Janßen, Matthias: Die Hauptsache ist…

Es war Morgens, oder war es doch schon Mittags, als ich im Gebäude ankam, um meiner täglichen Arbeit nachzugehen. Mit der Tasche unter dem Arm trat ich in den Raum, wo ich einen direkten Blick auf meinen wundervoll sterilen Arbeitsplatz hatte.

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Ein 19 – Zoll Monitor, Tastatur und eine vergilbte Maus kleideten den weißen Kunststofftisch. Ansonsten war er bemerkenswert leer für einen Arbeitsplatz.

Neben mir traf nun in gleicher Minute mein guter Arbeitskollege Henry ein. Ein langhaariger, großer und dürrer Kerl. Er schlenderte, wirkte aber in seinem Gang trotz alledem nicht langsam oder bequem. Wir grüßten uns und warfen uns einen etwas müden und gequälten Blick zu. Dann setzten wir uns hin. Henry hatte seinen Platz rechts von mir. Er begann, seine Unterlagen, sein Handy und seinen Schlüsselbund aus seiner schwarzen Ledertasche zu nehmen, um alles anschließend auf die Arbeitsfläche zu legen. Ich packte nur mein silbernes Nokia aus und legte es auf den Tisch. Natürlich war es nicht erlaubt die Dinger anzuschalten, aber wer hielt sich schon an solchartige Regeln?

Während wir unsere Computer hochfuhren, erzählten Henry und ich über den vergangenen Abend. Klar, wir hatten nichts besonderes erlebt, doch wir sind irgendwann dazu übergegangen, uns trotzdem etwas zu erzählen. Also redete er etwas von einem unglaublichen Abend in seiner Stammkneipe, wo angeblich ein Mann den ganzen Abend der gesamten Kneipenkundschaft das Bier spendierte. Dieser Mann wäre irgendein bekannter Schauspieler gewesen. Zufällig setzte der sich genau neben Henry an die Bar. Nach einiger Zeit kamen sie in ein ungezwungenes Gespräch über Tierhaltung in Großbetrieben. Ein, wie ich finde, etwas absonderliches Thema. – Doch in bezug auf Henry wiederum nicht so abwegig, da er, sagen wir mal vorsichtig, so ziemlich in jedem Themenbereich ein ausgesprochener Experte ist.

Jedenfalls quatschten sie wohl so gut zwei Stunden bevor der Typ sich von Henry mit einem Bruderschaftskuß verabschiedete. – Gefiel mir, die Geschichte, besonders die Stelle an der Henry den Künstler über Legehennenkäfig DIN – Maße aufklärte. Sie war, ohne zuviel zu sagen, sehr unterhaltsam und meisterlich erzählt. Trotzdem blieb mir unklar, worauf Henry insgesamt hinaus wollte. In seinen Geschichten streute er nämlich immer eine Art „Und die Moral von der Geschichte…“ ein. Doch oftmals war es mir nicht möglich diese zu erkennen und ihn darauf anzusprechen war sinnlos. Das habe ich einmal versucht und konnte nur feststellen, dass ich es hätte besser bleiben lassen sollen. Denn die darauffolgende Erklärung war noch verwirrender als die Story selber. Demnach ließ ich es auch in diesem Fall bleiben.

Nun brachte er mir jenen Gesichtsausdruck entgegen, der mir verriet, dass seine Ausführungen beendet waren. Ich stieß lediglich einen tiefen, lauten und nachdenklichen Seufzer aus.

Dann drehte ich kurz meinen Kopf weg, blickte starr auf meinen flimmernden Bildschirm, der irgendwelche Programminformationen ausstrahlte, um nun in meine Geschichte einzusteigen. Sie durfte natürlich nicht weniger interessant sein, denn darum geht’s ja beim Erzählen. So begann ich damit, dass ich gestern eine unglaubliche Begegnung hatte. Ich schaute Henry an und zog die Brauen bedeutungsvoll hoch. Mein Intro war klasse und Henry hörte zu, jedoch mit einer Art, die mir sagte, dass er noch nicht eingefangen war. – Die Computer waren nun startbereit und wir öffneten fast in erschreckender Synchronizität die notwendigen Programme, ohne aber dabei auf den Bildschirm zu schauen, und wenn doch, so doch ohne dies wahrzunehmen. – Ich schilderte also meine Gesternabendgeschichte, wie wir sie scherzhaft nannten.

Meine begann mit dem Anrufbeantworter, der nämlich als ich von der Arbeit heimkehrte wild aufleuchtete. „Ganze zwei Anrufe!“, dachte ich mir. „Ein guter Tag!“

Ich drückte auf den Knopf und hörte ein Tuten, das bedeutete, dass der Anrufer auflegte bevor er zum Sprechen aufgefordert wurde. Der zweite Anruf war aber dann ein Volltreffer! Es war Lilian, ich hatte sie in der U-Bahn kennengelernt und ihr meine Nummer gegeben.

Tja, das war jetzt 5 Tage her. – Da ich das öfter machte, wußte ich, dass ich nach 3 Tagen nur noch geringe Chancen hatte. Um so überraschter war ich nun, doch von ihr zu hören!
Also erweiterte ich meine Theorie mit dem Zusatz, dass die Wahrscheinlichkeit nach 5 Tagen wieder stieg.

Ich rief gleich zurück, da sie ihre Nummer ordnungsgemäß auf dem Band hinterlassen hatte. Es meldete sich eine sanfte Stimme.

„Hallo?“

„Paul hier. Paul… – aus der U-Bahn!Du hast mich angerufen!“, sprach ich mit sicherer Stimme.

„Ja, stimmt!“ , sagte sie, „wie geht’s?

Ich wollte nur mal anrufen…und fragen…ja weil ich dachte… Naja, ob Du vielleicht heute Lust hast, was zu machen? Hättest Du Zeit?!“ Einfach so, ohne Zwang! – Du weißt schon, wie ich es meine!“

„Klar doch, ja…sicher, wann?“

„Oh, fein!“, rutschte ihr freudig heraus.

„Mmh, was willst du denn machen? – Lust auf Essen und dann Digest?“

Das zog immer, Essen in einem feinen Restaurant und dann im Digest ein paar Bier trinken, um die Atmosphäre aufzulockern.

„Das klingt gut. – Was wollen wir Essen? Italienisch? Auf Lasagne hätte ich Hunger.“

„Ja, das Gleiche dachte ich auch. Hahaha.“, denn ich habe mal gehört, man solle am Anfang für Gemeinsamkeiten sorgen, um Sympathie auszulösen.

„Schön, dann sagen wir treffen wir uns so gegen Acht Uhr bei mir. Ich wohne in der Peacmountstreet 4.“

Natürlich war es unüblich, dass die Frau zum Mann kommt, aber da ich kein Auto habe, entschloß ich mich, aus der Not eine Tugend zu machen. Ich gab mich ungewöhnlich und dadurch interessant.

Sie holte mich pünktlich ab und der Abend verlief genau nach meinen Vorstellungen. Sie schmolz in meiner Gegenwart dahin. Das Essen war angenehm, wir beschnupperten uns allmählich.- Sprachen erst über Dinge, die wir so tun, Arbeit, Hobbies, Werte, Vorstellungen und das ganze oberflächliche Zeug. Doch schon bevor wir fertig waren mit dem Essen, kannte ich ihr ganzes Sexleben.
Im Digest dann wurden wir dann durch den Alkohol lockerer. Wir näherten uns mehr und mehr, sowohl körperlich als auch von den Gesprächen. – Kurze Berührungen waren erstes Anzeichen für mehr.

Wir tanzten am Ende sogar Lateinamerikanische Tänze. –So mit Hüftschwung und dem ganzen Simsalabim. Echt stark! Klar, was nun angesagt war!
Wir fuhren zu mir und ich erlebte eine der wildesten Nächte. Nähere Ausführungen spare ich mir. Der Gentleman schweigt und genießt.
Henry schaute mich an, als ob er mir tatsächlich glauben würde. Das gehörte dazu.

„Und dann hast du sie so richtig durchge…?“ hierbei ersetzte er das Wortende durch eine hämmernde Geste. „ Ehrlich?? Bist ein Glückspilz.“

Wir drehten uns zum Bildschirm und begannen unsere Arbeit. Zwischendurch sprachen Henry und ich noch über das Fußballspiel, das gestern Abend im Ersten lief. War mal wieder ne echte Frechheit! Wir ließen kein gutes Haar an unserer Truppe.

„Und ich sage dir, dieser Völler muß weg!“
„Klar muß er!“, sagte Henry.

© 2002 by Matthias Janßen

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