Lutzke, Lucy-E.: Einen Schritt voraus

Einen Schritt voraus
Lucy E. Lutzke


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„Wir unterbrechen unser Programm für eine wichtige Durchsage.“ Joe Randall beugte sich vor und stellte das Radio lauter. „Wie wir vor wenigen Minuten erfuhren, hat der Besitzer der Riverbank Mall, Mr. Earl Wilbur, heute mittag ein Schreiben erhalten, in dem er über in seiner Filiale befindliche vergiftete Konserven informiert wird. Der Verfasser des anonymen Schreibens gibt vor, die vergifteten Gemüsekonserven eigenhändig in den Regalen des Einkaufsmarktes deponiert zu haben, ein nach Aussage von Earl Wilbur kaum mögliches Unterfangen. Die Polizei wird ermitteln, um welche Konserven es sich handelt und wie viele der Dosen verkauft wurden. Es bleibt offen, welche Schritte in diesem Fall einzuleiten sind. Die Riverbank Mall bleibt bis auf weiteres geschlossen.
Wir rufen die Bevölkerung von Townsend City hiermit auf, die Ruhe zu bewahren und nicht in Panik zu geraten. Sobald der Redaktion weitere Einzelheiten vorliegen, werden wir sie umgehend darüber informieren.“
Joe grinste und drehte das anschliessende Geheule ab. Er hasste Popmusik. Aber die Nachrichten im Radio – vor allem die schlechten – hielten ihn bei Laune. Und diese erheiterte ihn ganz besonders.

Joe war seit fünf Monaten ohne Job und wusste nichts mit sich anzufangen. Abends hing er abwechselnd im Langhorn Inn oder bei Watson’s ab, seinen Stammkneipen, wo noch ehrliche Rockmusik gespielt und der Whisky zu fairen Preisen gehandelt wurde. Den Jungs beim Billard zusehen, alte Freunde treffen und ab und zu eine Runde Poker – das war Joes Nachtleben und genau das, was er brauchte.

Aber tagsüber hockte er zuhause, trug seine alten Jogginghosen und ging seinen Lieblingsbeschäftigungen nach. Dazu zählte auch das Radiohören. Nachrichten wie diese brachten ihn in Hochstimmung. Genaugenommen war es doch eine Katastrophenmeldung – was, wenn wirklich jemand vergiftetes Gemüse in den Supermarkt geschleppt hätte? Und wenn jemand anderes ausgerechnet zu diesen Konserven gegriffen und sich daraus ein schönes Abendessen bereitet hätte? Und es nicht mehr rechtzeitig schaffte, einen Arzt aufzusuchen, und es womöglich gar kein Gegengift gab? Es machte Joe grossen Spass, seine Gedanken spielen zu lassen.
Endlich passierte mal etwas in Townsend City, das die Bürger in Atem hielt. Nicht zu vergleichen mit den Steueraffären und Mordserien der grossen weiten Welt; aber eine Erpressergeschichte und daran geknüpftes menschliches Leid, immerhin, das war besser als nichts. Und – Joe war fest davon überzeugt – es könnte ein Anfang sein. Da gab es doch noch viel mehr, das in diesem miefigen Nest vor sich hin gärte und ans Tageslicht befördert werden wollte. Es drängte ihn zu erfahren, was die anderen Bewohner von Townsend City wohl zu diesem Fall meinten. Also zog er sich ein frisches Hemd und Turnschuhe an und verliess das Haus für einen kleinen Spaziergang durch die Nachbarschaft.

„Guten Tag, Mrs. Haig.“ Mabel Haig hob ihren krausen Kopf und nickte Joe zu.
„Das beste Wetter, um Unkraut zu ziehen, nicht wahr, Mr. Randall?“ Sie trug Gummistiefel und eine bunte Schürze. Joe verkniff sich einen Kommentar und näherte sich dem Zaun.
„Sagen sie, Mrs. Haig, haben sie heute schon die Nachrichten gehört?“ Er legte den Kopf schief und lauerte mit fast perverser Neugier auf ihre Antwort.
„Nein, dazu bin ich leider noch nicht gekommen. Wissen sie, seit mein Mann zu seiner Mutter gefahren ist… die arme alte Frau hat so schwer Arthritis, stellen sie sich das einmal vor… also, es gibt ja soviel zu tun, das Haus, der Garten, Essen kochen, meine Tochter kommt nämlich heute abend zu Besuch, sie isst doch so gern Gemüseauflauf…“
„Ja, Mrs. Haig, sicher. Vielleicht kommen sie nach dem Abendessen noch dazu. Einen schönen Tag noch.“ Er wollte sich nicht länger Mabels Gequassel anhören und machte auf dem Absatz kehrt. Ausserdem war er enttäuscht, sogar ein wenig wütend, dass der Gang zu Mabel solch ein Misserfolg war. Sie hing doch sonst den ganzen Tag lang am Radio, um ja nichts zu verpassen. Und nun passierte endlich einmal etwas, und sie bekam nichts davon mit. Eigentlich war es doch wieder witzig, denn Joe fielen Mabel Haigs letzte Worte ein. Essen kochen wollte sie heute abend. Ausgerechnet Gemüseauflauf! Und Joe hatte ihr obendrein vorgeschlagen, nach dem Essen die Nachrichten zu hören. Das war doch an Komik kaum zu überbieten. Beschwingt setzte Joe seinen Rundgang fort. Als nächstes fiel ihm Tony McKinnel ein, ein alter Schulfreund, mit dem Joe auch heute noch in gutem Kontakt stand. Zu Tony waren es nur ein paar Schritte durch den Wald, er lebte das freie Leben eines Mannes, der drei Ehen hinter sich hatte und sich nichts mehr sagen liess. Joe hatte es nie mit dem Heiraten versucht, ihm war nicht einmal der Gedanke gekommen. Für ihn war die Freiheit ein kostbares Gut, das es zu bewahren und zu verteidigen galt. Er glaubte sowieso nicht an diese Gefühlsduseleien. Heiraten lohnte sich nicht und brachte nur Ärger ein. Er brauchte sich nur Tony anzusehen, der erst drei Ehen brauchte, um zu dieser Erkenntnis zu gelangen. Wozu brauchte man eine Frau, wenn man ein paar gute Kumpel hatte, mit denen man reden und Spass haben konnte? Und es war wenigstens Verlass auf sie.
Mit dieser Gewissheit ging Joe seinen alten Freund besuchen.

War das ein Chaos, in dem Tony hier hauste. Der hatte seinen Garten so richtig verwildern lassen, seit Fran nicht mehr bei ihm wohnte. Tony hatte seine dritte Ehefrau regelrecht aus dem Haus vergrault mit seinem Hang zur Schlamperei.
An den Fenstern waren keine Gardinen, von Tür und Fensterläden war die Farbe fast vollständig abgeblättert. Tony war ein ganzer Kerl, kein Zweifel. Der hielt sich nicht mit solchen Sachen wie Hausputz oder Gartenarbeit auf, so wie der alte Haig. Joe lachte bei dem Gedanken an Mrs. Haigs Gemüseauflauf. Zu welcher Konservenmarke sie auch immer gegriffen haben mochte, er wünschte ihr einen guten Appetit. Genau das machte die Sache so interessant, diese Unvorhersehbarkeit. Fast wie Russisches Roulett. Nein, eigentlich war es besser, weil der Betroffene ja ganz und gar keine Ahnung von seinem Schicksal hatte.
Joe stemmte die sperrige Gartenpforte auf und warf einen Kieselstein gegen Tonys Küchenfenster. Der Boden unter seinen Füssen war so aufgeweicht, dass seine Schuhe etwa zwei Zentimeter tief einsanken.

„He, Tony! Bist du da?“ Irgendwo im Haus polterte es grässlich, dann flog die Haustür auf.
„Komm‘ rein, Mann!“ Tony hantierte mit einem rostigen Eimer und einem Besen, um den er einen alten Lappen gewickelt hatte. Er schaute ein wenig verlegen auf Joe, der sein Gesicht zu einem breiten Grinsen verzog.
„Mal wieder ’n Hausputz fällig, Tony?“
„Mach‘ bloss keinen Stress.“ Tony stellte das Putzzeug zur Seite. „Geh‘ schon mal in die Küche, ich komm‘ gleich nach.“
Die Küche war ein riesiger Raum, teils Küche, teils Wohnzimmer, den Tony kurz nach Frans Auszug umgebaut hatte. Jetzt entsprach das Haus mehr seinen Vorstellungen einer Junggesellenbude. Ausser der Küche besass es noch ein Schlafzimmer, eine kleine Vorratskammer und einen total verbauten Dachboden.
Die Trennung von Fran schien Tony gut zu tun. Keine Pflanzen, keine Kunstdrucke und vor allem keine bunten Sofakissen, überhaupt nichts Weibliches war mehr im Haus.

Tony kam mit den Drinks. Er hatte sich einen Martini und für Joe einen Gin Tonic.
„Na, Joey, was machst du so?“
„Was schon?“ Joe war ohne Arbeit und vertrieb sich die Zeit mit Radiohören und Dartspielen. Als ob Tony das nicht zu genau wüsste. Was sollte also die Fragerei.
„Ja, klar…“ Jetzt tat er so, als ob er nicht daran gedacht hätte. Joe spürte leisen Groll in sich aufsteigen, und das alte, verhasste Gefühl der Minderwertigkeit nahm wieder Besitz von ihm. Er sackte in sich zusammen und stellte sein Glas hart auf dem kleinen Couchtisch ab, den er damals zusammen mit Tony für dessen erste Frau gekauft hatte. Er hatte Tony zu diesem Tisch überredet, weil er so gut zu Jane passte. Joe hatte Tony immer um Jane beneidet, auch wenn sie für ihn nicht zu erreichen war. Jane interessierte sich für Joe, aber nicht auf die gleiche Art wie er sich für sie interessierte, sondern als wäre er eine exotische Pflanze oder eine ihr unbekannte Maschine.

Joe hatte immer geglaubt, Jane sei zu gut für Tony, aber als sie Tony für einen Drogeriebesitzer aus Tampa verliess, sank sie tief in seinem Ansehen. Einmal, als er sie zufällig in der Stadt traf, hätte er ihr sogar mitten ins Gesicht spucken können.
Rosy, Tonys zweite Ehefrau, war ein anständiges Mädchen, häuslich und zuverlässig. Leider auch etwas naiv, sonst hätte sie nicht erst nach einem halben Jahr bemerkt, dass Tony sie mit einer ihrer Brautjungfern betrog.

Teil drei der Heiratsodyssee war Fran, die nichts lieber tat, als Tony herumzuschicken und zu faulenzen. Arbeiten kam für sie nicht in Frage, dafür gab es ja Tony. Drei Jahre Ehe mit Fran hatten ihm das Rückgrat gebrochen und ihn zu einer leblosen Puppe werden lassen. Eines Tages kam er zur Besinnung und wehrte sich mit seinen verbliebenen Kräften. Er kümmerte sich um nichts mehr und liess das Haus verkommen, bis Fran ihre Koffer packte und das Haus verliess.
Trotz allem hatte Tony ihm allerhand voraus. Tony hatte einen geregelten Job, einen gut bezahlten sogar, er war Baggerfahrer bei der Mac Corp. Ausserdem war er bei den Frauen beliebt. Er war kein besserer Mensch als Joe, aber in den Augen der meisten Einwohner von Townsend City war Joe ein Verlierer, der immer im Schatten seines Freundes stand. Das Einzige, das Joe das Leben erleichterte, war sein beissender Sarkasmus. Wenigstens in diesem Punkt konnte Tony ihm nicht das Wasser reichen. Hier war ihm Joe einen Schritt voraus. Er lehnte einen weiteren Drink ab und sah auf die Uhr.

„Fast vier. Stell‘ doch mal die Nachrichten an, Tony.“
Die Stimme des Nachrichtensprechers drang laut und voll in Joes Ohren. Er beobachtete Tony aus den Augenwinkeln. Als die Nachrichten vorüber waren, stand er auf und stellte das Radio ab. Ein Gefühl des Triumphes durchzuckte ihn.
„Das war ich.“ Schwungvoll nahm er wieder auf dem Sofa Platz.
Tony blickte irritiert. „Was meinst du damit?“
„Das heisst, dass ich der Typ bin, der die Konserven manipuliert hat.“
„Komm‘ schon, Joe, was soll der Unsinn?“
„Ich dachte, das würde dir imponieren.“ Joe gefiel seine Rolle, er fand sich glänzend. Tony schien das anders zu sehen.
„Wie kannst du in diesem Zusammenhang von imponieren reden. Da hat einer verdammte Scheisse gebaut. Findest du das etwa komisch?“
„Wenn ich’s mir recht überlege… ja.“ Joe grinste. Es war ein gutes Gefühl, Tony so verunsichert zu sehen.
„Du weisst ja gar nicht, was du sagst, am besten, du machst jetzt einen kleinen Spaziergang und wir vergessen das Ganze.“ Tony war inzwischen empört aufgesprungen und wies Joe die Tür. Der hielt aber nichts davon, schon zu gehen und blieb ganz ruhig auf dem Sofa sitzen. Tony stand, die Hände in den Hosentaschen, mitten im Zimmer, mit dem Rücken zum Fenster.
„Wir sind immer gute Freunde gewesen, und warum sollte sich das ändern. Aber es gibt da etwas, das mich schon seit langem stört.“ Joe drehte das leere Glas in seiner Hand. „Du warst mir immer einen Schritt voraus, und das hast du mir auch mehr als einmal deutlich gemacht. Ich will nicht sämtliche Einzelheiten aufzählen, du weisst schon, was ich meine. Das soll kein Vorwurf sein, aber ich dachte, du solltest es einmal wissen.“
„Was hat das mit deiner merkwürdigen Behauptung zu tun?“
„Diesmal habe ich etwas getan, das du nie fertig bekommen hättest. Auch wenn ich vielleicht einen Schritt zu weit gegangen bin.“ Joe stellte das Glas auf den Tisch und ging aus dem Haus, ohne Tony noch einmal anzusehen.
Tony wusste, dass Joe nicht die Wahrheit sagte. Er war der Einzige, der es wissen konnte.

© 2001 by Lucy E. Lutzke

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