Schmid-Speer, Ursula: Koch sein ist nicht schwer

Meine Kommilitonin flüsterte mir zu, dass es heute wieder den bombastischen Reisauflauf mit Äpfeln in der Mensa geben würde. Vorsichtig balancierte ich mein Tablett auf den hochhakigen Pumps durch die Reihen. Und da saß er! Braun gebrannt, markantes Gesicht, lässiges Sporthemd unter dem einige Mukis heraus sahen. Und das Schönste – ein Platz ihm gegenüber war frei.

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Nix wie hin, bevor eine andere auf die Idee kam. Welch ein Glück, dass ich heute die schöne Bluse und die neuen Schuhe an hatte.

„Darf ich?“, fragend blickte ich das Objekt meiner Begierde mit gekonntem Augenaufschlag an. Er war so vertieft in seinen Reisbrei, dass er nur kurz nickte.

„Hmm, schmeckt gut heute. Den Reisbrei machen die hier wirklich lecker,“ versuchte ich ein Gespräch in Gang zu bringen. Ich erntete aber nur einen kurzen Blick. Dann vertiefte sich mein Gegenüber wieder in sein Essen.

Fieberhaft zermarterte ich mir den Kopf, wie ich das Gespräch weiter führen sollte. Schnell musste mir etwas einfallen, denn der junge Mann kratzte eben die letzten Reiskörner von seinem Teller.

Das Glück mit Namen Clemens kam mir zu Hilfe. Er erblickte mich, kam strahlend auf mich zu und meinte: „Na gibt‘s heut‘ wieder Reisbrei, weil die Mensa so voll ist? Tag Karl-Heinz“, grüßte er mein Gegenüber.

Ich konnte nur nicken und mich still freuen. Mein Banknachbar im Seminar kannte den unbekannten Reisbreiesser. Wenn das kein gutes Zeichen war! Und schon hörte ich: „Lasst uns doch noch einen Kaffee trinken gehen, bevor es mit der Mathevorlesung weiter geht. Kommst du auch mit Karl-Heinz?“

Eine kleine Schrecksekunde lang, dachte ich schon, er würde ablehnen. „Klar, so ein Käffchen zum Abschluss wird meine müden Lebensgeister wieder aufwecken. Aber lasst uns in das kleine Cafe nebenan gehen, von Mensaaufläufen habe ich jetzt erst mal genug.“

Dabei sah er mir tief in die Augen. Er hatte mich entdeckt! Mein Herz schlug wie eine Buschtrommel. Ja, so hat das damals angefangen. Karl-Heinz entpuppte sich als charmanter Erzähler. In den folgenden Wochen hatten wir viel Spaß miteinander. Wir unternahmen viel gemeinsam, lernten zusammen und fragten uns gegenseitig ab – und wir kochten auch miteinander. Er brachte mir so einiges bei und wenn mal was daneben ging, grinste Karl-Heinz breit und meinte: „Genau so mag ich es!“

Kochen war zwar nicht meine große Leidenschaft aber ich konnte mich doch so ab und an durchringen den Kochlöffel zu schwingen.

Was tut man nicht alles für seinen Liebsten!

Ich fand nämlich schon als Schülerin das Fach Hauswirtschaft, besonders Kochen langweilig und ätzend. Wir mussten das auch noch essen, was wir fabriziert hatten. Da war unsere Lehrerin gnadenlos. Egal ob es sich um angebrannten Kohl oder Klümpchenpudding handelte. Als wir dann auch noch die Handarbeitslehrerin im Fach Kochen bekamen und sie uns in spitzenverzierte Küchenschürzen mit Häubchen steckte, war bei mir der Ofen endgültig aus.

Wozu musste man in Zeiten von Mc Donalds, Fertiggerichten und Mikrowelle überhaupt Kochen lernen? (Weil Liebe durch den Magen geht, höre ich meine Mutter sagen!)

Als ich von zuhause auszog, hatte mir meine Mutter vorsichtshalber zum ersten Überlebens-Fress-Korb einen Dosenöffner eingepackt. Als Studentin war ich dann eine eifrige Mensagängerin. Für eine Person großartig aufzukochen lohnte ja auch nicht und in der Studentenbude konnte man sich kochtechnisch auch nicht so verausgaben, wie man vielleicht gewollt hätte. (Gottseidank!)

Zu unserer Hochzeit bestellten wir einen Partyservice und ich nahm meinem Liebsten das Versprechen ab, dass wir auch ab und an einmal essen gehen würden.

Seine große Leidenschaft war Reisbrei. Er liebte diese Süßspeise und aß mit Genuss sogar das letzte Reiskorn auf.

Ich merkte schon, als Karl-Heinz nach Hause kam, dass etwas nicht stimmte. Er war grantig, murmelte über seinem unangenehmen Chef und neuen Verordnungen. Welch ein Glück, dass ich außer der Reihe Reisbrei für ihn gekocht hatte. Dies würde ihn milder stimmen und mit dem lausigen Tag versöhnen.

Weit gefehlt! Mein Liebster druckste herum und meinte: „Du machst dir wirklich viel Mühe mit dem Brei, aber so wie bei meiner Mutter schmeckt er einfach nicht. Versteh mich nicht falsch, deiner schmeckt mir schon auch, aber etwas fehlt…“

Ich war platt! Da kochte ich ihm nun schon monatelang sein süßes Pappzeug und dann schmeckte ihm mein Brei gar nicht so richtig. Ich wusste nicht, ob ich sauer sein oder ob ich diese Aussage einfach ignorieren sollte. Ich entschloss mich zu zweitem; schließlich wollte ich nicht noch einen Krach herauf beschwören.

In den nächsten Tagen und auch Wochen war mein Schatz wieder so gut gelaunt wie eh und je. Reisbrei kochte ich in dieser Zeit keinen.

„Hör mal Mausi, heute hätte ich wieder mal Lust auf Reisbrei. Machst du mir einen?“

„Ich dachte, ich kann ihn nicht so gut wie deine Mutter!“, konnte ich mir die Spitze nicht verkneifen.

„Nun ja, deiner ist ja auch gut und ich esse ihn ja auch gerne, aber…“, er druckste verlegen herum. Mit einem Kuss verabschiedete sich mein Männe schnell.

Also gut, würde ich halt wieder mal Milchreis kochen. Gegen Abend rührte ich gedankenverloren in meinem Töpfchen, als das Telefon läutete. Wohlweislich drehte ich die Herdplatte auf ganz klein und eilte zum Telefon. Eine Bekannte, von der ich schon sehr lange nichts mehr gehört hatte, war am Hörer und wir erzählten und erzählten.

Erschrocken fiel mir nach etlicher Zeit ein, dass mein Brei noch auf der Herdplatte stand. Karl-Heinz musste jeden Augenblick nach Hause kommen. Da hörte ich schon das Drehen des Schlüssels im Schloss. Hastig verabschiedete ich mich und legte den Hörer auf.

Während sich Karl-Heinz die Jacke auszog und die Hände wusch, versuchte ich zu retten, was zu retten war. Das Angebrannte kratzte ich ab und drappierte die weißen Körnchen dekorativ als Kuppel auf dem Teller. Zimt und Zucker, etwas mehr als sonst, vervollständigten das out-fit meines Abendmahls. Ich war auf Diät und sah meinem Liebsten andächtig zu.

Was würde er sagen? Er führte den ersten Bissen in den Mund, schloss genießerisch die Augen, schluckte, nahm einen weiteren Bissen und seufzte wohlig.

„Diesmal hast du dich selbst übertroffen, mein Herz, das ist der beste Reisbrei, den ich je gegessen habe. Wie bei meiner Mutter! Hervorragend!“

© Juli 2001 by Ursula Schmid-Speer

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