Heim, Wilhelm: Krankenhaus

Das Pfeifen hält immer noch an. Auch nach der zweiten Infusion dröhnt es weiter im linken Ohr. Mittelohrentzündung oder vielleicht doch Tinnitus. Der Arzt sagt etwas von Druck im Innenohr und aufschneiden, wenn sich das Pfeifen bis morgen nicht bessert.

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Ich spreche und denke hastig, als die Nachtschwester den Blutdruck mißt, schüttelt sie ungläubig den Kopf. Trotzdem lächle ich. Mir ist so bange, als sterbe ich jeden Moment. Kribbeln in den Fingerspitzen, die Infusionskanüle in meinem Arm schmerzt. Ich weiß nicht, ob das alles nur ein böser Traum ist, alles kommt mir so irreal vor. Vor ein paar Stunden war ich noch zu Hause. Aber das Pfeifen hat mich verrückt gemacht, und so bin ich nun hier. Ich könnte alles kurz und klein schlagen, treten, beißen, die Schwester zur Sau machen, obwohl sie an meinem Dilemma am wenigsten schuld ist. Was ist mit mir los? Ich bin äußerlich gelassen, zeige Zweckoptimismus, wo keiner vorhanden ist. Am liebsten würde ich mich sofort in die Arme meiner Mutter kuscheln, mich ausweinen, mir Trost und Sicherheit holen. „Ich bin ja bei Dir, mein Junge,“ hat sie früher immer gesagt. Ich möchte diese Worte jetzt wieder hören.

Die frühe Nacht bricht langsam an. Es ist zwar noch hell, aber der Horizont versinkt im Dunst. Das Krankenhaus ragt hoch über die kleine Stadt hinaus. Von hier oben hat man eine gute Aussicht. Auf die Stadt. Wie es mit der Zukunft ist, weiß ich nicht, denn die Aussicht darauf, daß das Pfeifen bald verschwindet, ist gering. Ich habe kaum Hoffnung. Mir geht alles zu schnell. Mittags beim Ohrenarzt, dann innerhalb von 20 Minuten ins Krankenhaus, Station 10. Der Ohrenarzt kommt, legt die Kanüle für die Infusion. Sein erster Versuch scheitert. An dieser Stelle wird für die nächsten Tage ein schmerzhafter blauer Fleck sein Territorium haben.
Zeitgleich mit der ersten Infusion erhalte ich noch ein aufgewärmtes Mittagessen. Angeordnet wird für meine Behandlung auch Rotlicht und Inhalationen. Aber nichts bessert sich. Unverändertes Pfeifen. Ich würde gern optimistisch sein, mir sagen, daß am nächsten Tag alles vorbei sein würde. Aber ich denke immerzu an die Worte von Arzt und Krankenschwester: Innenohr und Aufschneiden. Wie soll ich das überstehen? Verzweiflung und Ratlosigkeit.
Ich mache ein paar Schritte über den langen Flur und betrachte die mir gegenüberliegende Seite der Stadt. Man sieht die hellerleuchteten Zirkuszelte eines Open Air Festivals. Leise drängt die Musik zu mir. Viele Zuschauer jubeln und schreien. Sicher bin ich mir allerdings nicht. Das Pfeifen ist ja im Ohr.
Sensibel für alle Äußerungen des Arztes steigere ich mich in eine Furcht hinein, von der ich nicht einmal weiß, wofür sie steht.
Anrufe müßten morgen getätigt werden. Anrufe, von denen ich die Telefonnummern nicht weiß. Ich habe Verantwortung. Muß anrufen und Bescheid sagen, was los ist, warum ich nicht kommen werde. Mir ist es peinlich, wenn ich nicht absagen könnte. Wo ich mich immer bemühe die Zuverlässigkeit in Person zu sein. Das wäre eine große Schmach. Ich übertreibe es häufig mit Moral, Verläßlichkeitsgequatsche und Integritätsgefasel. Würde ich alles lockerer nehmen, hätte ich das Peinlichkeitsproblem nicht. Ach scheiße. Vielleicht brauche ich jemanden, der mich zwar nicht bemitleidet, mir aber Mut macht: „Da mußt du jetzt durch. Da hilft alles nichts. Halb so schlimm. Das schaffst du schon.“
Das Pfeifen hat sich festgebissen. Das Zimmer ist fast dunkel, obwohl man draußen trotz Dunst den Horizont noch erkennen kann. Drinnen benötigt man schon Licht, wenn man lesen oder schreiben will. Ich könnte lesen, ich habe mir aus dem Tagesraum einen von diesen Grisham Thrillern geholt (Die Akte). Vorhin begann ich ihn, doch schnell legt ich das Buch zur Seite, war nicht fähig mich zu konzentrieren. Keine Ahnung, ob es am Buch lag oder am Pfeifen.

Zweiter Tag. Nichts hat sich gebessert. Der Arzt scheint nach einem Hörtest allerdings zuversichtlicher zu sein als ich. Er ist sich sicher, daß das Pfeifen eine Folgeerscheinung der Mittelohrentzündung ist.
Ich verbringe zwar erst den zweiten Tag hier, scheine mich aber schon an das Leben im Krankenhaus gewöhnt zu haben. Der Tagesablauf macht keine Schwierigkeiten und die Sprache der „Einheimischen“ ist mir vertraut. Hier zählt nicht, was man im Zivilleben ist. Was zählt ist die Schwere des momentanen Leidens und der zurückliegenden Krankheitsgeschichte. Hier mal ein Magengeschwür, dort ein Herzinfarkt, Bein- und Armbrüche und was es sonst noch so gibt.
Der Alltag besteht außer Infusionen noch mit den stumpfsinnigen Gesprächen unter Patienten. Noch bin ich allein im Zimmer – sinnloses Gequatsche bleibt mir noch erspart. Alltäglich ich auch die Langeweile. Kein Radio, kein Fernsehen. Ich bin einsam, nur das Pfeifen ist ein ständiger Besucher. Den Grisham Thriller habe ich zur Hälfte durch. Wenig interessant, keine Spannung, aber die lange Zeit der Infusionen geht vorüber. Schwer zu lesen, weil das Pfeifen mich ablenkt.
Ob ich den Besucher irgendwann loswerde? Wird alles gut werden. Ist das Pfeifen psychisch? Warum ich? Fragen, auf die ich jetzt keine Antworten finden lassen.

Dritter Tag. Manchmal ist das Pfeifen gar nicht so schlimm, auch wenn es permanent zu hören ist. Heute hat sich die Ader, in der die Infusionsnadel liegt, entzündet. Sobald man die Haut über der Kanüle berührte, schmerzte es. Nun ist das Ding raus – es blutete höllisch. Morgen früh werde ich eine neue Nadel erhalten. Vermutlich in den rechten Arm. Mein Leben wird zerstört. Ja ich bin sensibel gegen diese kleinen Nadeln, die die Haut mühelos durchbohren und sich in die Blutlaufbahn einklinken. Wie das Blut spritzt. Welch’ Freude, sagt ein blutgeiler Fetischist. Mir läuft jedenfalls der Schauer über den Rücken, wenn ich nur an Blut und Spritzen denke. Der Pfeifton ist dagegen lächerlich. Wie paradox: Um ihn loszuwerden, muß ich noch größere Qualen aushalten. Zu den Nadelproblemen gesellt sich schließlich noch der Krankenhausstreß. Das magische Wort Tinnitus macht hier schnell die Runde und versetzt zahlreiche Patienten in Angst und Schrecken. Was, wenn das Pfeifen nie mehr endet? Bin sehr leicht in Panik zu bringen. Auf der einen Seite das Gerücht vom Tinnitus, auf der anderen der Onkel Doktor, der etwas von Mittelohrentzündung erzählt. Was soll man da noch glauben? Da geht man doch kaputt.
Morgen soll ich Gesellschaft bekommen. Bei mir zieht jemand ein. Der neue Mitbewohner hat sich am Nachmittag schon vorgestellt. Die Schwester sagte mir, daß ihm wohl die Mandeln entfernt würden. Jedenfalls will er den Fernseher anschließen lassen. Wie geschmackvoll! Ein ausgesprochen intelligenter Mensch, denn dazu hatte er das Vorhaben eine von diesen neuartigen Spielkonsolen mitzubringen. Wer weiß, was das wohl wieder für ein Ding ist? Der junge Mann wird am Fernsehen und an der Konsole noch seine helle Freude haben, wenn er nach der Operation röchelnd in seinem Bett liegt und sich nur noch nach Ruhe sehnt. Ich hab’ das alles schon mal mitgemacht. Anno 1992. Mir ging es elend. Aber so läuft das eben im Krankenhausleben. Leute mit großer Fresse, werden ganz schnell so klein, daß sie unterm Teppich Fallschirmspringen können. So wird wohl auch der Spielkonsolenmann meine Einsamkeit nicht bessern. Statt dessen werde ich mit diesem Rowdy meine Ruhe verlieren. Vielleicht aber auch mein Grübeln über das Pfeifen. Ich hätte dann großen Respekt vor dem Spielkonsolenmann.
Den Grisham Thriller habe ich durch. Die Filme zu den Romanen sind wesentlich besser als die gedruckte Fassung. Verdient haben die Dinger die Bezeichnung Thriller nicht. Der Autor versteht es einfach nicht Spannung aufzubauen. Er findet nicht den Punkt, von welchem der Leser an so fasziniert und gefesselt ist, daß er das Buch nicht mehr aus der Hand legen will. Grisham ist Schund. Es lebe Patricia Highsmith und der talentierte Mr. Ripley. Das ist mein Held, denn er weiß aus jeder Situation einen Ausweg. Herrlich. Ripley ist kriminell. Na und?

Vierter Tag. Meine Pflichten habe ich für heute erfüllt. Zweimal Inhalation, zweimal Rotlicht. Wie immer. Und zweimal Infusion mit Cortisondröhung. Da jubelt das Blut und der Schwanz wundert sich. Heute setzte mir der Doc eine neue Kanüle, nach vier vergeblichen Versuchen. Der Typ ist ein Turnbeutelvergesser. Ich sehe inzwischen aus wie ein Junkie. Den rechten Arm kann ich kaum bewegen, blau wie das Wasser in der Karibik. Schwierigkeiten beim Arsch-ab-putzen sind ebenfalls Folgen des lädierten Armes und der Unfähigkeit des Arztes beim Stechen der Nadel. Es würde mich nicht wundern, wenn sein Sexleben auch so erfolglos wäre. Obwohl mir zu Ohren gekommen ist, daß er sich sehr für Natur und Vögel interessiert. Vogelschützer.
Es wird Zeit, daß ich hier rauskomme. Wenn die Kanüle aus meinem rechten Arm weg ist, dann darf sich endlich auch wieder ein anderer kleiner Kerl freuen. Trostlos, nicht wahr? Aber noch drängelt sich keine danach, mir diese Schwerstarbeit abzunehmen. Die Pflegetätigkeit der Angestellten läßt sehr zu wünschen übrig. Der Spielkonsolenmann ist eingetroffen. Aber ohne Spielkonsole. Und die Mandeln waren es auch nicht. Irgend etwas an der Nase. Wahrscheinlich zu tief in etwas reingesteckt. Er schläft den ganzen Tag. Schnarcht, was das Zeug hält. Wenn er das heute Nacht macht, dreh’ ich ihm die Nase herum. Auf der Fensterscheibe klebt ein Hinweisschild: „Bitte nichts zum Fenster hinauswerfen. Durch herabfallende Flaschen, Obst werden Personen gefährdet und unnötiger Sachschaden verursacht.“ Von Spielkonsolenmännern steht da nichts geschrieben.
Wann immer es mir möglich ist, begebe ich mich auf einen dieser langen Spaziergänge von einen Ende des Flures zum anderen. Mitunter bin ich da schon mal eine Stunde unterwegs. Nicht daß der Flur so lang wäre, aber so läuft man recht häufig am Schwesternzimmer vorbei. Und wer weiß, was dort alles passieren könnte, jedenfalls besitzt das Fenster dort Vorhänge.
Das Seltsame am Krankenhaus ist ja, daß man fast nur kranke Menschen trifft. Und falls nicht, wird man selbst als Besucher dort krank. Die Leute hier sind Krankenhausexperten. Selten, daß jemand zum erstem Mal dabei ist. Ein „das-wird-schon-wieder“ habe ich hier noch nicht gehört. Statt dessen: „Was hast du? Pfeifen im Ohr. Mein Schwager hat das schon seit 30 Jahren.“ Wie aufmunternd und optimistisch. Wenn ich mir manche von den Krankenhausjunkies anschaue, denke ich oft genug, daß sich bei denen das Heimgehen eigentlich gar nicht lohnt.
Manche Krankenhausserien im Fernsehen vermitteln mehr Zuversicht als diese Hütte hier. Es gibt da diese amerikanische Sendung: Chicago Hope. Das hat was mit Hoffnung zu tun. Hört sich gut und motivierend für Patienten an. Die zeigen da auch Krankenhausflure und Schwestern, die ihren Namen verdient haben. Hope – ein romantischer Krankenhausaufenthalt mitten in Chicago. In meinem Schuppen ist alles verlottert. Auf meinen endlosen Spaziergängen entgeht mir nichts. Genau drei Bilder hängen schief, Blumen nicht gegossen, Fenster nicht geputzt. Und auf der Heizung liegt eine 2 mm Staubdecke. Leider breiten sich auch die Spinnweben an der Notbeleuchtung merklich aus. Dafür zahlt man zusätzlich noch täglich 17 DM aus eigener Tasche. Trost spenden mir die frischen Vollkornbrötchen zum Frühstück. Die kosten schon 2 DM. Wo aber die restlichen 15 DM geblieben sind, ist mir rätselhaft. Jedenfalls nicht bei den Pflegeausgaben.

Fünfter Tag. Der Fernseher des Spielkonsolenmannes läuft den ganzen Tag. Dazu tönt sein melodisches Schnarchen und Ratzen. Unglaublich.
Von hier drinnen sieht man, wie sich das Wetter bessert. Obwohl man ja wetterunabhängig ist, ist dieses Thema hier überhaupt ein wichtiges. Wenn drinnen was tropft, dann hat das allerdings nichts mit Regen, sondern mit tropfendem Blut zu tun. Hier sind ziemlich viele alte Menschen. Sie genieren sich bei jeder Gelegenheit, wenn das Nachthemd mal verrutscht ist, oder der Schlafanzug leckt. Eben bei den ganz menschlichen Dingen. Eigentlich sind die ja arm dran. Sie können ja nichts für ihre Situation. Die sind halt so erzogen. In schwierigen Zeiten des Mangels und der Armut während des Krieges. Das Gesundheitssystem ist danach immer besser geworden, und so turnt die Kriegsgeneration in den Krankenhäusern noch halb lebendig herum.
Nachdem ich heute wieder einmal beim Hörtest war – welch’ Abwechslung, denn man wird mit dem Taxi durch die Stadt zum Ohrenarzt gefahren – habe ich Gewißheit über die weitere Dauer meines Aufenthalts: Noch 5 Tage. Ich fühle mich nicht mehr wie ein Fremder, ich gehöre inzwischen dazu. Wie ein alter Mann. Mein Rücken schmerzt – nicht vom vielen Arbeiten, sondern vom Liegen. Und stöhnen kann ich auch schon gut. Mit meinem immer noch anhaltenden Pfeifen habe ich den vorläufigen Mitgliedsausweis für die Altersliga erhalten. Mit 24 Jahren das jüngste Mitlied. Welch’ eine Leistung. Eine Ehrennadel ist mir sicher.
Einen Wehmutstropfen galt es heute zu vergießen, denn mein bester Freund hat mich verlassen: Pfleger Ernst Koch. Der verstand sein Handwerk. Nicht ein einziger Tropfen ging je daneben, wenn er den Schlauch von der Infusionsnadel löste und den Stopfen hineinschraubte. Die Schwestern dagegen hinterließen dabei jedesmal eine riesige Blutlache und mich als psychisches Wrack. Sie sind alle so kalt und herzlos. Pflegekräfte, daß ich nicht lache. Von Pflege kann hier keine Rede sein. Knallhartes Überlebenstraining ist das. Die machen mich so, wie mich die Frauen da draußen nicht haben wollen: Als stahlharten, gefühllosen und egoistischen Kämpfer. Auszeichnung mit Prädikat. Die Narben an meinen Armen beweisen es. Keine Spur mehr von Sensibelsein, Einfühlsamkeit, Weinenkönnen und sie mit einer Vogelfeder über den Rücken streicheln. Alles vorbei. Mein Verwöhnwerkzeug wird ab jetzt die Infusionsnadel sein. Ich starte den Rachefeldzug gegen alle verständnislosen und gefühlskalten Krankenhausschwestern. Ich werde auf sensibel und schwach machen, damit sie sich meiner annehmen. Und sollte ich mich dann in ihren Händen befinden, werde ich gnadenlos zuschlagen. Stets werden sie zu spät ihr Frühstück erhalten. Der Tee oder Kaffee wird immer zu heiß sein, gute Laune wird mein Aushängeschild sein. Terror, Terror, Terror. Schließlich werde ich einen Patientenratgeber schreiben, mit denen sich jeder für oder gegen einen Krankenhausaufenthalt rüsten kann. Er wird der Leitfaden für die zukünftiger psychologische Ausbildung der Pflegekräfte sein. Doch bevor ich dieses Vorhaben umsetzten kann, muß ich erst einmal die noch leicht vorhandene Schallschwerhörigkeit auskurieren, denn für den Kampf gegen die Gefühlskälte in Krankenhäusern will ich topfit sein.

Sechster Tag. Eigentlich keine besonderen Vorkommnisse. Ich kann mir die leise Hoffnung machen, morgen aus dieser Anstalt entlassen zu werden. Es ist fast Wochenende, die Station ist fast leer. Langsam geht der Spaßfaktor gegen null, denn die alten Kampfgenossen sind gestern oder heute in die Freiheit gegangen. Ein wenig vermißt man diese inhaltslosen Gespräche über das Wetter, die Krankheiten und über die Ossis doch. Natürlich habe ich mich die ganze Zeit als Ossi-Anwalt profiliert. Vorurteile über Vorurteile der Wessis über die Ossis prallten an der stolzgeschwellten Brust eines Wahlthüringers ab. Ob ich gute Arbeit geleistet habe, weiß ich nicht, bezweifle es aber. Zu wenig Zeit ist seit der Wende vergangen.

Siebter und letzter Tag. Über Nacht hat sich die Kanüle wieder entzündet. Scheiße. Aber das stehe ich noch durch, denn bald bin ich wieder in Mamas Armen. Damit die Quälerei in dieser Einrichtung zum Abschluß noch einen Höhepunkt hat, ist dem Spielkonsolenmann und mir heute morgen noch ein weiteres Blutbad widerfahren. Blutabnehmen. Kommt doch schon vor dem Frühstück so eine total dünne ausgezehrte und bleiche Gesellin herein und teilt uns mit ihrer krächzenden Stimme mit, daß wir jetzt dran glauben und ihr einen Finger zur Verfügung stellen müßten. Ohne daß mir Zeit zum Reagieren blieb, ergriff die Gehilfin des Teufels blitzschnell meine Hand, säbelte mit einem scharfen Werkzeug meine Fingerkuppe ab (oder fast) und atmete genußvoll auf, als mein junges Blut in ihr Reagenzglas zu fließen begann. Ich sah, wie ihre Augen in der Morgendämmerung leuchteten.
Nach einer letzten Infusion und dem Systemcheck des Arztes konnte ich dann gehen. Als ich vor das Krankenhausportal trat, nahm ich mit Erleichterung und Sehnsucht das Zwitschern der Vögel wahr. Ich lebte also noch.

Wilhelm Heim, Juni 2000

(c) 2000 by Wilhelm Heim

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