Withau, Rosi: Misstrauen oder Prüfung? –Eine alltäglich Geschichte

„Glaub mir doch, wenn ich es dir sage.“ Fragend durchbohrte sein Blick die Augen von Melanie. Noch immer herrschte eine eisige Atmosphäre im ganzen Raum. Keiner vermochte es, diese unheimliche Spannung zu lösen.

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Melanie stand inzwischen am Fenster. Nur nicht das, dachte sie innerlich. Er soll meine Tränen nicht bemerken. Noch nie hat ein Mann Tränen in meinen Augen gefunden. Verzweifelt versuchte sie nach Hinten und zur Seite zu schielen, aber sie sah Holger nicht. Gut, dachte sie, er sieht meine verquollenen Augen nicht.

Plötzlich hatte sie das Gefühl, alleine im Zimmer zu sein. Langsam drehte sie sich um, ließ ihre Blicke durch den Raum schweifen und stellte fest: Ich bin ja wirklich allein. Wo ist Holger abgeblieben? Er kann doch nicht einfach so gegangen sein, ohne etwas zu sagen? Ich werde ihn doch nicht für immer vergrault haben? Warum nur, ja warum muß ich meine Zweifel immer und immer wieder so deutlich zu erkennen geben? Melanies Kopf fing unaufhörlich an zu grübeln. Selbstvorwürfe zermarterten sie völlig. Was war denn eigentlich geschehen, und was treibt mich eigentlich zu einem derartigen Fehlverhalten? Ach, was solls, wenn Holger wirklich für immer von mir gegangen ist, bin ich selber daran schuld.

Melanie öffnete sich eine Flasche Rotwein, legte sich bequem auf die Otamane nippte appetit- und willenlos an ihrem Wein und suchte noch immer nach der Ursache des Streites. Oft schon hat Holger sie dabei ertappt, wenn sie heimlich seine Hosen- und Jackentaschen durchstöberte. Bisher hatte sie aber jedesmal eine glaubwürdige Ausrede parat. Einmal wollte sie vor dem Waschen die Taschen leeren, und ein anderes Mal wollte sie die Sachen zur Reinigung bringen und wieder ein anderes Mal suchte sie ihren Ring. Neunundneunzig Mal geht es eben gut, bis bekannterweise es beim einhundertsten Mal nicht so einfach klappt. Holger aber mehrmals schon zu ihr sagte, sie brauche sich nicht zu sorgen. „Melanie, ich liebe dich doch,“ betörte er ihr immer, „auch wenn es wegen meiner Arbeitszeit so aussieht, als hätte ich eine andere Freundin, ist es dennoch nicht der Fall.“ Melanie glaubte ihn einfach nicht. Zu oft bereitete sie ihm ein besonderes Abendessen, und genau an solchen Abenden wartete sie mit dem Essen vergeblich auf ihn. Wenn sie ihn dann auch noch in der Firma anrief, war er schon fort. Nur, zu Hause bei ihr, war er noch nicht angekommen. Tja, wer soll da noch an Treue glauben?

Heute aber fand sie in seinem Jackett zwei Eintrittskarten für kommenden Mittwoch ins Theater zu „Das Phantom“. Ausgerechnet Das Phantom, wo sie schon immer mit ihm hin wollte. Und dann auch noch mitten in der Woche, wo er doch sonst nie Zeit hatte. Melanie wußte einfach nicht mehr, was sie noch glauben durfte, und was sie von seinem doch recht merkwürdigen geheimnisvollen Verhalten halten sollte. Je mehr sie über alles noch einmal nachdachte, um so mehr verstrickte sie sich wieder in fürchterliche Gedanken. Sie füllte ihr Weinglas erneut. Diesmal trank sie aber aus Lust, Zorn und mit Appetit. Als sie bemerkte, wie hastig sie ihr Weinglas in einem Zuge leer trank, dachte sie so bei sich: Oh, oh, – ob das gut für mich ist? Gerade wollte Melanie ihr drittes Glas leeren, als es aufeinmal an ihrer Wohnungstür klingelte. Nanu, wer kann das denn jetzt um diese Zeit noch sein? Sie schaute auf ihre Armbanduhr und stellte erschreckend fest, dass es schon kurz vor Mitternacht war. Sie band ihren Gürtel vom Morgenrock wieder fest und ging neugierig zur Tür, um zu sehen, wer da wohl die Frechheit besitzt, um diese Zeit noch bei ihr zu läuten. Sie sah vorsichtig durch den Spion. Plötzlich stockte ihr der Atem, ihr Puls schlug bis in den Hals hinauf, und sie konnte es einfach nicht fassen: Vor ihrer Wohnungstür stand Holger in voller Größe und leibhaftig. Sie wußte nicht mehr, wieviel Sekunden oder Minuten sie so verharrte, jedenfalls als sie sich
wieder auf den gegebenen Umstand besann, drehte sie schnell den Schlüssel im Schloss herum. Sie dachte: Erst mal hineinlassen, bevor er es sich wieder anders überlegt. Innerlich freute sich Melanie doch sehr, dass er wieder zu ihr zurückgekommen war. Als sie die Tür geöffnet hatte, standen sich beide so nah gegenüber, dass jeder den Atem des anderen deutlich spüren konnte. Wieder ein großes Schweigen. „Mela…“. „Hol…“ Weiter kamen die beiden nicht. Diesmal wollte jeder zur gleichen Zeit das Schweigen brechen. Die Situation war mehr als urkomisch. Beide lachten herzlich. „Komm doch bitte herein“, forderte sie ihn dann auf, „wir wollen uns noch einmal wie Erwachsene und ganz vernünftig unterhalten“, sprach sie in einem viel ruhigeren Ton weiter zu ihm. „Das ist gut, das Gleiche wollte ich dir auch gerade vorschlagen“, bestätigte er ihre Worte, „aber laß mich bitte zuerst anfangen mit Reden, damit es nicht von vornherein wieder Mißverständnisse gibt“ bat er sie dann noch..

„Ich hatte mir vorhin eine Flasche Rotwein aufgemacht und habe noch einen Rest in der Flasche, möchtest du mit mir, während wir reden, noch ein Glas mittrinken?“ „Gern, wenn es sein muß, trinke ich auch noch zwei Gläser mit dir“ gab er mit einem versöhnlichen Lächeln zurück. Melanie legte eine CD mit Kuschelrock in den Player, schenkte zwei Gläser Rotwein ein. Dann setzten sie sich beide auf die Otamane, und Melanie war nun höchst gespannt auf Holgers Worte. „Nun, lieber Holger, ich höre“, sagte sie dann, um ihm zu zeigen, dass sie nun ganz Ohr ist.

Holger nahm beide Hände von Melanie ganz zärtlich in die seinigen, und er schaute ihr dabei tief in die Augen. „Melanie, schau mir bitte tief in die Augen, und sage mir dann, ob du wirklich noch immer glaubst, ich hätte nebenher noch eine andere Freundin? Auch wenn ich nicht mehr im Büro war, wenn du anriefst, da war ich mit noch einem Kollegen bei einer Kollegin zu Hause, weil wir da zusammen die neue Software für unseren Hauptcomputer besser und ungestörter entwickeln konnten. Das zu diesem Thema. Und nun zu dem anderen: Du hast die beiden Eintrittskarten für Das Phantom in meinen Sachen gefunden. Die Erklärung ist einfacher, wie du glaubst. Liebe Melanie, weißt du eigentlich was nächst Woche Mittwoch für ein Tag ist?“ Melanie schaute ihn unwissend und fragend an. Sie dachte sichtlich sehr anstrengend nach, denn ihre Augen waren völlig abwesend, und ihre Stirn schlug Runzeln. „Ach du liebe Güte“,
schoß es plötzlich aus ihrem Mund, „ich ahne Fürchterliches, und schon lag wieder eine gewisse Unruhe in ihrem Ton. „Bitte Holger, sag du es mir!“ „Ja, ja liebste Freundin Melanie, du ahnst sicherlich schon richtig: Nächste Woche ist unser gemeinsamer zweiter Jahrestag, an dem wir uns kennen gelernt hatten. Diese Eintrittskarten sollten für dich nämlich eine Überraschung und ein Geschenk von mir für dich sein. Auch als Dankeschön für dein Verständnis und deine Mühen, die du mit mir hattest, als ich fast ein viertel Jahr abends Überstunden gemacht hatte. Nun sind wir aber mit unserer geplanten neuen Software endlich fertig. Ich kann dir versprechen, dass ich ab nun wieder mehr Zeit für dich und unsere Liebe habe.“

Melanie wußte vor Glück und auch Scham gar nicht, was sie sagen sollte. Sie schaute ihn nur dankend an, umarmte und küßte ihren heißgeliebten Holger und dachte:nie wieder Mißtrauen, wo es nicht angebracht ist. Es wurde für beide noch ein wunderschöner Abend. Was Melanie aber nicht wußte: Holger hatte die Karten absichtlich ein wenig aus seiner Jacke herausluken lassen. Er wollte Melanie auf Herz und Nieren prüfen und auch ihre ständige Eifersucht damit ein wenig dämpfen. Mißtrauen oder Prüfung?

(c) 2000 Rosi Withau

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