Herman, Julyana: Eine seltsame Begegnung

Ich sitze allein im Büro. ‘Selber Schuld’ fand ich schmunzelnd und dachte an den Sommer vor einem Jahr….


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„Hast du denn wirklich keine Idee? Fällt dir nichts ein? Gar nichts?“ Lena sah mich hilfesuchend an. „Aber du weißt doch sonst immer was…. Schließlich ist es dein Bauch, der immer eine Antwort gibt!“ verschoß sie ihr letztes Argument. Wenigstens das letzte für heute. Dachte ich. Sie gab aber noch nicht auf: „ Sophie! Horch in dich rein!“ Inzwischen war ich vollkommen genervt. „Ich horche! Ich weiß ja, was du willst! Also laß mich in Ruhe horchen!“

Lena sah mich erschrocken an, wahrscheinlich hatte ich einen etwas zu lauten Tonfall gewählt. Und schon tat sie mir wieder leid. Aber das einzige, was mein Bauch her gab, waren Schmetterlinge. Frisch verliebt, wie ich war, hatte ich nicht unbedingt die absolute Lust, mich um Lenas Belange zu kümmern.

Auch wenn ich ihr zugegebenermaßen sonst tatsächlich intuitiv mit einem guten Rat weiterhelfen konnte- diesmal hatte ich keine Ahnung, wo sie einen neuen Freund- aber diesmal den Richtigen! kennenlernen könnte. Männer gab es natürlich genug, aber irgendwie schien Lena nicht mehr rausfinden zu können, was sie wirklich wollte. Wo findet sich der Richtige? Und vor allem- wie merkt sie es? Mit dem Merken ist es auch so eine Sache- viel zu schnell ‘vermerkt’ man sich. Also wollte sie es wissen, am besten von mir.
Alle einschlägigen Tipps hatte Lena schon befolgt- sie hatte ein Fitneßcenter aufgesucht…, nix! Sie hatte sich im Supermarkt umgesehen…., nix! Was sie in der Disco kennengelernt hatte, war auch …nix! Und selbst die Männer, die sich auf eine Bekanntschaftsanzeige hin meldeten, konnte man reihenweise abhaken. Also auch nix!
Wer war der Richtige? Wo war der Richtige? Ich wußte überhaupt nicht, was ich dazu sagen sollte! Über intelligente Sprüche wie: ‘Du mußt nicht suchen, du mußt dich finden lassen’ konnte Lena sich inzwischen aufregen.
Ja, wie denn? Sicher gibt es Berufe mit Publikumsverkehr, da kann einem schon jemand über den Weg laufen. Aber wenn man nur mit einer Kollegin in einem Büro sitzt…? Da kommt keiner.
Und nach Feierabend? Soll die arme Lena den ganzen Abend die Straße hoch und runter spazieren, damit sie gesehen wird? Quatsch! Außerdem weiß man ja, welche Art Mann sie dann ansprechen würde.
„Sophie..“ begann Lena gerade wieder und ich unterbrach sie: „Ich sage dir morgen etwas dazu. Red’ jetzt was anderes!“ So- nun hatte ich mir erstmal ein wenig Zeit rausgeschunden.

Obwohl mich die Gedanken an Lena auch im Bett nicht losließen und ich einige Zeit brauchte, um überhaupt einzuschlafen, träumte ich doch etwas recht angenehmes- ich träumte vom Paradies und bezeichnenderweise von Adam und Eva. Da hat mich doch tatsächlich das Thema Mann und Frau bis in den Schlaf begleitet! Im Paradies wuchsen wunderschöne Blumen und ein Gärtner mit einer grünen Schürze- wie witzig! rupfte im Unkraut rum.
Gärtner? „Du wirst sicherlich einen Gärtner kennenlernen!“ verriet ich Lena gleich, nachdem wir im Büro eingetrudelt waren. Die sah mich total entsetzt an. Verständlich- Lena, die Chrysantheme ohne im Lexikon nachzuschlagen buchstabieren konnte, wußte aber nicht ein Maiglöckchen von einer Lilie zu unterscheiden. Ein Gärtner? Lena dachte an Heuschnupfen, Wespen und Schnecken. Nein! Niemals!
„Vielleicht heißt er Gärtner?“ hoffte sie und sah erwartungsvoll zu mir, ob ich dem zustimmen könnte. „Ach- vergiß es“, kicherte ich und erzählte ihr meinen Traum. „Ich hab doch nur einen kleinen Scherz gemacht…“
Lena nahm die Sache ernster, als ich dachte. Sie kramte in ihren Unterlagen und suchte nach der Liste, auf der die Teilnehmer für das nächste Woche stattfindende Seminar aufgeführt waren.
Dann kramte sie die Unterlagen wieder zurück und meinte enttäuscht. „…Ne, da heißt keiner Gärtner…“

Nun saß ich allein im Büro, Lenas Seminar hatte begonnen. Jetzt, wo sie nicht da war, merkte ich erst, wie sehr sie und ihr endloses Gefrage mir fehlten. Endlich, nach einer Woche sahen wir uns wieder. Total aufgedreht und übersprudelnd erzählte sie: „….ich saß also an meinem Platz und war dabei, ihn mir noch einzurichten, ich suchte nach meinem Schreiber und wühlte in meiner Tasche rum. Deshalb hörte ich auch nur halb zu bei dem, was der Seminarleiter so erzählte. ‘Adam’ hörte ich aber und schoß hoch. Dabei stieß ich meinen Ordner um und meine Tasche fiel dabei zu Boden. Ich ließ Tasche Tasche sein und rief einfach los: „Was haben sie gerade gesagt?“
Alle schauten inzwischen zu mir und der Leiter grinste. ‘Ich habe mich gerade vorgestellt. Ich heiße Damm. A. Damm….! A wie Anton- ja wirklich!“ Nun lachte er und ich war so fertig, daß ich dem Thema später überhaupt nicht folgen konnte. Ich dachte immer wieder- ist er das? Das ist er bestimmt! Aber anschließend lachte er überhaupt nicht mehr, eigentlich war er sehr ernst und beachtete mich gar nicht. Ich jedenfalls dachte immer daran, wie oft du recht hattest mit deinen Aussagen und schließlich hattest du auf meine Frage hin von Adam und Eva erzählt.
Ich beschloß also- er ist der Richtige. Das machte mich mutig und ich fragte ihn abends, ob er Lust hat, mit mir gemeinsam Essen zu gehen. ‘Nein’ sagte er. Nun war ich richtig fertig. Ich ging in mein Hotelzimmer und hatte keinen Hunger mehr. 10 Minuten später klingelte das Telefon. Es war Anton. Ob ich vielleicht doch noch mit ihm Essen wollte? Ich wollte…“

Nun sitze ich wieder allein im Büro. Lena hat gerade ihren Mutterschaftsurlaub begonnen., sie und Toni freuen sich riesig auf ihre Zwillinge.

von Julyana Herman
© 2001 by Julyana Herman

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