Matthes, Luise: Kommt mir nicht mit Gott, das Chaos ist viel wichtiger!

Die Wolken hängen heute so tief am Himmel, dass man sich fragt, warum sie nicht gleich auf dem Boden kriechen. Und ich frage mich immer noch, wie diese Landschaft aus Watte am Himmel gehalten wird.

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Zumal doch bei einem Wolkenbruch Unmengen an Wasser den Himmel verlassen und unschuldige Fußgänger auf dem Weg zwischen hier und dort erwischen. Allgemein habe ich das Gefühl, dass Wolkenbrüche immer dann kommen, wenn es sich nicht vermeiden lässt, sich auf den Straßen aufzuhalten. Solche depressiven Farben – richtig erdrückend. Es ist 10:12 und ich habe das Gefühl es dämmert schon wieder. Es ist noch gar nicht richtig hell geworden. Mich soll es nicht stören, wenn es jetzt wieder dunkel wird. Eigentlich wurde Schnee gemeldet, nachdem das Thermometer eine Woche lang fast 20°C zeigte. Jetzt soll es schneien. Das ist auch teilweise normal – mitten im Januar. Aber diese sehr frühe Wärmeperiode hat nicht nur mich verwirrt, sondern auch Vögel, die jetzt schon irritiert mit dem Nestbau beginnen. In mir wurde der Winter schon längst vertrieben. Wenn es jetzt wieder kalt wird friere ich mehr als sonst. Man kann sich an den Winter gewöhnen – dann friert man weniger. Aber ein Winter wäre jetzt ziemlich ungünstig. Obwohl, dann gäbe es wenigstens keine Wolkenbrüche mehr, dann würde es schneien.
Wer kommt eigentlich auf solche lustigen Wörter wie „Wolkenbruch?“
Woher kommt allgemein unsere Sprache?
Wann haben Menschen das gesprochene Wort benutzt, um daraus Konversationen zwischenmenschlicher Art zu bilden?
Ist es vorherbestimmt, dass dieses Wissen vergangener Zeit unwiederbringlich verloren geht? Nützlich war sicherlich einiges. Es muss schon so viel verloren gegangen sein, dass es in irdischen Zahlen nicht zu fassen ist.

Angenommen – still, in irgendeiner Kammer findet ein Mensch ein Mittel gegen Krebs. Hier könnten mehrere Möglichkeiten auftreten, die zum Datenverlust führen:
1.Er/Sie merkt es nicht
2.Er Sie stolpert und gießt sich die Substanz über den Kittel, noch bevor er/sie Summenformel oder Struktur festhalten konnte.
3.Auf dem Weg zum Patentamt wird er/sie von einem Bus erfasst und getötet.
4.Schon in der Kindheit wird ihm/ihr wegen schlechten Noten das Arzt/Ärztin Werden ausgeredet. Dadurch wird er/sie das Mittel nie finden, weil er/sie nicht Arzt/Ärztin geworden ist.
Aha! Da haben wir ja wieder das Schmetterlingsprinzip. Wenn im nördlichen Thailand ein Schmetterling mit seinen Flügeln schlägt, ändert sich in Chicago das Wetter.
Actio = Reactio
Eine Reaktionskette aus Ereignissen bestimmt durch die Ereignisse selbst alles Kommende und verhindert Dinge, die durch eine Abfolge hätten passieren können.
Kein Arzt  keine Medizin
Hätte seine/ihre Mutter ihn/sie damals abgetrieben, wäre der du-wirst-kein-Arzt – Konflikt gar nicht erst entstanden. Also ist alles, was passiert, vor Jahrmilliarden durch Ereignisse festgelegt worden. Und alles nur weil damals eine Bakterie nach links und nicht nach rechts getrudelt ist.
Danke, Bakterie.
Ich denke, wärst du nach rechts getrudelt, würde ich nicht leben.
Aber wenn alles schon so lange geplant ist, dann schließen sich ja viele Möglichleiten des Actio aus.
Das heißt auch, das Verlorengehen von Wissen ist geplant und läuft unter der Hand des Actio-Reactio.
Deshalb gibt es wahrscheinlich auch keine Antwort auf die Frage, wer daran Schuld ist, dass wir uns kennen gelernt haben.
Die Bakterie ist schuld.
Aber wer ist daran schuld, dass die Bakterie existierte?

Wenn Menschen behaupten, sie könnten das Schicksal ändern, dann wäre ja theoretisch die Reaktionskette länger Als bis zu diesem Augenblick. Kann das sein? Oder ist die Aktion „Ich ändere das Schicksal“ auch nur ein Glied in der Kette?
Kaum zu glauben.
Dann sind die Lottozahlen also auch geplant. Die Existenz des Zufalls schließt sich damit aus. Als noch unexistenter erweist sich dann die Zufallsberechnung, denn dass ich mit einem Würfel bestimmte Zahlen würfle ist natürlich auch ein Glied in der Kette. Auch jede Bewegung, die ich mit meinem Stift auf einem Blatt Papier mache (um eine Art Schrift zu erzeugen) ist ein Glied. Vielleicht stirbt irgendwo ein Mensch, weil ich schreibe. Tut mir leid, unbekannter Toter.

Und deshalb scheint es Gott zu geben. Die Menschen machen ihn verantwortlich für die Abfolge der Geschehnisse, für die Tendenz (positiv – negativ) und für die Folgen. Die Folgen sind ja das, worüber ich hier spreche. Alles passiert, weil alles passiert ist. Und alles passiert gleichzeitig, weil Zeit kein Glied der Kette ist (Ich widerlege gerade jegliche physikalische Theorie, denn die meisten sind auf Zeit zurückzuführen. Physik lag mir sowieso noch nie). Vielleicht ist Zeit nur Einbildung? Kann man von und über Zeit sprechen? Darf man das? Es ist 14:55 – wer legt das fest? Und warum ist es jetzt später als gerade eben noch?
Was hat das für Folgen? Für wen? Eigentlich für jeden von uns.
Und Gott? Gott ist Quatsch. Gott ist nicht existent, weil er kein Glied der Kette ist.
Vergiss Gott, wer braucht den schon, wenn alles ohne ihn passiert. Nicht mal gutes Wetter kann er uns bringen.
Vielleicht hängen die Wolken deshalb so tief, weil es damals Herbst war und eine Hand voll Blätter vom Wind fort getragen wurden.

© by Luise Matthes

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