Budig, Stefanie: Eine Wassergeschichte

Der Himmel hing voller Wolken. Es sah aus als ob es jeden Moment anfangen würde zu regnen. Riesig und unheimlich sahen sie aus, wie sie sich dort am Himmel zusammenballten, so, als würden sie sich auf einen gewaltigen Angriff vorbereiten, um sich die Welt untertan zu machen. Welches Geheimnis mochten sie wohl in sich bergen?
Unterdessen begann im Himmel ein reges und eifriges Treiben. Eine lange und abenteuerliche Reise wurde vorbereitet. Engel flogen umher und erteilten Befehle und gute Ratschläge. Große und kleine Eiskristalle liefen kreuz und quer durcheinander, um ihre Siebensachen für die Reise einzupacken. An was man da alles denken musste: Regenmantel und Sonnenbrille und zu guter Letzt den Fallschirm für eine sichere und sanfte Landung. War das eine Aufregung bei den Eiskristallen! Sie waren richtig vom Reisefieber befallen, durften sie doch das erste Mal in ihrem Leben die gute alte Mutter Erde besuchen. Das würde einen Spaß geben!


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Alle freuten sich sehr auf die bevorstehende Reis. All, bis auf einen. Ein einziger kleiner Eiskristall saß mutterseelenallein in einer Ecke und heulte und schluchzte vor sich hin. „Was hast du denn?“, fragte ihn einer der Engel freundlich, aber besorgt. „Hu, hu, hu“, heulte der kleine Eiskristall, „ich will nicht auf die Erde. Ich bin doch noch viel zu jung zum Sterben.“ „Aber wer sagt denn, dass du sterben musst?“, wollte der Engel wissen. „Es ist doch ganz klar“, sagte der Eiskristall, „wenn wir auf die Erde springen verwandeln wir uns in Wassertropfen, weil es auf der Erde nicht so kalt wie hier oben ist. Je tiefer wir kommen desto wärmer wird es.“ „Ich bin überrascht, dass du in deinen jungen Jahren schon so vieles weißt, aber schau“, sagte der Engel, „du musst wissen, dass nichts auf der Welt ewig andauert. Die Zeit bringt Veränderungen mit sich und macht die Dinge vergänglich, das ist der Lauf der Zeit. Auch wir leben und profitieren vom Fortschritt, sonst hätten wir z.B. keine Fallschirme, die euch die Reise enorm erleichtern. Früher musstet ihr noch die alte, morsche Leiter hinabsteigen und das war ganz schön mühsam. Es gibt aber auch dinge, die sich nur scheinbar verändern, so wie du. Du schaust äußerlich aus wie ein Wassertropfen, aber tief in deinem Herzen bleibst du du selbst. Deine Seele wird immer dieselbe bleiben. Vielleicht tröstet es dich ein bisschen zu wissen, was wir für einen großen Einfluss auf das Leben auf der Erde haben. Wir können den Lebenden und den Pflanzen sowohl Nutzen als auch Schaden zufügen, wie damals bei der Sintflut.

Ich möchte dir einmal folgende Geschichte erzählen, damit du unsere ganze Lebensgeschichte kennst und wieder fröhlich wirst: also, unsere Geschichte beginnt schon vor vielen Abertausenden von Jahren, solange, dass du dich gar nicht mehr erinnern kannst, nämlich als die Erde geboren wurde. Der größte Teil der Erde war nur mit Wasser bedeckt. Die Sonne hatte damals schon viel zu tun, die Erde warm und sonnig zu machen und deshalb hatte sie immer großen Durst. Sie überlegte lange, was sie dagegen tun könne und ersann eine List, um das Wasser der Erde zu bekommen. Sie sandte ihre goldenen Strahlen aus. Die Wassertropfen freuten sich, denn sie dachten, sie hätten ein neues Spielzeug. Sie kletterten auf die Sonnenstrahlen und ließen sich auf ihnen zurück ins Wasser rutschen. War das ein Spaß! Sie wiederholten dieses Spiel stundenlang, weil es so lustig war. Die Sonne ließ es sich auch eine ganze Zeitlang gefallen, wollte sie doch das Vertrauen der Wassertropfen gewinnen. Als sie meinte, die Zeit sei gekommen, zog sie ihre mit Wassertropfen besetzten Strahlen ein und zog die Wassertropfen wie einen Schwamm in sich hinein. Die überlebenden Wassertropfen ließen sich das nicht gefallen. Sie rotteten sich zu großen Herden zusammen und ließen sich vom Wind in alle Himmelsrichtungen treiben. Je weiter sie sich aber von der Sonne entfernten desto kälter wurde die Luft und es geschah etwas, womit die Wassertropfen nicht gerechnet hatten: sie wurden zu Eiskristallen. Die Sonne hatte sie nämlich, um sich ihren Wasserbestand zu erhalten, zu einem Leben in ewiger Verdammnis verflucht. Ständig mussten sie seit dem zur Sonne emporsteigen und als Gefangene in Wolken weiter leben.

Damit war aber längst nicht genug. Da die Sonne so unendlich groß und mächtig war, hatte sie die ganze Erde unter Kontrolle und wusste immer, wo sich die Wolken gerade befanden. Alle Welt zitterte vor der mächtigen Sonne und so auch der Wind. Er war zwar der Freund der Wolken, aber gegen die Sonne kam er nicht an und musste ihr gehorchen, wenn er nicht sterben wollte. So oder so würden die Wolken dann ihrem Schicksal überlassen sein.

Je nach Belieben der Sonne musste der Wind die Wolken zu riesigen Haufen zusammentreiben. Die Eiskristalle mussten sich so dicht zusammen drängen, dass sie sich nicht mehr bewegen konnten. Siw wurden jedoch immer mehr zusammengedrängt, dass viele sich nicht mehr halten konnten und auf die erde sprangen. Das war immer noch besser als von den anderen Eiskristallen erdrückt zu werden. Diese Sprünge waren sehr gefährlich und es gab zahlreiche Verletzte und Tote unter den Wassertropfen. Das wollte die Sonne natürlich auch nicht und so gestatte sie den Wassertropfen, aus Ästen und Zweigen, die sie auf der Erde fanden, eine Leiter zu bauen. Nur mussten sich die Eiskristalle auch weiterhin von Wassertropfen in Eiskristalle und von Eiskristallen in Wassertropfen verwandeln.

Nach und nach gewöhnten sich die Wassertropfen an ihr neues Leben und sehr zu ihrem Leidwesen musste die Sonne mit Ansehen, dass es ihnen diese Leben allmählich Spaß machte, gab es doch so viele neue interessante und lustige Dinge auf der Erde zu sehen und zu bestaunen.

Eines der ganz großen Vergnügungen war das Reiten auf den Dinosauriern, die damals zahlreich die erde bevölkerten. Als Gegenleistung dafür dankten die Regentropfen es ihnen mit ihrem Wasser, damit sie nicht verdursteten und nährten die Pflanzen, von denen die Saurier lebten.

Wenn es regnete waren die Wassertropfen wirklich überall und belagerten die erde. Vielen gefiel es, sich einfach nur auf den Bäumen und Blumen niederzulassen und deren Anatomie zu bestaunen und zu erforschen oder einfach nur die schöne Aussicht zu genießen. Wieder andere drangen ins Erdreich ein und beschauten und erforschten die Unterwelt. Es war sehr interessant, wie die Pflanzen von unten aussahen. Wie verschiedenartig die Dinge doch waren, wenn man sie aus einer anderen Perspektive betrachtet. Am erstaunlichsten waren die unterirdischen Quellen, Flüsse und Seen, die es zahlreich gab und in denen man nach Lust und Laune planschen konnte. Wie war das möglich? Wasser gab es doch nur im Meer! Aber darüber dachten die Wassertropfen nicht lange nach, sie schauten lieber, wie sie sich vergnügen konnten. An den Wurzeln ließ es sich wunderbar schaukeln und ins Wasser rutschen.

Von den unterirdischen Flüssen ließ es sich ohne Anstrengung durch das ganze Erdreich tragen. Ab und zu begegneten die Wassertropfen ganzen Herden kleiner, fleißiger Erdmännchen, die, mit kleinen Schaufeln bewaffnet, riesig lange und tiefe Kanäle aushuben. Die Wassertropfen wollten wissen was sie da machten und sie sagten: „seht ihr das nicht? Wir bauen für euch die Straßen, damit ihr zurück ins Meer kommt. Einer muß ja diese anstrengende und undankbare Arbeit machen!“ „Aber was sollen wir denn im Meer?“, fragten die Wassertropfen, „uns gefällt es doch hier so gut!“ „Ihr seid vielleicht lustig“, sagten die Erdmännchen, „glaubt ihr, ihr seid zum Vergnügen da? Jeder hat im Leben seine Aufgabe zu erfüllen und ihr seid dazu da, Regen zu machen.“ „Was ist denn Regen?“, fragte ein Wassertropfen. „Ihr macht uns Spaß“, sagten die Ermännchen und lachten über die Wassertropfen. „Regen ist, wenn ihr vom Himmel auf die Erde runterkommt. Egal, wo ihr seid, ihr müsst euch früher oder später alle wieder im Meer versammeln, bis die Sonne euch wieder ruft.“ „Das wollen wir aber nicht!“, riefen die Wassertropfen im Chor. „Nun habt euch nicht so“, sagten die Erdmännchen, „ihr werdet noch oft hierher kommen. Immer nur hier unten ist doch auch langweilig, seht doch uns an. Ihr hingegen habt es richtig gut, ihr könnt mal hier, mal dort sein…“ Den Rest hörten die Wassertropfen nicht mehr, denn einer von ihnen war auf der glitschigen Straße ausgerutscht und riss alle anderen mit sich fort.

Die Wassertropfen wussten gar nicht, wie ihnen geschah, so schnell rauschte die unterirdische Landschaft an ihnen vorbei, wie ein einziges grau und braunes Einerlei. Bergauf und bergab ging es, wie in einer Achterbahn. Wenn die Wassertropfen darüber nachdachten, handelte es sich tatsächlich um einen unterirdischen Jahrmarkt. Überall gab es Karussells, Schaukeln und Rutschbahnen und die Wassertropfen wollten am liebsten dorthin zurück, aber es ging nicht. Unaufhaltsam rutschten und rutschten sie die endlos lange Straße entlang. Selbst hier unten bestimmte der Wind ihren Weg und jagte sie erbarmungslos durch Ecken und Kurven, weit weg von diesem herrlichen Paradies. Vergebens versuchten die Wassertropfen, sich mit Händen und Füßen an den Wänden der Tunnel festzuhalten, doch ohne Erfolg. So ging die Fahrt, bis sie schließlich doch ans helle Tageslicht kamen und in einem riesigen Sammelbecken landeten. Hier war die Reise zu Ende. Die Wassertropfen hielten sich die Hände vor Augen bis sie sich an das helle Tageslicht gewöhnt hatten. Dann erkannten die Wassertropfen, dass sie wieder in ihrer heißgeliebten Heimat, dem Meer, waren. Vergessen war die Unterwelt. Die Wassertropfen erfreuten sich ihrer wiedergewonnen Freiheit unter der warmen Sonne, auch wenn sie in einem ganz anderen, ihnen unbekannten Teil des Meeres, gelandet waren. Das war aber nicht schlimm, denn das Meer sah für sie überall gleich aus, da spielte hier und da keine Rolle.

Jetzt, da die Wassertropfen wussten, dass ihr Leben trotz des ewigen Kreislaufes der Verwandlung dennoch lustig und abwechslungsreich war, gefiel ihnen ihr neues Leben und schnell gewöhnten sie sich daran. Voller Spannung und ungeduldiger Vorfreude sehnten sie sich schon nach dem Moment, wo sie wieder zum Himmel emporsteigen durften.
Na, geht es dir jetzt besser, mein kleiner Freund?“, fragte der Engel, nachdem er seine Geschichte beendet hatte. „Es geht schon wieder“, sagte der kleine Eiskristall, „irgendwie hast du mir Mut gemacht und es fängt an, mir zu gefallen, aber sag, woher weißt du denn das alle so genau?“ „Ach, weißt du“, sagte der Engel, „wenn man schon so alt ist und so lange hier oben lebt wie ich hat man viel Zeit und Muße zum Studieren. Du kennst doch unser großes, himmlisches Archiv, da ist unsere ganze entstehungs- und Lebensgeschichte chronologisch in riesig dicken, goldenen Büchern fein säuberlich niedergeschrieben. Außerdem beobachte ich euch von hier oben und passe auf, dass euch nichts passiert.“ „Ich bin so froh, dass es dich gibt“, sagte der kleine Eiskristall glücklich und trocknete sich die letzten Tränen ab. Jetzt konnte er die Reise gar nicht mehr erwarten. Er rief: „Achtung, Achtung, jetzt komme ich“ und rannte schnurstracks zum Ausgang. Ehe man es sich versah war er auch schon auf die Erde gesprungen. Die anderen Eiskristall standen nur da und schauten, dann sprangen auch sie.

© 2001 by Stefanie Budig

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