Heinlein, Heike: Ein schöner Tag

Das Medikament heißt Trinsolan. Schon lange nimmt sie es regelmäßig; morgens eine Tablette und gegen nachmittag meistens noch eine zweite, manchmal auch eine dritte bevor sie schlafen geht, aber nur an den ganz schlimmen Tagen. Das hat der Arzt erlaubt.

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Es hilft ihr zu lachen, wenn ihr zum Weinen ist; es macht ihr Mut, wenn sich die Hölle der Angst wie ein Feuer speiender Abgrund vor ihr auftut; es hilft ihr aktiv zu werden, wenn sie vor Starre gelähmt am liebsten den ganzen Tag Bett verbringen möchte. Ihr fehlt jede Orientierung im Leben, sie weiß nicht wo es lang geht, was richtig ist und was falsch. Oft hat sie das Gefühl, im luftleeren Raum umherzufliegen, um irgendwann abzustürzen in eine unbekannte Dunkelheit, aus der es kein Entkommen gibt. Die Tabletten helfen ihr zu überleben. Doch immer wieder, kaum dass die Wirkung nachlässt, sind sie wieder da, die Klagelieder ihrer verwundeten Seele.

Melissa kann diese Melodien nicht mehr hören. Sie hat genug von der Angst und der Starre und dem Abgrund, vom allein sein, einfach von allem. Es kann nur besser werden denkt sie und verspürt dabei einen Hauch von Galgenhumor, der ein seltenes Lächeln auf ihre Lippen zaubert.

Der Entschluss war allmählich gereift, wie eine Knospe, die sich nur langsam zur vollen Blüte entfaltet.
Immer dann, wenn die Klagelieder wieder in ihr Bewusstsein drangen, kam sie ihm ein Stück näher. Irgendwann stand er fest, und das erste Mal in ihrem Leben fühlt sie sich befreit und leicht.
Sie hat sich dafür einen schönen Tag ausgesucht, einen Tag im Frühling, den die Vögel frühmorgens laut singend begrüßen, einen der ersten warmen Sonnentage nach einem langen kalten Winter.

Melissa verlässt das Haus am späten Vormittag. Sie will den Tag im Park verbringen. Zufrieden sieht sie aus; sie wirkt gelöst und unbeschwert, als sie da so entlang schlendert, mit den gelben Shorts und der bunten Bluse. Das ist völlig ungewöhnlich für sie, aber nun würde ja auch alles gut werden.
Der Park ist gut besucht. Jeder, der Zeit hat, möchte das schöne Wetter ausnützen. Melissa sieht kleine Kinder, die auf tapsigen Beinchen ihre ersten Schritte machen, hinfallen, von ihren besorgten Müttern aufgehoben werden und erneut neugierig losmarschieren. Sie sieht Studenten, die Vorlesungen schwänzend ausgestreckt auf Parkbänken liegen, ihre Manuskripte ungelesen auf dem Bauch liegen haben und die Gesichter mit geschlossenen Augen der Sonne entgegenhalten.

An der Stelle, an der sich das ganze Jahr über die Penner treffen, quillt der Abfalleimer jetzt, gegen Mittag, schon über mit leeren Bierdosen. Es wird gelacht und gegrölt und einer pfeift Melissa hinterher, als sie komplizenhaft lächelnd an ihnen vorbeigeht. Ein anderer ruft: „Willst auch ein Bier?“ aber Melissa hört ihn schon gar nicht mehr. Ihr wird plötzlich bewusst, dass heute alles anders ist als sonst. Sie nimmt das Leben und Treiben hier mit völlig neuen Augen wahr. Genießen will sie, einfach nur genießen!

Vor den Magnoliensträuchern bleibt sie stehen und betrachtet die zarten fliederfarbenen Blüten mit den staunenden Augen eines Kindes. Das ist vollkommen neu für sie: die Schönheit der Natur in sich aufnehmen, und diesen Zauber sich entfalten lassen, so ganz ohne Angst, in dem Wissen alles ist gut. Das berührt sie ganz tief. Zum ersten Mal in ihrem Leben weint sie vor glücklicher Erregung. Seit sie den Entschluss gefasst hat, ist alles anders.

Spontan legt sie sich ins Gras und sieht zum Himmel. Ganz bewusst nimmt sie alles wahr: das leichte Rauschen des Windes, der durch die alten Eichen streicht, die Sonnenstrahlen, die ihr Gesicht wärmen, das Singen der Vögel, den Geruch der Erde. So oft schon war sie hier, aber immer mit verschleiertem Gemüt oder vor Angst entsetzter Seele. Nun wird sie sich selbst zurückgegeben. Ein einziger Tag für ein ganzes Leben. Melissa bleibt den ganzen Tag im Park, schlendert umher, sitzt lange Zeit auf einer Bank und sieht dem Springbrunnen zu, wie er jubelnd seine Fontänen hochwirft, die dann als Millionen glitzernde Kristalle wieder herunterregnen.

Sie kostet diese Stimmungen bis zum letzten Augenblick aus. Es fällt ihr schwer zu gehen. Noch einmal geht sie zum Magnolien-Strauch, nimmt einzelne Blüten in die Hand und riecht daran; ein zarter Abschied. Dann geht sie zur Apotheke. Außer ihr sind keine anderen Kunden mehr da. Sie hat es gerade noch rechtzeitig geschafft. Der Apotheker ist jung, ein nordischer Typ mit blauen Augen und blonden Haaren, kaum älter als sie. Er lächelt sie an. Melissa holt das Rezept aus der Tasche und reicht es ihm. Er sieht es sich an und blickt dann verwundert zu ihr. Wahrscheinlich fragt er sich, wozu eine so junge Frau mit solch einem innerlichen Leuchten ein Psychopharmakon braucht.
Der Apotheker gefällt ihr. Er wirkt sicher. Bestimmt lebt er in geordneten Verhältnissen; hat eine eigene Wohnung, einen Wagen, einen stabilen Freundeskreis und am Wochenende besucht er seine Eltern. Wahrscheinlich gibt ihm die Mutter noch etwas von dem Kuchen mit, der übrig geblieben ist, küsst ihn zum Abschied und sagt. „Lass dich bald mal wieder sehen, mein Junge“. Der hat sich etabliert, denkt Melissa. Der ist das, was man ein nützliches Mitglied der Gesellschaft nennt. Jemand der im Leben steht und seinen Weg gehen wird. Er verkörpert alles was sie nie hatte.

Plötzlich verspürt sie den Impuls, ihn zu fragen, ob er noch etwas mit ihr trinken gehen möchte, gleich gegenüber in das Straßencafe. Vielleicht könnte er ihr etwas erzählen, darüber wie es ist, ein normales Leben zu führen ohne seelische Erschütterungen und dem ständigen Überlebenskampf. Sicher wäre das eine Bereicherung für sie, einmal die andere Seite kennenzulernen. Als er ihr das Trinsolan gibt treffen sich ihre Blicke. Er lächelt sie aufmunternd an, fast so als würde er ihre Gedanken ahnen, und nur darauf warten, dass sie sich mit ihm verabreden möchte. Aber Melissa schafft es nicht. Sie nimmt ihre Tabletten und sagt: „Vielen Dank“. Dann dreht sie sich um und geht. „Ich wünsche ihnen noch einen schönen Abend“, ruft er ihr hinterher. Als sie auf der Straße steht, schaut sie nochmal durch das Schaufenster zurück. Er steht immer noch hinter dem Ladentisch und sieht ihr nach. Sein Lächeln ist ehrlich und sympathisch, vielleicht ein wenig bedauernd wegen der verpassten Gelegenheit. Melissa hebt entschuldigend die Schultern und wendet sich ab. Es geht einfach nicht denkt sie; nicht in diesem Leben. Dann macht sie sich endgültig auf den Nachhauseweg.
Das Trinsolan hält sie fest in der Hand, wie ein kostbares Juwel. Noch ein paar Stunden, dann würde sie es geschafft haben; dann würde sie endlich wirklich zu Hause sein, in einer immerwährenden Dunkelheit ohne Angst und Bedrohung. Völlig gelöst schlendert sie durch die Fußgängerzone.
Ein schöner Tag neigt sich seinem Ende entgegen. Es ist der letzte in Melissas Leben.

© Juni 2002 by Heike Heinlein

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