Jan Eijking: Der Regen ist aus Stein gehauen

Zuerst hatte ich ihn gesehen im Regen. Abends. Dunkelheit. Schatten. Ich bin zu ihm hingegangen und hatte ihn angestarrt. Stille. Ein merkwürdiger Mensch. Er stand da, einfach nur so. Er war vollkommen durchnässt. Seine nassen Haare trieften und man hätte sie auswringen können; die Kleider klebten ihm am Körper und er schaute mich ganz traurig an. Aber es kam mir vor, als kannte ich den Mann schon ewig.
„Altes Haus, lange nicht mehr gesehen. Wie geht es dir denn so?“ Solche langweiligen Fragen, immer dieselben.
„Und – Hast du wenigstens einen guten Job? Kinder? Wie läuft’s? Mir geht’s ganz okay, nur die üblichen Geldsorgen…“ Ein alter Kollege? Oder einer vom College? Er hatte mir wie ein Toter in die Augen geblickt. Er war etwas mager und hatte große, braune Augen. Seine Haut war etwas gräulich und sonst war er… er war vielleicht im 40er-Alter, nicht mehr der jüngste aber auch nicht steinalt. Er schwieg die ganze Zeit. Ich hatte mich direkt vor ihn gestellt und betrachtete ihn: Er hatte nur ein dünnes T-Shirt an und schien zu frieren.

„Möchtest du meinen Mantel?“ Nein, ich traute mich nicht, mit ihm zu reden. Aber – Kommunikation ist lebenswichtig, sagen die Gebildeten doch, oder? Ich kann ihm einen Zettel geben; darauf steht dann „Ist dir kalt?“ oder so was…
„Ja, mir ist kalt“, sagte der Mann plötzlich.
„Woher wissen Sie…?“
„Sie sind in einen dicken Mantel eingehüllt, mir klebt dünner Stoff am Leib. Was soll ich dazu sagen? Ja, mir ist kalt, eben. Ich hätte natürlich auch sagen können: Elefanten sind grün, möchten Sie einen Schluck Kaffee? Aber das klingt nicht sehr sinnvoll.“ Ich musste ein bisschen lächeln. „Kann ich Ihnen irgendwie helfen?“ Jetzt hatte ich mich getraut!
„Küssen Sie mich. Umarmen Sie mich. Körperwärme hilft mehr als jeder Pelzmantel.“ Ich war sprachlos. Was sollte ich tun? Verdattert blieb ich stehen. „Na los, machen Sie schon. Weshalb zögern Sie?“
„Ich… ich kenne Sie doch gar nicht.“
„Blicke verbinden.“ Da ging ich zu ihm hin, küsste ihn auf den Mund und umarmte den armen Mann. Es wirkte Wunder. Er erwiderte meine Umarmung und so standen wir da und umarmten uns, während es wie verrückt schüttete. Dann wandte er sich von mir ab und verschwand im Dunkel der Nacht.
Flüchtig kennen gelernt. Er wollte es warm haben. Dann ist er gegangen. Grüne Elefanten – Ha! Wer denkt sich denn so etwas aus? Woher kenne ich diesen Menschen? Er ist so… wundervoll, ja, wundervoll. In mir erklang dieses Lied… It’s raining men oder so…
Werde ich dich jemals wiedersehen?

said shiripour: das perfekte online business
ad

(c) 2006 by Jan Eijking

Hinterlasse jetzt einen Kommentar

Kommentar hinterlassen