Novak, Honey: Schlaflos

Wo gehen eigentlich die Tränen hin wenn man sie nicht weint? Ich kann es euch sagen, sie fließen innerlich hinab Richtung Herz und setzen sich dort fest an einer stelle an der sie nicht gesehen, nicht festgestellt werden können, bilden dort einen kleinen knoten den man nicht sieht, nur spürt.

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Immer dann spürt, wenn man über Vergangenes nachdenkt, sich ein klitzekleiner Gedanke bemerkbar macht dass alles anders hätte kommen können. Ich glaube das nennt man Melancholie dieses zwicken ganz in der nähe des Herzens. Vielleicht auch Bedauern. Vielleicht kann man es auch gar nicht benennen.

Jedenfalls ist es soweit. Schlaflos. Entsetzt dass das mir passiert. Gerade mir, mit meinem festen Plan, meinen Vorsätzen, der angst dass irgendetwas mal wieder anders kommt als ich das vorher peinlich genau, präzise, festgelegt habe. Das Leben ist schon verrückt sagte er, und sprang damit ohne zu zögern in mich hinein, hat sich festgesaugt, raubt mir den Atem. Schlaflos. Dabei war doch alles immer ganz klar. Heiraten, schöne Wohnung, irgendwann Kinderkriegen, Familie, genau in der Reihenfolge, niemals würde ich das was ich heute hab aufs spiel setzten, niemanden verletzten, nicht meinen Mann, am wenigsten mich selbst.

Ich liebe dich, was soll ich machen. Worte die doch keiner zu mir je mehr sagen darf außer einem. War es der Alkohol, dir Rockmusik in dieser Nacht. Aber, wusste ich es denn nicht schon immer. All die Jahre spürte ich seine Blicke. Ich hatte ihn schon immer gern, das habe ich unzählige male zu meinen Freundinnen gesagt. Nur nie zu ihm. Er liebt mich also. Na und? Ich bin verheiratet. Zu spät. Cest la vie. Warum hast du nie etwas gesagt? Ist das schon betrügen, dieses Gefühl. Das Verlangen jemanden anderen in den arm zu nehmen nur einmal. Ich will mich doch nur wieder einmal begehrt fühlen. Ich liebe meinen Mann.

Schlaflos. Ich fahre ziellos durch den Ort, vorbei an seinem Haus, brennt Licht, ist er da? Von einer Kneipe in die andere, hab heut Ausgang lache ich. Ich spüre das er genauso daran denkt wie ich, wir verfehlen uns wo ich auch hingehe. Das schlechte gewissen wegen meiner Gedanken bringt mich um, wie könnte ich je mehr tun als an ihn denken.

Ich lande im Stamm-cafe, gebe es auf für heut, bald ist Wochenende man wird sich wohl wieder irgendwo sehen, lass es auf sich beruhen, vielleicht kann man ein par verstohlene Worte wechseln, sich entschuldigen, ist ja nichts passiert wir waren betrunken. Nur eine Umarmung, nicht mal ein Kuss, war ja nichts weiter, ein guter Freund.

Da sitzt er. Er ist sonst nie da. Reiner Zufall sagt er. Ich glaube ihm. Darf nichts anderes glauben. Wir reden. Immer drum herum wie im kreis er sagt es tut ihm leid ich sage es braucht ihm nicht leid tun. mir tut es leid das es ihm leid tut. Er sagt er ist schuld ich sage ich bin schuld. Alles wird gesagt und alles bleibt ungesagt. Ich weiß es war die Wahrheit. Er liebt mich schon lange. Zu spät sagt er, ich war schon immer zu spät. Ich sage ich weiß. Augen strafen unsere Worte lügen, ich sehe mich um keiner der uns beachtet, ist leer heute hier. Zuhause schläft mein Mann an den ich mich anschmiegen werde mir heute Nacht nehmen werde was nur er mir geben darf. ruf mal an sagt er und ich denke besser nicht, ich weiß nicht was sonst passiert ich darf nicht darüber nachdenken. Ich fahre weinend nach hause. Ich liebe meinen Mann. Ehrlich.

© by Honey Novak 11.03.2003

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