Heim, Wilhelm: Der Offizier und sein Mitbewohner

Er wollte Stefans Gesicht nicht mehr sehen, am liebsten hätte er es zu Brei geschlagen. Nicht nur vielleicht, sondern ganz bestimmt gab es in seinem Leben dann ein Problem weniger.
Er träumte davon Soldat zu sein. Alles wäre anders geworden.
Seine alte ausgewaschene rote Stoffjacke zeugte allerdings davon, daß er nie den Versuch unternommen hatte, in den Dienst an der Waffe zu treten. Dieser Versuch wäre aussichtslos gewesen, denn schon vor dem Wehrdienst hatte er sich feige gedrückt. Also blieb er trotz des Wunschdenkens auf dem Boden der Tatsachen: Er taugte nicht dafür, anderen Menschen Befehle zu geben. Zu krankheitsanfällig, zu sensibel für Probleme anderer, zu gutgläubig, zu freiheitsliebend. In seinen Gedanken bot ihm die Truppe ein Zuhause. Er empfing Befehle und gab Befehle. Alles ganz leicht. Keine Fragerei, kein Zweifel, nur Eindeutigkeit. Alles bis zur Bedingungslosigkeit. Aber im Zivilleben gibt es keine Befehle, da ist jeder für sich selbst verantwortlich.

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Für ihn gab es im Zivilleben zu viele Situationen, in denen er nur einsteckte, nie das Maul aufmachte, nie sich gegen Ungerechtigkeiten wehrte, obwohl er das Recht dazu besaß. Er schluckte jede Kleinigkeit, sein Lebenslauf ging bei jeder Gelegenheit in die Knie. Das Leben anderer verlief stets auf seine Kosten.


Ein Offizier befiehlt den Kameraden, die Stube aufzuräumen und die Latrinen zu schrubben. Und wenn es nicht gut genug war, dann entleerte er die Schränke der Rekruten und füllte die Latrinen mit Schlamm vom Übungsgelände. Dann mußte die Arbeit von vorn beginnen. Verzweiflung kennt ein Offizier nicht, im Gegenteil: Ausweglose Situationen stärken ihm die Nerven und lassen ihn um so ruhiger und gewissenhafter werden. Durch Fußgängerzonen stolziert ein Soldat, er blickt den vorübergehenden Menschen tief in die Augen, während diese erschrocken den Blick in die unpersönliche Masse suchen.

Seinen Mitbewohner Stefan war ein kleiner Schmarotzer, und er haßte Schmarotzer. Die Art, wie Stefan die Wohnungstür aufschloß und sie wieder zu knallte, verursachte regelmäßig aggressiv machende Kopfschmerzen. Nach fast zwei Jahren kannte er die Anzahl von Stefans Schritten, die er benötigte, um von seinem Zimmer an einem Ende des Flures zum anderen, wo das Badezimmer lag, zu kommen. Sein Schlurfen über den Katzenteppich im Flur war unerträglich. Als sie damals einzogen, brachte Stefan das schäbige Ding mit. Oh wie stolz war er gewesen, etwas Nützliches für die Wohngemeinschaft beisteuern zu können. Die sonstige Einrichtung und alle anderen Haushaltsgegenstände hatte der Offizier beigesteuert, oder er hatte sie für die Gemeinschaft organisiert. Er war der Dreh- und Angelpunkt der Wohngemeinschaft, auf seine Gewissenheit waren alle angewiesen. Die Verantwortung als Hauptmieter übernahm er aus Selbstverständlichkeit. Nachträglich ärgerte ihn dieser Tatbestand. Aber nicht die Verantwortung belastete ihn, vielmehr staunte er über die eigene Naivität und Blödheit. Wie hatte er an das Gute im Menschen glauben können? Welch‘ eine Illusion!

Eine Uniform stand ihm bestimmt gut, sie würde vielleicht auch Mädchen anziehen. Sicher nicht die klugen und schönen, sondern nur solche, die sich in einen Berufssoldaten verlieben, um sozial abgesichert zu sein.
In Uniform hätte er Autorität besessen. Nicht nur in der Kaserne, sondern auch zu Hause. Das war zwar nicht gleichzusetzen, aber eine Uniform gab ihm notwendiges Selbstbewußtsein, machte ihn sicherer, aufnahmefähiger für Gemeinheiten der anderen. Die Frau hätte mit ihm nicht so umspringen können, wie sein Mitbewohner es tat.
Warum säuberte er als einziger die Toilette. Der Haushaltsplan hing in der Küche über dem fast immer verdreckten und mit Bratfett bespritzen fast nicht mehr zu erkennendem Weiß des Gasherdes. Ein Plan, der alle Aufgaben regelte. Der Plan war gerecht. Was wollte Stefan denn noch? Er verstand den Mitbewohner nicht. An einen Plan hielt man sich, sonst war er überflüssig.

Wenn Stefan sich abends eine Wanne mit Badewasser einließ, überlegte der Offizier, warum der Mitbewohner dies tue, ständig redete er von Umweltschutz und Ressourcenverbrauch. Stefan war verlogen und legte sich Tatsachen so zurecht, wie sie ihm nützten. Seine Äußerungen waren stets nur Lippenbekenntnisse. Gerade dann, wenn Stefan in der Badewanne seinen verlogenen Lüsten frönte, stieg ein brutaler Haß ihn ihm auf. Die Wut äußerte sich darin, daß er über Möglichkeiten nachdachte, wie man den Mitbewohner am sichersten bei Seite schaffen könne. Ein Stromschlag, eine kleine Unachtsamkeit mit einem Haartrockner? Niemand würde ihn verdächtigen. Doch ein Stromschlag schien zu einfach, zu sauber. Wenn er schon einen Mord begehen mußte, sollte er blutig sein, wenigstens für den Akt des Mordens. Nach der Tat bestand noch immer die Möglichkeit, den Tatort zu säubern und Spuren zu beseitigen. Die Haushaltsaxt aus dem Keller, mit welcher er die größeren Kohlebriketts zerkleinerte, war groß genug, um Stefans Fresse zu zertrümmern und um aus seinem Gehirn Brei zu bereiten. Matsch zu machen. Stefan hörte während seiner Badeparty immer Radio, er würde seinen Mörder also nicht bemerken. Ein Anschleichen ist überflüssig. Er öffnet die Badezimmertür, prescht blitzartig vor, zieht mit der linken Hand den Duschvorhang etwas vor, hebt den rechten Arm und schlägt mit voller Kraft zu. Blut spritzt. Unbeirrt drischt er wieder und wieder auf das Gesicht. So schnell wie Augen, Mund, Nase, Stirn und Kinn unter den Schlägen und dem Blut verschwommen, so schnell verschwand auch das Schiffchenmuster des Duschvorhangs. Das war die richtige Art, dem Großmaul alles heimzuzahlen. Was für eine Freude, was für eine Genugtuung! Alles ereignete sich so plötzlich, daß Stefan keine Zeit blieb, zu schreien. Nur zu einem großen ungläubigen Blick hatte es kurz vor dem Volltreffer gereicht. Das Leben war nichts wert, wenn es sich so einfach auslöschen ließ und anschließend den Abfluß herunter gespült werden konnte.

Das Absurde an der Situation war, daß ein Mord näher lag, als dem Mitbewohner zu kündigen.
Töten als Beruf. Für einen Soldat sollte das Töten kein Problem darstellen. Armeen sind dazu da, um Stellungen zu verteidigen, ihr Land zu schützen, andere Soldaten zu töten, Vergeltung zu üben. Im Krieg ist fast alles erlaubt, wenn das eigene Leben in Gefahr ist. – Zweifelsfrei war sein Leben in Bezug auf den Mitbewohner in Gefahr. Stefan drangsalierte ihn schon aufgrund seiner bloßen Existenz. – Wer scherte sich im Krieg um die Genfer Konventionen? Besonders über das Foltern und Töten von Spionen sagen diese Regelungen nichts aus.

Nach einiger Zeit stellte er fest, daß Stefan während seiner Abwesenheit in seinem Zimmer herumschnüffelte, das ging über bloße Neugier hinaus. War Stefan in Geldnot, besaß er eine Vorahnung wegen des geplanten Mordes? Irgend etwas mußte es doch sein, was ihn zu dem Forschungstrieb in fremden Zimmern veranlaßte. Allerdings schien er für diese Tätigkeit äußerst ungeeignet. Verknickte Tagebuchseiten, die geöffnete Zimmertür, welche überlicherweise geschlossen war, und leicht geöffnete Schubladen waren Anfängerfehler, die man bei einem erfahrenen Offizier nicht begehen sollte. Jedesmal wenn er zerknautschte Tagebuchseiten bemerkte, begannen seine Hände zu schwitzen, sein Puls zu rasen, sein Gesicht schneeweiß zu werden und seine Augen zu funkeln.

Er war Soldat, befand sich plötzlich im Krieg. Vor sich das Bild, wie er als Offizier einer Einheit, die speziell für derartige Zwecke ausgebildet wurde, eine Bestrafungsaktion gegen feindliche Spione leitete. Die Spione hatten wichtige Akten aus einem geheimen Tresor gestohlen und waren im Begriff sich zu den feindlichen Linien durchzuschlagen. Das mußte erstens verhindert und zweitens bestraft werden. Es gab zwar auf dem Gebiet der Elektronik einige nette modebewußte Spielchen für den Tätigkeitsbereich des Quälens, seine Vorlieben stammten jedoch aus dem Mittelalter. Ihm war auf einem Trödelmarkt, ein alter Schinken mit persönlichen Erlebnissen eines Fürsten aufgefallen. Nach einigem Lesen entpuppte sich dieser Fürst als ausgesprochener Experte in Methodik und Didaktik des Folterns. Natürlich kam ihm das in seiner jetzigen Funktion sehr zugute. Sollten die Spione heute ausnahmsweise geständig sein, so würde er ihnen die kleine Annehmlichkeit eines schnellen Todes zugestehen. Ein sarkastisches Vergnügen bereite es ihm jedoch, den Verrätern, die oftmals Verräter aus den eignen Reihen waren, das Leben so zu nehmen, daß kein Blut floß. Befehl war Befehl. Es galt einen sauberen Krieg zu führen.

Also kein Blut am Duschvorhang.

(c) March, 2001 by Wilhelm Heim

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