Janßen, Matthias: Mehr als ein Hobby

„Lust heute ne Runde Badminton zu spielen?“, fragte Henry mich.

Wir saßen gerade mal eine halbe Stunde vor unseren Bildschirmen. Kein Wort hatten wir seit dem Arbeitsbeginn miteinander gewechselt. Allenfalls das Übliche, das, was man halt so daher quatscht.

„Ääh??! Wie jetzt hier oder wie??“, konnte ich, herausgerissen aus meinen hochvernetzten Gedanken, nur entgegnen.

Henry blickte mich an, als sähe er einen Schafsbock im Wolfsmilch. Kann man sich sicherlich gut vorstellen. Er bewegte schon die Lippen, um mir eine ausführliche Explikation seiner vorigen Aussage zu geben. Doch zum Glück schellte sein Callmaster. Blitzschnell setzte er sich das Headset auf und nahm das Gespräch an.
Ist schon merkwürdig jemanden beim Telefonieren zu zuhören, da man ja nur den einen hören kann. Henry meldete sich auf die standardisierte Art.

„Henry hier. Wer da?“, schwingten seine Stimmbänder in relativ gleichmäßiger Tonlage. Die Person am anderen Ende hörte man nun doch sehr gut. Das lag daran, dass sie sehr klar und auch laut sprach.

„Was zum Teufel ist das??? Das ist doch wohl nicht Ihr ernst Herr Brückner??? Wurde Ihnen vielleicht irgendwann beigebracht sich so zu melden??? Kommen Sie sofort in mein Büro, aber fix!!!“

„Hallo Herr Czopcek. Das sollte doch nur ein Versuch sein, im Interesse des Unterneh…“, schwallerte Henry dahin, bevor die Schallwellen unseres Chefs nochmals aus der Muschel flogen:

„Halten Sie den Mund, Sie Klugscheißer. Woll´n Sie mich verarschen??!! Das hat Konsequenzen!Und jetzt bewegen Sie sich!!“

„Schon gut. Bin unterwegs und stehe praktisch bereits vor Ihnen.“, säuselte Henry.

Er schmiss das Headset auf den Tisch und drehte sich zu mir. Ich hatte den Eindruck, als ob er genau dieselbe Position und auch denselben Ausdruck im Gesicht zeigte, wie vor der Unterbrechung. – Es war fast wie ein Zeitsprung oder eine Paralleldimension. So unwirklich erschien mir die ganze Situation. Es war unglaublich, weswegen ich Henry mit einem skeptischen Blick musterte. Er schien dies aber nicht zu bemerken, oder wie immer alles zu ignorieren. Er setzte an und sprach. Ich sah, wie sich seine Lippen bewegten, konnte aber nichts verstehen. – Ich hörte ihn, war jedoch nicht fähig ihm zu zuhören.. Erst nach ein paar Sätzen drangen seine wohlgeformten Worte bei mir an:

„… meinte ich damit. Dir wird sicher nicht entgangen sein, dass es hier schon aus den räumlichen Gegebenheiten nicht möglich ist, eine Sportart wie Badminton, im Volksmund auch Federball genannt, auszuüben. Es fehlen, ein Netz, eine freie Fläche und nicht zu vergessen Markierungen!!! Markierungen sind eine enorm wichtige Erfindung gewesen! Wußtest du das Paul??? Markierungen haben Menschen entwickelt, um sich voneinander abzugrenzen und…“

„Brückner! Sie bringen mich auf die Palme! Kommen Sie sofort in mein Büro und hören Sie auf, andere Mitarbeiter zu belästigen mit Ihrem dummen Geschwätz!“
Henry hielt kurz inne und verdrehte die Augen:

„Ich komme ja. Entschuldigen Sie, aber ich mußte Paul kurz mal eine nicht ganz nebensächliche Aussage von mir auseinanderklamüsern. – Aber das kann noch kurz warten Sie haben hier natürlich Priorität, Herr Czopcek.“

„Sehr liebenswürdig, Herr … Brückner!“, sprach der Chef mit leicht sarkastischem Unterton und rotem Gesicht.

Henry nahm Schwung und drehte sich noch einmal um die eigene Achse, wobei er genau zum richtigen Zeitpunkt aus dem Stuhl flog, so dass er den korrekten Kurs einschlug. Eigentlich pflegte er dann immer zu sagen: „So machts die Erde!“
Keine Ahnung, was er damit nun meinte, aber das war bei Henry nicht das wichtigste. Entscheidend war, dass er was sagte und wie.

Er blieb gut eine halbe Stunde in Czopcek´s Büro, während ich meiner Arbeit nachging. Doch beneiden tat ich Henry jetzt nicht, denn ich war mir ziemlich sicher, dass er gerade einen klärenden Einlauf erhielt.
Als er wieder an seinen Arbeitsplatz kam, merkte man ihm aber nichts an. Er war verwirrt vergnügt wie sonst auch.

„Was hat er denn gesagt?“, fragte ich Henry ohne Umschweife.

„Das Übliche!“

„DasÜbliche??!! Was soll das denn heißen, Henry? Sag schon!“

„Er sagte, wenn ich mich nicht langsam mal anpasse und auch die Gesprächsleitfäden lernen würde, müßte er mich vor die Tür setzen. – Und ich sagte ihm, dass ich das ganz genauso handhaben würde, wenn ich an seiner Stelle wäre, und dass ein guter Chef im Interesse des Unternehmens handeln muß, ohne Persönliches mit einfließen zu lassen.“

„Das hast du ihm gesagt? Irre!!! Und er?“

„´Brückner´, hat er gesagt, ´Sie sind zwar ein bißchen komisch, aber doch gar nicht dumm!Was halten Sie davon, wenn ich Ihnen 2 Wochen gebe und wir sehen, was passiert?!!´ Ich sagte, ´Ok. Chef, was Sie vorschlagen muss gut sein!´“

„Henry, du Pfundskerl! Den hast du richtig abgeseift! Hätte ich nicht gedacht, dass du so davonkommst!“

Das Telefon schellte in unseren Dialog. Bevor ich abnahm fragte Henry:

„Was ist mit Badminton?“.

© 2002 by Matthias Janßen

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