Eilts, Hinrich: Bogenbande (Teil 1) – Exkursion zum Kloster

Namensliste:


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Anna: eine halbwüchsige Barbarin

Meri: Annas beste Freundin

Lykos: Annas bester Freund

Asalia: Annas Adoptivmutter

Beranor: Ein Erzmagier

Vorsichtig kroch sie durch das hohe Gras. Es war zwar schon später Nachmittag, doch der Boden war von der Sommersonne noch stark erhitzt und kein Windhauch brachte Kühlung. Nur kein Geräusch, nur keine verräterische Bewegung machen! Das war schwer, sie keuchte vor Anstrengung und die Kleidung klebte vor Schweiß an ihr, jedoch sie spürte es nicht, im Gegenteil, noch nie war sie so gefangen gewesen vor Konzentration, noch nie hatte sie so viel Lebenslust verspürt. Langsam robbte sie weiter, verfing sich an einer Bodenranke, deren Stacheln ihr in den rechten Unterarm fuhren. Der feine Schmerz warnte sie, hätte sie sich losgerissen so hätte das umgebende Gewächs bestimmt geschwankt, so aber griff sie stumm zu, zog langsam die Stacheln aus der Haut und ließ die Ranke vorsichtig frei. Geschickt kroch sie weiter, erreichte den Busch hinter dem sie ihre Beute wusste. Hier legte sie sich kurz flach auf den Bauch, erholte sich tief atmend von der Anstrengung, dann streckte sie Kopf und Arme hoch, teilte langsam die Zweige und spähte hindurch. Ja, da war es! Anna griff links neben sich wo sie ihren Bogen abgelegt hatte und wollte anlegen, doch das ging im Liegen nicht, also rollte sie sich auf die Seite, zog die Beine an und rollte sich mit dem rechten Ellenbogen abstoßend wieder zurück, so kam sie lautlos auf die Knie. Sie wechselte den Bogen in die rechte Hand, fingerte einen Pfeil aus dem Köcher an ihrem linken Bein und legte ihn an.

Anna richtete ihren Oberkörper gerade, streckte den Bogenarm durch, wobei sie darauf achtete das die Zweige nicht im Weg waren, dann fixierte sie den Hasen der immer noch nichts bemerkt hatte und friedlich graste. Mit einem kraftvollen Zug spannte sie die Waffe, peilte über das Korn ihre Beute an. Sie war ein guter Schütze, auf die Entfernung, es waren knapp 20 Meter, konnte sie das Ziel nicht verfehlen. Doch unvermutet fing sie an zu zittern, das wackelnde Korn zerbrach ihre Konzentration, plötzlich fühlte sie wie ihr das Herz bis zum Hals schlug. Ein noch nie da gewesenes Gefühl war in ihr, sie konnte es nicht einordnen. Sie zögerte verwundert über sich einige Sekunden lang, da hielt der Hase beim Grasen inne, spitzte die Ohren. Ein leises Knacksen erklang hinter Annas Rücken, der Hase sprang weg und Anna ließ die Bogensehne los, der Pfeil sauste ins Leere davon.

„Oh, bitte warte doch. Hast du getroffen?“ Anna wirbelte zornig herum. „Nein, du Blödmann hast ihn verjagt! Trampelst hier rum! Kannst du denn nicht bei Meri bleiben und warten?“ Lykos sah zerknirscht aus. „Das wollte ich nicht, ich wollte doch nur zusehen wie du das machst, ich kann doch nicht richtig schießen.“ „Ja, Jungens können das nicht, ihr seid halt zu blöd!“ „He, ich bin nicht blöd! Und Meri kann auch nicht schießen!“ Annas Zorn verrauchte ebenso schnell wie er gekommen war. „Ach komm, lass uns mal nach Meri sehen. Wo bleibt die denn wieder?“ Lykos zog an Annas Ärmel. „Komm, Meri hat schon das Feuer gemacht, ich habe ihr dabei geholfen, du wirst staunen. Braten wir halt was anderes, haben ja genug dabei.“ Zusammen rannten beide zurück zum Lagerplatz, der kurze Streit war völlig vergessen.

Der Beranor zog sich in sein Versteck zurück, er wusste nicht was er von dem letzten Ereignis genau halten sollte. Die Entfernung war zu großgewesen um die Details mitzubekommen, er konnte nur sehen wie Anna schießen wollte, verfehlte und kurz zornig über ihren Freund war, sich aber schnell versöhnte. Im übrigen behagte in die Rolle in die er gedrängt worden war überhaupt nicht. Natürlich war es nichts schlechtes heimlich aufzupassen damit den Kindern nichts ernsthaftes passieren könnte, doch das war nur die halbe Wahrheit. Nebenbei sollte er sie, Anna, noch beobachten, besser ausspionieren, wie sie sich benahm. Das fand er so schmutzig. Er verstand ja die Ängste der Eltern von Lykos und Meri, die in Anna vor allem einen schlechten Umgang sahen, die glaubten das Anna ein gewalttätiger Mensch wäre die ihre Kinder verderben würde. Sie war schließlich eine Barbarin. Seine Gedanken kehrten zurück, zurück zu jenem Abend an dem er sich in die Sache eingemischt hatte.

„Bitte, bitte, ich wünsche es mir so sehr! Und meine Freunde auch!“ Bittend sah Anna ihre Mutter an. Asalia war nicht ihre leibliche Mutter, aber sie hatte sie damals adoptiert und es war kein Unterschied, für beide nicht. Ein Unterschied hingegen war Annas Charakter, offensichtlich hatte die Umgebung ihrer frühen Kindheit sie stärker geprägt als Asalia lieb war, dazu kam noch das mit wachsendem Alter ihre Fremdartigkeit immer deutlicher wurde. Ihre Freunde konnten zaubern, sie nicht. Was am Anfang mehr Zauberkunststückchen kleiner Kinder waren, das wurde bei Halbwüchsigen mehr und mehr zu beeindruckenden Kräften, sie konnten damit ein Feuer entfachen, Gegenstände bewegen ohne sie zu berühren, sogar sich selbst teleportieren.Und Anna? Sie wurde so immer mehr zum Außenseiter, der sich schließlich auf seine Fähigkeiten besann: Zähigkeit und Geschick. Irgendwie entstand in der Zeit ein seltsames Trio: Anna, Meri und Lykos. Seltsam für die Erwachsenen, die nicht verstanden warum gerade diese drei so unzertrennlich wurden, dagegen wussten die drei genau was sie zusammenhielt.

In letzten Sommer kamen die drei dann auf die Idee, ein Baumhaus im angrenzenden Wald zu bauen, und, zum Entsetzen der Eltern, darin übernachten zu wollen. Das war natürlich undenkbar, sie waren noch Kinder und dann so in der Natur schlafen wollen! Viel zu gefährlich! Nein! Eine Woche lang heulten die drei allen die Ohren voll, dann bekamen sie ihren Willen in der Hoffnung das eine unbequeme Nacht sie schon kurieren würde. Doch weit gefehlt, so kamen sie erst richtig auf den Geschmack und fortan verbrachten sie ihre Freizeit und ihre Nächte mehr und mehr in der Hütte, bis endlich der Winter sie heraustrieb.

Dann erschien im Frühjahr die Katastrophe in Gestalt von Isilde. Die Amazone besuchte immer wieder die Zauberinnen und vor allem Anna, und dieses Mal hatte sie ein besonderes Geschenk dabei: einen Bogen. Anna war sofort begeistert, noch am selben Abend stellte sie im Dunkeln die Zielscheiben auf und fing an zu schießen. Und das war kein Spielzeugbogen, nein, es war ein richtiger Bogen, eine Waffe, zwar kleiner als der von Erwachsenen, doch Anna war für ihr Alter kräftig und konnte 50 Meter weit damit schießen. „Mit etwas Training wird sie bald 100 Meter weit kommen“ meinte Isilde noch trocken. Es gab dann einen kurzen aber dennoch bitteren Streit zwischen Asalia und Isilde, doch Isilde blieb stur. „Asalia, du kannst Annas Naturell nicht verleugnen, du musst damit fertig werden.“ Asalia konnte dem nur teilweise zustimmen, denn sie sah den wirklichen Ärger voraus. Natürlich wollten Meri und Lykos jetzt auch Bögen, natürlich waren deren Eltern strikt dagegen. Anna baute schließlich zwei Stück nach, es waren jedoch mehr Spielzeuge als Waffen, ihre Pfeile flogen keine 10 Meter weit. Ob Anna absichtlich oder wegen mangelndem Material und Können so schlechte Bögen gebaut hatte war ihr Geheimnis, sie sagte es würde am Material und Können liegen, doch Asalia glaubte ihr nicht so recht. Egal, voller Stolz liefen die drei jetzt nur noch mit Bogen herum, jetzt waren sie die Bogenbande. Dann kam der Sommer.

„Bitte, bitte, ich wünsche es mir so sehr! Und meine Freunde auch!“ Beranor kehrte in Gedanken zurück in die jüngere Vergangenheit. Er besuchte gerade Asalia und wurde so zufälliger Zeuge der Bitte. Er sah erst kurz Anna an, dann die mitgekommenen Meri und Lykos, die sich vor ihm fürchteten, schließlich blickte er Anna direkt in das Gesicht. Was hatte er nicht schon alles über dieses Mädchen gehört, wenig schmeichelhaftes. Roh und gewalttätig sei sie, die eigenen Kinder solle man besser fernhalten, ihnen am besten den Umgang mit ihr verbieten. Meris und Lykos Eltern waren auch kurz davor das zu machen, die Sache mit den Bögen hatte sie an den Rand der Verzweiflung gebracht. Und jetzt das. Eine Woche lang wollten die drei auf sich gestellt in der freien Natur leben, ja sogar auf die Jagd gehen. Doch er konnte einfach nichts Böses an ihr bemerken, ihr Blick war unschuldig, fast ein wenig naiv und ihre Ausstrahlung war positiv. Als Erzzauberer konnte er sich auf seine Menschenkenntnis verlassen. Doch da war noch etwas, ganz im Hintergrund.

„Du bist ja schon richtig groß geworden.“ Beranor stand zu Asalias Verblüffung auf und ging vor Anna ein wenig in die Knie, bis sein Gesicht auf ihrer Höhe war. Er strich mit seiner rechten Hand über ihren Kopf, dabei schaute er tief in ihre Seele, doch das wusste sie nicht. Er lächelte, stand auf und sagte „Klar dürft ihr, warum nicht?“ Das Trio war zunächst verblüfft über die Zusage, sie hatten mit weit mehr Widerstand gerechnet, doch umso größer war die Freude, jubelnd liefen sie davon, schnell weg bevor die komischen Erwachsenen es sich anders überlegen würden. Asalia dagegen war verärgert über Beranors Versprechen, was mischte er sich so dreist ein? „Sag mal, Erzmagier, weißt du überhaupt worum es hier geht?“ Beranor nickte zu ihrer Verwunderung. „Ja, ich weiß es, ich weiß das Annas Schicksal und dein Lebensglück am seidenen Faden hängen, vielleicht weiß ich das sogar besser als du, denn ich kenne das ganze dumme Gerede über euch. Aber was willst du machen? Du musst das Risiko eingehen und ihr die Gelegenheit geben es zu beweisen, uns allen zu zeigen das sie kein schlechter Mensch ist.“ „Du willst sie einfach so mit Meri und Lykos ziehen lassen? Das machen deren Eltern doch nie mit.“ „Doch, das werden sie, denn ich werde sie darum bitten und ich werde auf die drei aufpassen.“

Beranors Gedanken kehrten zurück in die Gegenwart. Ja, das war der Preis für die Zustimmung der Eltern gewesen, er, der Erzmagier, einer der mächtigsten und einflussreichsten Bewohner dieses Landes, sollte heimlich über die Sicherheit wachen und zum Schluss einen Bericht liefern. Und ein Urteil fällen. Über ein Kind. Ob es bleiben dürfe oder es ins Irgendwo verbannt werden würde. Ihm wurde schlecht bei der Vorstellung. Gewaltsam riss er sich von dem trüben Gedanken los und schlich sich näher an den Lagerplatz der drei heran. Dank seiner magischen Fähigkeiten war er kaum aufzuspüren, doch er hatte einen gewissen Respekt bezüglich Meris Fähigkeiten. Meri war die wohl talentierteste Zauberin von der er je gehört hatte. Es wahr schon verblüffend was sie als Kind und ohne richtige Ausbildung schon vollbrachte. Es war diese Überlegenheit die sie in die Einsamkeit getrieben und schließlich zur Bogenbande geführt hatte, denn hier waren zwei, die ihr in anderer Hinsicht überlegen waren. Vor Meri musste er aufpassen, sie könnte ihn bemerken, deshalb wagte er sich nicht näher heran.

„Du hast schon ein Feuer gemacht? Wo denn?“ Annas Blick suchte den Lagerplatz ab, doch nirgends war Feuer oder Rauch zu sehen. Meri grinste sie an. „Na, hier, unter dem Topf, du Blindschleiche.“ „Oh.“ Anna hob vorsichtig den Topf an, er war schon heiß und sie verbrannte sich fast die Finger. In einer mit kleinen Steinchen ausgekleideten Erdmulde brannte das Feuer. „Tatsächlich. Tolle Idee mit der Mulde. Und gar kein Rauch. Ist das einer deiner Zaubertricks?“ „Nein, nein, das hat Lykos sich ausgedacht. Er hat mir erklärt wodurch Rauch entsteht und wie man ihn folglich verhindert. Ich habe es aber mit einem Feuerball angezündet.“ Anna grinste zurück, dann wandte sie sich an den etwas verlegen dastehenden Lykos. „Du bist halt ein echter Schlauberger. Das musst du mir auch noch erklären, dafür zeige ich dir dann morgen wie man sich anschleicht.“ Meri wühlte in ihrem Rucksack herum. „Wollt ihr Fisch, Fleisch oder Eier gebraten? Dazu gibt es Brot.“ Lykos antwortete „Bäh, Fisch! Ich will Eier!“ Meri brummte irgendetwas in den Rucksack, dann kamen ihre Hände mit drei riesigen Eiern hervor. „Die sollten groß genug sein, vielleicht triffst du dann ja besser.“ Anna grinste etwas säuerlich. „Ja ja, hackt nur auf mir rum. Wenn dieser Blödmann nicht den Hasen verscheucht hätte gäbe es jetzt frischen Braten.“

Nach dem Abendessen scheuerten sie das Geschirr mit Sand und Blättern sauber, dann legten sie sich in Decken gewickelt auf den Boden. Zwar mussten sie noch öfters aufstehen um fluchend irgendwelche Steine unter sich zu entfernen, doch selten waren die drei so zufrieden gewesen, jetzt bewährte sich das Training im Baumhaus. Sie würden es den Großen schon zeigen, eine Woche in der Natur würden sei leicht aushalten. Flennend dach Mutti laufen, das würden sie nie machen, sie waren doch keine Memmen.

Am nächsten Morgen wurden sie von der Sonne geweckt. Recht wortkarg frühstückten sie, das war nichts ungewöhnliches, denn alle drei waren rechte Morgenmuffel. „Gehen wir gleich weiter?“ brach Meri das Schweigen. „Aber klar doch“ meinte Lykos forsch, wenn wir bis heute Abend beim Kloster sein wollen müssen wir gleich weiter, sonst wird es dunkel.“ Anna sah die beiden an. „Ihr wollt da wirklich hin? Ihr habt doch keine Angst?“ Lykos schüttelte den Kopf. „Angst? Ich? Bestimmt nicht. Klar will ich da hin, wir wären dann die Ersten! Hauptsache, Meri hat nicht gepetzt!“ „Hä? Hör mal, Kleiner, ich habe dicht gehalten, schließlich ist es unser Geheimnis. Was glaubst du wohl hätte deine Mutter gesagt wenn sie unser wahres Ziel gewusst hätte?“ „Dann ist ja alles gut“ unterbrach Anna die beiden. „Ich suche noch meinen Pfeil, dann geht’s los.“ Anna stand auf und rannte los. „He, warte doch, ich helfe dir“ rief Meri und rannte hinter ihr her.

Anna fand den Busch von dem aus sie geschossen hatte sofort wieder, doch es war schwierig. Der Pfeil war vom Boden abgeprallt und fast ungebremst weitergeflogen, mitten hinein in eine etwa 30 Meter entfernte stark verfilzt Buschinsel von unergründlicher Tiefe. „Verdammt, ich habe eine Woche an dem Pfeil gearbeitet.“ Sie drehte sich zu Meri um. „Er hat eine richtige Stahlspitze und Gefieder. Und wie lange ich nach einem passenden Zweig für den Schaft gesucht habe. Ich Idiot, warum habe ich da reingeballert!“ Anna wollte sich wütend auf die Büsche stürzen, sie hätte sie am liebsten rausgerissen. Doch Meri hielt sie zurück. „Warte, lass deine Wut doch nicht an den armen Büschen aus. Vielleicht schaffe ich es.“ „Zauberei? Das will ich sehen.“ Meri zuckte mit den Schultern, dann kam unheimliche Bewegung in die Buschinsel, als wenn ein Rudel Tiere hindurchlaufen würde. Es dauerte einige Minuten, dann stahl sich ein verwegenes Grinsen auf Meris Gesicht und der Pfeil schwebte heran, plumpste vor der verblüfften Anna auf den Boden. „Klasse, nicht?“ „Wow, das hätte ich nicht gedacht. Echt Klasse von dir.“

Beranors erste Begeisterung über Meris Leistung wich kaltem Schrecken. Das war viel zu viel! Sicher, eine Zauberin konnte leicht mit Telekinese einen Pfeil bewegen, aber wie konnte sie ihn so schnell finden? Und, viel schlimmer, wie konnte sie Telekinese ohne Sichtkontakt ausüben? Wenn Meri eine solch starke Zauberin war, dann würde sie das Schicksal der Zauberer teilen müssen, die wegen ihrer zu großen Macht nicht wagten sie im Kampf einzusetzen. Vielleicht müssten sie ihr sogar ihre Kräfte nehmen. Welch ein Gedanke! Ihr antun, was die Höchststrafe für schwerste Verfehlungen war. Ein Kind einer solchen Tortur zu unterwerfen mit dem Ziel es für immer zu verkrüppeln. Doch auf der anderen Seite könnte es unverantwortlich sein eine Frau mit solchen Kräften aufwachsen zu lassen. Beranor schüttelte den Kopf, wenn er geahnt hätte was hier passieren würde, welche Urteile er später fällen müsste. Ja, Urteile könnten es nur zu leicht werden. Er war so in seinen Grübeleien vertieft das er nicht merkte wohin die Kinder gingen.

Ohne Rast gingen sie weiter, die Aussicht als Erste in eine Ruine einzudringen und sie zu durchstöbern ließ sie jede Anstrengung vergessen. Und es war nicht irgendeine Ruine, es war das alte Kloster, ein unheimlicher Ort, wo sich die anderen nie hinwagen würden. Außerdem durften sie es nicht, das machte die Sache so richtig spannend. Angeblich war es gefährlich, die Fußböden könnten unsicher sein, eine Decke einstürzen und was sonst noch besorgten Eltern so alles einfiel, doch sie würden schon aufpassen. Warum ausgerechnet Lykos damit angekommen war wunderte Anna ein wenig, er war sonst nicht der große Held, doch so würde das Trio es endlich mal allen zeigen können wozu sie fähig waren. Anna und Meri stimmten begeistert zu im Sommer eine geheime Expedition dorthin zu unternehmen. Eine richtige Expedition! Geheim!

Als das alte Gemäuer in Sicht kam gab es kein Halten mehr, was waren schon 11 Stunden Fußmarsch? Sie rannten los, doch etwa 200 Meter vor dem Ziel stoppte Anna sie. „Halt, nicht so schnell! Wir müssen vorsichtig sein, wer weiß was da alles drin ist!“ Meri und Lykos blieben stehen. „Meinst du wirklich da wohnt wer drin?“ fragte Lykos unsicher. „Du willst mir doch nur Angst machen, oder?“ „Klar wohnt da jemand drin“, antwortete Meri um ihn ein wenig zu ärgern, „und der frisst kleine dumme Jungs. Pass bloß gut auf!“ „Ach, ihr seid ja gemein!“ Verärgert drehte er sich von den beiden Mädchen weg. Anna seufzte leise. „Komm schon, Lykos, wir schleichen uns vorsichtig ran. Ich habe es dir versprochen, und dafür zeigst du mir dann wie man ein Feuer macht. Ok?“ Lykos drehte sich um, in seinen Augen blitzte wieder Begeisterung. „Oh ja, komm.“

Beranor schrak aus seinen trüben Gedanken auf als er das Kloster erkannte. Wollten die da hin? Seinen Kindern hätte er das nie erlaubt, das war ein viel zu gefährlicher Ort, selbst für Erwachsene. Doch hatten die Eltern der drei es ihnen verboten? Er wusste es nicht genau, damals war von keinem genauen Ziel die Rede gewesen, nur von einer einwöchigen Expedition in die Natur. Er überlegte sich was er machen sollte und kam zu dem Schluss erst einzugreifen wenn sie es tatsächlich betreten würden, er wusste das das gar nicht so einfach war. Er hoffte das die Kinder bald aufgeben würden, dann bräuchte er nicht in Erscheinung zu treten.

Das Kloster war von seinen Erbauern wie eine Festung angelegt worden, vermutlich trieben sich damals zu viele Räuberbanden in der Gegend herum um in einem ungesicherten Gebäude wohnen zu können. Der Gebäudekomplex wurde von einer gut vier Meter hohen glatten Mauer umgeben in der nur ein einziger Zugang war. Nach Andariels Verschwinden hatten einige Zauberinnen den Zugang von inner her verschlossen und die Mauer magisch aufgeladen um Teleportationen zu verhindern, denn niemand wusste genau welche Gefahren die Dämonin für unvorsichtige Besucher zurückgelassen hatte. Jetzt bräuchte es schon massive Gewalt um das schwere Tor aufzubrechen. Beranor suchte sich ein Versteck von dem aus er das Tor gut im Blick hatte, dann kramte er sich etwas zu Essen und Trinken aus seinem Rucksack und machte es sich bequem. Die Anstrengung des Marsches hatte ihn ermüdet, körperliche Anstrengungen war er nicht gewohnt und er musste aufpassen um nicht einzuschlafen.

Anna überblickte das Gelände vor dem Kloster. Hinter ihnen, etwa 300 Meter entfernt, hörte der Wald auf aus dem sie kamen, 200 Meter vor ihnen lag die südliche Klostermauer. Die Abendsonne schien von der Seite und stand schon recht tief, so warfen die vereinzelten Bäume und Buschgruppen vor ihnen lange Schatten. „Psst, und bleibe immer im Schatten. Komm!“ flüsterte sie Lykos zu, dann huschte sie geduckt los zur nächsten Buschinsel. Dort wartete sie und sah wie Lykos folgte, etwas unbeholfen rannte er herbei. Anna sah in sein angespanntes Gesicht, das ganz rot vor Aufregung war. „Schon ganz gut, aus dir wird noch ein richtiger Fährtenleser.“ Stolz über das Lob funkelte in seinen Augen auf, dann war auch Meri da. Sie sagte nichts, auch ihr war die Anspannung deutlich anzumerken. Das war jetzt ernst, wenn sie bemerkt würden dann kämen böse Leute aus dem Kloster und würden sie gefangen nehmen. Meri zitterte ein wenig bei dem Gedanken, doch die Gegenwart von Anna beruhigte sie, auf sie war Verlass, da war sie sich sicher. Anna nickte ihr kurz aufmunternd zu, dann lief sie weiter zum nächsten Baum.

So ging es weiter bis zum letzten Baum vor der Mauer. Sie konnten jetzt deutlich weitere Öffnungen in ihr erkennen, es waren schmale schwarze Schlitze, Schießscharten. Das Trio sammelte seinen Mut und rannte zusammen los, keuchend kamen sie endlich an der Mauer an und drückten sich an sie. Der kühle feste Widerstand in ihrem Rücken stärkte sie, doch noch war nicht sicher ob sie entdeckt worden waren. Gespannt warteten sie ab ob sich das Tor öffnen würde, notfalls würden sie einfach wegrennen. Als nichts passierte schlichen sie an der Wand entlang in Richtung Tor, vorne Anna, dann Lykos, schließlich Meri. An der ersten Schießscharte duckte sich Lykos um nicht die Öffnung zu passieren. „Was soll das, Kleiner? Da ist doch nichts“ flüsterte Meri. Lykos hielt unter der Scharte an und blickte Meri ernst an. „Wer weiß, vielleicht lauert da einer um einen zu greifen und reinzuziehen!“ Meri wurde blass, daran hatte sie nicht gedacht. „Stimmt. Warne noch Anna, die ist da so vorbeigelaufen!“ Meri schlüpfte jetzt ebenfalls unter der Öffnung hindurch. An der nächsten und letzten Scharte vor dem Tor gingen sie alle drei sicher vor, dann standen sie vor dem Tor.
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„Mist, ich kriege es nicht auf!“ Frustriert gab Anna auf. Sie hatte wirklich alles versucht, doch es gab einfach keine schwache Stelle. Erwartungsvoll sah sie Meri an. „Kannst du was machen, irgendwie zaubern?“ Meri schüttelte traurig den Kopf. „Nein, es geht nicht, ich weiß nicht warum, aber ich kann hier nichts machen.“ „Teleportiere doch rüber, vielleicht geht das Tor von innen auf.“ „Was? Ich soll da rein teleportieren? Ich … ich kann nicht.“ „Angsthase!“ spottete Lykos, doch Meri funkelte ihn böse an. „Ich? Sei bloß ruhig, oder es setzt was. Ich kann wirklich nicht, ich fühle das. Und jetzt rutsch mir den Buckel runter.“ „Tschuldige, Meri, war nicht so gemeint.“ „Streitet euch nicht, vielleicht gibt es einen anderen Eingang“ meinte Anna. Ihre Freunde nickten, dann schlichen sie weiter.

Die drei umrundeten einmal das ganze Kloster, wobei sie ihre Furcht immer mehr ablegten, zum Schluss gingen sie ganz offen an der Mauer entlang, doch ein weiterer Zugang war nicht zu finden. Verärgert und enttäuscht brachen sie ab, entfernten sich ein wenig von der Mauer und bauten ihr Lager auf. Jetzt schlug die Anstrengung des langen Marsches durch, ohne sonderlichen Appetit aßen sie nur etwas Brot und tranken Wasser aus dem nahen Klosterbach. Müde legten sie sich hin, morgen würden sie es noch einmal versuchen, aber viel Hoffnung hatten sie nicht.

Am nächsten Morgen war Anna recht niedergeschlagen, lustlos und etwas traurig kaute sie auf ihrem Frühstück herum, blickte auf den Boden. Lykos merkte das nicht, er war in Gedanken versunken, doch Meri ging zu ihr und schüttelte sie an der Schulter, Anna sah auf. „Sei doch nicht so traurig, Anna, so wichtig ist das nicht.“ Anna schüttelte den Kopf. „Ach, Meri, ich habe es euch schließlich versprochen, und ich kann euch nicht so enttäuschen. Ihr seid doch meine Freunde. Bitte, seid mir nicht böse.“ Meri war überrascht das Anna plötzlich eine Träne über das Gesicht lief, sie hatte ihre Freundin noch nie Weinen sehen, selbst wenn sie sich noch so weh tat. „Anna, was hast du denn? Komm, hör auf. Du hast doch morgen Geburtstag, und da bekommst du auch ein Geschenk von mir und Lykos. Jetzt sei nicht mehr traurig, ja?“ Anna schluckte vernehmlich. „Ein Geschenk? Oh.“ „Natürlich, Anna“, bestätigte Lykos, der jetzt neben Meri stand. „Sogar ein ganz besonderes Geschenk, du …“ Anna boxte ihm leicht in die Seite. „He, nicht verraten, es soll doch eine Überraschung werden.“ Lykos nickte. „Ja klar.“ Er machte eine kurze Pause. „Ich habe eine Idee wie wir vielleicht doch noch da reinkommen.“

Lykos erklärte seinen Vorschlag und Anna und Meri stimmten zu. Das könnte klappen, die Begeisterung und Abenteuerlust vom Vortag machte sich wieder breit. Eifrig packten sie ihre Rucksäcke teilweise aus, voll würden sie für ihren Plan vielleicht zu schwer sein, dann gingen sie nach rechts um das Kloster herum, dort hatte Lykos es gestern gesehen.

Beranor sah wie die Kinder ihre Rucksäcke leerten und dann wieder nach rechts um das Kloster liefen. Wie gestern schon verschwanden sie so aus seinem Sichtfeld, doch sie würden garantiert wiederkommen um ihre Sachen zu holen, vermutlich wollten sie nur noch einmal herumlaufen und das Gepäck war ihnen dabei zu schwer. Das alles deutete darauf hin, dass die Kinder allmählich müde wurden und wohl umkehren würden, das erleichterte den Erzmagier, auch wenn er die Enttäuschung der Kinder nachvollziehen konnte. Überhaupt fühlte er sich heute besser, er hatte viel über Anna nachgedacht, an ihr gab es nichts auszusetzen. Und der Vorfall mit dem Pfeil kam ihm immer mehr wie ein böser Traum vor.

„Hier oben, Anna, schau!“ Lykos deutete mit seinem rechten Arm schräg nach oben zur Mauerkrone. Tatsächlich, irgendeine Stange ragte dort über die Mauer. Meri kramte schon in ihrem Rucksack herum, natürlich hatten sie ein Seil mitgenommen, schließlich gab es in Ruinen immer was zu klettern. Anna knüpfte eine Schlinge an das Ende, dann versuchte sie das Seil hochzuwerfen, die Schlinge sollte sich über die Stange legen. Das war schwierig, es wollte und wollte nicht klappen, bis es nach endlosen Versuchen sich endlich verfing. „Puh, meine Arme.“ Sie schüttelte sie aus, dann packte sie das Seil und kletterte hoch. Da das Seil an der Wand anlag musste sie die Zähne zusammenbeißen, die rauen Steine schürften ihre Knie und Ellenbogen auf, doch ansonsten kam sie erstaunlich schnell voran. Oben angekommen packte sie die Stange, es war ein umgestürzter Fahnenmast, und schwang sich mit einem kräftigen Klimmzug auf die Mauer, wo sie außer Atem liegen blieb.

„Wo bleibt ihr denn?“ rief Anna herunter. „Wir schaffen es nicht am Seil hochzuklettern. Wir sind nicht so stark wie du.“ Anna schob vorsichtig ihren Kopf über die Brüstung und sah hinunter in Lykos und Meris bedauernde Gesichter. Sie zögerte kurz, dann nahm sie ihren Mut zusammen. „Macht nichts. Gebt mir meinen Rücksack, dann geht zum Tor und wartet dort, ich versuche es von innen aufzumachen.“ Meri nickte und knotete Annas Rucksack am Seil fest. „Willst du das tatsächlich wagen? Sei aber vorsichtig, ja?“ Anna holte das Seil ein und schulterte ihren Rucksack. „Klar.“

Anna hatte es sich leichter vorgestellt, einfach auf der Mauer entlanggehen, schwindelfrei war sie ja. Doch es ging nicht, die Mauerkrone wurde an mehreren Stellen von Gebäuden überbaut, so war dieser Weg unterbrochen. Sie musste durch den Innenhof. Wäre sie alleine gewesen, sie hätte es nicht gewagt dort runter zu springen. Es war nicht der tiefe Sprung der sie ängstigte, es war die Furcht in eine Falle zu geraten, einmal im Hof könnte sie nur schwer fliehen. Doch sie wollte ihre Freunde auf keinen Fall enttäuschen. So sprang sie kurz entschlossen hinab, um sich im gleichen Moment über ihre eigene Dummheit zu ärgern, warum hatte sie das Seil nicht als Sicherung in den Hof hängen lassen? Jetzt war es zu spät dazu, jetzt hatte sie es im Rucksack.

Anna schrie kurz auf als sie unerwartet hart aufprallte. Durch den Schatten der Mauer hatte sie nicht gesehen das unten ein gepflasterter Weg vorbeilief, sie hatte mit Sand gerechnet. Kurz lag sie da und fühlte den Echo des Schmerzes durch ihren linken Knöchel ziehen, dann stand sie auf und trat vorsichtig auf, der Schmerz kam wieder, aber schwächer, es war nichts schlimmes passiert. Ihr Blick suchte die Richtung zum Tor. Von oben hatte es übersichtlich ausgesehen, doch nun hatte sie den Überblick verloren. Anna zuckte mit den Schultern, es half ja doch nichts, sie musste losgehen. Sie trat leicht humpelnd aus dem Schatten in den sonnigen Hof, zwar war es auch hier so unheimlich still, aber das helle Licht half und ließ sie neuen Mut fassen.

Sie ging bis zu einem Brunnen in der Mitte des Hofes. Er war seit langem außer Betrieb, doch in seinem steinernen Becken hatte sich Regenwasser angesammelt. Anna steckte einen Finger hinein, es war eiskalt. Kurz entschlossen stellte sie ihren linken Fuß hinein, die Kälte fachte den Schmerz im Knöchel kurz so sehr an das sie die Luft durch die Zähne zog, dann verebbte er. Die Erfrischung schien auch ihren Kopf klarer werden zu lassen, in Gedanken stellte sie sich die Außenmauer mit dem Tor vor und überlegte wo vom Hof aus das liegen müsste. Ihr Blick schweifte über die Gebäude des Klosters. Ja, der Gang dort müsste es sein! Anna ging zu dem Torbogen und blickte in den Gang, ihre an das Sonnenlicht gewöhnten Augen konnten die Dunkelheit zunächst nicht durchdringen, doch nach etwas Warten schälten sich die Umrisse des Ganges immer mehr heraus und schließlich erkannte sie am Ende das Tor. Sie lief los.

„Heh, könnt ihr mich hören?“ flüsterte sie am Tor. Gespannt und etwas bange wartete sie. „Ja, aber nur sehr leise“ kam endlich Lykos Stimme zurück, dann lautes Klopfen am Tor. „Nicht so laut, lass das, willst du mich verraten?“ rief Anna erschrocken. Mit einem Mal hatte sie furchtbare Angst, nervös suchte sie den Riegel, sie fand ihn fast sofort, riss ihn auf. Zu ihrer grenzenlosen Erleichterung schwang eine kleine Türe in dem Tor auf und sie sah ihre Freunde wieder. „Klasse Anna, so eine Freundin wie dich gibt es nur einmal!“ wurde sie von Meri freudig begrüßt, Lykos sah etwas betroffen drein, sein heller Verstand erkannte an Annas blassem Gesicht was er angerichtet hatte. „Tschuldigung, war blöd von mir.“ Anna winkte ab. „Komm lieber rein.“

Das Türe fiel von selber wieder zu und ins Schloss, doch das störte nicht, sie war ja leicht zu öffnen. Das Trio ging los bis in den Hof. „Uii, stark, sieht ja toll aus.“ Lykos war die Begeisterung deutlich anzumerken, auch Anna war fasziniert von den halbzerfallenen Gebäuden, lediglich Meri war seltsam still. „Was ist, gefällt es dir nicht?“ fragte Anna. „Hm, doch, mir ist nur so unheimlich zu mute. Ihr wisst doch, das hier einst Andariel gehaust hat?“ „Klar wissen wir das“, antwortete Lykos forsch, „Na und? Die ist weg.“ Meri sah ihn ängstlich an. „Sie ist nie besiegt worden. Sie hat das Kloster nie verlassen. Sie ist hier spurlos verschwunden. Vielleicht ist sie hier irgendwo.“ Lykos Begeisterung schlug um in nackte Angst, er fing an zu weinen. Anna schnauzte Meri an. „Was soll das, Meri? Musst du ihm unbedingt einen solchen Schrecken einjagen? Warum kommst du ausgerechnet jetzt damit an?“ Meri klammerte sich plötzlich an Anna fest, sah sie mit furchterfüllten Augen an. „Ich weiß es nicht, Anna, bitte glaube mir. Bitte lass uns abhauen!“

Ein lautes Krachen ertönte und eisiger Schreck fuhr den drei Kindern in den Leib. Wieder das Krachen, jetzt gab es kein Halten mehr, Panik ergriff sie und sie rannten einfach los, nur weg von diesem Krachen! Sie sahen auf ihrer Flucht nicht nach recht oder links, schnell stürmten sie voran, in ein Gebäude, durch viele Gänge, eine Treppe hinab. Sie drückten sich in eine dunkle Nische, keuchend und mit so laut schlagenden Herzen das sie fürchteten davon verraten zu werden. Angestrengt lauschten sie. Da! Hastige Schritte auf der Treppe, die sie eben herabgerannt waren.

Sie standen nebeneinander in der Nische, pressten sich so fest es ging mit dem Rücken an die kalte Kellerwand, Anna in der Mitte, Meri links und Lykos rechts von ihr. Das Kellergewölbe war dunkel und jedes Geräusch hallte weit und war schwer zu orten. Die hastigen Schritte waren irgendwie überall, doch sie kamen immer näher, manchmal erklang noch ein grässlicher Schrei dazu.

Meri wimmerte vor Furcht auf. „Sie folgt uns. Sie …“ „Psst! Wenn du ruhig bist wird sie uns nicht finden“ unterbrach Anna. Meri packte Annas Arm, riss sie zu sich herum. „Nein, ich spüre das sie mich sucht, ich glaube sie will mich!“ Ihre Freunde erkannten die unausgesprochene Furcht und es war Lykos der am schnellsten antwortete. „Niemand kriegt dich, wir sind auch noch da!“ „Genau“, bestätigte Anna, „und jetzt lasst uns hier zusammen abhauen. Es gibt bestimmt eine weitere Treppe oder einen Lichtschacht.“ Sie löste sich von der Wand und schlich tiefer in den Keller. Lykos folgte ihr, doch nach wenigen Schritten drehte sich Anna um und zog sanft Meri aus der Nische. Ihre Freundin war jetzt stumm vor Angst und zitterte am ganzen Körper. „Ach Meri, komm, wir können doch nicht ohne dich gehen. Oder glaubst du wirklich Lykos und ich würden dich im Stich lassen?“ Leises Schluchzen war die Antwort, Anna drückte sie sanft an sich, hoffte das Meri ihr eigenes Zittern nicht bemerken würde. Meri beruhigte sich ein wenig.

Sie schlichen sich lautlos durch den Keller voran, suchten einen Ausgang. Die meisten Räume hatten keine Türen, und wenn doch standen diese meistens offen. Die Schritte und Schreie waren verstummt, doch Meri beteuerte immer wieder das sie etwas spüre und wie etwas sie suche. Endlich fanden sie einen Lichtschacht der groß genug zum Hochklettern war, er mündete wie eine Rutsche in etwa zwei Metern Höhe in den Raum. Durch das einfallende Licht war es hier auch nicht ganz so dunkel, suchend blickten sich die drei nach etwas um mit dem sie dort rauf kamen. Lykos entdeckte ein Regal an dem eine kleine Leiter lehnte. „Da! Ich hol sie!“ Er rannte los, griff die Leiter und wollte mit ihr zurücklaufen, doch sie war irgendwie am Regal verhakt. Zu spät bemerkte er das und riss das Regal um, krachend zerbrach es und begrub ihn unter einem Bretterhaufen.

Anna und Meri eilten zu dem Unglücksort, aus dem Bretterhaufen erklang erst ein übler Fluch, dann leises Stöhnen. „Lykos! Lykos, sag doch was!“ rief Meri ungeachtet der Gefahr. „Helft mir, ich komme hier nicht raus“ kam es zurück. Die beiden Mädchen fingen an die Bretter beiseite zu werfen als Meri zusammenzuckte. „Sie hat mich wieder gefunden, sie ist ganz nahe!“ Anna sah sie nur kurz an. Es war zu dunkel um ihr Gesicht genau zu erkennen, doch hell genug um zu sehen das sie nicht mehr ganz so schlimm unter der Angst von vorher litt, jetzt war es die Sorge um Lykos die sie bewegte. „Mach du hier weiter, ich decke euch“ raunte Anna ihr zu, dann huschte sie in Richtung des Eingangs und versteckte sich hinter einer großen Kiste. Sie nahm ihren Bogen von der Schulter, zog einen ihrer Pfeile aus dem Köcher, legte ihn an und spannte den Bogen leicht. Meri wühlte weiter in dem Haufen, ihre Anstrengungen machten einen enormen Lärm, scheppernd flogen die Bretter bei Seite, doch das kümmerte sie nicht.

Meri hatte Lykos endlich befreit und kümmerte sich um ihn, sie kniete sich neben ihn und schüttelte ihn vorsichtig, er war noch etwas benommen, als im Zugang zum Keller plötzlich ein dunkler Umriss auftauchte. Gegen das Dunkel des Ganges war nicht viel zu erkennen, nur das etwas in den Raum stürzte. Anna erschrak bei dem Anblick und schoss sofort. Surrend flog der Pfeil davon und traf die Gestalt. Sie blieb einige Schritte weit im Raum stehen, als sei sie gegen eine imaginäre Wand geprallt, ein lauter Schrei erklang und hallte von den Kellerwänden wieder. Anna erkannte die Gestalt jetzt im helleren Raumlicht, eine gewisse Unwirklichkeit machte sich in ihr breit, sie hatte den Eindruck sich und die Situation zu beobachten, doch das Entsetzen das von ihrer Magengegend aus durch den Körper rollte holte sie schnell wieder zurück, sie stöhnte auf. „Beranor! Ich habe auf einen Menschen geschossen! Nein!“ Dann hieb eine unsichtbare Faust sie um.

Beranor sah wie sich das Tor in der Mauer öffnete und Lykos und Meri in das Kloster gingen. Jetzt konnte er nicht mehr zögern, so Leid es ihm tat. Er rannte los, doch das Tor schloss sich bevor er es erreichte. Erst versuchte er das Tor zu öffnen, dann riss ihm der Geduldsfaden, die Zeit drängte, wenn er zu lange bräuchte würden die Kinder irgendwo in dem unübersichtlichen Kloster verschwunden sein, und sie könnten in der Ruine ernsthaft verunglücken. Als Erzmagier waren seine Zauberkräfte enorm, doch er wagte es dennoch nicht zu teleportieren, lieber sprengte er das Tor mit einem Telekineseschlag auf. Er brauchte einige Schläge, dann brach endlich das Holz und er stürmte hinein.

Der Hof war leer. Er rief die Kinder, doch niemand antwortete. Nach kurzem Zögern gab er seine Zurückhaltung gänzlich auf und versuchte Meris magische Aura zu lokalisieren, sie war mit Abstand die stärkste von den dreien. Als er sie spürte lief er in ihre Richtung, hinein in eines der Gebäude und runter in den Keller. Immer wieder rief er ihre Namen, er fragte sich ob sie in den halligen Gewölben auch nur ansatzweise zu verstehen waren, doch das war ihm egal, Hauptsache sie würden ihn hören und kommen.

Er konnte Meri nur grob orten und auch nur die Richtung. Einmal glaubte er nahe dran zu sein, so nahe das er sogar Meris Gefühle leicht spürte, sie schien vor irgend etwas furchtbare Angst zu haben. Beranor geriet in größere Sorge, seine Konzentration litt kurz darunter und er verlor die Spur. Mühselig riss er sich zusammen, entspannte sich und versuchte erneut Meri zu finden. Als er endlich wieder ihre Richtung hatte hallte ein lautes Krachen und Scheppern durch den Keller. Er rannte los. Es war unmöglich bei dem Hall die genaue Richtung festzustellen, doch nach kurzer Zeit ertönte immer wieder ein leiseres Poltern, endlich fand er den Raum. Er war heller als der Gang, so konnte er recht gut erkennen was in ihm war, er sah wie eines der Kinder, vermutlich Meri, in einem Bretterhaufen kniete und einem der anderen Kinder, das musste dann wegen der kurzen Haare Lykos sein, beim Aufstehen half. Beranor eilte weiter, rannte in den Raum. Aus dem Augenwinkel sah er eine Gestalt, dann flog etwas auf ihn zu und traf ihn am linken Arm.

Beranor spürte keinen Schmerz als sich der Pfeil in seinen Oberarm bohrte, doch der Trefferschock lähmte ihn kurzzeitig. Zuerst wusste er nicht was passiert war, dann sah er hin und bemerkte den Pfeil. Vor Schreck schrie er auf, griff sich an den Arm. Sein Kopf ruckte herum, er fixierte die im tiefen Schatten einer Kiste lauernde Gestalt und löste die Geste für einen Kampfspruch aus, doch nun machte sich der tief im Fleisch steckende Pfeil bemerkbar, sein Angriff scheiterte kläglich, anstatt den Angreifer zu zermalmen wurde er nur weggestoßen. Er wollte nachsetzen, die Furcht um die beiden Kinder trieb in.

Es war genau dieser Gedanke der Anna das Leben rettete. Beranor war nicht zufällig ein Erzmagier geworden, er hatte unter anderem eine phantastische Fähigkeit sich blitzschnell auf neue Situation einzustellen. Er realisierte das er nur zwei Kinder retten wollte, also eines fehlte, Anna. Und sie konnte Bogenschießen. Er sah die Gestalt, die jetzt etwas mehr im Licht lag, genauer an, sah ihr blondes langes Haar schimmern. Die Erkenntnis fast ein Kind getötet zu haben traf ihn tief. Beranor ging zu ihr, kniete sich hin und half ihr halb auf. Helles Licht vom Lichtschacht viel ihr in das Gesicht, und er erkannte eine Verzweiflung die er nie vergessen würde. Sie flüsterte „Beranor, bitte, ich wollte das nicht. Ich bin einfach zu nichts nütze.“ Er drückte das hemmungslos weinende Kind mit dem rechten Arm an sich, er hätte es so gerne getröstet, doch der Schock es fast vernichtet zu haben lähmte seine Stimme.

Eine sanfte Berührung an der Schulter ließ ihn sich umblicken. Er erkannte Meri, flehendes Bitten in den Augen. „Bitte, Onkel, tue ihr nicht weh. Sie wollte das bestimmt nicht, sie wollte uns nur beschützen.“ Beranor konnte immer noch nichts sagen, Meri sprach weiter. „Ich helfe dir auch, dann tust du ihr nicht mehr weh?“ Meri berührte den Pfeil, ein Luftzug, sie stand eine Handbreit weiter entfernt, den Pfeil in der Hand. „Gut, nicht?“ lächelte sie schwach, „ich habe ihn rausteleportiert.“ Beranor war wie vom Donner gerührt. „Das ist überhaupt nicht gut, warum hast du das nur gemacht! Warum! Warum nur!“ schrie er das Mädchen an. Meri rannte vor ihm weg, zurück zum stumm dastehenden Lykos.

„Wieso?“ hörte er Anna, „sie hat dir doch nichts getan, sie hat dir nur geholfen. Schrei mich an, es ist meine Schuld.“ Anna stand auf und ging zu ihren Freunden. Beranor erhaschte noch einen Blick, so viel Resignation hatte er selten gesehen. Er barg sein Gesicht in den Händen und rief sich selbst zur Ordnung. Ihm war klar, wenn er nicht aufpasste könnten hier tiefe Wunden in die Seelen der Kinder geschlagen werden. Er sah noch einmal zu Anna, die sich um Meri kümmerte. Wunden, die nie verheilen würden. Und er? Er hatte fast ein Kind umgebracht und ein zweites würde er jetzt umbringen müssen. Meri durfte diese unheimlichen Kräfte nicht behalten, sie würden ihr genommen werden müssen. Substraktion! Welch ein Euphemismus! Er hatte das nur einmal in seinem Leben gesehen, an einer üblen Mörderin. Zwei Tage dauerte die Gehirnwäsche, eine einzige Tortur, die weit mehr als nur die Zauberkräfte zerstörte. Dabei war sie eine starke Frau mit nur mäßigen Zauberkräften gewesen, das genaue Gegenteil von Meri. Ja, Meri würde mit Sicherheit dabei zu
Grunde gehen und sterben.

Nachdem Beranor sich wieder halbwegs gefangen hatte stand er auf. Erst mal hier raus, raus aus diesem düsteren Keller, zurück an das Tageslicht. Das würde zwar seine Probleme nicht lösen, doch vielleicht erträglicher machen. „Kommt mit“ forderte er die Kinder auf, dann suchte er den Weg zurück nach oben, das ging schneller als erwartet, die Treppe rauf und durch einen Gebäudegang ins Freie, über drei Stufen ging es in den Klosterhof. Jetzt sah er sie richtig an, wie sie im Sonnenlicht standen. Lykos war noch immer seltsam stumm und teilnahmslos, Meri sah ihn mit großen Augen verschüchtert an und Anna … er wusste es nicht, so hatte ihn noch kein Kind angesehen, am meisten erinnerte sie an Trotz und Resignation.

Beranor zog sich seine Jacke aus, ihr schweres Leder hatte den Pfeil nicht stoppen aber wenigstens abbremsen können. Er blickte auf den Pfeil, irgendwie hatte er ihn wohl aufgehoben und mitgenommen. Die Spitze war aus Metall und war rund, sie hatte keine Flügel aber kleine Wiederhaken. Anhand seines Blutes konnte er sehen wie weit sie eingedrungen war, vielleicht drei Zentimeter. „Die Wunde ist nicht weiter schlimm, meine Jacke hat das meiste abgehalten“ sagte er und lächelte so gut er konnte, dann ging er zum Brunnen und setzte sich auf den Boden, den verletzten Arm tauchte er mit dem Unterarm horizontal in das Becken mit dem kalten Wasser, so als wenn er sich mit dem Ellenbogen aufstützen würde. Er versuchte nun den Oberarm und die Wunde zu spülen, was schlecht ging, da er mit einer Hand kaum Wasser schöpfen konnte. Zu seiner Verwunderung war es wieder Meri die vorsichtig herbei lief und mit beiden Händen Wasser schöpfte und an seinem Arm herablaufen ließ. „Danke, Meri. Das vorhin im Keller, das ich dich angeschrieen habe, das tut mir leid. Mir tat der Arm weh.“ „Ich hätte dich nicht so erschrecken dürfen, Onkel. Ist es so besser?“ Beranor wich ihrem Blick aus, sah lieber auf seinen Arm. „Ja, du machst das wunderbar.“ Jetzt kamen auch Lykos und Anna dazu. Anna legte ihren Rucksack ab, wühlte ein wenig in ihm herum. Niemand sagte ein Wort als sie Beranors Oberarm erst mit einer Salbe einschmierte und dann verband. Als sie fertig war lächelte Beranor sie an. „Das hast du toll gemacht, der Verband sitzt wie angegossen. Und du glaubst nichts zu können? Für mich zählt nur der gute Wille, und an dem zweifle ich nicht, im Gegenteil, so viel Verantwortungsbewusstsein habe ich noch bei keinem Kind in deinem Alter gesehen. Ich mache dir einen Vorschlag: Wir vergessen unseren kleinen Kampf einfach, ja?“ Anna nickte, doch so richtig froh wollte sie nicht werden.

Er stand auf, ruderte ein wenig mit beiden Armen, den Schmerz ließ er sich nicht anmerken. „Fein. Und jetzt erzählt mal wie ihr überhaupt hier reingekommen seid. Das hat vor euch noch niemand geschafft.“ „Lykos hat den Weg gefunden“ antwortete Meri, „mit einem Seil an dem Fahnenmast dort. Anna ist dann alleine reingeklettert und hat das Tor aufgemacht.“ „Donnerwetter, da wäre ich nie drauf gekommen“, Lykos grinste jetzt etwas spitzbübisch, „und dann so ganz alleine hier durchlaufen. Sag mal, Anna, hattest du denn keine Angst?“ Annas Stimmung stieg durch das Lob etwas an. „Doch, ich hatte Angst, aber die kann man ja überwinden.“ Offensichtlich hatte er bei dieser Antwort verdutzt geschaut, denn Lykos fing an zu lachen und Meri meinte „siehst du, Anna ist einfach toll. Bitte, nehme sie uns nicht weg.“ Beranor schüttelte den Kopf. „Nein, ich will das nicht, warum auch? Und jetzt kommt, wir haben noch einen langen Weg vor uns.“

Sie holten ihre Sachen zusammen und gingen los, zurück zum Dorf. Die Stimmung war relativ gut, Meri und Lykos hatten den Schrecken vom Kloster überwunden, zurück blieb die Erinnerung an ein echtes Abenteuer. Anna unterhielt sich viel mit Beranor, das lenkte sie nicht nur von ihren trüben Gedanken ab, es überzeugte auch das Mädchen mehr und mehr, das Beranor wirklich etwas von ihr hielt, eine Anerkennung die sie so noch nie erfahren hatte. Beranor, das war nicht irgend jemand, es war ein Erzmagier, einer der größten Autoritäten im Land. Eigentlich war er seltsam, dachten die Kinder, so ganz anders als sie ihn sich immer vorgestellt hatten, gar nicht so streng und unnahbar.

Am Abend bauten sie ihr Nachtlager auf. Lykos und Meri erklärten Anna und Beranor wie man ein unsichtbares Feuer machte, ganz Stolz darauf es einem echten Erzmagier zu erklären. „Darf ich?“ fragte Beranor, dann fing er an mit den Händen die Grube auszuheben. Lykos korrigierte ihn ein wenig, dabei wurde er ganz rot im Gesicht. Anna hatte einige Steinchen gesammelt und kleidete die Grube damit aus, dann zerbrach der Magier einige Zweige, entzündete das Feuer mit einem kleinen Feuerball und Meri stellte den Topf darauf. Meri sammelte ihren Mut, stubste den Magier vorsichtig an. „Das macht Spaß, oder?“ Beranor lächelte. „Oh ja, hätte ich nicht gedacht. Ich glaube das habe ich noch nie gemacht.“ Seine Gedanken glitten kurz ab, er horchte in sich hinein. Wirklich, eine so noch nicht erlebte Befriedigung erfüllte ihn. Natürlich kannten die Zauberer manuelle Arbeit, vor allem die Feldarbeit, doch das hier war anders. Meris Stimme holte ihn zurück. „Verstehst du jetzt warum ich Anna so mag? Sie hat es uns gezeigt.“ „Heh, die Idee mit der Grube ist von mir!“ protestierte Lykos. „Ja, aber die Idee so im Freien zu kochen ist von Anna.“ Lykos nickte. Beranor sah Anna an, sie hatte schweigend zugehört, doch ihr war der Stolz über ihre Annerkennung anzusehen. Ehe Beranor etwas sagen konnte meldete sich wieder Meri. „Was wollt ihr heute haben? Fisch?“ Lykos protestierte. „Heh, du weist genau das ich Fisch nicht mag! Kann ich wieder ein Ei haben?“ Anna zuckte mit den Schultern, Beranor ebenfalls. „Du mit deinen Eiern! Isst du nie was anderes? Na gut.“ Meri kramte in ihrem Rucksack rum, holte vier von den riesigen Eiern heraus. „Sag mal, Meri, wie machst du das eigentlich?“ fragte Anna. Meri grinste. „Das ist mein Geheimnis. Meine Mutter meint, Frauen sollten Geheimnisse haben.“ Beranor fing an zu lachen, Meri wurde etwas wütend. „Heh, Blödmann, was gibt es da zu lachen?“ Der Magier drückte Meri kurz an sich, fuhr dem Kind sanft über die Haare. „Ach, Meri, entschuldige, aber das mit den weiblichen Geheimnissen wirst du noch verstehen. Aber ein toller Trick ist das schon! Fast schon zu toll!“ Beim letzten Satz spürte er wie seine Stimmung umzuschlagen drohte, gewaltsam riss er sich von seinen Gedanken los.

In der Nacht wachte Beranor auf, und mit ungeheurer Wucht überfiel es ihn, der Zwiespalt und die Gewissensbisse wegen Meris zukünftigem Schicksal. Der Gedanke ausgerechnet sie einem solch schrecklichen Schicksal auszuliefern bereitete ihm Seelenqualen. Er stöhnte vor Verzweiflung auf, dann fing er an zu weinen. Er konnte einfach nicht mehr. Eine kleine Hand legte sich auf seine zuckende Schulter, er schaute hoch. Lass es nur nicht Meri sein! flehte er in Gedanken, dann erkannte er Anna. „Ist es der Arm?“ flüsterte sie. „Ja“ log er, „aber es geht schon wieder. Ich bin halt ein verweichlichter alter Mann. Leg dich wieder hin.“ Anna wandte sich wortlos ab. Beranor fügte rasch hinzu „danke, Anna. Es ist wirklich in Ordnung, ich hatte mich wohl im Schlaf draufgelegt.“ Als er sich wieder hinlegte merkte er wie dieses seltsame Gefühl wieder in ihm war, das er schon damals bei ihr hatte. Was war das nur? Er fing an darüber zu grübeln, das machte das Einschlafen zwar nicht leicht, aber viel leichter.

Am nächsten Morgen gab es ein etwas karges Frühstück, sie waren alle noch satt vom Vorabend. Kaum waren sie fertig als Lykos aufstand und zu Anna ging. „Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag, Anna!“ Meri kam ebenfalls. „Anna, herzlichen Glückwunsch!“ Beranor gesellte sich dazu, dann ergriff Meri das Wort. Beranor wunderte sich ein wenig, Meri strahlte wirklich etwas Würde aus, ausgerechnet die sonst so schüchterne Meri. „Anna, ich und Lykos haben ein Geschenk für dich und möchten es dir jetzt geben.“ Sie sah zu Beranor auf. „Beranor, du kannst gerne dabei sein, vielleicht auch etwas helfen.“ Lykos zog den verdutzten Beranor mit sich, nebeneinander setzten sie sich auf den Boden. Meri nahm Annas Hand, sie setzten sich dazu, jetzt waren sie alle nebeneinander, links Beranor, dann Lykos, dann Anna, rechts Meri. „Fasst euch bei den Händen und macht alle die Augen zu, es wird ein Kunststück. Nicht schummeln, ja!“ Beranor kannte das von anderen Kindergeburtstagen, durch die Kettenbildung verstärkten die Kinder ihre noch schwachen magischen Fähigkeiten und konnten so schon beeindruckendes zaubern, zumindest für ihre Verhältnisse. Er war neugierig welche Kunststücke er zu sehen bekommen würde. Zu sehen? Aber … Sein Gedankenfluss wurde abrupt beendet als eine starke magische Kraft ausbrach. Es war der reinste Orkan, unkontrolliert entfesselt brauste er über ihn hinweg. Nein! Er spürte nur die Ausläufer, das Zentrum der Gewalt lag über … über Anna! Was war hier los? Egal, er musste eingreifen oder eine Unglück würde geschehen. Der Erzmagier warf sich in den Sturm.

Doch wohin mit der Energie? Am Rand seiner vom Sturm nahezu verdeckten Wahrnehmung bemerkte er eine ordnende Kraft. Er konzentrierte sich auf diese Kraft, spürte wie sie versuchte die entfesselten Gewalten zu bändigen, doch sie war zu schwach, mehr und mehr entglitt die verbliebene Kontrolle der Urheberin, es war Meri. Beranor zögerte kurz, sollte er Meri helfen? Was wenn sie absichtlich oder unabsichtlich eine Katastrophe verursachen würde? Würde er nichts tun so würde der Orkan kollabieren, die gesamte Energie schlagartig zu Meri zurückkehren, was sie vernichten würde. Mehr unbewusst entschloss sich Beranor dem Mädchen zu vertrauen, er konnte sich nicht vorstellen das sie etwas böses vorhatte. Er vereinigte seine Zauberkräfte mit Meris und überließ sie ihrer Kontrolle. Aus dem Chaos wurde etwas geordnetes, wie ein Wasserstrom floss die Energie in Anna. Dann brach er urplötzlich ab, Meri gab Beranors Kräfte frei und alle vier verloren kurz das Bewusstsein.

Die Bewustlosigkeit dauerte nur wenige Sekunden, dann wachten sie fast gleichzeitig wieder auf. „Uhh, das war ja heftig!“ stöhnte Lykos als erster, Meri lächelte nur, stand auf und half Anna ebenfalls aufzustehen, Lykos kam dazu. Er fragte „es hat doch geklappt, oder?“ Meri nickte. „Ja, ich habe es genau so gemacht wie du mir gesagt hattest. Ich glaube aber das Beranor ordentlich geholfen hat, es war doch etwas viel.“ Anna schaute sie fragend an. „Was war denn los? Ich war kurz weg. War das euer Geschenk?“ Lykos war ganz aufgeregt. „Versuche es doch mal. Da den Ast am Boden.“ „Was, soll ich ihn aufheben?“ „Ja, aber nicht mit den Händen! Mach mal so“, er machte eine Geste mit den Armen. Anna machte die Geste so gut sie konnte nach. „Hm, ist es so gut?“ Zu ihrer grenzenlosen Überraschung flog ein kleiner Stein, der neben dem Ast lag, auf sie zu und plumpste vor ihr auf den Boden. „Was? War ich das?“ „Ja!“ schrie Meri laut auf, „Ja! Das warst du! Das ist dein Geschenk, du hast es dir doch immer so sehnlich gewünscht zaubern zu können. Jetzt hast du die Fähigkeit dazu, du musst es nur noch üben.“ Anna war sprachlos, Lykos fiel Meri ins Wort. „Das ist für immer! Meri hat dir etwas von ihrem Talent geschenkt. Ich habe bei Bibi in einem alten Buch gefunden wie das geht. Meri war begeistert, sie meinte sie hätte eher zu viel davon.“ „Oh“, staunte Anna, „es hat dich doch hoffentlich nicht zu viel gekostet?“ Meri schüttelte den Kopf. „Nein, ich gab dir die Hälfte, ich bin bestimmt immer noch gut. Allerdings solltest du jetzt keine Pfeile mehr in die Büsche schießen, so rausholen kann ich die nicht mehr.“ Spontan drückte Anna ihre Freundin an sich, sie fing an vor Freude zu weinen. Meri wurde ganz verlegen ob des Gefühlsausbruchs. „He, bedank dich bei Lykos, er hat den Weg gefunden.“ Anna ließ sie langsam los, wandte sich Lykos zu, doch sie brachte einfach kein Wort heraus.

Beranor war wie betäubt. Nur langsam wurde ihm bewusst was passiert war, das war absolut einmalig. Ein Kind hatte ihrer Freundin die Hälfte ihres Zaubertalents geschenkt. Das das überhaupt ging. Dieser Lykos hatte wohl bei der Erzzauberin Bibi was gefunden, einen Trick den er noch gar nicht kannte. Das war phantastisch! Meris Kräfte waren jetzt nicht mehr monströs, wenn sie tatsächlich die Hälfte behalten hatte würde sie aber dennoch sehr gut bleiben. Und Anna könnte jetzt ebenfalls eine tolle Zauberin werden, der für sie so ungewöhnlich heftige Gefühlsausdruck hatte gezeigt wie sehr sie immer gelitten hatte. Ihm wurde nur schwindlig bei dem Gedanken was passiert wäre wenn Anna nicht zufällig heute Geburtstag gehabt hätte, wenn er nicht geholfen hätte. Aber das war jetzt egal, Meri würde es mit ihrem jetzigen Talent nie wieder machen können. Er fing an zu lächeln und ging zu den drei Kindern. „Tolles Geschenk, freut mich sehr.“ Lykos sah ihn mit großen Augen an. „Toll, nicht wahr? Fein das du uns geholfen hast. Wenn wir im nächsten Jahr den nächsten Ausflug machen kannst du gerne mitkommen, bist ein prima Onkel. Wir würden so gerne Andariels Säule finden.“ Beranor lächelte matt. „Ach, ich bin zu alt dafür.“ Er stutzte. „Sag mal, was weist du von Andariels Säule?“ Lykos grinste. „Ich habe über sie gelesen und jetzt weiß ich das es sie gibt.“ Beranor drohte ihm lächelnd mit dem Zeigefinger. Das war vielleicht eine Bande.

Autor: Hinrich Eilts

alle Rechte liegen beim Autor

Geschrieben 2003

© 2003 by Hinrich Eilts

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