Breimann, Eduard: Außer sich selbst

Es ist endlich wieder Lichtzeit. Sie schwebt körperlos in einem konturlosen Raum. Sie ist entspannt
– wie immer, wenn die Dunkelzeit der Lichtzeit weicht. Sie treibt in den unendlich langsamen
Wogen seismischer Rhythmen, wie in einem Ozean, bewusstseinsfern, hilflos und ungeschützt.
Aber sie ist sicher hier – das weiß sie einfach. Und sie will nie mehr weg, nie mehr zurück in diese
andere Welt, von der ihr die Träume erzählen. Hier ist alles gut und ohne eine Zukunft, die man
fürchten muss.


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Trotzdem ist sie heute beunruhigt; da ist etwas, dass sie noch nicht kennt. Sie fühlt einen
seltsamen Druck, die sich schwer auf ihr Gemüt legt. Also horcht sie in sich und in den Raum;
erforscht dieses neue Gefühl, sucht nach Erfahrung und nach Gründen.
„Vielleicht sind es diese Geräusche?“, denkt sie träge.
„Warum bedrückt mich das?“ – „Was ist es?“ – „Woran erinnert es mich?“
Ihre Gedanken reihen sich sorgfältig, warten ab, bis der vorherige abgeschlossen ist. Sie hat
genug Zeit.
Als würde ein Plattenspieler mit viel zu langsamer Umdrehung laufen; verzögert, weit gedehnt,
perlen die Töne in ihr Bewusstsein; die Melodie ist gerade noch erhalten, zeigt ihre Schönheit auch
in dieser verlangsamten Form. Die Töne sind sehr leise, gedämpft wie durch dichten Nebel.

Noch nie sind solche Töne zu ihr durchgedrungen. Sie verdrängen die lautlos-dröhnende Tiefe, in
der sie schwebt. Einzelne Tonfolgen, kurz, zerhackt, die ihr immer ein Rätsel waren, die kennt sie.
Heute aber laufen sie fast ungehindert, in langer Folge, in ihr inneres Ohr. – Heute ist die Lichtzeit
auch klarer als sonst! Der leichte Nebel fehlt und weit hinten ist ein strahlendes Viereck.
Die Klänge berühren sie, laufen in Wellen, wie das klare, warme Wasser eines Sees, durch ihren
Geist. Sie lässt sich treiben, sucht nach ihren Träumen.
Die Traumbilder kommen nur in der Lichtzeit; in der Dunkelzeit, wenn alle Töne verklungen sind,
zieht sich ihr Geist in eine Tiefe zurück, die keine Träume zulässt. Endlich: Ein neuer Traum füllt
ihr Bewusstsein, Bilder strömen bunt und lebendig vor ihre Augen.
Sie betrachtet die junge Frau, die in einem hellen, weiten Kleid barfuss über einer Wiese schwebt.
Auf den Zehenspitzen tanzend, berührt sie kaum die Grashalme; ihr Gesicht ist zur Sonne gedreht.
Das Haar schimmert blond-weiß und die ausgestreckten Arme fahren in Abständen in den Nacken,
werfen die langen, seidigen Haare in die Luft; sie schweben flirrend und legen sich wie in Zeitlupe
auf die Schultern zurück. Dann dreht sich das Mädchen leicht, in der Hüfte schwingend, und sie
sieht ihr lautloses Lachen.
Sie weiß durch viele Träume, dass sie es selber ist, die da tanzt, die jetzt zu dem jungen Mann
blickt, der ausgestreckt auf einer bunten Decke liegt und sie fordernd, verlangend ansieht. Ihn will
sie nicht sehen, und sie schaltet den Traum ab.
Die Wellen der Musik werden unregelmäßig; andere Töne laufen quer durch, hart und
unrhythmisch.
„Du spinnst! Das ändert sich nie mehr! Guck sie doch an! Und mach endlich die Musik aus!“
Ihr Geist zittert, spürt Gefahr und will sich verstecken. Aber in ihrem Raum gibt es keinen
Schlupfwinkel; sie schwebt offen und ohne Deckung, liegt bloß und verletzlich vor dieser Stimme.
Es ist unmöglich für sie, die Klänge und Worte zu ordnen und zu begreifen. Aber ihre Töne, und
die Wellen, die sie machen, sind eindeutig böse – wollen sie vernichten.
„Das werde ich nicht! Sie freut sich über Musik, das weiß ich!“, sagt eine sanfte, leise Stimme.
Das ist die gute Stimme, die sie so gerne hört. Sie vertraut dieser Stimme – schon immer; sie ist
ihr Schutz und ihre Zuflucht in den seltenen bösen Träumen.
Sie kann sich Tausende Geschichten träumen, in denen diese Stimme vorkommt. Oft sind die
Träume gut, lassen sie in Gedanken lächeln; aber manchmal kommen andere Träume, die ihr
Angst machen wollen. Sie weiß nicht genau, wie sie diese Stimme nennen soll, aber es ist ihr auch
nicht wichtig.
„Du spinnst doch wirklich! Seit wie vielen Monaten liegt sie jetzt hier? Zehn? Zwölf? Egal; sie wird
noch zwanzig Jahre so da liegen, wenn wir nichts dagegen tun!“
Ihr Geist verkrampft sich; ein stechender Schmerz durchschießt sie. Sie hat keine Möglichkeit
diesem Schmerz auszuweichen, oder ihm Ausdruck zu geben; sie kann nicht schreien, nicht
weinen. Ihr Leiden beginnt bereits, als das erste Wort dieser Stimme auf sie eindringt, und ohne
den Sinn zu begreifen, spürt sie den Angriff.
„Ja, ja! Elf Monate! Na und? Es ist mein Kind! Meine Tochter! Und sie lebt! Du, – du – du weißt
doch nichts, gar nichts! Für dich ist sie nur eine Hirntote mit einem primitiven pflanzlichen Leben.
Du glaubst, du kannst sie ausreißen wie Gemüse oder Unkraut, ja?“
Die Wut in der vertrauten Stimme ist fast noch schwerer zu ertragen als die böse Stimme. Sie fühlt
die kantigen Wellen, die ihren Geist treffen; sie spürt ihre wachsende Angst und ihr Entsetzen.
„Wer sind sie?“ – „Was wollten diese Stimmen von mir?“ – „Ich will euch nicht hören; lasst mich!“
Sie versucht in Träume zu flüchten, aber es geht nicht. Sie muss bleiben und abwarten.
„Du bist bettelarm geworden, erhältst nur noch Sozialhilfe und gehst nie mehr aus dem Haus! Ich
will mit dir tanzen gehen; ich will mit dir am Strand liegen; ich will, dass du wieder mal lachen
kannst. Du bist nur noch ein Wrack – sieh dich doch an! Füttern, den Hintern abwischen, waschen,
massieren, eincremen und was weiß ich, was du mit diesem Torso machst. Und sie riecht! Es ist
nicht mehr auszuhalten! Ist dieser Haufen Fleisch ohne Gehirn das alles wert?“
„Hör auf! Wenn Adolf noch regieren würde, wärst du längst losgerannt und hättest sie zur
Euthanasie angemeldet! Du Unmensch! Du machst mir Angst; Leute wie du machen es sich
einfach: Lebenswert oder Lebensunwert! Mehr kennt ihr nicht! Warum hab ich dich nur mal
geliebt? Ich brauchte deine Hilfe und nicht deinen Hass!“
Sie muss weg von hier; sie will diese Stimmen nicht mehr hören! In riesigen Wellen überspült sie
die Angst!
„Ich will nicht!“ – „Bitte, – bitte!“ – „Lasst mich in Ruhe!“, schreit sie lautlos.
Sie spürt die anströmende Panik, die von jeder Wortwelle angeschoben wird, die sie überflutet.
Dann – endlich – kommt ein Traum und sie will aufatmen, entspannen.
Sie sieht die junge Frau, die sie selber ist; sie trägt immer dieses helle, weite Kleid. Es ist dunkel,
Straßenlampen scheinen, grelle Autolichter blitzen. Sie sitzt in einem Auto, die Hände am Steuer
verkrampft; sie weint. Ihre Augen sind geschlossen; sie rast direkt auf einen Bus zu. Sie stemmt
die Arme auf das Lenkrad, reißt die Augen weit auf; sie schreit und schreit; gellende Schreie toben
ihr durch das Bewusstsein, und sie will den Traum abschalten. Dann ist alles schwarz und plötzlich
ist wieder Hellzeit.
Sie hasst diesen Traum, der schon mehrfach da war. Und trotzdem haben ihr die Angstschreie
heute geholfen. Die Frau hat stellvertretend für sie geschrieen, hat für sie alle Angst und Panik in
die feindliche Welt gebrüllt. Jetzt kann sie ihren Geist erschöpft zurückfallen lassen.
„Wenn es nach mir ginge, würden wir ihr helfen, dieses unwürdige Leben zu beenden. Frag sie
doch mal! Wenn sie antworten könnte, dann würde sie sagen: Mama, mach Schluss mit diesem
Zustand! Töte mich endlich!“
„Halte den Mund, du Ungeheuer! Verschwinde! Raus, raus, raus!“
„Sie wollte doch selber Schluss machen, damals. Das hast du doch auch gesagt! Wegen diesem
Idioten, der sie betrogen hat, der ihr ein Kind angedreht hat und dann abgehauen ist. Stimmt das
nicht? Warum sollte sie jetzt, ohne jeglichen Verstand, weiter leben wollen? Sag´s mir!“
Wieder diese Schmerzen; stechende, rasende Schmerzen in ihrem körperlosen Verstand. Der
Traum ist wieder da. Sie sieht die junge Frau auf der regennassen Straße liegen, rot gekleidete
Männer um sie herum. Grelles, blitzendes Blaulicht, das Gesichter neu zeichnet. Sie kann die
aufgerissenen Augen der Gaffer erkennen, die sich an die Absperrung drängen.
„Los, raus jetzt! Endgültig! Wir sprechen über sie, über mein Kind! Es lebt! Weißt du, ob sie uns
nicht hören kann?“
„Du bist verrückt!“
Der Raum wird still. Die Töne der Musik sind weg. Sie entspannt sich. Alles war nur ein Traum. Oh
sie hat viele Träume, und sie hat Zeit für Träume. Sie liebt ihre Träume! Nicht alle! Diesen nicht! Er
war böse und sie will ihn nicht mehr träumen. Ihr Vorrat an schönen Träumen ist noch nicht
aufgebraucht; sie ist voll davon.
„Schön ist es hier – nur hier.“ – „Es gefällt mir!“, denkt sie langsam, entspannt und kann wieder
lächeln.

„Liebes! Kleines! Hörst du mich? Komm, gib mir ein Zeichen, dass du mich hören kannst!“
Die Stimme ist gut, sie ist ihre Zuflucht, die sie heute so dringend braucht. Die Lichtzeit geht zu
Ende; sie spürt die einströmende Dunkelzeit bereits.
„Beweg deine Pupille, ja? Drück meine Hand! Mach irgendetwas, bitte!“
Die Stimme hallt in ihr nach; aber sie hat nichts verstanden.
„Hab keine Angst, mein Liebes. Ich bin immer für dich da. Soll er doch gehen! Ich pass schon auf
dich auf“, flüstert die sanfte Stimme; sie tut gut und gibt ihr Sicherheit.
„Ich erzähle dir heute, was wir damals im Urlaub auf dem Bauernhof erlebt haben, ja? Weißt du
das noch?“
Die Worte fließen in sie hinein, suchen und finden Bilder in ihrem Kopf. Sie lösen etwas aus, ohne
dass sie es will.
Sie träumt von einem braunen Pferd, das ohne Sattel wild, voller Übermut, über eine Wiese
galoppiert, spaßig die Hinterbeine in die Luft wirft. Seine hellbraune Mähne fliegt hoch, schwingt im
Rhythmus der Sprünge, und das langgezogene Wiehern klingt wie ein Lachen. Sie sieht die Bilder
eines quiekenden Ferkels, dass sich an den warmen, dicken Bauch seiner Mutter schmiegt. Und
sie sieht auf einer Bank eine junge Frau sitzen, die mit einem Kind spielt.
Die Frau ist nicht sie; sie weiß, das ist die Frau, die zu ihr spricht. Sie lächelt und als die Dunkelzeit
da ist, versinkt ihr Geist ohne Angst.

Die Hell- und Dunkelzeiten kommen und gehen. Sie kann jetzt immer häufiger die Tonfolgen der
Musik hören, die jetzt lauter, klarer und dichter sind. Erstmals erkennt sie, dass eine besonders
schöne Tonfolge immer wieder, bei jeder Lichtzeit, erklingt. Sie mag diese Töne, denen sie keinen
Namen geben kann; aber sie weiß von einer anderen Zeit, in der sie sie gehört und gemocht hat.
„Liebling! Wie geht es dir?“
Die Stimme verwebt sich mit den Tönen der Musik, schwingt im Gleichklang, zerstört die weichen
Töne nicht mehr. Das Wort „Liebling!“ hat sie begriffen, es ist gut.
„Das hat sie immer zu mir gesagt!“, denkt sie glücklich und träumt wieder in sehr bunten Bildern.

Der harte Klang der Schritte wirkt wie Donner; vom Steinboden prallen die Geräuschwellen in ihr
Bewusstsein, reißen sie aus ihrem Traum.
Der Atem! Der heftige, schnelle Atem ist direkt über ihr. Es ist der Atem der bösen Stimme, der sie
entsetzt.
Schmerzen befallen sie, sind plötzlich überall. Über ihr ist etwas, legt sich schwer auf sie. Die
Lichtzeit wird geteilt. In der einen Hälfte bleibt es hell, in der anderen wird es schwarz; dicht über
ihrem körperlosen Bewusstsein liegt diese Schwärze. Und dann wird es total schwarz, geraten die
Wellen in konfuse Strömungen.
„Es ist doch noch keine Dunkelzeit!“
Dann tauchen Lichter auf, Straßenlampen werfen gelbliches Licht auf nassen Asphalt,
Scheinwerfer bohren zittrige weiße Strahlen in die Schwärze. Sie verkrampft ihre Hände um das
glatte Lenkrad. Die riesigen Scheinwerfer des Omnibusses, direkt vor ihr, blenden sie. Das ist das
Ende!
Ihre Angst wird unerträglich; sie öffnet den Mund und schreit! Die Lichter verwischen sich,
verstecken sich hinter dichtem Nebel. Ihr Schrei hallt mit tausend Echos durch den Raum.
Plötzlich treibt sie weg, fließt zurück in ihren Körper; sie spürt ihre Glieder! Sie ist wieder In-sich-
selbst! Arme und Rücken schmerzen unerträglich, die Kehle brennt. Sie bekommt keine Luft! Mit
beiden Armen, die sich nur schwer heben lassen wollen, stößt sie sich vom Lenkrad ab, spürt
Widerstand, drückt und stemmt heftiger. Sie weiß plötzlich, dass sie nicht in einem Auto sitzt, sie
stemmt sich nicht gegen ein Lenkrad, sondern gegen einen Körper, der ihr etwas vor den Mund
drückt.
Sie schreit in das dicht angepresste Kopfkissen, bis sie in der unendlichen Schwärze versinkt. Ein
erstickter Schrei ertönt über ihr, dann ist die Schwärze weg.
Sie sieht!
Sie sieht einen schwarzen, riesigen Schatten, der an der Wand neben dem Fenster verschwindet.
Ihr Atem geht rasselnd, ihre Brust brennt; ihre Glieder und der Rücken schmerzen so stark, dass
sie schreien muss, immer wieder.
Dann liegt sie erschöpft da, sieht in das helle Viereck vor ihren Augen. Es ist still im Raum; aber es
ist eine andere Stille, als die, die sie kennt.
Sie hört ihren eigenen, heftigen, rasselnden Atem; Regen peitscht gegen das Fenster, prasselnd
fallen Tropfen auf das Fensterbrett. Vor dem Fenster wuchtet sich das Dreieck einer Fichte in den
grauen Himmel, lässt sich nur leicht vom böigen Wind bewegen.
Sie weiß, dass die Zeit der Träume vorbei ist; sie weint, möchte zurück in ihren Raum, in ihre
Sicherheit. Es dauert lange, bis sie aufgibt. Der Regen hat aufgehört, es wird heller im Zimmer; die
Wände sind lindgrün, Blumen stehen auf einem Tisch und grellbunte Bilder sind auf den Wänden
verteilt..
„Ich bin – ich bin Tina!“, denkt sie und hört die leichten Schritte ihrer Mutter vor der Tür.

© 2001 by Eduard Breimann

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