Pichal, Martin: Storyteller

Vorwort
Die folgende Geschichte wuchs über Monate hinweg, als ich in einem Buch über die Möglichkeiten und Unmöglichkeiten der Science Fiction die „Chronon-Theorie“ kennenlernte. Eine Theorie, die von kleinsten Zeitpartikel ausgeht, zwischen denen sich ein fremdes Universum befinden könnte. Ich war immer schon fasziniert von der Idee mehrerer Zeitebenen, und so war es nur mehr eine Frage der Zeit, bis ich selbst eine Story darüber niederschreiben würde – vor allem, wenn man gerade den Grundkurs der „Schule des Schreibens“ abgeschlossen hat und sein Gelerntes erproben möchte.
Also, hier ist nun das Ergebnis. Angesiedelt im vorigen Jahrundert in meiner Heimatstadt Wien, mit dem (so hoffe ich zumindest) Flair einer vergangenen Epoche und deren Erzählstil.
Zeitlücke

„Monsieur Arnold, ich bin sicher, daß wir einer glorreichen und friedlichen Zeit entgegensehen. Sehen Sie, unser kriegerisches neunzehntes Jahrhundert geht in zwei Jahren zu Ende. Neue, großartige Erfindungen und Erkenntnisse wurden uns von hellen Köpfen geschenkt. Ich bin überzeugt, daß wir in dieser gerade hervordämmernden neuen Epoche Unglaubliches vollbringen werden.“
Die Worte des korpulenten Fremden, der sich gerade mit meinem werten Freund und Kollegen Arnold unterhielt, zogen mich sofort in ihren Bann. Ich befand mich gerade auf einem kleinen „Empfang für Physiker“, eine durchwegs langweilige Errungenschaft des Dekanates, welche nur dem Zwecke dient, langweilige Gespräche über die Medizin der Wiener Schule, Entdeckungen in Afrika und den neuesten Klatsch am Kaiserhof zu bereden.
Bis zu den Worten des Mannes, der auf Arnold einsprach, habe ich die Gespräche nur halbherzig mitverfolgt, nun aber zog mich das Gespräch in seinen Bann. Insgeheim musterte ich den Fremden. Der Mann war sehr groß, gut zwei Meter und überragte damit so manche anderen Herrschaften auf diesem Empfang. Ein dicker Bauch spannte sich über seinem Jackett und ließ erkennen, daß der Mann den kulinarischen Genüssen nicht abgeneigt war. In der Tat hielt er in der Hand einen Teller mit verschiedenen belegten Broten und ich zweifelte keinen Augenblick, daß es nicht der erste Teller war. Ein mächtiger grauer Backenbart zierte sein großporiges, gerötetes Gesicht, wie es gerade die Mode war. Sein Haar war ebenfalls ergraut, korrekt gekämmt und zeigte im Nacken ansatzweise die dunkle Farbe, die es sicherlich in jungen Jahren besessen hatte. Die kleinen Augen schienen so gar nicht zu dem Erscheinungsbild des Fremden zu passen. Klein und stechend, gleichzeitig aber voller Lebensfreude, blickten sie gerade auf den schmächtigen und blassen Arnold hernieder, und mir kam es vor, als hätten sie eine spöttische Note.
Ich bewegte mich gemessenen Schrittes auf die beiden Herren zu und gesellte mich zu ihnen.
„Ich bitte vielmals um Entschuldigung, sollte ich stören, aber ich habe gerade Teile Ihrer Unterhaltung mitverfolgt, und da dachte ich…“
„Viktor Steiner, alter Freund! Schön, daß Sie da sind. Darf ich Ihnen Monsieur Dunold vorstellen? Monsieur ist Physiker an der Universität Paris.“
So überrascht war ich von der so freundlich wie heftigen Reaktion auf mein Erscheinen, daß ich den Franzosen nur anstarrte.
Mit einem kleinen Lächeln auf seinen wulstigen Lippen, die unter seinem buschigen Backenbart rosig hervorschimmerten, nickte mir Dunold zu. „Ich freue mich außerordentlich, Sie kennenzulernen, Herr Kollege.“
„Die Freude liegt ganz auf meiner Seite, Monsieur. Darf ich mir erlauben, Ihre exzellente deutsche Aussprache hervorzuheben?“
Dunold lächtelte mich freundlich an, sichtlich bewegt durch mein Kompliment. Mit einer freundschaftlichen Geste klopfte er mir fest auf die Schulter. „Vielen Dank, Herr Steiner. Ich komme sehr oft hierher nach Wien, da ich ein großer Bewunderer Ihrer schönen Stadt bin. Nebenbei habe ich hier ein kleines physikalisches Labor eingerichtet, da ich an Ihrer Universität hervorragende Möglichkeiten der Forschung habe. Ich und Ihr geschätzter Kollege Arnold haben uns gerade über die Neuerungen und phantastischen Möglichkeiten unterhalten, die es in dem neuen zwanzigsten Jahrhundert geben wird. Meiner Meinung nach werden sehr viele Maschinen und Apparaturen das Leben der Menschen erleichtern. Nehmen wir nur die Motorkutsche von dem genialen Benz, die…“
Arnold unterbrach den Franzosen. „Oh, Monsieur Dunold, ich bitte Sie! Herr Steiner interessiert sich sicherlich nicht für die stinkenden und langsamen…wie nennt man sie doch gleich…Automobile des Querkopfes Benz! Viel interessanter ist doch wohl Ihre neue Theorie in Ihrem Laboratorium.“
Ich bemerkte mit Verwunderung die hektischen Flecken auf den Wangen von Arnold, als er diese Worte sprach. Zu diesem Zeitpunkt wurde mir klar, daß ich einen noch viel bedeutungsvolleren Abschnitt des Gespräches zwischen den beiden Herren versäumt hatte.
„Theorie? Welche Theorie ist gemeint?“ fragte ich, und ich war sicher, Dunold und Arnold bemerkten die Spannung und Neugier in meiner Stimme. „Oh, bitte Monsieur, erzählen Sie mir davon, ich bin sehr neugierig!“
Einen Augenblick sah der Franzose mich an, als wollte er prüfen, ob meine plötzlich entflammte Neugierde echt war, dann bedeutete er mir und Arnold in einer Ecke im bequemen Polstersessel Platz zu nehmen. Erst als wir gemütlich und entspannt beieinander saßen, berichtete Monsieur Dunold mehr.
„Wissen Sie, meine werten Herren Kollegen, als Wissenschaftler habe ich mich schon immer mit verschiedenen Problemen auseinandergesetzt. Vieles konnte ich lösen, einigen Sachen auf den Grund gehen, aber manches blieb mir lange Zeit völlig unklar. Und dazu gehört auch die Zeit“, fing Dunold zu erklären an. Innerlich seufzte ich, daß ich befürchtete, daß nun eine lange Einleitung folgen würde, bevor der Franzose endlich zu seiner Theorie käme.
Mit nachdenklicher Pose strich sich Monsieur Dunold durch seinen stattlichen Bart und fuhr fort.
„Ein besonderes Phänomen, welches schon im Altertum und in der grauen Vorzeit examiniert wurde, stellt die Zeit dar. Es haben sich schon viele kluge Leute den Kopf darüber zerbrochen, was Zeit nun sei und wie man sie erklären könne. Ich, meine Herren, habe es geschafft, der Zeit auf den Grund zu gehen. Nach meiner Theorie ist es möglich, Zeit in kleinste Partikel zu unterteilen – den sogenannten Chronon – die nicht mehr weiter unterteilbar sind. Diese Chronon bilden das, was wir gemeinhin als den Zeitenfluß nennen: Eine endlose Linie, die wir selbst als das tägliche Verstreichen von Sekunden, Minuten und Stunden bemerken. Mal vergeht die Zeit langsam, mal scheint sie zu verfliegen.“
Arnold unterbrach den Franzosen, in seinen Augen sah ich das Glühen des Wissenschaftlers, der eine ihm bislang unbekannte Welt betrat. „Sie definieren Zeit als eine Aneinanderreihung von kleinsten Zeitpartikeln?“
„So ist es. Zeit entspricht einem kinematograhischen Film. Dieser besteht aus aus Einzelbildern, die in Gesamtheit auf der Leinwand eine Bewegungsfluß vorgaukeln. So wie das menschliche Auge diese Einzelbilder nicht wahrnehmen kann, so sind einzelne Chronon für den menschlichen Verstand nicht faßbar.“
Als ich diese Ausführungen von Dunold hörte, wurde ich ein wenig skeptisch. Mir kam seine Theorie reichlich einfach vor.
„Monsieur Dunold“, fragte ich mit einem ungläubigen Unterton in der Stimme, „wie wollen Sie diese Theorie beweisen. Wenn ein Chronon unvorstellbar ist für die menschliche Ratio, wie können Sie Ihre Theorie halten?“
Dunold wandte sich mir zu und für einen kurzen Moment sah ich ein ärgerliches Aufblitzen in seinen Augen. „Sie haben recht, die Existenz der Zeitpartikel ist nur indirekt beweisbar. Ein Chronon ist nicht isolierbar, sehr wohl jedoch kann ich die Existenz Um nochmals auf den Vergleich mit einem kinematographischen Film aufzugreifen. Zwischen den einzelnen Photographien befindet sich ein schmaler Streifen aus Zelluloid. Die Bilder reihen sich nicht nahtlos aneinander. Genauso ist es möglich, Lücken zwischen den Chronon zu isolieren und – sie zu öffnen.“
Dieser letzte Satz von Dunold ließ Arnold und mich in helle Aufregung verfallen. Wir sprangen von unserer Sitzgelegenheit auf und sahen ungläubig auf den Franzosen hinab, der sich mit einem spöttischen Lächeln auf den Lippen ein weiteres belegtes Brot in den Mund schob. Nach einer kurzen Pause sprach er weiter. „Eine Apparatur, um diese Lücken zu öffnen existiert schon, werte Kollegen, und sie steht hier in Wien, in meinem kleinen Laboratorium auf der Universität. Ich bin bereit, die Chronon-Theorie in der Praxis zu beweisen, sind sie es auch?“

Als Arnold und ich das Reich des merkwürdigen Franzosen durch einen verlassenen Seitentrakt der Universität betraten, wurden wir überwältigt. Das Laboratorium des Monsieur Dunold war abstoßend, faszinierend und gleichzeitig von einer düsteren Atmosphäre durchdrungen, die ich noch nie an einem Ort der Wissenschaft erlebt hatte.
Der Raum war vollgepfercht mit kupfernen Maschinen, dampfenden Kesseln und gewaltigen, armdicken Kabeln, die überall über den Boden liefen. Die abgestandene Luft war erfüllt mit einem stechenden, übelkeiterregenden Geruch, der aus den Apparaturen im Labor ausströmte. Am faszinierendsten allerdings war die Mitte des Labors: auf einem kleinen Podest, umringt von Hebeln und Schaltern, standen zwei metallene, übermannshohe Stangen, deren Ende mit einem stoffähnlichem Material umwickelt waren. Sie sahen aus wie zwei riesige aufgestellte Schwefelhölzer und schienen so gar nicht in den mit Mechanik ausgekleideten Raum zu passen.
„Das ist…gigantisch“ staunte ich und sah mich fasziniert um. Arnold zog sein Taschentuch aus dem Jackett und hielt es sich vor die Nase. Mit Bedauern und etwas Besorgnis merkte ich, daß sein Gesicht noch etwas mehr an Farbe verlor und noch blasser als sonst wirkte. Der Franzose schien es nicht zu bemerken. Bestimmt lotste er uns in den Raum.
„Sehen Sie, meine Herren“, mit einer Geste voll Stolz präsentierte uns Dunold seine Apparatur. „Hiermit beweise ich Ihnen die Existenz der Chronon-Partikel!“
Ohne Zeit zu verlieren, zog der Franzose an Hebeln, drückte Knöpfe und drehte mit unglaublichem Elan an verschiedenen Rädern. So flink und gewandt bewegte er sich durch seine Apparatur, daß ich und Steiner kaum seinen Ausführungen folgen konnten, die er pausenlos von sich gab.
„Passen Sie nur gut auf! Hier aktiviere ich die Energiezufuhr! Und das Rad hier, es hilft mir, den Zeitfluß mithilfe von elektrischer Energie zu unterbrechen…“.
Immer mehr der Kessel summten bedrohlich. Die beiden Riesenschwefelhölzer fingen an sich um sich selbst zu drehen. Anfangs nur zögernd, dann immer schneller. Schließlich rotierten sie so schnell, daß sie mit ihren umwickelten Köpfen einen Kreis bildeten, der parallel zum Fußboden in der Luft schwebte. Als ich näher hinsah, bemerkte ich, daß sich dieser Kreis immer mehr verdunkelte, bis er wie ein Loch aussah, das frei im Raum schwebte. Auch der Franzose bemerkte dies, nickte zufrieden und stellte mit einem Hebel die Rotation ab. Die Metallstäbe blieben ruckartig stehen, das Loch im Raum aber blieb konstant und waberte bedrohlich zwischen den Schwefelkopfenden. Ein Anblick, der mich beinahe an meinem Verstand zweifeln ließ.
„Meine Herren! Ich werde nun zum ersten Male in die geöffnete neue Dimension vordringen und sie mit eigenen Augen betrachten. Und sie werden Zeugen dieses Experimentes.“ Mit diesen Worten nahm Dunold eine große Leiter, die an der Wand des Laboratoriums lehnte, steckte Ihr oberes Ende durch das Loch und fing an, hochzuklettern. Es war ein grotesker Anblick, der sich uns bot, als der Franzose an der Leiter hochkletterte, die mit ihrem Ende an einem bisher unerforschten Phänomen anlehnte. Beinahe konnte man glauben, Dunold kletterte durch eine kleine Luke in ein Zimmer oberhalb des Laboratoriums.
„Monsieur Dunold! Nicht! Lassen Sie das, Sie wissen nicht, was Sie dort drüben erwartet!“ rief Arnold in höchster Erregung dem Franzosen nach. Es war ein schauriger Anblick, den Körper abgeschnitten auf der unter dem Gewicht des Mannes ächzenden Leiter balancierend zu sehen.
„Viktor, machen Sie doch was, wir müssen ihn davon abhalten. Wer weiß, ob wir ihn jemals wiedersehen“, rief Arnold verzweifelt aus. Ich aber stand nur wie angewurzelt auf meinem Platz und beobachtete weiter.
In diesem Moment war Dunold ganz in dem Loch verschwunden, nur die Leiter ragte vom Labor aus ins Nichts. Nach einem endlos langen Augenblick zeigte sich der Kopf des Franzosen aus dem Loch. Es sah aus, als würde er aus einem Dachlukenfenster in den Raum darunter sehen.
„Phantastisch, meine Herren! Ich bin hier in einem Universum, daß sich ganz in den Chronon-Lücken unserer Welt befindet. Kommen Sie, ich helfe ihnen zu mir herauf! Diese fremde Welt müssen Sie unbedingt sehen!“ Dunolds Kopf verschwand wieder und machte seiner Hand Platz, die nun aus dem Loch ragte und uns beiden beim Aufstieg zu Hilfe kommen wollte.
Zögernd näherten wir uns dem Loch und starrten fasziniert und erschrocken hinauf. Von unten konnten wir nur die Hand sehen, das fremde Universum blieb hinter der bleiernen Schwärze des Nichts verborgen.
„Monsieur, sind Sie noch da?“ rief Arnold hinauf und genau in dem Moment, als er lauschend noch einen Schritt zum Loch nähertrat, verfing sich sein Fuß in einem der dicken Kabelstränge. Mit einem Klagelaut stolperte Arnold auf die Stäbe zu, bekam die Leiter zu Greifen und warf diese zusammen mit einem der Metallstäbe zu Boden.
„Geben Sie acht, Arnold! Sie zerstören den Apparat!“ rief ich erschrocken und versuchte ihn zu halten. Es war zu spät. Ein Zischen und Schrillen war aus den verschiedenen Elementen des Mechanismus zu hören, dann schloß sich das Loch im Raum blitzschnell um die immer noch herausragende Hand des Franzosen.
Mit ungläubigen Entsetzen starrte ich auf die zwischen dem Zeitfluß steckende Hand des Monsieur Dunold, die sich krampfhaft öffnete und schloß. Verzweifelt zogen Arnold und ich an der Hand des Franzosen, aber wir schafften es nicht, Dunold aus dem Zeitloch zu zerren. Im Gegenteil, immer mehr verschwand auch die Hand in der fremden Dimension, die Öffnung zwischen den Zeiten wurde kleiner und kleiner, preßte schon die Finger zusammen und schloß sich schließlich, mit einem lauten Knall hinter den Fingerspitzen des Unglücklichen.
Vom Grauen gezeichnet, blieben Arnold und ich verlassen in dem düsteren Labor zurück. Ich blickte meinen Freund verstört an und sah, daß dem Armen der Angstschweiß die Stirn hinunterlief. Schweratmend taumelte er zurück und stieß mit dem Rücken gegen einen der Kessel dieser Höllenmaschine.
Wir müssen etwas unternehmen, Viktor…“ hauchte er und blickte mich hilfesuchend an. Ich nickte nur und versuchte nachzudenken. Was konnten wir schon tun? Dunold war verschwunden, verloren zwischen den Zeiten in einem fremden und womöglich feindlichen Universum, das wir nicht kannten. Ich stellte mir den korpulenten Franzosen vor, wie er durch einen bizarren Wald von fremden fleischfressenden Kreaturen gehetzt wurde und verzweifelt eine Lücke zurück suchte. Nein, als Wissenschaftler und Kollegen war es unsere Pflicht, dem Mann zu helfen!
Ich gab mir einen Ruck und klatschte laut in die Hände.
„Auf, lieber Freund!“ rief ich Arnold zu, der noch immer an dem Kessel lehnte. „Suchen wir uns die Baupläne und geeignetes Werkzeug. Wir reparieren diese Apparatur und folgen Dunold. Das ist das Mindeste, was wir tun können.“
Nach kurzem Nachdenken nickte Arnold mir zu. Mit Erleichterung stellte ich fest, daß er seine Fassung wieder fand. Ich legte mein Jackett ab und fing an, die Maschinerie zu untersuchen.
Ich war fest entschlossen, Dunold aus den Klauen der Zeit zu befreien.
Fortsetzung folgt
© copyright by martin pichal, 2000

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