Lickfeldt, Guido: Ein ganz normaler Tag

Es war ein sonniger Dienstagnachmittag. Ich stand vor der Lottoannahmestelle und wartete darauf, dass sie öffnete. Ich freute mich schon, denn am Wochenende war es mir endlich geglückt, zehn Fünfer im Lotto zu erzielen.

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Bereits am Montagmittag hatte ich mir im Videotext die Quote angeschaut, und diese konnte sich wahrlich sehen lassen. Als dann um 15 Uhr auf einmal meine „Flamme“ da stand, um die Eingangstüre zu öffnen, schlug mein Herz direkt drei Oktaven höher.
Viola, langes hellbraunes Haar, eine Top Figur, 27 Lenze jung, herrlich blaue Augen, sowie eine umwerfende weibliche Aus­strah­lung. Mit einem süßen Lächeln empfing sie mich und ich schmolz förmlich dahin. Seitdem ich sie kenne, hatte ich sie nach und nach immer wieder ausgefragt, nach ihrem Sternzeichen, welches Fische ist, und ob sie derzeit solo ist. Aber jedes mal, wenn ich sie sah, musste ich erst sekundenlang wie gebannt in ihre so schönen Augen blicken.

Aber dennoch war ich zu schüchtern sie einzuladen, einfach nur mal zu fragen, ob sie nicht Lust hätte, mit mir ins Kino oder zum Essen zu gehen. Und doch war zwischen uns so ein gewisses Etwas. Ich glaube schon, dass wir uns sympathisch waren, denn auch sie schaute mich immer wieder an und bekam den Mund nicht auf, wenn ich hin und wieder eine ein­fache Frage stellte.
Ich ging in den Verkaufsraum, holte die Spielquittungen aus der Tasche und gab sie ihr. Mir wurde richtig warm ums Herz und ich bemerkte, wie sich Schweißperlen auf meiner Stirn bildeten. Da ich eigentlich immer nur zwei Reihen Lotto spielte und die Ziehung samstagabends am Fernseher nur selten verfolgte, war es für mich schon verwun­der­lich, als ich am Sonntag zufällig die Zahlen, die ich getippt hatte, in der Zeitung las.
Diese Zahlen waren mir am letzten Freitag begegnet, ein Freitag, der eigentlich voll­kommen normal verlaufen war, bis zu dem Moment, als ich mich entschloss, den Lotto­schein zur Annahmestelle zu bringen. Ich hatte es nicht weit, nur einige hundert Meter an einer viel befahrenen Straße entlang. Wie immer schaute ich auf die Kennzeichen der vorbei­fahrenden Autos. Dabei fielen mir immer wieder die gleichen Zahlen ins Auge. So wie die 13, 18, 25 und die 28.
Nachdem ich mir die Zahlen gemerkt hatte, ging ich in die Annahmestelle, suchte mir zehn Lottoscheine mit verschiedenen Endziffern aus, in der Hoffnung, endlich mal einen Volltreffer zu landen. Ich reimte mir aus den Zahlen was zusammen. Aus der 13 machte ich die 1, ließ dann die 13 stehen sowie die 18, 25, 28. Zu der 28 addierte ich 1 und 3, machte dann 32. So kam ich dann auf die 1, 13, 18, 25, 28, 32. Ich füllte nun die zehn Scheine aus und gab sie zusammen mit meinem Tippschein, den ich jede Woche spielte, ab.
Während Viola, die mich auch an jenem Freitag wieder bediente, die Spielscheine durch das Lesegerät zog, fiel mein Blick auf die Lottowerbung: „Zehn Millionen Euro Jackpot!“ Ich schaute Viola an, lächelte ein wenig und dachte, das wäre doch mal was.
Als ich nach Hause ging, legte ich meine Lottomappe in die Nachtischschublade und vergaß sie, wie immer. Nun stand ich in der Annahmestelle und wartete gespannt auf die Reaktion von Viola. Sie zog den ersten Schein durch das Gerät und sagte: „Niete.“ Ich nickte nur ganz ungeduldig. Sie nahm einen anderen Schein und ich schaute sie erwartungsvoll an. Sie blickte auf das Display und wollte etwas sagen. Ich sah nur, dass sich ihr Gesicht hochrot verfärbte, ihre Wangen glühten förmlich auf. Sie wurde immer aufgeregter und ich wusste nicht wie mir geschah, als sie auf einmal los schrie, und das klang wie ein sehr, sehr lautes Stottern: „Hauptgewinn!“
Im ersten Moment stockte mir einfach nur der Atem. Wieso Hauptgewinn? Ich konnte es einfach nicht glauben, ich hatte doch nur fünf Richtige…
Aber tatsächlich, auf dem Display des Lesegerätes stand eindeutig und gut leserlich: „Hauptgewinn“!
Nun fing ich an zu stammeln und fragte, was jetzt los sei. Viola sagte einfach nur: „Du hast den Hauptgewinn erzielt! Das, wovon Millionen von Menschen träumen.“
Da fiel mir auf, dass sie mich zum ersten Mal geduzt hatte, und ich war völlig hin und weg, ob jetzt vom Hauptgewinn oder weil sie mich duzte, ich weiß es nicht. Viola schritt ganz aufgeregt zur Tür und schloss sie erst einmal ab. Wie gut, dachte ich, dass außer uns sonst niemand in dem Laden stand. Nun, nachdem ich den ersten Schock verdaut hatte, fragte ich sie, wie das denn überhaupt möglich war, denn ich hatte doch nur mit zehnmal fünf Richtigen gerechnet! Viola schrie direkt auf und sagte fassungslos: „Was, zehn mal fünf?“
„Ja“, antwortete ich. Sie lief mit großen Schritten zu dem Lesegerät und nahm die anderen Scheine zur Hand. „Die hatte ich doch glatt vergessen“, sagte Viola und nun jagte sie einen Schein nach dem anderen durch das Lesegerät und jedes Mal erklang ein Kreischen und Jauchzen. Langsam wurde es mir peinlich und ich fragte mich, was das Ganze soll. Sie kam auf mich zu, packte mich fest bei den Schultern und rüttelte und schüttelte mich so heftig, dass ich nicht wusste, ob ich oder sie jetzt verrückt war. „Das, das gibt es doch nicht“ stotterte ich, und wurde dabei immer lauter. „Ich bin mir sicher, es können nur zehnmal fünf Richtige sein.“
Da fing sie an zu lachen, und ich glaubte, dass sie dem Wahn verfallen sein müsste. Nun antworte sie auf einmal ganz ernst: „Das Ziehungsgerät hatte einen Defekt. Die letzte Kugel musste noch mal gezogen werden, weil die 30 klemmte. Und deshalb wurde als letzte Zahl zufällig die 32 gezogen! Jackpot! Zehn Millionen Euro!“ Erst da wurde mir bewusst, welch Glück mich da ereilt hatte.
„Und, und alles zusammen?“ stammelte ich. “Einmal zehn Millionen und neun mal 250.000 Euro.“ sagte Viola nüchtern. Ich war total baff und begann erst einmal zu rechnen. Aber das wollte mir auf Anhieb nicht so recht gelingen, bis ich dann endlich auf die Summe von 12.250.000 Euro kam.
Nun konnte ich mich nicht mehr bremsen. Ich nahm Viola in den Arm und tanzte mit ihr durch den ganzen Verkaufsraum. Vor der verschlossenen Türe hatte sich mittlerweile eine große Anzahl von Menschen angesammelt und schaute unserem Tanz zu. Uns störte das aber nicht. Wir knutschten uns förmlich ab, machten einfach weiter. Uns wurde immer heißer und schließlich zogen wir uns gegenseitig beim Tanzen aus. In der Auslage stand eine Zwei­literflasche Schampus zwischen dem Dekor. Ich griff nach ihr, schüttelte sie kräftig, entfernte den Korken vom Flaschenhals und der ganze Schampus ergoss sich über unsere Körper, so dass wir uns beide die Sekttropfen gegenseitig von der Haut schlürften.
Die unzähligen Menschen vor der ver­schlossenen Tür klatschten und jubelten uns zu. Wir lagen uns sehr lange in den Armen, waren überschwänglich und glücklich, endlich frei von Arbeit und Stress. Wir hatten uns also gefunden!
So kam es dann, dass wir uns ein Jahr später auf einer Trauminsel das Jawort gaben. Seitdem sind wir nun glücklich verheiratet und jeden Abend laufen wir zum Strand auf unserer Insel und schauen uns gemeinsam den Sonnen­untergang an.
Heute spiele ich jede Woche zehn Lotto­scheine mit einer Reihe, nehme mir ein Telefonbuch zur Hand, tippe mit dem Finger auf eine Adresse und schicke sie dorthin, in der Hoffnung, dass Du vielleicht der nächste bist, den ich glücklich machen kann.

(c) by Guido Lickfeldt
46537 Dinslaken
E-Mail: Lectoris@aol.com

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