´Verarsch – ` zu sagen) Guthaben … durchgecheckt.. na Frau ´ergibt` sich und dann:
„Ich möchte gerne ein blaues Handy“.
Jung, flott, dynamisch, kompetent, der Telekommunikationsexperte. „Blau? Wo ist das Problem?“ Ich guck mir die Blauen an … nööö … das ist es nicht … nööö … das auch nicht … nööö. „Es ist doch Blau!“ sagt er. Ich sag: „Das Problem ist, dass das Blau nicht Blau ist!“ Er lacht. Ich nicht. „Ich finde es dezent“, sagt er „elegant, technisch perfekt“ Tja denke ich, technisch perfekt setze ich mal voraus, laut sage ich: „Ich will kein Dezentes! Elegant muss es auch nicht sein, (wie kann ein Handy denn elegant sein?) ich will ein Blaues … so´n richtiges Blau! Nicht Marineblau, nicht Wasserblau, nicht Himmelblau, nicht Babyblau, nicht Tintenblau, nicht Blaugrau, nicht so´n Mischblau … Blau eben! Ja, so Königsblau!!!“
Er grinst. Ich auch! … Pause! … Schulterzucken.
„Ach, … hab ich! sagt er, „Moment!“ Er kramt in der Abstellkammer und dann, fröhlich wie ein Kind bei dem Anblick eines blinkenden Kettenkarussels auf dem Jahrmarkt, hält er es hoch: Mein Handy! Das ist es! Blau! Metallic! Meins! Ich freue mich!
Glücklich, meinen Geschmack erraten zu haben lach (den Vertrag in der Tasche zu haben wohl auch) erledigt er die lästigen Formalitäten. Maaaan das dauert, ich will raus … telefonieren! Ich will gesehen werden … mit Handy!
Tja , was soll ich sagen, im Freien ohne Halogenlicht ist es nicht mehr so blau, blauer als alle anderen schon, aber nicht so blau. Jetzt stellen sich ganz andere Fragen. Wie hält Frau es am besten, dass man sieht, es ist ein Super-Blau-Frau-Handy ?
Klingelt es auch?
Test!
Ins ´In-Cafe`. „Hallo! Hallo? Kannst du mich hören? Hallo! Ja, ich verstehe dich ganz gut, es knackt etwas, aber sonst … ja es geht so. Ich rufe vom Handy aus an … trinke gerade Kaffee, … weiss ich nicht, .. 99 Pfennige die Minute… ja teuer schon … was soll’s …oki … ich leg mal auf … ach, … kannst du eben zurückrufen? Also Tschüs, bis gleich.
Auf dem Tisch, das Mobilfunkgeschäftsblau wiedergefunden, leuchtet es wie selbstverständlich vor sich hin. Es klingelt nicht. Ist es kaputt? Bestimmt ein Ladenhüter! Mist! Neidische Blicke von Nachbarns, glaube ich erkennen zu können, die ´Schwatten-Uralt-Geräte` um sich drapiert … da kann ich ja nur lachen!

Möööööönsch warum ruft er nicht zurück? Es muss klingeln! … Was heisst klingeln, es muss erst zweimal vibrieren und dann melodisch nach mir rufen …….
Upps! Drrrrrrrrrrrrrrrrrr! Drrrrrrrrrrrrrrrrrr! Mein overdressed Handy rührt sich wackelnderweise. Das Schlüsselbund klappert an der Untertasse, langsam lege ich die Zigarette aus der Hand, überprüfe die Blicke der Ladys beim wiederholten Mozartrufton, greife zum Telefon und ……… drücke den falschen Knopf. Prost Mahlzeit!
Schnell unbeobachtet den nächsten Knopf gedrückt … „ADAC-Pannen_Notdienst, was kann ich für sie tun?“ Oh Gott, auch das noch!
„Herr Ober, ich möchte bezahlen“. Eine Tasse Kaffee: 5.50 DM … passend zum Handy.
So, und nun ist das neue Spielzeug alt geworden, es klingelt sogar ab und zu, es freut mich immer noch, dass es so blau ist. Die Kommunikationssituation macht mich nicht mehr so aufregend glücklich. Dieses ´Überallklingeln` dieses ´Überallgestörtwerden` dieses nie ´Ichbinnichtzuerreichensagenkönnen` dieses ´ Immernahdransein`, gleichgültig , ob sich die Sonne von Trinidad auf meiner Haut ausbreitet, oder der westfälische Regen auf mich niederprasselt, macht mich verfügbar, ich fühle mich punktiert …..
Nein, ich behalte das Handy! Der Vertrag läuft ja auch noch … farketmez!

Copyright © 2000 by G.Klaßen

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