Siegle, Norbert: Der goldene Stein

Ein alter Mann saß auf einem großen Stein am Wegesrand. Ein kleiner Junge kam vorbei und blieb vor dem alten Mann stehen. Eine Zeitlang stand er so da und fragte dann: “ Warum sitzt du hier so ganz allein auf diesem großen, kalten Stein?“ Der alte Mann antwortete: “ Wenn ich lange genug hier sitze, wird sich dieser Stein in einen Klumpen aus reinem Gold verwandeln“. Aufgeregt lief der Junge in sein Dorf und erzählte dort die Geschichte vom alten Mann auf dem Stein. Doch keiner wollte ihm glauben.

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Wenig später kam ein Wanderer ins Dorf und erzählte dieselbe Geschichte. Neugierig geworden liefen die Dorfbewohner zu der Stelle, wo der alte Mann auf dem Stein saß. Und auch die Erwachsenen wollten von ihm wissen, was er denn da tue. Sie bekamen dieselbe Antwort wie zuvor der Junge. Ungläubig standen die Dorfbewohner vor dem alten Mann und wußten sich keinen Rat. Einer der Dorfbewohner meldete sich zu Wort: “ Der Alte ist doch verwirrt. Laßt uns gehen. Morgen wird er nicht mehr hier sitzen. Stein kann sich nicht in Gold verwandeln“. So zogen sie ab.
Am nächsten Tag trieb ihre Neugier die Dorfbewohner aber aufs Neue vor das Dorf. Und siehe da, der alte Mann saß noch immer auf dem Stein. Da kam ein weiterer Wanderer vorbei, und als er hörte, was dort vor sich ging, berichtete er seinerseits, daß er auf seiner langen Wanderung von einem entfernten Königreich gehört habe, in dem ein König lebe, der durch Berührung Wasser zu Wein werden lassen könne. Warum also nicht auch Stein zu Gold?
Der Wanderer hatte kaum ausgesprochen, da saßen auch schon alle Dorfbewohner auf einem Stein. Sofort entstand natürlich Streit, denn nicht alle Steine waren gleich groß. Und die Größe des Steins entschied schließlich über die Menge Goldes, die man mit nach Hause nehmen würde.
So saßen die Dorfbewohner neben dem alten Mann und warteten gespannt, ob sich unter ihnen der Reichtum schon mehrte. Doch es passierte nichts. Es wurde Nacht, und die Kälte fuhr den beharrlichen Steinsitzern in die Glieder. Außerdem waren alle hungrig und müde. Doch keiner wagte es seinen Stein zu verlassen. Zu groß war doch die Gefahr, dass sich während dessen ihr Stein in Gold verwandeln könnte. Aber auch die Nacht verstrich, und noch konnte keiner einen Erfolg vorweisen. Was vorher Stein war, war es jetzt immer noch. Einige Dorfbewohner wurden unruhig, und man beschloß den alten Mann zu fragen, wie lange es wohl dauern würde, bis das erste Gold sichtbar werde. Der alte Mann grinste und teilte ihnen mit, daß sich nicht jeder Stein in Gold verwandeln könne. Man müsse die Gabe besitzen, den richtigen Stein herauszufinden. Und der richtige Stein sei nun mal nur der, auf dem er sitze.
Die Dorfbewohner waren erzürnt, denn schließlich hatten sie eine Nacht umsonst der Kälte und dem Hunger getrotzt. Man beriet aber auch sofort, was man nun tun solle. Es mußte doch irgendwie möglich sein, den Alten zu überreden, ihnen den Stein zu überlassen. Ein Bewohner trat vor und sagte zu dem alten Mann: “ Ich gebe dir zwanzig Taler. Das ist viel Geld. Da du selber nicht weißt, wie lange du hier sitzen musst, bis sich der Stein in Gold verwandelt, würde ich das Geld nehmen und gehen.“ Sofort trat ein Zweiter vor und bot dem alten Mann dreißig Taler. So überboten sich die Dorfbewohner, bis man bei einhundertundfünfzig Talern angelangt war. Doch der alte Mann winkte ab und entgegnete: Wenn sich dieser große Stein in Gold verwandeln würde, sei dieser viel mehr wert als die gebotenen einhundertundfünfzig Taler. Warum solle er auf soviel Reichtum verzichten? Da bleibe er lieber noch eine Weile sitzen.
Da trat der Bürgermeister des Dorfes vor. Er war der reichste Mann im Dorf aber auch der unbeliebteste. Man munkelte, daß er einen Teil der Steuergelder für sich behielt. Anders konnte man sich seinen Reichtum nicht erklären.
Der habgierige Bürgermeister sagte zu dem alten Mann: „Ich weiß, was für ein Reichtum dieser Klumpen Gold bedeuten würde. Ich biete dir meine gesamte Talerschaft“. Der alte Mann fragte zurück wieviel das denn sei. Es waren stattliche 750 Taler. Er tat so, als müsse er sich das noch gut überlegen, und willigte dann ein.
Der alte Mann bekam die 750 Taler und der Bürgermeister setzte sich auf den für ihn nun so wertvollen Stein. Die restlichen Dorfbewohner rannten erzürnt in ihr Dorf zurück, denn wieder hatte der Bürgermeister alle übertrumpft. Der Bürgermeister saß nun auf seinem Stein und freute sich auf den bald goldigen Anblick. So saß er dort Stunde um Stunde, Tag um Tag, Monat für Monat, doch nichts passierte.
Während dessen saß der listige alte Mann schon längst auf einem neuen Stein vor einem anderen Dorf. Bald würde er sich zur Ruhe setzen und seinen Lebensabend in Wohlstand genießen können, dann aber auf weichen Samtkissen gebettet.]

© Copyright2000 by Norbert Siegle

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