Alves, Julius: Niemandsland

Irgendwo im Nichts. In der Ferne der Donner von Geschützen. Wenig später der Einschlag, entfernt. Ringsumher Hügel, eine Mondlandschaft aus Schlamm und Dreck. Ein toter Baum darin, wie durch ein Wunder von den Granaten unberührt. Niemandsland. Und dort, inmitten des Nichts, zwei Figuren, Wächter des Etwas.

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Der eine hat das Gewehr im Anschlag, die dunkle Mündung ein Loch im Sichtfeld. Zwei Männer, die Uniformen schlammbedeckt. Stille. Keine Bewegung, nur der Wind im Haar Konrads. Den Helm hat er weggeworfen, wie das Gewehr. Er hat die Hände gehoben.
Keine Bewegung. Vollkommene Stille, dann wieder Geschützdonner. Der andere zuckt zusammen. Nur für einen winzigen Augenblick, dann wieder Kontrolle. Das Gesicht ausdruckslos.
Fahnenflucht. Konrad weiß was das heißt. Der andere auch. Kameradenschwein, Feigling. Vaterlandsverräter. Alles schamlos im Stich gelassen. Konrad starrt auf die Mündung, schließt dann die Augen. Reglos, wartend. Das Klicken bleibt aus.
Über beiden Himmel, grau, wolkenverhangen, fern – vielleicht regnet es bald. Er zuckt die Schultern. Konrad. Eine Bewegung, aber nicht hastig. Ruhig und bedächtig. Vorsichtig beigebracht. Egal. Der andere muss schießen und beide wissen es. Ein Finger, der sich um den Abzug krümmt. Irgendwo im Nichts, Niemandsland. Dieser Blick – das absolute Nichts, wie ringsum. Kein Hass, kein Mitgefühl, keine Angst – oder vielleicht ein bisschen.
Dann öffnet Konrad den Mund und sagt nur ein Wort. Vorsichtig, ganz vorsichtig, mit Ruhe, langsam, deutlich, leise:
„Nein.“
Ein hohler Klang. Dann mehr:
„Gar nichts musst du.“
Immer noch leise, der andere lässt ihn gewähren.
„Hast du einmal darüber nachgedacht, wem du etwas schuldest?“
Ein Hauch von Bitterkeit. In Konrads Stimme.
„Dem Vaterland! Vaterland – was ist das schon? Fiktion, ein erfundenes Wort für ein erfundenes Gebilde. Regierungen und Offiziere, Institutionen – warum solltest du denen etwas schulden?“
Keine Antwort. Es regnet. Zwei Figuren, wie Vogelscheuchen. Irgendwo im Nichts, Niemandsland. Er spricht. Konrad.
„Sie geben dir Bildung, Schutz, Arbeit. Ist es das, woran du denkst? Aber nein, ein Sklave bist du die größte Zeit über für diese Gefälligkeiten, wie jetzt. Regeln, Verordnungen, Befehle – jede Menge Unsinn, der dich von hier nach dort scheucht. Willst du das?“
Wieder Geschütze, diesmal sind die Einschläge näher. Schweigen. Dann:
„Bist du nicht dir selbst verantwortlich?“
„…“
„Du lebst dein Leben – sollte es dann nicht nach deinem Willen ablaufen?“
Schweigen. Der andere weiß nicht was er will.
„Verstehst du? Wenn du nach anderen und ihrer Meinung handelst dann hast du gar kein Leben! Du lebst ihres.“
Der andere versteht nicht.
„Willst du nicht auch lieber fort von hier? Tun und lassen, was du willst – unabhängig sein?“
Der andere ist so abhängig, dass er gar nicht weiß wie es anders sein könnte. Schweigen und keine Bewegung. Regen. Beide zittern in der Kälte. Es hätte lange so weiter gehen können.
„Sieh, du musst für dich überlegen, was du tust. Du lebst, nur du! Es ist dein Leben. Ich habe meine Entscheidung getroffen.“
Immer noch nichts. Ein bisschen Zorn nun. In Konrads Stimme.
„Ich habe meine Entscheidung getroffen und erwarte ihre Konsequenz. Los! Tu deine Pflicht: Eine einzige Fingerbewegung genügt.“
Der andere krümmt den Finger.
„Dann geh’ zurück zu deinen sogenannten Kameraden, heute hier, morgen woanders schlafend, in irgendeinem dreckigen Loch. Soldatenfraß, die ewig donnernden Geschütze, ein paar sinnlose Gefechte und irgendwann: Ende, Tod; vielleicht sogar Rückkehr, zu Familie, Freunden, Vaterland. Leben als braver Bürger, vielleicht sogar mit einem Abzeichen geschmückt, für besondere Verdienste. In Ehre! Und weiter Militär: Befehl, Gehorsam – keine Fragen, keine Probleme; Gruppengeist – Vaterland! Bis man sich das Denken völlig abgewöhnt hat. Pflicht, Gesetz; Abends Familie, ein bisschen die liebe Frau vögeln, solange sie noch jung ist. Spaß und Unterhaltung, Fernsehen – das ist doch was ihr alle wollt: Dem, was man euch als Leben verkauft, zuschauen; Spaß haben. Ist auch viel einfacher als selbst etwas zu tun!“
Schweigen. Aber jetzt ist Hass in den Augen.
„Nun los, schieß doch endlich! Ist doch Vorschrift, ist doch Pflicht, die du befolgen musst. Ist doch etwas Gutes!“
Stille. Der Regen hat wieder aufgehört. Zwei Figuren, Niemandsland. Selbst die Geschütze schweigen, erwartungsvoll. Dann ein Geräusch, wenn es eines ist, ein kleines, dass sofort verschluckt wird.
Klicken. Sofort verschluckt.
Ein Schuss.
Noch einer.
Dann nichts mehr.
Irgendwo im Nichts, Niemandsland.

© by Julius Alves (2002)

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