Cenia, Dominik: Der Abgrund

Der Abgrund
Eine Kurzgeschichte von Dominik Cenia
Februar 2001 geschrieben

said shiripour: das perfekte online business
ad

Nächte ohne schlaf…ich kann sie schon nicht mehr zählen. Mein Körper ist ausgedörrt meine Lippen sind Wund und aufgesprungen. Egal was ich auch berühre, egal was ich sehe und egal was ich denke…all meine Handlungen werden nur noch von einer verdorbenen Vorahnung begleitet. Der Sinn, die Farbe, ja der Glanz der gesamten Schöpfung Mensch hat für mich an Bedeutung verloren seit jenen Ereignissen. Immer wieder erscheinen die Bilder vor meinen Augen. Dinge die ich gesehen und gehört habe. Dinge niemals für Menschliche Sinnesorgane bestimmt waren.

Doch es sind nicht nur die Bilder. Meine eigene kranke Phantasie hat sich gegen mich gerichtet. Sie spinnt die Szenen weiter die sich auf Ewig in mein Hirn gebannt haben, und immer wieder werde ich Opfer meiner eigenen Vorstellungskraft die allein durch die wenigen Augenblicke beflügelt wurde, die ich in die Abgründe der Hölle blickte. Mein Körperlicher Zustand verschlechtert sich mehr und mehr. War es doch Anfangs nur meine lethargische Emotionslosigkeit und meine überflügelte Phantasie, scheint sich jetzt nicht nur mein Verstand, sondern auch mein Körper der langsamen Degeneration des Wahnsinns hinzugeben. Schon jetzt, während ich diese Zeilen schreibe kann ich mit meinen entzündeten Augen kaum noch meine eigene Schrift erkennen. Meine wunden Finger können nur noch mit aller Mühe den Stift halten. Ich fühle mich so Müde und so Schwach, finde aber keine Ruhe. Vielleicht erst, wenn ich diese meine Erlebnisse zu Papier gebracht habe. Ich hoffe nur das ich nicht diesen letzen Willen auch noch verliere, um schließlich in endgültige Apathie zu verfallen.

Doch wo fange ich an? Schreckliche Ereignisse scheinen immer allzu plötzlich aufzutreten, doch wenn man sie überstanden hat, so scheint es einem das es schon sehr viel früher Anzeichen…Hinweise gab, mit deren richtiger Deutung man das Ereignis hätte verhindern können.
Es war vor genau drei Wochen, als ich unerwarteten Besuch von einem guten Freund
bekam. Sein Name war Scott, und er war der Sohn eines waschechten Iren und einer jungen Deutschen aus dem Westen von Berlin. Scott hatte die buschigen Kotletten seines Vaters und den unverwechselbaren Irischen Geschmack für Kleidung geerbt. Von seiner Mutter hatte er meiner Ansicht nach Form der Augen und der Wangenknochen. Scott war zu einem guten auf aufrichtigen jungen Mann erzogen worden, ein wahrer Freund der einen nicht im Stich lies. Eben so eine Person mit der man eigentlich immer etwas unternehmen konnte, mit der man sich zu stundenlangen Gesprächen zurückziehen konnte und mit dem eine Freundschaft einfach niemals vergehen konnte, egal wie lange man sich nicht gesehen hatte. Ja, Scott war so ein Mensch, und als er eines Mittags mit seinem typisch irischen Lächeln vor meiner Haustür stand, war es für mich fast so als wäre ein Teil von mir selber wieder nach Hause gekommen. An diesem Tag unterhielten wir uns sehr lange und eindringlich über all die Dinge die wir in den letzten Jahren erlebt hatten. Wie schon erwähnt, Scott war einer von den Freunden die Jahrelang wegbleiben konnten, aber nichts von ihrem „Verbundenheitsgefühl“ einbüßten.
Der Abend zog sich besonders in die Länge, und als ich ihm anbot doch auf der Couch in meinem Wohnzimmer zu schlafen nahm er dankend an. Am nächsten Tag fiel es mir zwar schwer aus dem Bett zu kommen, aber das Wissen das mein Freund ebenso danieder lag gab mir schon zu Beginn des Tages ein Gefühl des „geteilten Leides“. Ja, die Nacht war lang gewesen, und damit auch der Konsum des Alkohols recht hoch.
Die nächsten Tage verbrachte ich in einer äußerst fröhlichen Stimmung. Viele meiner alltäglichen Tätigkeiten gingen mir sehr leicht von der Hand, war es doch so als ob ich immer wieder neue Energie aus der Anwesenheit von Scott schöpfen konnte. So vergingen also die Tage, während Scott bei mir wohnte und verschiedene andere Besuche tätigte, (unter anderem seien Cousine die ebenfalls in der Stadt wohnte), ging ich meiner Arbeit nach.
Gegen Abend, wenn wir beide wieder in meiner Wohnung eintrafen führten wir unsere Gespräche vom Vorabend meistens fort. Als das Wochenende, und damit meine freien Tage näher rückten, kam Scott auf die grandiose Idee doch eine kleine Wanderung in die Natur zu wagen. Eine Landstraße führte hinaus aus der Stadt nach Westen. Nach ungefähr 50 km gab es dort einige schöne Waldgebiete die noch völlig unangetastet von den Fortschritten der Zivilisation waren. Dort gab es einige wunderbare kleine Waldlichtungen und Wanderpfade. Ideal für eine kleine Wanderung mit dem Zelt. Wir hatten vor, mit dem Auto die Landstraße entlang zu fahren, um dann nach 50km den nahegelegenen Waldparkplatz anzusteuern. Von dort aus wollten wir dann ein wenig in Richtung Norden marschieren, entlang der feinen Nadelwälder hinauf zu den etwas zwischen den Hügeln gelegenen Pass der uns nach einem Tagesmarsch wieder zurück zum Waldparkplatz bringen sollte. Eine Übernachtung im Zelt, mitten im Wald hatten wir eingeplant, und es war Scott der sich bereits mit Karten über die nähere Umgebung vertraut gemacht hatte. Allein der Gedanke daran, Abends an einem gemütlichen Lagerfeuer zu sitzen und Fleisch aus über den Feuer gewärmten Konserven zu essen war für mich aufregend, und in meinen Gedanken konnte ich bereits die kühle Nachtluft des Waldes auf meiner Haut spüren. Auch war mein Freund von einer abenteuerlichen Erregung erfasst und so vertiefte er sich die immer mehr in die Vorbereitung für unseren kleinen Ausflug.

Wir verließen die Stadt gegen 10:00 Uhr Morgens, und fuhren nach Westen. Das Wetter war ausgesprochen gut, zumindest als wir uns noch in der Stadt aufhielten. Denn der Himmel wurde schlagartig bewölkter, mit jedem Kilometer dem wir unserem Ziel näher kamen. Die Wolken zogen sich in langen dunklen Streifen am Himmel entlang wie ein schwarzer Strom aus tödlichem Unheil. Schon damals hätten mir diese ersten Zeichen auffallen sollen, aber meine Freude war größer als meine Intuition dieses Vorhaben abzubrechen. Auch Scott schien nichts von dieser Wetterereignis zu befürchten, und so fuhren wir noch in einer sehr guten Gemütslage unserem Ziel entgegen. Um 10:45 Uhr erreichten wir den kleinen Parkplatz am Rande des Waldes. Der dunkelbraune sandige Boden war beinahe unberührt, und man konnte keine Reifenspuren von anderen Fahrzeugen erkennen. Auch sah es so aus, als ob der Parkplatz ohnehin schon lange nicht mehr gepflegt wurde. An vielen Stellen wucherte bereits dichtes Buschwerk, so als ob der Wald seine dunklen Rachen über diese Stelle ausbreitete um ihn zu verschlingen. Scott lenkte den PKW nahe an den Waldrand heran, und parkte ihn unter den weiten Ästen eines jungen Weidebaumes.
Dann fingen wir an unsere Ausrüstung systematisch auszuladen. Zwei moderne Feldrücksäcke waren mit bestimmten Gegenständen vollgepackt die Scott als wichtig erachtet hatte. Ein Kompass, ein einfaches Taschenmesser, eine kleine Tasche mit Erste Hilfe Material, eine Decke, eine einfache 1 l Trinkflasche aus Blech, Handschuhe, Regenkleidung, Verpflegung in Büchsen für drei Tage, Zündhölzer, ein wenig Schnur, Klebeband und Ersatzbatterien für die Taschenlampen. Dazu kam eine Schlafmatte sowie Teile eines kleines Zwei-Personen Zeltes, dessen Umfang wir auf beide Rücksäcke aufgeteilt hatten. Jeder von uns hatte eine Decke an seinem Rucksack, sowie einen einfachen Ledergurt der auch oft von Handwerkern benutzt wird. An diesem war eine Taschenlampe, ein paar Schokoriegel und ein weiteres Taschenmesser verstaut worden. Noch einmal schnürten wir unsere Wanderstiefel fest, und zogen dann die warmen Daunenjacken an die wir mitgenommen hatten. Es war bereits jetzt überraschend Kühl geworden, und Scott und ich befürchtete bereits das ein Gewitter über uns hereinbrechen würde. Oh hätte doch die Natur an diesem Tag erbarmen gehabt und uns einen tiefen Schauer gesandt, der Scott und mich von diesem Vorhaben abgebracht hätte! Aber trotz dieser dunklen Zeichen des Klimas machten wir uns auf den Weg, denn Scott hatte für die Wanderung einen genauen Zeitplan aufgestellt den er einhalten wollte. Ein wenig war ich über seinen Eifer amüsiert, was mir natürlich auch anzumerken war. Aber Scott nahm dies Gelassen hin, war er doch genau wie ich so sehr über diesen Gemeinsamen Ausflug erfreut.
Als wir auf den Waldrand zugingen spürte ich eine Aufregung die mir völlig Fremd war. Und als die ersten Schatten der Baume uns verschluckten, fühlte ich mich trotz meiner Freude so unsicher, dass ich am liebsten wieder umgekehrt wäre um diesem Grausamen Wald zu entkommen. Doch schüttelte ich diese kurze Vision schnell wieder ab. Und konzentrierte mich lieber darauf den genauen Weg im Auge zu behalten.
Wir marschierten einige Kilometer schweigend entlang der frisch riechenden Bäume. Der Wald bestand hier hauptsächlich aus weit auseinanderstehenden Fichten und Kiefern deren unterschiedliche Farbe der Rinde für eine farbenreiches Ambiente sorgte. Der Waldboden war überwuchert mit Gräsern und einfachen Büschen oder Ablegern. Die Äste und Zweige der Bäume waren oft sehr lang, und an vielen Stellen berührte sich das Astwerk der verschiedenen Bäume, und klammerte sich aneinander als würden die Bäume gemeinsam den Waldboden vor dem einfallenden Licht schützen. Das dichte Geflecht aus Ästen und Zweigen über unseren Köpfen war durch dichte Blätter zusätzlich verhangen so das das Licht wahrlich nur sehr schwer einen Weg bis auf den Waldboden fand, denn die Schatten der gewaltigen Stämme verschluckten beinahe den letzten Sonnenstrahl, und obwohl es erst zur frühen Mittagsstunde war, herrschte in diesem Wald bereits eine abendliche Dämmerstimmung.
Mit tiefen Zügen atmete ich die kühle Waldluft ein, um meine Lungen von den Verunreinigungen der Stadt zu säubern. Der Sauerstoff pulsierte durch meinen Körper und vitalisierte meinen Lebensgeist wie eine neue Energiequelle. Oft hielt ich inne um mir der wahren stärke dieser kleinen Naturidylle bewusst zu werden. Ich berührte Gräser und streichelte über die knorrige Rindehaut der Bäume. Fast ein jeder Schritt gab mir mehr von diesem Elixier aus reiner Natürlichkeit und Belassenheit. Wie sehr hatten wir Stadtmenschen doch die Natur vergessen. Den Wald, den saftigen Erdboden des Lebens. Wir sehr hatten wir uns doch von unseren Wurzeln als Mensch entfernt, und waren zu etwas geworden das mehr und mehr die kleinen Wunder der Welt aufgrund der eigenen Leistungen vergas.
Doch möchte ich die Leserin oder den Leser meines Berichtes nicht mit meinen philosophischen Ansätzen langweilen. Zudem sind in mir derartige „philosophischen“ Gedanken längst verwandelt worden, zu einer kleinen Erinnerung die sich an den Rand meines sterbenden Geistes klammern. Tränen der tiefsten Verzweiflung überkommen mich, wenn ich mich daran erinnern, mit welcher Schönheit sich einst mein Geist befassen konnte.

Wir marschierten zwei Stunden, und legten dann unsere erste Rast ein. Wir genehmigten uns eine kleine Mahlzeit zur Stärkung bestehend aus ein paar Schokoriegeln und etwas Tee aus unseren Trinkflaschen. Wir genossen die Stille der Natur, und kaum einer von uns wagte es diese zauberhafte Ruhe des Waldes mit eigenen Worten zu unterbrechen, die in dieser Umgebung ohnehin nur die Wirkung von unpassenden groben Lauten gehabt hätte.
Nach einer Pause von einer halben Stunde machten wir uns wieder auf den Weg. Das Gelände stieg jetzt ein wenig an, und mit dem neuen Gelände änderte sich auch die Vegetation des Waldes. Scott und ich waren nun tiefer in das Grün eingedrungen, auch wenn man hier nicht mehr von einem Grün des Waldes sprechen konnte. Dicht beieinander stehende Nadelbäume beherrschten nun als schweigende Wächter die Umgebung. Ihre schweren dunklen Zweige hingen tief herab durch die Last des schweren Mantels aus dicken harzigen Baumnadeln. Der Boden war ein braungrüner weicher Nadelteppich, und kaum einer unserer Schritt verursachte auf diesem Bett der Stille ein Geräusch. Innerhalb dieses Dickicht war es noch dunkler, und mit der vergehenden Mittagsstunde verloren sich auch die wenigen übrigen Sonnenstrahlen
zwischen den dichten Baumkronen.

Schon bald mussten wir unsere Taschenlampen zur Hand nehmen, wenn wir Passagen erreichten in denen das Unterholz so dicht war, das wir in der Dunkelheit keinen sicheren Tritt mehr hatten. Ich war merklich angespannter von der ganzen Situation, und scheinbar ging es auch Scott so, denn seine redselige Stimmung war seit dem betreten des Nadelwaldes verschwunden. Nun blickte er nur noch grimmig zwischen den duftenden Baumstämmen hin und her, als ob er auf irgendetwas wartete. Ich selber versuchte mich auf den Weg zu konzentrieren und dabei die Umgebung im Auge zu behalten. Ich denke, das aus Scotts Sicht mein Verhalten, und meine forschenden Blicke in diesem Wald ihm ebenfalls Fremdartig vorkamen.
Nach zwei weiteren Stunden legten wir erneut eine Ruhepause ein. Seltsamerweise fingen Scott und ich plötzlich an pausenlos zu plaudern. Ich selber war überrascht das ich auf einmal so redselig war, war doch der ganze Weg vorhin von einer düsteren Stimmung behaftet gewesen. Nun aber plauderten wir wieder über alle möglichen Themen und philosophierten ein wenig über die Dunkelheit dieser ach so belassenen Natur. Ich war Scott äußerst dankbar, das auch er von einen Redefluss erfasst worden war, und so zerstreute sich unsere ernste Stimmung, was meinem Herzen wieder einen Teil der freudigen Erregung zurückgab, die ich bei der Planung unserer Reise gefühlt hatte. Der Mittag war nun schon längst vorbei, und in aller Ruhe besprachen wir den weiteren Weg unserer Wanderung. Mit Karte und Kompass konnten wir uns sehr genau Orientieren, insbesondere Scott hatte in dieser Hinsicht ein sehr großen Geschick, und es gelang ihm Problemlos unsere bisherige Route auf der Karte nachzuzeichnen. Wir lagen wirklich gut in der Zeit, waren nicht vom Weg abgekommen und hatten abgesehen von dieser etwas unnatürlichen Dunkelheit keinerlei Probleme. Noch eine oder zwei Stunden, dann würden wir die Ausläufer dieses Nadelwaldes erreichen, um dann wieder zwischen gewöhnlichem Blattwerk unser Lager aufzuschlagen.
Doch sollten wir niemals wieder „gemeinsam“ dieses offene Gefängnis aus Nadelbäumen verlassen.

Ungefähr eine Stunde nachdem wir weitergegangen waren fanden wir es. Ein auffällig großes Loch im Boden. Es befand sich einfach an einer Stelle zwischen den Bäumen, Umgebung von dem hier so gewöhnlichen Teppich aus herabgefallenen Nadeln. Das Loch hatte eine unregelmäßige Form, war eher länglich als Rund. Ich schätze den Durchmesser auf etwa
1 ½ Meter und die Tiefe auf knapp etwas mehr als vier Metern. Das Loch schien nicht künstlicher Natur zu sein, denn die Kanten waren meiner und Scotts Ansicht nach zu unförmig. Es war also nicht gegraben worden. Wir leuchtet mit unseren Taschenlampen in das Loch hinab, und konnten den Boden einer runden Kammer erkennen. Zahlreiche Steine und Erdbrocken waren über dem Boden verstreut, es musste sich wohl um das Erdreich handeln das einst dieses Loch verdeckt hatte und aus irgendeinem Grund eingebrochen war. Dieses dunkle Loch wäre nichts besonderes Gewesen, wenn Scott nicht gesagt hätte das aufgrund der geologischen Begebenheiten des flachen und erdreichen Waldbodens eine natürliche Höhlenbildung, dazu noch einfach als Erdloch fast ausgeschlossen war. Hinzu kam, das an der Wand im Westen der Kammer eine sichtbare schattige Vertiefung zu sehen war. Möglichweise ein Gang, allerdings konnten wir von unserer erhöhten Position nichts genaueres erkennen. Von Neugierde und Abenteuerlust gepackt knüpften wir schnell unsere beiden Seile zusammen und befestigten das eine Ende mit zwei einfachen Karabinerhacken um einen Baum herum. Das andere Ende liessen wir in das Loch hinab.
Scott kletterte als erster, und trotz seines schweren Rucksacks war er äußerst geschickt darin.
Ich selber hatte etwas Mühe mich abzuseilen. Immer wieder schrammte ich an dem Erdreich entlang, war allerdings sehr verwundert als die Erde schließlich in festes graues Gestein überging.

Es handelte sich tatsächlich um einen Gang. Einen schmalen Korridor in die Dunkelheit, gerade hoch genug damit Scott und ich Aufrecht gehen konnten. Die Strahlen unserer Taschenlampen wanderten langsam über Decke, Wände und Boden des Korridors. Er schien stabil zu sein, und bestand aus festem Gestein ebenfalls von einer natürlichen Unregelmässigkeit, so das wir nun endgültig ausschließen konnten das hier von Menschen ein Stollen angelegt worden war.
Langsam wagten wir uns in den Korridor hinein und bereits beim ersten Schritt hatte ich das Gefühl etwas verbotenes zu tun. Kein einfaches überschreiten einer gesetzlichen Grenze, sondern viel mehr das Gefühl als ob ich gegen ein Verbot für die Gesamte Menschheit verstieß. Die Luft innerhalb des Ganges war äußerst dick und das Atmen bereitet zunehmend Probleme je weiter wir gingen. Immer wieder hatte ich das Gefühl gegen eine Barierreh zu Laufen. Gegen etwas das mich mit letzter Kraft daran hindern wollte weiterzugehen. Doch mit jedem Schritt den ich ging schien diese Barierre schwächer und schwächer zu werden.
Vorsichtig schritten wir weiter voran. Gut 200 Meter hatten wir nun zurückgelegt, und der Gang erstreckte sich weiterhin in die von den strahlen unserer Taschenlampen durchbrochenen Dunkelheit. Und immer weiter zog es uns in die Finsternis.
Umgeben von der Grabeskälte des Gesteins, war uns damals nicht einmal Ansatzweise bewusst welches Verderben uns bevorstand. Scott ging einige Schritte vor mir, als er nach weiteren 500 m plötzlich stoppte und seinen Blick auf eine der Wände richtete. Ich schloss zu ihm auf und leuchtete mit meiner Taschenlampe genau an die Stelle, die seine Aufmerksamkeit zu plötzlich erregte. Es waren Schriftzeichen. Sie waren grob in die Wand gehauen worden, und wirkten auf mich äußert Primitiv. Mich überraschte allerdings die Vielfalt der Zeichen, und das auffällige Merkmal das sich die Zeichen kaum wiederholten. Es handelte sich zwar oft um geschlängelte Linien in allen möglichen Formen, aber die Vielfalt mit der sich diese Linien kreuzten und kringelten war von einer überraschenden Kreativität geprägt. Zwischen diesem Durcheinander aus geschnörkelten Linien und Schlangensymbolen gab es allerdings doch immer wieder regelmäßig auftauchende andere Symbole. Unter anderem konnte ich einen fünfeckigen Stern erkennen der auf einer Spitze stand. Genauso tauchten immer wieder gerade Linien auf, die ab ihrem unteren dritten von einer waagerechten Line gekreuzt wurden. Diese Kreuzform war oft mit anderen Kreuzen der gleichen Art verbunden, so das immer gleich ein ganzen Gebilde aus diesem Kreuzen vorhanden war. Besonders auffällig waren allerdings drei hintereinander folgenden geschlängelten Linien, deren Form mich an die Zahl Sechs erinnerte. Man fand diese drei Sechsen immer dicht beieinander stehen.
Erst nachdem wir diese eine Stelle genau untersucht hatten, bemerkten wir, das eigentlich der ganze Korridor, ja sogar Boden und Decke mit diesem Symbolen übersäht waren. Ich muss gestehen das ich kein Christ bin, und das mir auch sonstige Begriffe der Religion fremd sind, aber trotz meines spärlichen Wissens wusste ich das diese Kreuze sowie die drei hintereinander auftretenden Zahlen Sechs Sechs Sechs Okkulte Symbole waren, die besonders häufig mit Satanismus im Zusammenhang standen. Vielleicht war diese natürliche Höhle vor langer Zeit von einigen Anhängern dieser Glaubensbewegung entdeckt worden, worauf hin diese eine kleinen Kultstätte daraus gemacht hatte. Der Gedanke daran, wie Menschen hier unten mit einer akribischen Kreativität diese schrecklichen Schriftzeichen in die Wände meißelten lies mich am ganzen Körper erschaudern. Ich betrachtete Scott, der mit einer fast schon buckligen Haltung die Schriftzeichen aus nächster Nähe mit einem völlig faszinierendem Blick betrachtete und dabei leise vor sich hin flüsterte, als ob er den verborgenen Text, der hinter diesen schrecklichen Zeilen steht lesen konnte. Als Scott meinen Blick bemerkte richtete er sich schnell auf, und lächelte mich nur nervös an. Ich weis nicht warum, aber wir gingen weiter. Alles in mir sträubte sich dagegen noch einen weiteren Schritt in diesem Unheiligen Gang vorwärts zu wagen.

Vielleicht war es Scott faszinierter Gesichtsausdruck, sein Drang weitere Nachforschungen anzustellen, der mich ebenfalls dazu bewegte weiterzugehen. Ich konnte es meinem Freund nicht übel nehmen. War es doch ein wahrlich faszinierende Vorstellungen ein seit langem verborgendes Geheimnis zu lüften. Doch verspürte ich eben auch diese unsägliche Angst. Dieses beklemmende Gefühl der Dunkelheit, welche wie eine beseelte Gestalt sich um uns schlang. Und es war so, also ob die Strahlen unserer Taschenlampen tiefe Wunden verursachte, wo immer sie sich durch die Dunkelheit schnitten.
Unsere Schritten hallten von den Wänden wieder als wir uns über den Fels weiter in den Gang wagten. Doch was wir nur wenige Meter später sahen lies unsere Schritte, und auch mein Herz für einen Augenblick stillstehen. Waren wir doch so sehr von den Schriftzeichen an den Wänden ergriffen gewesen, das wir den weiteren Bereich vor uns gar nicht genau betrachtet hatten. Es war der Boden vor uns.
Scott stolperte als erster, rutschte aus und brach auf die Knie. Ich half ihm auf, und leuchtete mit meiner Taschenlampe an die Stelle um zu sehen worüber mein Freund gestolpert war.
Allein jetzt während ich mich an das Gesehene erinnere und versuche das erlebte aufzuschreiben, fühle ich wie sich der Angstschweiss wieder auf meinem Körper ausbreitet.
Ich stand da noch immer den bleichen Strahl der Taschenlampe auf den Boden gerichtet, und starrte nur auf das Beet des Schreckens vor mir. Mein völlig überreiztes Wahrnehmungsvermögen deutete mir nur noch mit einem dunklen Pochen hinter der Schläfe, das Scott mit einem Aufschrei nach hinten gesprungen war und sich Angsterfüllt gegen die beschrifteten Wände drückte.
Die Worte um genau zu erklären was ich dort auf den Boden sah, sind niemals in der Lage den Umfang des Horrors zu beschreiben, der meine Augen angrinste. Ich sagte Grinste, denn dies ist nun mal das erste Gefühl wenn man in das Gesicht eines blanken menschlichen Schädels starrt. Doch war es nicht nur ein Schädel der dort vor mir auf den Boden lag, und aus leeren Augenhöhlen in meine Seele starrte….es waren Hunderte! Bleichen Knochen,
der Boden war übersäht mit menschlichen Gebeinen. Schädel, Arme, Beine, Rippen, Wirbelsäulen sie pflasterten den Weg vor uns wie eine beinerne Straße. Die Knochen türmten sich auf, waren zu verdrehte Haufen zusammengewachsen und erschienen in der Dunkelheit wie neue perverse Kreationen des Lebens, deren verfall hier unten über die Jahrhunderte hinweg seinen Lauf genommen hatte. Diese blanken Knochen, Makellos ohne einen Kratzer, einen Bruch, einen fehlenden Splitter. Ich denke es war zu diesem Zeitpunkt, als sich mein menschlicher Verstand all dieser Eindrücke verweigerte um nicht der Entropie anheim zu fallen. Ich kann nicht genau sagen wie lange ich in meiner erstarrten Haltung voller Entsetzen auf dieses Totenfeld geblickt hatte, aber als ich mich endlich abwenden konnte war das Licht meiner Taschenlampe merklich schwächer geworden. Scott befand sich noch immer hinter mir und klammerte sich wie ein Bergsteiger an die flache Wand. Er hatte seine Taschenlampe bei seinem Aufschrei fallen lassen. Dabei war das dünne Glas der Lampe selber zerbrochen, und auch die Birne hatte den Sturz nicht heil überstanden. So hatten wir also nur noch den schwachen flackernden Schein meiner einen Lampe. Vor uns befand sich nichts als die absolute Dunkelheit, genauso wie hinter uns, denn mittlerweile musste es draußen an der Oberfläche ebenfalls schon längst Dunkel geworden sein, so das kein einziger Schimmer der Oberfläche mehr zu sehen war. Ich berührte Scott an der Schulter, und merkte das er verkrampft zitterte. Langsam drehte ich ihn zu mir damit ich sein Gesicht sehen konnte.
Scotts Augen waren weit aufgerissen, die Pupillen hatten sich in dieser Finsternis zu großen schwarzen Punkten geweitet, so das beinahe seine beiden Augen dunkle Löcher waren.
Er hatte die Zähne fest zusammengebissen, und nur mit Mühe gelang es mir seinen Muskelkrampf zu lockern, so das er wieder den Mund öffnen konnte. Wieder stellte ich mir vor, wie wohl mein eigenes vom schrecken gepeinigtes Gesicht für ihn aussah. Es dauerte noch einige Augenblicke, bis ich das Gefühl hatte das er sich langsam wieder gefasst hatte.
Doch meiner bei Aufforderung so schnell wie möglich den Gang zurückzulaufen um diesem Ort für Immer den Rücken zu kehren. Legte er nur seinen Kopf leicht schief und flüsterte dann die letzten Sätze zu mir, die ich jemals von meinem alten Freund hören sollte: „ERHI LHAZ TSI NOIGEL!! DNU EIS NEDREW ELEIV NIES EID SNIE DNIS. DNU SAD SAW SNIE TSI DRIW ELEIV NIES!!“ Dann rannte er mit einer unglaublichen Schnelligkeit den Gang weiter entlang und verschwand in der Dunkelheit. Ich konnte noch seine Schritte hören, als er über das Feld der Gebeine stolperte. Knochen und Schädel knirschten als Scotts schwere Schritte sich langsam entfernten. Einen Moment lang grübelte ich über den Satz nach der seinen Lippen entsprungen war und fragte mich ob es etwas war, das hinter den grausamen Schriftzeichen an den Wänden in verborgenen lag. Ohne jedoch weiter nachzudenken stürmte ich meinem vom Wahnsinn befallenen Freund hinterher. Mein Gang durch das Totenfeld unter meinen Füßen war wie der Weg durch einen schlammigen Morast. Das Grauen dieser bleichen Reste einstiger Menschen zog sich an meinen Beinen hoch wie das klamme Gefühl von kaltem Schlamm. Es fuhr durch meinen Körper in meinen Geist und lies dort Phantasien und Vorstellungen entgegen meiner eigenen Verstandes entstehen. Mir kam es wie eine Ewigkeit vor als ich den Pfad endlich hinter mich gelassen hatte. Ich erreichte eine große Halle.

Was ich hier nun aufschreibe wiederspricht allen logischen Möglichkeiten der menschlichen Vorstellungskraft. Dennoch ist es die Wahrheit, die sich wie ein Geschwür in mein wundes Gehirn gefressen hat. Die so unglaubliche Wahrheit.
Die Halle bestand aus kalten grauen Gestein. Ähnlich wie in dem Korridor zuvor waren auch hier die Wände und der Boden mit Milliarden von unterschiedlichen Schriftzeichen in eine einzige schreckliche Offenbarung des Unheils verwandelt worden. Die Halle war ungefähr zwölf Meter Breit wie auch Lang. In Abständen von jeweils zwei Metern befanden sich in der Mitte der Kammer fünf Säulen aus einem schwarzen unbekannten Gestein. Diese erstreckten sich scheinbar endlos in die Höhe und verschwanden irgendwo in der absoluten Schwärze. Denn eine Decke hatte diese Halle nicht. Lediglich ein sich endlos in die Höhe schwingende Dunkelheit. Die Unmöglichkeit dieser Tatsache trieb einen Schmerz in meine Augen und ich blickte wieder auf die mich umgebende Halle.
Rechts und Links von den Säulen befanden sich in regelmäßigen Abständen lange Sitzbänke ähnlich wie in einer Kirche. Sie schienen aus Holz zu sein, waren aber von einer schwarzen und öligen Masse überzogen die auf seltsame Art und Weise pulsierte und lebte. Das knarrende Geräusch das von diesem Bänken ausging wirbelt noch immer durch meine Gehörgänge, und lässt jede Stille meiner Umgebung zu Momenten der Qual werden.
Doch was wohl endgültig meinen Verstand verdrehte war die Plattform direkt am Ende der Halle. Denn dort war keine Wand zu finden sondern ein Abgrund, aus dessen tiefe ein schwacher rötlicher Schimmer kam. Einige schmale Stufen führten hinaus über den Abgrund auf eine kleine Plattform von drei mal drei Metern größe. Genau im Zentrum dieser Plattform stand auf einem Podest ein verziertes goldenes Becken. Die Form des Beckens war völlig wiedernatürlich. Es waren Dornen und Rundungen, Kanten und Löcher alles in einem verwobenen Muster aus absurder Möglichkeiten der Optik.
Direkt neben diesem Becken stand Scott. Totenbleich starrte er mit einem völlig leeren Gesichtsausdruck in das Becken.
Ganz langsam ging ich an den Rand des Abgrundes, aber entgegen meines Wunsches weigerte sich mein letzter Funke klaren Verstandes in diesen Schlund zu blicken. So schritt ich mit einem festen Blick auf Scott die Stufen über den Abgrund hinaus. Ein giftiger und schwefliger Geruch stieg mir in die Nase. Trieb mit die Tränen in die Augen und die Galle in den Hals. Dann befand ich mich direkt neben Scott. Er schien wie in Trance gefesselt von dem was sich in dem Becken befand. Ich folgte seinem glasigen Blick und sah das jenes Becken bis an den Rand mit dunklem Blut gefüllt war.
Die Oberfläche der Flüssigkeit war vollkommen glatt und man konnte sich sogar bei diesen schwachen Lichtverhältnissen in ihr Spiegeln. Doch sah ich nicht mein Gesicht, sondern eine dämonisch verzerrte Fratze mit Hauern und Hörnern. Blutige Warzen und lederartige Haut von pestkranker Farbe konnte ich noch erkennen ehe ich mich würgend Abwand. Ich brach neben der Schale zusammen und übergab mich. Keuchend erhob ich mich wieder auf die Knie und blickte hinauf zu Scott.

Er drehte den Kopf, und seine so tot wirkenden Augen gingen durch meinen Körper hindurch. Dann berührte er mit der spitze seines Zeigefingers das Blut…und lies sich einfach nach hinten in den Abgrund fallen. Völlig entsetzt warf ich mich nach vorne um ihn noch schnell zu packen, aber all meine Glieder versagten ihren Dienst und ich brach ausgestreckt auf dem Plattform zusammen. Mit letzter Kraft zog ich mich an ihren Rand um einen Blick in diese Tiefe zu riskieren. Oh hätte ich es doch niemals gemacht! Wäre ich doch auf dem kalten Stein dieser Plattform einfach gestorben! Denn das was meine Augen in der Tiefe sahen, war von solch einem unbeschreiblichen in Blut und Feuer getauchten Horror der über das Leben und den Tod hinausgeht. Die spiralförmigen sich endlos drehenden Erinnerungen an die Welt und an die Kreaturen die ich dort unten sah sind die Henker meiner kläglichen Existenz die ich jetzt noch führe. Taumelnd richtete ich mich auf, und bemerkte erst gar nicht das Blut das aus meine Augen lief. Schwankend drehte ich mich um und stolperte die Stufen hinab.
Ein Schatten legte sich über mich. Geflügelt und von gigantischem Ausmaß. Mein Nacken brannte wie Feuer als sich die sengende Hitze der Niederhölle mit eine DIESER Kreaturen hervorhob. Von da an rannte ich nur noch.

Meine Erinnerungen setzten wieder ein, als ich mich in meiner Wohnung in der Stadt befand. Meine Kleidung war völlig zerschunden, genauso wie beinahe mein ganzer Körper von ernsthaften Verbrennungen übersäht war. Scheinbar war ich längere Zeit nicht bei Sinnen gewesen, denn die Einrichtung meiner Wohnung war völlig zerschlagen, und meine blutigen Hände zeugten von dem Verursacher dieser Gewalt.

Hiermit möchte ich meinen Bericht beenden. Von Scott habe ich nie wieder etwas gesehen oder gehört. Ich möchte es auch nicht, falls überhaupt so etwas wie Scott noch existiert.
Ich habe die Gasleitungen in meiner Wohnung aufgebrochen. Schon jetzt ist der Gestank unerträglich. Ich werde dieses Schriftstück in eine Sichere Folie verpackt in den Hinterhof des Hauses werfen. Vielleicht findet es dort noch jemand zwischen den Trümmern. Denn jetzt, da die verschiedenen leicht entzündlichen Gase schon seit Stunden durch meine Wohnung treiben, werde ich ein Feuer entzünden. Mag von mir aus das ganze Haus explodieren. Ich werde nach meinen Tod ohnehin zur Hölle fahren.

© 2001 by Dominik Cenia

Hinterlasse jetzt einen Kommentar

Kommentar hinterlassen