Telestala: Er machte es gerne

Er war in den Bergen, tief in den Bergen, und das mitten im Norden Portugals. Er hatte 7 Stunden gebraucht um mit verschiedenen Zügen und einem Bus, die allesamt verdammt unbequem waren, von Porto an das Ziel seiner langen Reise zu kommen. Er war Deutscher. Er flog vom Flughafen Frankfurt 4 Stunden nach Lissabon, und dann noch, nach 1 1/2 Stunden Aufenthalt in Lissabon, circa 30 Minuten von Lissabon nach Porto, und es war übrigens das erste mal in seinem Leben überhaupt, das er flog… In Porto nahm er dann einen Bus zum Bahnhof, und er landete ausgerechnet im Ghetto Portos. Natürlich fuhr kein Zug mehr auch nur annähernd in die Richtung in die er mußte, also irrte er rund zwei weitere Stunden lang mehr oder weniger orientierungslos durch diese, nicht gerade einladenste Gegend dieser Stadt auf der Suche nach einer Pension, und das mit all seinem Gepäck, und geregnet hatte es natürlich auch noch.
Aber das Phänomen war ihm wohl bekannt. Kaum ging er irgendwo aus einer Tür, schon fing es an zu regnen. Er hoffte natürlich das dieses „Glück“ auf Deutschland beschränkt sei, zumal es am Anfang der Woche hier in Portugal bereits gut 37°C warm war, aber er wurde eines Besseren belehrt.
Ob das ein Omen war?
Auch am nächsten Morgen, als er zum Bahnhof ging um den Zug nach Mirandela zu bekommen, der schon um 07.55 Uhr losfuhr, regnete es, was auch sonst… Als wäre die Nacht nicht schon kalt genug gewesen, mit einem Zimmer ohne Heizung und einer Balkontür, die nicht richtig geschlossen werden konnte.


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Aber er wußte wofür er es machte, also machte er es gerne.

Also saß er nun im Zug nach Mirandela, von wo aus er dann mit einem Bus weiter zu seinem Zielort fahren mußte, weil die Züge nicht weiter fahren als bis nach Mirandela. Unterwegs mußte er zweimal umsteigen, in Regua und in Tua.
Es ging über 5 Stunden lang quer durch die „Pampa“, vorbei an zahlreichen Dörfern, oder besser gesagt: verfallenden Menschenansiedlungen, mitten in den Bergen. Hier und da sah man mal ein Kind im Schutt und Schmutz spielen, oder einen alten Mann, der den anderen alten Männern die noch mit ihm in dem Zug fuhren, etwas zurief, was er allerdings nur bruchstückhaft verstand, wenn überhaupt. Er kam sich sowieso während der ganzen Reise vor wie ein bunter Hund, denn er hatte blonde Haare. Das sah man außer bei Touristen sonst so gut wie gar nicht in Portugal, und schon gar nicht dort, wo er war. Und auch nicht, wo er hin wollte.

Er konnte ein wenig portugiesisch, doch es reichte hinten und vorne nicht aus um sich zu verständigen, also mußte er es immer wieder auf Englisch versuchen, doch auch dieser Sprache war hier so gut wie niemand mächtig, selbst bei diversen Informationsschaltern, die man überall finden konnte, war es praktisch hoffnungslos. Das war in Porto übrigens nicht anders als in mitten der „Pampa“.
Aber es gelang ihm doch irgendwie immer sich soweit verständlich zu machen, das er seinem Gegenüber mitteilen konnte, das er ein Zimmer zum Übernachten brauchte, oder eine Zugfahrkarte nach Mirandela, oder etwas zu trinken, oder welcher der Anschlußzug sei, oder was auch immer.

Aber er wußte wofür er es machte, also machte er es gerne.

Als er in Mirandela ankam, er spürte jede Sehne in seiner Gesäßmuskulatur, hatten die Züge insgesamt 40 Minuten Verspätung, und er konnte sich bei fünf alten Männern, die am Bahnhof standen, zum Bus durchfragen und wäre er auch nur eine Minute später gekommen, hätte er den Bus verpaßt und ca. drei Stunden dort festgesessen, doch er schaffte es noch, obwohl der Busfahrer den Motor bereits angeworfen hatte.
Nach nun gut sieben Stunden fahrt kam er endlich an, er mußte nur noch seine Pension finden, die ein freundlicher alter Mann ( wie sollte es auch anders sein… ) ihm hilfsbereit zeigte, oder um genauer zu sein, begleitete er ihn dort hin, hielt einen kurzen Plausch mit dem augenscheinlichen Besitzer und ging wieder.
Zum Glück waren nicht viele Worte notwendig, um verständlich zu machen das er ein Zimmer brauchte, denn er stand da im Café Transmontano, das zu der Pensao Transmontano gehörte, mit all seinem Gepäck und einem müden Gesichtsausdruck, da waren nicht mehr viele Worte nötig. Zum Glück konnte eine der fünf hier arbeitenden Personen einigermaßen Englisch, und ein zweiter konnte es zumindest gebrochen.
Jetzt war er in seinem Zimmer, in seiner Pension, in dem Ort, von dem er sich so viele Hoffnungen machte, aber natürlich nicht wußte, ob er enttäuscht werden würde, oder ob er zur Abwechslung auch mal Glück haben sollte. Dies alles würde sich innerhalb der nächsten Tage heraus stellen, aber jetzt war er erst einmal da, in Braganca.
Braganca war eine sich im Aufschwung befindliche Stadt, ziemlich groß, vor allem dort in den Bergen, dort wo er niemals eine Stadt wie diese vermutet hätte. Aber natürlich wußte er davon, sie war ja immerhin sein Ziel gewesen.
Doch warum wollte er gerade hier hin?
Er hätte überall hingekonnt. Nach New York, Schottland, England, Mallorca… egal. Aber er wollte nicht überall hin, er wollte nur hier hin. Das war für ihn vom ersten Augenblick an klar gewesen, als fest stand, das er eine längere Reise machen würde. Er hatte die freie Auswahl, immerhin hatte er einen großzügigen Finanzier, der ihm bei der Finanzierung für diese Reise kräftig unter die Arme griff. Außerdem lagen zwischen den Abschlussprüfungen und dem ersten Arbeitstag gut sieben Wochen in denen er im Prinzip nichts vor hatte. Abgesehen von seinem Nebenjob in der Eisdiele bei ihm im Ort, doch da konnte er sich dann doch für drei Wochen losreisen.
Für die Reise hier her.

Aber er wußte wofür er es machte, also machte er es gerne.

Während der gesamten Dauer der Reise ins Ungewisse hatte er ständigen Kontakt zu seiner besten Freundin in Deutschland, per SMS, per Telefon und natürlich per Post.
Er wollte sich schon lange ein neues Handy kaufen, denn sein altes Siemens C11E hatte schon überall Kratzer und Dellen, es war schwer, riesig und zu guter Letzt war auch noch der Akku kaputt, er mußte ihn alle zwei Tage neu aufladen. Und außerdem hatte sein neues Siemens, das S35i Silveredition, unmengen an nützlichen Funktionen, vom Wecker bis zum Organizer war alles dabei.
Diese Reise war dann auch der endgültige Auslöser, sich endlich dieses neue Handy zu kaufen, unter Anderem auch, weil es ein Dualband-Handy war.
Er hatte sich natürlich vorab schon über die in Portugal verfügbaren Handynetze informiert, und stellte fest, das TMN für seine Zwecke mit Abstand das günstigste war. Optimus war das „Luxusnetz“ und Telecel lag im guten Mittelfeld. Aber mal von den Preisen abgesehen hatte er hier in den Bergen mit TMN auch den besten Empfang.
Auf der Zugfahrt, etwa eine halbe Stunde vor Mirandela, bekam er aber eine Mail, die diesmal nicht von seiner besten Freundin kam. Sie kam von dem Grund, weshalb er überhaupt diese Portugalreise machte, sie kam von
– Ihr –
Sie hatte ein unnachahmliches Lächeln, wegen ihrer spitzen, vampirartigen Eckzähne im Oberkiefer. Sie wußte nicht, das er in gut zwei Stunden in ihrer Stadt sein würde. Sie wußte sehr wohl, das er nach Portugal kommen würde, aber keineswegs, das er in ihre Stadt kommen würde.
Sie wußte auch nicht, das er eigentlich nur wegen ihr da war, sie dachte, er würde nach Portugal kommen, um Urlaub am Meer zu machen.
Sie war übrigens Portugiesin, die aber in Deutschland lebte, wo er sie auch kennen lernte, aber ein Teil ihrer Familie war hier geblieben, also kam sie in mehr oder weniger regelmäßigen Abständen hierher.
In Deutschland waren sie und er schon lange Bekannte, doch erst seit einigen Monaten waren sie gute Freunde geworden. Sie arbeiteten zusammen in der Eisdiele, mailten sich des öfteren ( manchmal auch zu oft, was sich dann auf der Handyrechnung bemerkbar machte… ) und sie telefonierten, oft stundenlang, und er rief sie fast immer auf dem Handy an, denn er wohnte zwar alleine, doch sie wohnte noch bei ihren Eltern, und obwohl sie bereits 19 Jahre jung war, waren ihre Eltern vermeidlich recht streng was Männer anging, egal wie diese zu ihr standen.
Also rief er sie immer auf dem Handy an, damit sie sich in ihr Zimmer verziehen konnte, wo die Eltern nichts mitbekamen ( und auch die beiden Brüder nicht…)
Und wie sich DAS auf seine Telefonrechnung auswirkte, war ja klar…

Aber er wußte wofür er es machte, also machte er es gerne.

Nun aber mailte sie ihm eine Kurznachricht in ihrer typischen Art, immer mit einem Smilie am Ende. Sie begrüßte ihn in Portugal und schrieb noch irgendetwas witziges von wegen Touri und so…
Er schrieb ihr zurück, das er schon seit 07.55 Uhr unterwegs war, und noch etwa zwei Stunden brauchen wird, bis er an seinen Zielort angekommen sein würde.
Er schrieb „Zielort“, nicht Braganca. Er wollte sie überraschen.
Sie erwiderte darauf nichts.
Doch nun hatte er seine Sachen in seinem Zimmer abgestellt.
Und weil der Regen gerade eine Pause machte, beschloß er noch ein wenig die Umgebung seiner im Stadtzentrum gelegenen Pension zu erkunden. Er wußte nicht wo sie hier wohnte, leider. So ging er erst einmal herum, um eine Bank zu finden, damit er ein paar Mark in die Landeswährung umtauschen konnte, in Escudos. Und tatsächlich, beim dritten Versuch verwieß man ihn zur BNU, die in etwa vergleichbar ist mit der Sparkasse in Deutschland.
Nachdem er nun ein paar tausend Escudos in der Tasche hatte, und es immer noch nicht regnete, ging er die Straße, die Joao da Cruz, einfach weiter entlang, um Ausschau nach einem anständigen Supermarkt zu halten, aber er fand natürlich nichts…
Und als er wieder zurück gehen wollte zu seiner Pension, fing es natürlich an zu regnen, was hätte er auch Anderes erwarten sollen…?
Er störte sich erst gar nicht an dem Regen, denn er wußte das er noch ein paar Kilometer zu gehen hatte, also sowieso ordentlich nass werden würde. Unterwegs fiel ihm etwas ein, das sein Reisegrund mal in Deutschland gesagt hatte, als er sie fragte, wie groß denn ihre Heimatstadt sei, das Braganca ungefähr so groß war wie die Stadt, in der sie in Deutschland lebten. Doch sehr schnell stellte er fest, das Braganca mindestens drei mal so groß war, und so schrieb er ihr im Regen stehend :
„Braganca ist aber schon ein bisschen größer als Sinzig“
Woraufhin sie ihm verwundert zurückschrieb :
„Bist Du etwa hier?“
Natürlich mit einem Smilie am Ende. Er schrieb ihr, das er sie hoffentlich nicht schocke, denn ja, er sei hier.
Er war nervös.
Wie würde sie jetzt wohl reagieren?
Er hatte sich umsonst Sorgen gemacht, denn es kam eine Mail zurück, die Gutes vermuten ließ :
„Wo bist Du? Ich komme sofort zu Dir!“
Diesmal zwar ohne Smilie, aber das war ihm jetzt egal, sie schien sich offensichtlich sehr zu freuen, denn er hatte keine Zeit ihr eine Antwort zu schreiben, da sie ihn sofort darauf anrief.
Die Freude in der sanften Stimme die er so gerne hörte, rief bei ihm eine angenehme Gänsehaut hervor. Die Leute sahen ihn an, blond, im Regen stehend, und in einer völlig fremden Sprache telefonierend.
Doch davon merkte er nun nicht mehr viel, und der Regen war ihm eh schon längst egal.
Er freute sich einfach nur.
Sie machten einen Treffpunkt aus, ein Café bei den Banken, leicht zu finden, mit auffällig roten Stühlen davor.
Er saß nun da, trank Cola ( weil das Wort „Cola“ jeder versteht, ganz gleich in welcher Sprache…) und wartete.
Er hatte seit dem Flug von Frankfurt nach Lissabon nichts mehr gegessen, und seit dem Flug von Lissabon nach Porto auch nichts mehr getrunken.
Also war auch nach der zweiten Cola seine Kehle noch trocken, als eine Mail kam, das sie sich wegen ihrer Tante verspäten würde.
Darauf hin beschloss er in dem Restaurant seiner Pension auf sie zu warten, damit er etwas essen konnte. Dies schrieb er ihr dann auch.
Nun saß er da, aß irgendetwas fischiges und trank Mango-Maracuja Eistee, während draußen der Regen nicht gerade weniger wurde.
Irgendwann kam dann wieder ein Anruf von ihr, sie fand die Pension nicht… sie kannte alle, nur diese nicht. Also ging er abermals raus in den Regen.

Aber er wußte wofür er es machte, also machte er es gerne.

Er lief ihr entgegen, ihr und ihrer Cousine, die bei ihr war, denn der Cousine gehörte das Auto.
Die Cousine und er kannten sich zwar nicht, aber eines war klar, sie würde ihn trotzdem erkennen – groß, schlank, blond – diese Beschreibung konnte hier nicht auf sonderlich viele Personen fallen. Und tatsächlich, die Cousine war es dann auch, die ihn als erstes entdeckte.
Der Grund kurbelte das Fenster hinunter und Pfiff. Er drehte sich sofort nach ihr um, denn er kannte ihr Pfeifen.
Er stieg ein, die Cousine fuhr die Beiden zu seiner Pension, zu der er dem Grund den Weg erklärte, die dies dann fuhr die Fahrerin ins Portugiesische übersetzte.
Dort angekommen stiegen sie und er aus, und die Cousine fuhr wieder.
Er zeigte ihr kurz sein Zimmer, dann gingen sie raus in den Regen, und sie hatte einen Regenschirm dabei…
Sie gingen zu „Big Bobs“, einem McDonalds für Arme, aber wenigstens hatten die Sachen hier richtigen Geschmack und waren reichlich belegt, und das war auch gut so, denn er hatte ja noch immer so gut wie nichts gegessen.
Dort saßen sie nun und unterhielten sich.
Er war glücklich.
Und er nutzte jede Gelegenheit ihr in die Augen zu blicken.
Leider konnte sie nur eine knappe Stunde bleiben, weil sie noch weg mußte.
Da sie ja nicht mit ihm gerechnet hatte, hatte sie sich auch kaum Zeit für ihn nehmen können, zumindest nicht so kurzfristig.
Aber das war ihm völlig und absolut egal, denn sie hatten sich privat getroffen! In Deutschland wollten sie sich schon des öfteren privat treffen, Billiard spielen, oder irgend etwas anderes machen, egal, Hauptsache privat treffen. Zu zweit.
Natürlich sahen sie sich ständig, aber das war niemals eines Vergleiches würdig.
Er war sich nicht sicher warum, aber aus irgendwelchen Gründen mussten sie es immer weiter aufschieben, dieses private Treffen. Immer kam etwas dazwischen.
Er machte sich viele Gedanken deshalb, er machte sich Sorgen, ja, er hatte Angst. Angst, das ihre Freundschaft wohl doch nicht das sein würde, für das er sie immer gehalten hatte. Oder zumindest hoffte, was sie sein würde.
Eine tiefe, gute, vielleicht wahre Freundschaft. Und wenn Tausende von Kilometern nötig gewesen waren um sich privat treffen zu können, dann war es OK, denn es hatte sich gelohnt. Diese eine kurze Stunde mit ihr alleine zu verbringen, ist für ihn mehr Wert gewesen, als sie es wohl jemals hätte vermuten können.
Sie hatten sich endlich außerhalb der Eisdiele getroffen, privat.
Er wußte, das er sich umsonst Sorgen gemacht hatte, seine Angst war unbegründet.
Für diese Bestätigung wäre er nicht nur ein paar Tausend Kilometer gereist, er wäre dafür auch bis an das buchstäbliche Ende der Welt gereist. Und er wußte, das es sich gelohnt hatte, denn sie verabredeten sich wieder, am Montag. Es war zwar erst Donnerstag, aber das Wochenende würde er mit dieser freudigen Erwartung im Herzen spielend überstehen!

Er machte es gerne, denn er wußte wofür er es machte.

para Verde ( porque verde? )

© 2001 by Telestala

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