McLaughlin, Heimo: Korkski

“Ist das die Liste mit den Cembalo-Geigern ?” blaffte Al Kidman, Hollywood’s neuester Gothic-Gott und schillernde Eminenz dunkelseidener Leinwandgrotesken durch die geöffnete Tür seines Büros in Richtung seines Sekretärs mit dem unaussprechlichen französischen Namen. Angeblich konnte sich einer seiner Vorväter nur durch eine waghalsige Ruderpartie vor Danton’s pariser Rasierapparatur retten. Verarmter Adel, verstaubter Stammbaum, dunkle Kaputzenmäntel und rostige Degen.

Al glaubte ihm kein Wort und nannte ihn den löchrigen Marquis. Hinter vorhehaltener Hand flüsterte er jedem zu der es hören wollte oder nicht:„…säuft wie ein Loch, capice ?“„Ja. Das Studio konnte auf die Schnelle vier Cembalospieler ausfindig machen,Mr. A. Scheinbar wachsen die selbst in diesem Babylon der Kultur nicht gerade in Briefkästen. Übrigens, ein Cembalo ist ein klavierähnliches Instrument.“ Der Sekretär wandte sich mit einem Seufzen wieder seinem Hochglanz-Magazin zu, einem Reisemagazin mit einer Loire-Schlösser Titelgeschichte. Al wippte in seinem Sessel, marke „Super-Intendant“ vor und zurück und ärgerte sich. Der Streifen müsste schon längst im Kasten sein. Es fehlt nur noch die Musik für die Kutschenszene in der die Blonde mit einem aus allen Nähten platzenden Dekoltee von dem leicht unterbelichteten Hauptmann der gräflichen Garde aus den gichtig-geilen Fingern des päpstlichen Hexenjägers gerettet wird.Die üblichen B-Movie Komponisten hatten einer nach dem anderen nur New-Age Dudel auf seinen Schreibtisch gerülpst, was in seinem Gesicht bereits einen leichten Hauch von Gelbsucht hinterlassen hatte. Während den Aufnahmen zu dem Streifen mit dem sinnigen Titel: „Esmeralda und der verzauberte Buckel“-er konnte das Gefühl nicht loswerden, einen ähnlichen Titel schon einmal irgendwo gehört zu haben-, kam es zu tumultartigen Szenen in denen ein zu enggeschnürtes Korsett und ein Gerichtsverfahren gegen einen Silikonhersteller kostspielige Nebenrollen spielten.„Ich will Christopher Lee in den Bass-Noten und einen Hauch Lovecraft in den Spitzen. Diese Stadt nagelt an meinem Sarg. Ich röchle auf weinrotem Samt und kann sie von aussen hämmern hören. Alles Nieten, total verblödet.“Al starrte auf die Liste. Das Cembalo war seine Idee. Na ja, nicht wirklich.Vor ein paar Wochen hat ihm ein harmloser Irrer in einem Zimmer voller schwarzer Kerzen eine alte 33er von Bach vorgekratzt. Die Adresse hatte ihm sein Sekretär verschafft. Feldstudien zu einem Streifen über zwei völlig irre Alchimisten die sich irgendwie ins 21.Jahrhundert materialisiert hatten um in L.A. das Ende der Welt zu zelebrieren. Sein Controlling-Departement hatte allerdings gleich nach dem ersten Kalkulations-Sheet abgewunken. Zu teuer. Für das Vergnügen, die Stadt der Engel einzuäschern würde er die nächsten zwei Dekaden Hexen und Vampire auf seinem Studiogelände um die Wette saugen lassen können. Das machte Sinn. Am Ende schickte er besagtem Vorstadt-Magier eine Kiste billigen Chianti und dankte ihm für die unvergesslichen Stunden. Idioten gibt’s…Der vierte der Virtuousen hatte gerade Al’s Office verlassen und Kidman fühlte sich, als er könne den Strom der Tränen nicht länger unterdrücken. Seine Ohren versuchten gleich zu Anfang der musikalischen Kostprobe dieser Meisters die Stadt zu verlassen, und zwar ohne den rest seines Kopfes und er glaubte, den mit schwefelgrüner Haut überspannten Schädel seines Sekretärs hinter der verschlossenen Tür grinsen zu sehen.Er fühlte die Entäuschung des Pharaos der feststellen musste, daß die Wellen des roten Meeres nicht hoch genug zum Surfen waren. Er verstand plötzlich, was beim Turmbau von Babel schiefgelaufen war. Er war entäuscht, gedemütigt. Hinter seinem Schreibtisch wälzten sich seine Trommelfelle im Blut und er würde sich nicht noch einen weiteren dieser Koriphäen antun, die Verdi für ein Eis-Cafe in Little Italy hielten. Knöchel auf Pressspahn, ein leises Gurgeln und sein Lakai öffnete die Tür ohne seinen Kopf in die Schusslinie zu stecken, „Nummer 5. Professor Korkski.“ Bevor Al noch „Ver-korkski“ denken konnte, schwang die Pforte zum Licht und ein kleines dunkles Etwas rollte auf seinen Schreibtisch zu. Al war sich sicher, Menschen haben für gewöhnlich Arme,Beine,Hände und eine Art Gesicht,aber was zum …war das ? „Ja mein lieber Professor. Wie schön, daß Sie kommen konnten. Ja, wir suchen…“ Die Kugel ignorierte ihn, dreht sich scheinbar in der Luft und bewegte sich jetzt langsam auf das Cembalo zu. Dort angekommen, begann Korkski zu schnüffeln. Lange dürre Finger schlängelten sich wie fette Regenwürmer in richtung der Tasten und der rest des Professors plumpste behäbig auf den Drehstuhl. Zwei, drei Knackgeräusche und Kidman’s Welt versank in einem schwarzen Loch. Als sich Al von seinem ersten Schrecken erholt zu haben glaubte, torkelten seine Sinne schon in den nächsten. Jetzt schien plötzlich ein Kandelaber über dem Instrument zu schweben, während sein gesichtsloser Gast das Cembalo um einen Schwall morscher Töne betrog.Kidman wollte sich seine Ohren zuhalten, doch keine seiner beiden Hände liess sich mehr zum Kopf führen. Ketten und Eisenringe.Alter rostiger Stahl zwang seine beiden Handgelenke hart an eine feuchte, steinerne Wand. Szenen aus seiner Produktion „Blut-Lemminge – Die Klippe im Teufelsmoor“, tanzten jetzt aus seiner Erinnerung bluttriefend vor seine schreckgeweiteten Augen. Er riss an den Ketten, er fing an zu schreien, er bereute sogar seine Mutter ins Heim „Die Hügel zur ewigen Ruhe“ abgeschoben zu haben. Er wollte sich auf seine Knie werfen, aber das kugelte ihm fast die Arme aus. Seine Schliessmuskeln erschlafften. Er fluchte, er zappelte…er gab auf. Fürchterliche Stille umfing ihn.Gewölbe, Kerker zuckte es durch sein gemartertes Bewusstsein. Leise aber stetig tropfte es aus seinen Hosenbeinen. Seine Augen starrten weitaufgerissen ins Dunkel .Sein Herz schlug wild verzweifelt unter der Brusttasche seines Armani und all seine Sinne nahmen am Ende den Bus in die Ohnmacht.Ein Schrei erschreckte ihn Stunden später in der eisigen Kammer seiner Träume.Er schlug die Augen auf und wusste in diesem Moment, dass er es war der geschrieen hatte. Sein „Super-Intendant“ war gekippt und hatte ihm die linke Hand gegen die Wand gequetscht. Seine Zunge bewegte sich taub und salamandergleich in seinem Mund. Trotz Klimaanlage klebte ihm das Hemd am Körper und fluchend begann er, sich hinter dem Schreibtisch zu entknoten. Nachdem er sich aufgerappelt hatte, griff er sich ans Herz und starrte auf seine durchnässten Hosen. Schwer atmend stützte er sich auf die Schreibtischplatte. In diesem Moment öffnete sich seine Bürotür und der Marquis streckte vorsichtig seine Kopf ins Zimmer.„Mr. Kidmään ? Ist alles in Ordnung ?“ Seine Stimme klang besorgt.„Shit, ähh. Ja. Was gibt’s ?“ Al spürte noch immer die Ketten. Er roch noch immer den Moder und die Fäulnis seines Traumes. Genervt und unsicher starrte er in die Augen seines Sekretärs. Dessen Mund formte die Worte: „Nummer 5 wartet auf dem Gang.“ Al’s Gesichtsfarbe nahm im Bruchteil einer Sekunde die Farbe einer Wasserleiche an und er griff hastig zum Telefon um seine Mutter in den „Hügeln zur ewigen Ruhe anzurufen.

© 2003 Copyright by Heimo McLaughlin

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