Rois, Stefan: In Utero

10:43
Aus dem Gebäude kam eine Frau. Ihre Lippen schienen lautlos nach Worten zu suchen. Während sie ging, hielt si den Kopf gesenkt. Mit langsamen Schritten ließ sie das Krankenhaus hinter sich. Sie überquerte ohne auf den Verkehr zu achten die Straße –auf das Hupen eines bremsenden Autofahrers reagierte sie nicht-, bog um die Ecke und erreichte das Geschäftsviertel.

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Menschen mit Einkaufstüten, Einkaufstüten mit Menschen; eine nackte Schaufensterpuppe; bis minus 30 %; Top-Angebot – Schlagen sie zu.
Ein Mann stellte sich der Frau in den Weg. Langer Mantel, altmodische Brille, Schmutz an den Händen und Schürfwunden im Gesicht.
„Hätten sie ein paar Cent für mich?“ fragte der Mann.
Für kurze Zeit standen die zwei Menschen einander wortlos gegenüber. Dann hob die Frau den Kopf und begann zu sprechen.
„Hätten sie eine intakte Gebärmutter für mich?“ fragte sie den Mann. Der sah sie an, als wäre er eben angeschossen worden. Danach versuchte er einen Augenblick lang zu lächeln, doch der gefrorene Blick der Frau ließ seine Mundwinkeln erst erstarren und dann nach unten sacken, was ihm einen Hauch von Schwachsinnigkeit verlieh.
„Oder vielleicht neue Eierstöcke?“
Top-Angebot. Schlagen sie zu.

12:09

„Ich weiß… denen unterlaufen auch… Fehler.“ Die Frau holte Luft. Ihre Stimme zitterte. „Ja, oder ein… verdammt schlechter Scherz. Ein ganz mieser Scherz von einem… Arschloch in Weiß.“ Einige Momente schwieg sie.
„Ich liebe dich auch.“ Die Frau nahm das Handy vom Ohr, legte auf und schob das Gerät zurück in die Manteltasche. Sie zog sich etwas Rotz in die Nase hinauf und wischte sich dann mit einem Ärmel die wartenden Tränen aus dem Gesicht.
Sie atmete durch. Mit geschlossenen Augen.
Das Klingeln der Straßenbahn. Das Stimmengewirr der Fußgängerzone. Weiter weg Motoren.
Sie hob ihre Lider, sah neues Licht.

16: 40

Ein Junge streichelte der Frau durch das Haar. Er biss sich auf die Unterlippe und legte den Kopf schief. Auf seiner Stirn bildeten sich Falten.
„Mama…“
„Hmm…“ Die Frau nahm ihren Blick nicht vom Fußboden.
„Schau. Du hast in deinem Leben doch noch nie etwas Verrücktes gemacht.“
Der Ausdruck in den Augen der Frau verlor seine Leere.
„Viel zu wenig, ja…“
„Aber wenn du dann eine Glatze hast; dann kannst du das ganz leicht nachholen. Dann lasse ich mir auch alle Haare abscheren…“
„O nein Schatz, deine schönen Locken…“ lächelte die Frau.
„Dann lasse ich mir alle Haare abscheren und wir ziehen gemeinsam durch die Stadt, machen nur noch Blödsinn und scheißen darauf was die Leute über uns denken! Mama, das werden wir machen. Zwei Glatzen auf Chaostour!“
Es hatte zu regnen begonnen. Der Junge und die Frau hörten wie die ersten Tropfen gegen die Fensterscheiben fielen.
„Ja, Schatz.“ Sie küsste den Jungen auf die Stirn und streichelte seinen Rücken. Das Trommeln der Tropfen füllte das Zimmer.
„Das werden wir machen.“

20:15

„ICH !!! – HABE !!! – KREBS !!!“

Manche ignorierten die Stimme. Die meisten Fahrgäste sahen jedoch für einen Moment in den hinteren Bereich des Waggons, bevor sie ihre Augen wieder in die vorbeirasende Dunkelheit schickten oder ihre Köpfe hinter ihren Zeitschriften versteckten.
Die Frau stand dort hinten, eine Hand im Haltegriff, ausdruckslose Miene, die Lider gesenkt. Als wäre nichts geschehen. Als hätte sie nie den Mund aufgemacht.
Die U-Bahn hält an. Die Türen werden aufgezogen. Leute raus, Leute rein. Ein, zwei kurze Blicke im Vorbeigehen. Verstohlene Betrachtungen, die wie zufällig wirken sollen. Menschen, die vorübergehen. Menschen, die sitzen bleiben.
„Respekt meine Damen und Herren… wirklich sehr… beherzt…“ flüsterte die Frau und begann zu lachen. Erst ganz leise, dann immer lauter, so schallend als wäre sie verrückt geworden.
Dort und da ein Kopfschütteln. „Na hören sie mal!“ rief irgendjemand.
Auf einmal schnitt sich ein Schluchzen in das Gelächter der Frau und Tränen quollen hervor. Sie brach nieder, krümmte sich auf dem Boden des Abteils zusammen, presste ihr Gesicht an ihre Schulter und weinte los.
Die Lautsprecher spuckten „Zug fährt ab!“. Die Türen schlossen, die U-Bahn setzte sich in Bewegung, verschwand aus der beleuchteten Zone und wurde erneut von der Schwärze des Tunnels verschluckt.
Nächster Halt Zivilcourage.

© 2002 by Stefan Rois

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