Pandorra: Und täglich grüßt die Bohrmaschine

„Guten Tag!“

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Pause

„Entschuldigen Sie…“
Pause

„Junger Mann, ich möchte gerne bedient werden.“

„Moment!“ poltert eine Männerstimme zurück.

Ich warte also, obwohl das Warten in einem Baumarkt zwischen Toilettendeckeln, Schlagbohrmaschinen und Tapetenkleister nicht zu meinen Lieblingsbeschäftigungen gehört.
Langsam machte sich bei mir der Unmut breit. 5 Minuten des Wartens erschienen mir doch mehr als angemessen und ich entschied mich, den jungen Mann nochmals auf meine Existenz hinzuweisen.
„Ich möchte ja nicht unhöflich sein, aber wenn ich Sie einen kurzen Augenblick mit meinen Banalitäten behelligen dürfte…“

Na endlich. Er hatte mich registriert. Er musterte mich von Kopf bis Fuß. Als er die Durchleuchtung meines Erscheinungsbildes abgeschlossen hatte, glaubte ich, die kleinen Dollar-Zeichen in seinen Augen aufblitzen zu sehen, die Onkel Dagobert berühmt gemacht hatten. Natürlich war ich nicht der Durchschnittskunde, denn in meinem Kostüm aus blauer Baumwolle hatte ich wenig Ähnlichkeit mit den ungehobelten, biertrinkenden und bildzeitunglesenden Baustellentypen; abgesehen von einem winzig kleinen Detail: Auch ich wußte genau, was ich wollte: nämlich einen Schwingschleifer.

Aber nicht als Weihnachtsgeschenk für meinen Gatten oder Schwiegervater, welche beide nicht existierten, sondern für mich selbst.

Nachdem ich dem jungen Mann mit gelverklebtem Haar und einem vernarbten, jugendlichen Gesicht, das mich auf ein ausrangiertes Clerasil-Test-Gebiet schließen ließ, mein Anliegen dargestellt hatte, strahlte er mich mit einem neckischen Blick an, den man kleinen Mädchen schenkt, die sie sich zum Geburtstag ein ferngesteuertes Auto wünschen.

Er griff in ein Regal und hielt mir dann das von ihm gewählte Objekt vor die Nase.
Ungläubig starrte ich ihn an. War das ein Versuch, witzig zu sein (worauf ich dankend verzichten konnte, denn zum Lachen genügte mir schon sein Anblick) oder wollte er mich auf den Arm nehmen? Vielleicht war es ein Test, um heraus zu finden, ob ich mich mit so etwas auskenne?

Aber selbst für eine erblindete Hausfrau mit Putzfimmel wäre es nicht allzu schwer zu erkennen gewesen, daß dies keineswegs ein Schwingschleifer war, sondern eine stinknormale Bohrmaschine.

Ich unterbrach seinen Schwall von Lobpreisungen für dieses Gerät, das ich nicht wollte, um ihm nochmals zu erklären, was ich suchte.
Der Mann sprach zwar fließend deutsch, aber ich hatte akuten Anlass zu der Annahme, daß er sie wohl genauso gut verstand wie ich die Balzrufe des südafrikanischen Krupfkakadus.
Wieder rasselte er seine Text herunter, den er allem Anschein nach auswendig gelernt haben mußte.

„Sehen Sie gnädige Frau. Mit diesem kleinen roten Knopf nehmen sie das Gerät in Betrieb.

Es ist wirklich simpel. Und dieser hier..“ Er hielt es mir so nah an die Nase, daß ich meinte, er ginge davon aus, ich sei kurzsichtig und hätte meine Brille zu Hause vergessen. „.. ja genau, dieser hübsche kleine, grün blinkende Regler dient dazu, die Geschwindigkeit einzustellen. ….“

„Aber ich will überhaupt keine Bohrmaschine. Ich bin mit meinen eigenen sehr zu frieden. Ich will nur einen einfachen Schwingschleifer.“

„Natürlich…“ säuselte er. Prima, jetzt hatte er mich verstanden. „…wir haben auch andere Modelle. Dieses hier…“ ,schon wieder ein Objekt, daß meine Nasenspitze auf unsittliche Art und Weise berührte, „..ist wirklich robust. Dieses Teil von Kleck und Stecker ist gerade im Angebot und besonders für Frauen wie Sie…“

Das hat gesessen. Einer Frau wie mir rutscht gelegentlich auch schon einmal die Hand aus. Allerdings in meinem Falle eher in verbaler Hinsicht.

„Noch einmal, damit Sie es endlich begreifen! Ich suche einen Schwingschleifer. Sie wissen doch, was ein Schwingschleifer ist, oder? Das sind nette, kleine Maschinen, mit denen man Oberflächen behandeln kann. Als Fachverkäufer müssten Sie wirklich wissen, wovon ich rede!“

Wieder dieses permanente, ölige Lächeln, als sei ich so etwas wie ein weiblicher Clown mit überdimensionaler, roter Nase.

„Wie wäre es hiermit?“

‚Jetzt reicht’s.‘ Ich vergaß sämtliche, mir als Kind ins Gehirn gravierte typisch-weiblichen Umgangsformen und machte meinem Ärger Luft:

„Hören Sie mir mal gut zu, Sie ignoranter Baumarktheini! Wenn ich Ihnen sage, dass ich einen Schwingschleifer suche, dann werden sie mir gefälligst auch einen Schwingschleifer zeigen! Und wenn noch einmal ein diffamierender Satz über Frauen aus Ihrem knoblauchdampfenden Mund kommt, muss ich mich wohl an die Geschäftsleitung wenden! Kleine, unfähige Verkäufer verspeise ich nämlich zum Frühstück, wenn sie mir dumm kommen! Also, was ist nun? Wo ist der beschissene Schwingschleifer?“

Jetzt fühlte ich mich erleichtert. Dem hatte ich’s gegeben. Ich ließ mir doch von einem Würstchen wie ihm nicht den Tag vermiesen.

„Wirklich keine Bohrmaschine? Statt sonst neunundneunzig Mark können Sie dieses Modell für sage und schreibe achtundvierzig Mark erwerben! Ist das nicht toll? Diese Bohrmaschine eignet sich auch ganz besonders gut für Frauen mit kleinen Händen, weil sie…“

Hatte ich eben gesagt, jetzt reicht es? Ich habe mich geirrt. Tut mir leid. JETZT reichte es.
Das war zu viel, zu heavy und so blöd, das ich es kaum fassen konnte. Ignoranten wie diesen bohrmaschinenverliebten Schnösel musste man wohl härter anfassen, um akzeptiert zu werden. Vielleicht sollte ich mal nach Schraubstöcken fragen? Streckbänke oder Eiserne Jungfrauen hatten sie bestimmt nicht im Angebot.

„Wer ist ihr Chef? Ihr Vorgesetzter? Ich verlange auf der Stelle, mit Ihrem Chef zu sprechen! Ich werde Ihnen schon zeigen, was eine Frau mit kleinen Händen alles in Bewegung setzen kann! Auch ohne Bohrmaschine!“

„Aber ich wollte Ihnen doch lediglich…“

„Halten Sie doch Ihren Mund, Sie Stümper und stecken Sie sich Ihre Bohrmaschine sonst wo hin! Kein Wort wechsele ich mehr mit Ihnen, bevor ich nicht endlich ihren Chef gesprochen habe! Was ist nun?

Rufen Sie ihn heute noch oder wollen Sie warten, bis Sie Rente kassieren können?“
Jeder andere Typ hätte mich nun entgeistert angesehen oder hätte zumindest versucht, mich zu beruhigen. Bohrmaschinen-Joe aber nicht! Sein Lächeln wurde nur noch breiter und schien mir sagen zu wollen, dass ich ihn kein bisschen beeindruckt hatte!

„Wenn Sie zwei Bohrmaschinen kaufen, bekommen Sie sogar einen Sonderrabatt von satten zehn Prozent! Da kann doch sogar eine Frau wie Sie nicht nein sagen, oder… ?“

Schluss! Aus! Basta! Meine Geduld war mehr als überstrapaziert. Mit allem, was meine Stimme hergab, schrie ich ihn an:

„SCHWINGSCHLEIFER! Und zwar nur EINEN Schwingschleifer! Nicht zwei und auch nicht drei! Wie konnte man nur einen solchen Idioten wie Sie einstellen? Kennen Sie den Unterschied zwischen Schwingen und Bohren? Ja? Und weshalb quatschen Sie ständig von Bohrmaschinen? Ich habe vier Bohrmaschinen zu Hause, Mann! Mit der größten, die ich habe, könnte ich ganz locker ein Loch von zehn Zentimeter Durchmesser in Ihren Schädel bohren, um Ihrem Schwachsinn etwas frische Luft zu gönnen! Wäre mir wirklich ein echtes Vergnügen… !“

„ Aber sehen Sie doch nur den ergometrisch gefertigten Griff…“

Ich gab auf. Plan A auf ganzer Linie gescheitert. Die feindlichen Truppen hatten die Grenzen überschritten, um sich unsere Schätze und unseren Verstand einzuverleiben.
Doch noch war nichts verloren. Gab es nicht immer Plan B?

Ich sah mich hilflos um. Dann hatte ich eine Vision. Mir ging ein Licht auf. Mit der lieblichsten Stimme, die ich meiner Kehle entlocken konnte, mit klimpernden Wimpern, die Schwindelgefühle herbei rufen, fragte ich ihn nach einem Hammer.

Sinnlos. Warum fragen? Direkt 2 Regale weiter hatte ich die alleinige, unbeschränkte Auswahl. Ich schickte ein kurzes Dankgebet an den Gott der freien Marktwirtschaft, griff mir den größten und sorgte dafür, daß Bohrmaschinen-Joe das Licht ausging.

Und nun frage, ich Sie, Frau Richterin, sozusagen von Frau zu Frau: Hätten Sie anders gehandelt? Es war eindeutig Notwehr…

© 2001 by Pandorra

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