Jenke, Nadine: Unwetter

Es war düster um mich herum. Ich stand auf einem verlassenen Marktplatz, streckte die Arme zum Himmel aus, wünschte ich mir doch, dass die Sonne den Kampf gegen die dunklen, mächtigen Wolken gewinnen kann.

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Doch es schien aussichtslos. Ich spürte, wie sich der Wind um mich herum legte. Die Menschen, war ich doch eben noch von ihnen umgeben, waren in ihre Häuser geflüchtet. Hin und wieder bemerkte ich Kinder, die aus den Fenstern schauten und `gen Himmel starrten. Es schien, als wäre die Zeit stehen geblieben, als hätte alles gewartet. Gewartet, auf den erlösenden Moment, der die unheimliche Stille durchbrechen würde. Ich blickte zu der Laterne auf der anderen Straßenseite. Vergebens versuchte sie mit ihrem schwachen, gelblichen Schein ihre Umgebung vor der sich anbannenden Finsternis zu beschützen.
Dann war es soweit. Feiner Nieselregen berührte meine Haut. Es war angenehm anzufühlen, wie sich die stickige Luft eines warmen Sommertages endlich abkühlte. Etwas Frisches und Reines drang in mir ein, wenn ich einatmete. Doch dieses wunderschöne Gefühl verging schnell, als sich Blitz und Donnergrollen miteinander abwechselten. So beschloss ich, dass nun doch die Zeit gekommen war, sich auf den Weg zu machen. Schnell eilte ich den Pfad, der zu meinem Haus am Strand führt, hinunter, ständig begleitet vom Prasseln des Regens auf meinen Mantel und dem Sturm, welcher an den Fenstern und Türen rüttelte. Wenn ich zu Himmel hinaufschaute, sah ich, wie sich die Gewitterwolken bedrohlich auftürmten.

Ich gelangte in ein Waldstück, wo jeder Baum und jeder Strauch bedrohlich wirkte. Vorsichtig, aber auch etwas ängstlich, schaute ich mich um, erwartend, dass jeden Moment etwas Schreckliches und Unheimliches geschehen würde. Gewundert hätte ich mich nicht, wenn der Baum, neben dem ich gerade stand, zum Leben erwacht, sich zu mir herunterbeugt und mich dann mit seinen riesigen Ästen ergriffen hätte. Fest einredend, dass es so etwas nur in der Fantasie geben würde, lief ich weiter. Dennoch drehte ich mich noch ab und an um, was aber nicht die Folge hatte, dass ich entdecken konnte wie ein Baum hinter mir herlief, mir aber einen Sturz über eine Wurzel einbrachte.
Vollkommen beschmutzt verließ ich wieder den Wald und stand am Straßenrand. Aus der Ferne sah ich, wie zwei Scheinwerfer hinter der Kurve auftauchten. Nur langsam kamen sie näher, wurden vorsichtig über die regennasse Straße gesteuert und an den am Boden liegenden Ästen herumgelenkt. Erst als sie nur noch einige Meter von mir entfernt waren, konnte ich die restlichen Umrisse des Autos erkennen. In dem schwarzen Mercedes saß ein junger Mann in meinem Alter. Erstaunt zog er seine Augenbrauen hoch, als er mich so durchnässt an der Fahrbahn stehen sah. Direkt vor mir brachte er den Wagen zum stehen. Leise surrend glitten die Fensterscheiben hinunter. Nachdenklich schaute er mir in die Augen. Ich fragte mich, was ihm wohl gerade durch den Kopf ging. Vielleicht überlegte er sich, weshalb ich hier bei diesem Unwetter mitten in dieser verlassenden Gegend stand. Doch darauf hätte ich ihm auch keine Antwort geben können. Ich wusste es selbst nicht so genau. Wahrscheinlich war ich einfach von diesem sagenhaften Naturschauspiel verzaubert gewesen, wie sich innerhalb kürzerster Zeit meine Umgebung verändert hatte. Plötzlich stand ich einsam und alleine auf einem Platz, wo sich eben noch zahlreiche vergnügte Menschen bei traumhaftem Wetter tummelten. Doch diese Frage stellte er zu meinem Glück nicht, denn wenn ich ihm dass so erklärt hätte, dann, so war ich mir sicher, hätte er mich für verrückt gehalten. Er bot mir an, mich ein Stück mitzunehmen. Ich zögerte zuerst, aber die Aussicht noch länger in meiner tropfnassen Kleidung herumzulaufen, reizte mich nun doch nicht so sehr, als das ich sein Angebot hätte abschlagen können.
Während der Fahrt sprachen wir nicht viel miteinander, aber ich merkte, wie er mich öfter verstohlen von der Seite anschaute. Lange dauerte es nicht, bis das Auto wieder anhielt. Ich war zwar noch nicht zu Hause, doch bei diesem Wetter wäre man nicht weiter gekommen. Mein Haus lag auf einer Düne und bei solch schlechtem Wetter ist der Weg dahin mit dem Auto unpassierbar. Ob er mich noch begleiten solle, fragte er mich. Ich verneinte, doch als ich sein enttäuschtes Gesicht sah, meinte ich, er könnte mich ja einmal in meiner Blockhütte besuchen.
Mein letztes Stück nach Hause führte mich über eine Wiese auf der eigentlich die Blumen in den schönsten Farben blühen. Doch heute lagen sie weit über die Wiese verstreut und die wenigen, die noch standen, ließen ihre Köpfe hängen. Es war ein Bild der Mutlosigkeit, das sich mir bot. Als hätten sie jeden Versuch, sich gegen die Unbarmherzigkeit des Sturms zu wehren, aufgegeben. Das großartige Gefühl von Freude und Wohlbehagen das wärmend durch meinen Körper strömte, als ich aus dem Auto stieg, verblasste etwas. Traurig hob ich ein paar Blüten auf und betrachtete sie. Wenn ich hier jetzt noch länger stehen würde, änderte es auch nichts. Ich ging weiter.
Von weitem konnte ich schon das Meer toben hören. Dröhnend schlug die Brandung gegen die Felsen. Mit ein paar Schritten erklomm ich die letzte Düne, doch bei dieser Finsternis konnte ich nur schattenhafte Konturen der meterhohen Wellen, die sich vor mir auftürmten, wahrnehmen. Bedrohlich laut waren sie nun zu hören und auch etwas von der Angst vor der völligen Düsternis getrieben, eilte ich in meine Hütte.
Ich verschloss die Tür hinter mir und lehnte mich erleichtert gegen die Wand. Geschafft. Endlich zu Hause. Erschöpft sank ich in mein Bett. Ich hörte noch, wie draußen das Meer toste und wie der Regen gegen mein Fenster trommelte. Doch langsam wurde es leiser um mich herum, immer ferner hörte ich das Grollen des Donners, immer ferner und ferner…
POCH, POCH, POCH.
Schlaftrunken schreckte ich auf. Mein Blick fiel auf den Wecker. Acht Uhr. Das kann doch unmöglich immer noch regnen. Gähnend und mich streckend stieg ich aus meinem Bett um mich zu vergewissern. Als ich vor dem Fenster stand und blinzelnd in die Sonne schaute, wurde ich abrupt aus meinem immer noch andauernden Halbschlaf gerissen. Es war nicht der Regen, sondern an der Tür. Es klopfte.

© 2003 by Nadine Jenke

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