Lichtenwald, Claudia: Septemberabend

Ich traf einmal einen Menschen, in dessen Gegenwart ich sogar das Atmen als lästiges Übel empfand. Es war einer dieser Menschen die man normalerweise nicht trifft und wenn überhaupt einmal im Leben. Einer von denen die einem genau dann begegnen, wenn man überhaupt nicht damit rechnet.
Er war genau so ein Mensch.

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Vielleicht hatte er nicht einmal einen Namen. Vielleicht existierte er nicht einmal. Ich kam nie dazu mit ihm zu sprechen oder mehr von ihm zu erfahren. Dennoch veränderte er mein Leben.

Es war an einem feuchten Septemberabend und ich kam gerade von einem Höllentrip durch sämtliche Kaufhäuser der Stadt zurück, der dennoch nicht zum Erfolg geführt hatte. Deshalb ziemlich deprimiert stieg ich lustlos aus der S-Bahn und fühlte mich nur noch wie eine schlechte Kopie meiner selbst. Meine Füße waren so taub vom hektischen Herumirren, daß ich das Gefühl hatte daß der Boden unter mir, wie ein Kupferblech das jemand mit einem Hammer bearbeitet, vibrierte. Ich konnte die Schritte der ausdruckslosen Menschen, die mich schweigend in ihrer Mitte gefangenhielten nicht mehr vom gleichmäßigen Aufschlagen der dicken Regentropfen auf dem nassen Asphalt unterscheiden.
Eigentlich war es ganz normal. Eine normale Situation, Menschen die auf dem Weg nach Hause aus der S-Bahn aussteigen. Dennoch war es für mich einer jener Momente in denen das Leben nicht mehr Sinn hat, als eine Münze die irgend jemand in einen Brunnen wirft, in der Hoffnung sie möge ihm einen Lottogewinn bescheren.
Es geschah nicht einmal plötzlich. Er könnte schon die ganze Zeit im Zug neben mir gesessen haben oder gemeinsam mit mir ausgestiegen sein, ohne das ich es bemerkt hätte. Er war nicht wirklich anders. Nicht besonders jung oder alt, schön oder häßlich, hell oder dunkel. Vielleicht erinnere ich mich heute nicht mehr an sein Gesicht, weil er seine breite Hutkrempe so weit herunter gezogen hatte.
Aber auf einmal war mir, als wäre ich nicht mehr Teil der Menschenmasse, die langsam an mir vorbeizog. Ich bemerkte daß er stehenblieb, aber daß auch ich stehengeblieben war, fiel mir erst viel später auf.
„Schade, daß du blind bist !“sagte er und hob langsam seinen Kopf um mich anzusehen. Ich konnte seinen Blick nicht spüren. „Als Blinde unter Blinden, als Taube unter Tauben ist man oft orientierungslos.“ Nervös trat ich von einem Fuß auf den anderen. Auch der Regen war plötzlich geräuschlos geworden.
„Manchmal braucht man nur einen der den Weg kennt, der einen über die Straße begleitet, um auf der anderen Seite zu bemerken, daß man nur die Augen geschlossen hatte.“
Ich sah die Menschentraube hinter dem Treppenaufgang verschwinden . Ich merkte, daß mein Anorak völlig durchnäßt war. Ich stand ganz allein auf dem kalten Bahnsteig.

© 12.11.00 by
Claudia Lichtenwald

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