Barens, Michael: Der Fall Elle Victa

Ein Bericht über ein Ereignis, das die Öffentlichkeit bewegt hat

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Wer im Glashaus steht, soll nicht mit Steinen werfen. Dessen ist sich der Verfasser dieses Berichts bewusst. Aus diesem Grund versichert er, dass die Informationen in diesem Dokument verlässlich sind und nicht nach herkömmlichen Pressemethoden recherchiert wurden. Der Verfasser behauptet jedoch nicht, er sei völlig ohne Sünde. Trotzdem will er den ersten Stein werfen, um seinem Gewissen etwas Erleichterung zu verschaffen und in der Hoffnung, dem einen oder anderen deutlich zu machen, wohin die Perversitäten der heutigen Presse führen können.
Der Verfasser dieses Berichts ist kein Jurist, und er will auch nicht verurteilen. Er will nur darauf hinweisen, dass die Presse neuerdings vehementen Gebrauch von Methoden macht, die gegen das Fernmeldegeheimnis verstoßen. Er will den öffentlichen Institutionen wie Post- und Telefongesellschaften aber keinesfalls unterstellen, dass sie der Presse bei ihren Perversitäten behilflich seien.

Die Nacktfotos der amerikanischen Schauspielerin Ms. Elle Victa, die in einem deutschen Boulevardblatt erschienen, waren Teil einer Kette von Ereignissen, über die in diesem Dokument berichtet werden soll. Es ist nicht ausgeschlossen, dass die Nacktfotos gefälscht waren, wie das Boulevardblatt absurderweise zu seiner Verteidigung behauptete. Aufgrund sicherer Informationen kann der Verfasser dieses Berichts jedoch mit ziemlicher Sicherheit diese Behauptung widerlegen. Es wurde vielmehr durch einen Reporter des Boulevardblattes das Briefgeheimnis verletzt. Dies geschah am 5. Juni 2110 auf eine Weise, auf die nun genauer eingegangen werden wird.
Der Reporter mit dem Namen Jens Schlickroh saß an besagtem Datum in seinem Arbeitsraum und „hörte die Briefe ab“, wie man es in Pressekreisen nennt. Er hatte seine „Zäpfchen“ an die privaten Postfächer zahlloser prominenter Persönlichkeiten angeschlossen. Vieles von dem, was er erhielt war unbrauchbar, z. B. ein Brief der deutschen Nachrichtensprecherin Petra Klas, in dem sie ihrem Mann Hermann Klas von der Entlausungskur ihres Hundes berichtete. Das gab nicht einmal einen Einspalter her. Interessanter war da schon die trauertriefende Nachricht über die Fehlgeburt des Kindes der Schauspielerin Romy Loseck. Wenn der Reporter nichts Sensationelleres gefunden hätte, wäre diese Story am nächsten Tag wohl der Aufmacher des Boulevardblattes gewesen. Doch Romy Loseck hatte das Glück, dass Jens Schlickroh etwas weitaus Sensationelleres fand und statt ihrer Tragödie am nächsten Tag, dem 6. Juni 2110, die Nacktfotos von Ms. Elle Victa der Aufmacher des Boulevardblattes waren. Diese Fotos hatte ein mit Ms. Victa befreundeter Fotograf der Schauspielerin vertraulich zugeschickt. Sie zeigten die beleibte, in die Jahre gekommene Schauspielerin, die sich in den Achtzigerjahren des vorigen Jahrhunderts als laszive Diva Ruhm und ein riesiges Vermögen erworben hatte, in obszönen Posen, die hier nicht genauer zu beschrieben werden brauchen, da sie der Allgemeinheit bekannt sind.

Die Fotos erschienen am 6. Juni auf der Titelseite des Boulevardblattes unter der reißerischen Überschrift: „Fette Diva in heißen Posen“. Mit Hilfe von „Wanzen“, die das Boulevardblatt mit Hilfe von Quantencomputern in den Umkreis der in Wyoming weilenden Ms. Victa transferierte, konnte die Reaktion der Schauspielerin von den Reportern des Blattes gehört und gesehen werden. Da dies natürlich illegal war, beabsichtigte man nicht, das Bild- und Tonmaterial, das die zunächst erschreckte und später aufgebrachte Ms. Victa zeigte, zu veröffentlichen. Auch die Nacktfotos hatte man erst nach gründlicher Absprache mit einem Rechtsanwalt veröffentlicht, der dem Boulevardblatt versicherte, dass die Hintertüren des Rechts in diesem Fall leicht zu durchschreiten seien.
Ms. Victa dagegen war offensichtlich schon bald der Meinung, dass ein Gerichtsprozess keine ausreichende Rache für die Schande, die das Boulevardblatt ihr zugefügt hatte, darstellen konnte. Schon am Erscheinungstag der Nacktfotos, nachdem ein Bekannter ihr von diesen Fotos berichtet und ihr das deutsche Boulevardblatt zugeschickt hatte, beschloss sie, gegen das Boulevardblatt vorzugehen. Und so nahmen die verhängnisvollen Ereignisse, von denen hier berichtet werden soll, ihren Lauf.

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Zunächst ist jedoch eine kurze Rückblende erforderlich, um Klarheit über die Beschaffenheit der Nacktfotos zu erhalten. An dieser Stelle muss erwähnt werden, dass die nun folgenden Informationen größtenteils von Michael Petay stammen. An der Wahrheit seiner Aussagen kann indes kaum ein Zweifel bestehen.

Der Fotograf Michael Petay war überrascht, als er am 2. Juni 2110 den Brief von Elle Victa erhielt, in dem sie einen Termin für ein Fotoshooting vereinbaren wollte. Er hatte im letzten Jahrhundert mit ihr gearbeitet und konnte sich noch an die zahlreichen Fotoshootings mit ihr erinnern. Aber nun war die ehemals weltberühmte Diva alt geworden, auch unzählige Schönheitsoperationen hatten ihr betörendes Aussehen nicht zu konservieren vermocht. Irgendwann hatte sie mit den operativen Eingriffen Schluss gemacht. Die verwelkte Diva hatte Michael damals gesagt hatte, sie fühle sich wie eine fast leere Hülle aus Plastik und Silikon, die verschimmelte Organe und einen gequälten Geist umgab. Von dem Tag an, an dem sie mit den Schönheitsoperationen endgültig Schluss gemacht hatte, wurde sie immer fetter. Fast genauso groß wie ihre Fressgier war ihr Hunger nach Männern. Dies sorgte dafür, dass sie auch auf ihre alten Tage noch häufig auf den Titelseiten von Schmuddelblättern zu finden war.

Es ist angebracht, an dieser Stelle die Frage zu stellen, warum sie gegen diese Schmuddelblätter keinen Rachefeldzug führte, obwohl sie ihre Ehre sicherlich genauso durch den Dreck zogen wie das deutsche Boulevardblatt. Der Verfasser dieses Berichts hat guten Grund zu der Vermutung, dass dies mit dem Weg zusammenhängt, auf dem die durch das Boulevardblatt veröffentlichten Nacktfotos entstanden. Darüber soll nun berichtet werden.


Ms. Victa erschien am vereinbarten Termin, dem 4. Juni, im Haus des Fotografen. Kaum hatte Michael Petay die Tür geöffnet, da packte Elle Victa ihn an der Kehle. Der überraschte Fotograf wurde von ihr in gewaltsam in das Fotolabor geschleppt. Während sie ihn mit einer Waffe bedrohte, zog sie sich aus und befahl ihm dann, sie zu fotografieren. Der Fotograf konnte nicht anders, als ihrem Befehl zu folgen. So entstanden die Nacktfotos. Über die weiteren Umstände der Geschehnisse im Fotolabor herrscht in den Aussagen Michael Petays Widersprüchlichkeit und Unklarheit. Es ist möglich, dass Elle Victa den Fotografen zum Sexualverkehr zwang. Dagegen spricht jedoch, dass dieser nie mit einer Anklage an die Öffentlichkeit trat. Es ist auch möglich, dass sie lediglich sexuell mit ihm verkehren wollte, er sie jedoch zurückwies. Beide Möglichkeiten würden den Groll Ms. Victas gegen die Veröffentlichung der einzigen handfesten Beweise der Geschehnisse im Fotolabor – und dies waren die unseligen Nacktfotos – erklären. Michael Petay schickte diese Fotos am 5. Juni an Ms. Elle Victa, worauf der Reporter Jens Schlickroh sie mit Hilfe des „Zäpfchens“, das er an Ms. Victas Postfach angebracht hatte, ebenfalls erhielt. Michael Petay, der als Absender eindeutig identifiziert werden konnte, geriet damit zu seinem Unglück ebenfalls in die Mühlen der Sensationspresse.

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Ms. Victa war überzeugt, dass Michael Petay die Fotos an das deutsche Boulevardblatt geschickt hatte. Wahrscheinlich kannte sie durchaus die Theorie, dass das Boulevardblatt an die Fotos durch Verletzung des Briefgeheimnisses gelangt war. Ihr Groll gegen Michael Petay war jedoch, auch aufgrund der Geschehnisse im Fotolabor, so groß, dass sie ihn zum Schuldigen machte. Als sie den Fotografen am Abend des 6. Juni anrief, wurde das Telefongespräch von einigen Reportern des Boulevardblattes mitgehört. Hier wird nun eine übersetze Fassung des kurzen Wortwechsels geliefert.
„Du mieses Schwein, ich habe dir gesagt, du sollst die Fotos nur an mich schicken. Und jetzt? Wieviel haben sie dir dafür gegeben, die Presseschweine?“ Ms. Victa schrie diese Worte in den Hörer. Jeder, der sie hörte, erhielt einen erschreckenden Einblick in die Heftigkeit der Wut Ms. Victas.

Der Fotograf antwortete mit mühsam beherrschter Stimme: „Ich brauche kein Geld mehr, Ms. Victa, ich habe genug. Ich sage Ihnen, die Presseleute haben Ihr Postfach angezapft und den Brief abgefangen. Ich bin unschuldig. Im Übrigen wünsche ich keinen weiteren Kontakt mit Ihnen.“

„Das wird Folgen haben für dich und für die Presseschweine! Ich werde sie alle ausrotten! Das wird Folgen haben!“
An dieser Stelle brach das Telefongespräch ab. Ms. Victa war sich zu diesem Zeitpunkt noch nicht bewusst, dass sie unter ständiger Überwachung durch das Boulevardblatt stand.

Sie wandte sich an den Polizeichef Wyomings und machte ihm klar, dass nicht geringe materielle Vorteile für ihn heraussprängen, wenn er ihr seine Überwachungsgeräte zur Verfügung stelle. Auf diese Weise entstand die absurde Situation, dass die Reporter des Boulevardblattes sich selbst auf den von Ms. Elle Victa überwachten Überwachungsbildschirmen sehen konnten, wie sie Ms. Victa überwachten. Auch Ms. Victa war überrascht, als sie sah, dass die von ihr beobachteten Reporter wiederum sie beobachteten. Jetzt hätte man sich virtuell die Hände reichen und sich versöhnen können, aber Ms. Victa stand nicht der Sinn nach Versöhnung. Unter Mithilfe des Polizeichefs zerstörte sie die „Wanzen“, die das Boulevardblatt in den Umkreis von Wyoming transferiert hatte. Die Reporter des Boulevardblattes standen nun vor schwarzen Bildschirmen. Es war für sie unmöglich, neue „Wanzen“ nach Wyoming zu transferieren, denn der Polizeichef, dessen Vermögen dank Ms. Victa inzwischen deutlich angewachsen war, hatte dort eine elektronische Barriere errichtet. Genauso wenig konnten die Reporter die „Wanzen“ in ihrem Umkreis zerstören, denn ihnen fehlten die dazu nötigen Geräte. So entstand in den Büroräumen der Reporter eine beklemmende Atmosphäre der Überwachung und Anspannung. Man war sich darüber im Unklaren, wie Ms. Victa sich rächen würde. Die Drohung, die sie ins Telefon gekreischt hatte, stand wie eine stinkende Giftwolke in den sterilen Büroräumen: „Ich werde sie alle ausrotten!“

Zum ersten Mal empfanden die Reporter des Boulevardblattes Reue. Sie bereuten die Veröffentlichung der Nacktfotos nicht etwa, weil sie sie für unmoralisch hielten, sondern weil sie eine solche Bedrohung zur Folge hatte. Sie wussten, dass jede Flucht sinnlos war, denn die unsichtbaren Überwachungsgeräte würden ihnen überallhin folgen und jeden ihrer Schritte überwachen. In einer allgemeinen Redaktionssitzung wurden alle Redakteure über die Situation informiert. Die meisten hielten es für sicherer, im Gebäude zu bleiben, um sich nicht möglichen Gefahren auf der Straße auszusetzen. Sicherheitsvorkehrungen gegen eine Bombe wurden getroffen, alle Fenster und Türen verriegelt. Es wäre eine Ironie des Schicksals gewesen, hätte die verbrecherische Boulevardzeitung die Polizei alarmiert. Doch man verzichtete aus verständlichen Gründen darauf. Einige Redakteure zeigten indessen Galgenhumor und übermittelten Ms. Victa sarkastische Liebesbotschaften im Bewusstsein, dass sie von ihr überwacht wurden.

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Der Verfasser dieses Berichts hat sich einige Gedanken über die Motive Ms. Victas gemacht. Eine alte, vom Leben und von den Menschen letztendlich enttäuschte und in Selbstmitleid versunkene Frau entwickelt plötzlich noch einmal ungeahnte Energie und scheut vor nichts zurück, um sich zu rächen. Wie lässt sich das erklären? Die Ereignisse im Fotolabor scheinen dem Verfasser nicht Erklärung genug, wenn sie auch einen Teil von Ms. Victas Wut begreiflich machen mögen. Der wahre Grund für ihren Rachefeldzug scheint ihm aber in einer allgemeinen, in ihrem gesamten Leben angesammelten Wut zu liegen. Der größte Teil dieser Wut richtete sich vermutlich zum einen gegen die Männer und zum anderen gegen die Presse. Das deutsche Boulevardblatt musste als Sündenbock für die gesamte Sensationspresse herhalten. Der Fotograf Michael Petay dagegen hatte das Pech, dass sich ihre ganze Wut auf die Männerwelt an ihm entlud.

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Michael Petay war sich nach dem kurzen Telefongespräch mit Ms. Victa noch nicht darüber im Klaren, in welcher Gefahr er schwebte. Er hielt die Warnung Ms. Victas für eine leere Drohung. Erst als der Reporter einer amerikanischen Zeitung bei ihm anrief und ihn unverschämt fragte, was er auf die Drohung Ms. Victas hin zu tun gedenke und wie er sich so unter Dauerüberwachung fühle, begann er zu ahnen, dass Ms. Victa Ernst machen würde. Er verweigerte dem Reporter jede Aussage und legte auf. Dann entschloss er sich, bei der deutschen Boulevardzeitung anzurufen, die ihn in eine solch missliche Lage gebracht hatte. Niemand nahm dort ab. Doch plötzlich ertönte, wie ein Eindringling in die Privatsphäre des Fotografen, Ms. Victas Stimme aus dem Lautsprecher direkt an seinem Ohr: „Ich wusste doch, dass du zu den Presseschweinen Kontakt hast. Übrigens: schöner Anzug, den du da anhast. Blau steht dir gut.“ Michael Petay war nahe daran, die Fassung zu verlieren.

„Ms. Victa, wer gibt Ihnen das Recht, mich zu überwachen?“, fragte er.
Sie gab keine Antwort. Trotz gründlicher Durchsuchung seiner Behausung entdeckte er nirgendwo ein Überwachungsgerät. Er kannte Ms. Victa nur sehr flüchtig und wusste nicht, wie weit sie gehen würde. Er traute ihr aber durchaus zu, dass sie in ihrer Wut einen Killer auf ihn ansetzen könnte. Er verriegelte sein Haus und schloss sich in einem Zimmer ein. Erst hier wurde er sich des Ausmaßes seiner Angst voll bewusst.

Der Verfasser dieses Berichts kennt das Haus Michael Petays, in dem der Fotograf seit dem Tod seiner Frau allein lebt. Er kennt dessen riesigen Ausmaße und die langen Korridore, die aus den leichtesten Schritten einen lauten Widerhall erzeugen. Dieses Haus scheint hinter jeder Ecke Überraschungen zu bergen. Der Verfasser kennt auch die spannungsgeladene Atmosphäre totaler Überwachung durch einen gefährlichen Feind. Er kennt den Geruch einer bevorstehenden Gefahr, der so penetrant werden kann, dass man sich geradezu wünscht, die Gefahr möge endlich hereinbrechen. Er kann deswegen ermessen, welche Angst Michael Petay dazu veranlasste, sich im kleinsten Zimmer seines Hauses einzuschließen wie ein in die Enge gedrängtes, hilfloses Tier.
Er legte sich auf das Bett und zog zitternd die Decke über den Kopf.

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Unter den Journalisten herrschte eine ratlose und ängstliche Stimmung. Man begann sich auf eine schlaflose Nacht in den Büroräumen einzustellen.

Einer der Reporter durchlitt besondere Ängste: Jens Schlickroh. Er war es, der die Fotos abgefangen und ihre Veröffentlichung veranlasst hatte. Sein Name stand unter dem zugehörigen Artikel. Er konnte nicht wissen, dass Ms. Victa es nicht auf einen einzelnen Reporter abgesehen hatte und ihr außerdem unbekannt war, dass er für die Veröffentlichung der Nacktfotos verantwortlich war. Er dachte, Ms. Victas Wut richte sich vor allem gegen ihn. Aus Angst, sie könne ihn auf ihren Überwachungsbildschirmen erkennen, ging er nur noch mit gesenktem Kopf und verhülltem Gesicht. Er glaubte, ihr böses Auge sei unablässig auf ihn gerichtet. Von Wahnvorstellungen geplagt schloss auch er sich schließlich in seinem Büro ein und verkroch sich in der Dunkelheit unter dem Tisch. Von draußen hörte er die lauten Stimmen von Gegnern der Sensationspresse, die gegen den Verfall der Sitten demonstrierten. Ein lautes Klopfen am verriegelten Stahlfenster ließ Jens Schlickroh zusammenzucken. Jemand musste mit einer Leiter die Hausfront erklommen haben. Natürlich konnte er unmöglich in das Büro eindringen, doch das Klopfgeräusch erschien Jens Schlickroh in seiner nervlich belasteten Situation wie Kanonendonner. Nach einiger Zeit wurde es wieder still, ehe erneut die wütenden Rufe der Demonstranten aufbrandeten.

Jens Schlickroh bekam nicht mit, dass man irgendwann gegen Mitternacht eine Bombe in einer der Toiletten fand und sie dank der zuvor getroffenen Sicherheitsvorkehrungen rechtzeitig entschärfen konnte. Während man sich noch den Kopf darüber zerbrach, wie die Bombe in die Toilette gelangt sein konnte, wurde gemeldet, dass das Haus eines Reporters des Boulevardblattes von randalierenden Demonstranten in Brand gesetzt worden war. Einige Reporter, die gegen Abend nach Hause zurückgekehrt waren und nun versuchten, in die relative Sicherheit der Büroräume zurückzukehren, entkamen nur knapp einer Meute von Demonstranten, die sich mit Keulen bewaffnet hatten. Wer bis jetzt noch nicht an eine echte Bedrohung geglaubt hatte, tat es jetzt.

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Der Auslöser der plötzlichen Gewaltwelle gegen die Sensationspresse saß in einem mit Stahltüren versehenen, verriegelten Raum des Polizeihauptquartiers Wyomings: Ms. Victa hatte es geschafft, über das Internet und mit Hilfe des Polizeichefs in kurzer Zeit eine Horde gewaltbereiter Demonstranten in Deutschland zu mobilisieren. Sie sahen in der Aufforderung Ms. Victas den ersehnten Anlass zum Ausbruch der Gewalt. So wurde der Rachefeldzug Ms. Victas auch ein Rachefeldzug der Gegner der Sensationspresse.

Der Polizeichef begann, an der Richtigkeit seines Tuns zu zweifeln, als er die randalierenden Brandstifter auf den Bildschirmen vor sich sah, und ihm wurde klar, dass er eine Kriminelle bei ihren Straftaten unterstützte. Er forderte Ms. Victa auf, das Polizeigebäude zu verlassen, versprach ihr jedoch gegen eine Geldsumme Schutz vor Verhaftung durch seine Kollegen. Als sie sich weigerte, zog er seine Waffe. Dies wurde ihm zum Verhängnis. Ms. Victa sagte später vor Gericht aus, der Mord am Polizeichef sei „logisch“ gewesen, was in gewisser Weise stimmte, denn sie war zu diesem Zeitpunkt so auf ihren Rachefeldzug fixiert, dass sie alles aus dem Weg räumte, was seinen Fortgang gefährden konnte.
Manche behaupteten später, Ms. Victas habe ihr Tun von Anfang an genau geplant. Dies hält der Verfasser für unwahrscheinlich. Er glaubt vielmehr, dass Ms. Victa sehr kurzsichtig und impulsiv handelte, von einer unglaublichen Wut getrieben, die ihr Gewissen praktisch ausschaltete. So beging sie den Mord am Polizeichef, den ersten und letzten Mord ihres Lebens, mit erschreckender Kaltblütigkeit und der Gründlichkeit eines Profikillers. Die Polizisten, die vor dem verriegelten Raum mit den Überwachungsgeräten auf Anweisung ihres Chefs Wache hielten, hörten keinen Laut. Nicht ahnend, dass in ihrer unmittelbaren Nähe ein Mord begangen wurde und Menschen zur Gewalt aufgehetzt wurden, standen sie vor den Stahltüren. Sie hörten die Nachrichten über die Gewaltwelle in Deutschland ohne zu ahnen, dass deren Auslöser ganz in ihrer Nähe saß. Erst später sollte ihnen bewusst werden, dass in dem Überwachungsraum etwas nicht mit rechten Dingen zuging.

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An dieser Stelle möchte der Verfasser dieses Berichts die Frage stellen, ob die Ausrüstung der amerikanischen Polizei eine Gefahr für die Allgemeinheit darstellt. Quantencomputer, mit den man Bomben und andere Gegenstände in Häuser beamen kann, Überwachungsbildschirme und vielfältige Kommunikationsgeräte: wenn diese mächtigen Apparate in die falschen Hände gelangen, ist eine Katastrophe vorprogrammiert, wie der Fall Elle Victa zeigte. Es mag sein, dass die stetig ansteigende Kriminalität in den USA solche Geräte notwendig macht. Außerdem sorgen Codes oder Ähnliches dafür, dass nicht jeder sie benutzen kann. Doch wird der Polizei damit nicht zu viel Macht in die Hände gegeben? Der Fall Ms. Victa hat nicht zu Unrecht einige Fragen aufgeworfen, die die Sicherheit der Weltbevölkerung betreffen. In den USA zeigte man sich größtenteils geschockt und reagierte vielleicht sogar etwas zu heftig. Eines will man unter allen Umständen vermeiden: eine Wiederholung der Katastrophe.

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Kurz nach Mitternacht hörte Michael Petay die ohrenbetäubende Explosion der Bombe, die große Teile seines Hauses zerstörte. Er hatte Glück, dass Ms. Victa die Bombe in das Fotolabor gebeamt hatte, den einzigen Raum, den sie mit eigenen Augen gesehen hatte. Das Fotolabor war recht weit von dem Zimmer entfernt, in dem Michael Petay sich befand. So kam er mit dem Leben und einem Gehörschaden davon.

Im Moment des Knalls hatte er für kurze Zeit den Tod vor Augen. Dann fühlte er nur noch seinen schmerzenden Kopf und hörte einen schrillen, langanhaltenden Ton. Er wusste nicht, ob es heulende Alarmsirenen waren oder die Folge des lauten Knalls. Seine Angst schlug in Wut um. Er rannte aus dem Zimmer, in dem er sich verkrochen hatte und sah die Trümmer seines Hauses, durch die Wucht der Explosion in alle Richtungen zerstreut. Zwischen den Trümmern befanden sich einige Reste seiner Arbeitsausrüstung aus dem Fotolabor. Der Salon mit dem Klavier und den Bildern und Büsten war komplett zerstört. Mit Grausen musste Michael Petay daran denken, wie es ihm ergangen wäre, wenn er der Explosion näher gewesen wäre. Dann fiel ihm ein, dass Ms. Victa ihn immer noch beobachte, sie also wusste, dass er noch lebte und eine zweite Bombe in sein Haus beamen könnte. Oder es vielleicht schon getan hatte. Denn eines war jetzt sicher: Sie hatte es auf sein Leben abgesehen und würde sich nicht damit begnügen, ihm Angst einzujagen. Von plötzlicher Panik erfasst rannte er ins Freie, einen Knall und das Gefühl des Zerfetztwerdens erwartend. Vor seiner Haustüre sah er in der Dunkelheit die Scheinwerfer eines Wagens und Polizisten, die sich ihm näherten. Als er ihnen von den Vorgängen berichtete, glaubten sie ihm kein Wort und fingen an, das Haus zu durchsuchen, obwohl Michael Petay sie eindringlich darauf hinwies, dass dies lebensgefährlich war.

Kurz darauf tauchten die Journalisten auf. Es war eine ganze Horde von ihnen, die alle ein Exklusivinterview mit dem Opfer des Bombenanschlages wollten. Mit wachsender Unruhe musste Michael Petay feststellen, dass sie alle gewisse Details über sein Verhalten kannten, die sie nur durch Überwachungskameras erfahren haben konnten. Sie fragten ihn, wie groß seine Angst gewesen sei und drängten ihn, sein Verhältnis zu Ms. Victa genau zu beschreiben. Der Moment, in dem er mit wütendem Kopfschütteln jede Aussage verweigerte, wurde von unzähligen Fotoapparaten festgehalten und erschien später in einigen Zeitungen im Zusammenhang mit dem Fall Elle Victa. Die Reporter folgten Michael Petay in seine Garage, fotografierten nebenbei die Trümmer seines Hauses und sahen ihn schließlich in seinem Auto davonfahren, ohne dass er ihnen auch nur ein Wort gesagt hatte.

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Am frühen Morgen des 7. Juni waren die Demonstranten vor dem Bürogebäude der deutschen Boulevardzeitung größtenteils durch die Polizei festgenommen worden. Eine lange Nacht der Furcht und Ungewissheit ging für die Reporter zu Ende. Im Licht des erwachenden Tages begannen manche, die Angst der vergangenen Nacht als Hirngespinst zu betrachten. Jens Schlickroh verließ seinen Zufluchtsort, sich seiner Feigheit schämend. Der Chefredakteur wies darauf hin, dass auch weiterhin eine ernstzunehmende Bedrohung bestünde, solange Ms. Victa nicht festgenommen worden sei. Also wandte er sich an einen Kriminalkommissar, sagte ihm, Ms. Victa sitze im Polzeihauptquartier Wyomings und verlangte, dass man den Polizisten dort eine Nachricht übermittle. Als der Kommissar vom Chefredakteur des Boulevardblattes wissen wollte, woher er diese Information habe, kam dieser in Erklärungsnotstände und blieb dem Kommissar eine Antwort schuldig. In diesem Augenblick erreichte den Kommissar die Nachricht von der Verhaftung Ms. Victas.

„Das Flittchen saß tatsächlich im Polizeihauptquartier in Wyoming“, sagte der Kommissar. „Hat den Polzeichef bestochen und dann ermordet. Die Polizisten in Amerika sind auch nicht mehr das, was sie mal waren.“

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Die Polizisten im Polzeihauptquartier Wyomings brachen die Stahltüren des Raumes mit Spezialwerkzeugen auf, nachdem ihr Chef die ganze Nacht über darin verblieben gewesen war. Sie fanden Ms. Victa und die Leiche des Polzeichefs und nahmen die Frau sofort fest. Sie wehrte sich nicht, als ihr Handschellen angelegt und sie abgeführt wurde. Sie hatte aufgegeben.

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Die ehemalige Filmschauspielerin Elle Victa wurde nach einem langwierigen Prozess zum Tode verurteilt. Wer die Bilder von ihr gesehen hat, die sie zeigen, wie sie in zusammengesunkener Stellung, mit wirren Haaren und gesenktem Kopf vor Gericht sitzt, der weiß, dass sie völlig am Ende war. Wenn das Gericht sie nicht zum Tode verurteilt hätte, hätte sie sich vermutlich selbst das Leben genommen.
Sie war Täter und Opfer zugleich: Die Sensationspresse, die ihre Ehre durch den Dreck gezogen und hundertfachen Rufmord an ihr begangen hatte, hatte sie zu kriminellen Taten der schlimmsten Sorte getrieben.
Gegen das deutsche Boulevardblatt wurde ein Ermittlungsverfahren eröffnet, dass zur Zeit noch im Gange ist. Es ist möglich, dass sich das Blatt bald für seine verbrecherischen Recherchiermethoden vor Gericht verantworten muss.
Die Schäden an Michael Petays Haus ließen sich beheben, nicht aber die psychischen Schäden, die ihn für lange Zeit in Angst leben ließen. Die Sensationspresse quälte ihn mit immer neuen Fragen und suchte ihn an den unmöglichsten Orten auf, bis das Thema Elle Victa schließlich ausgelutscht war.
Für den Reporter Jens Schlickroh hatte der Fall Elle Victa schwerwiegende Folgen: Er verließ aus Gewissensgründen seinen Beruf und schrieb einen Bericht über die Ereignisse, an denen er zum Teil selbst beteiligt war.

© Michael Barens 2002

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