Eilts, Hinrich: Bogenbande (Teil 2) – Der Seidenrock

Bogenbande (Teil 2) – Der Seidenrock

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Namensliste:

Anna: eine Barbarin, die zaubern kann

Meri: Annas beste Freundin

Lykos: Annas bester Freund

Kira: eine verschollene Zauberin

Asalia: Annas Adoptivmutter

Bibi: Eine Erzmagierin

Beranor: Ein Erzmagier

Maskun: ein fahrender Händler

Pelon: ein Zwischenhändler in Lut Gholein

Sinsa: eine Assasine

Hospenus und Cantala: Wirt und Wirtin in Lut Gholein

Lisawa: die kleine Tochter von Hospenus und Cantala

Karon: ein Krieger

Rel-Arum: ein Assassine

Sal-Luna: eine Assassinenvorsteherin

Salcia: eine Assassine

Daskos: einer von Sinsas Kunden

Magcapis: Hauptsiedlung der Zauberer

Pratlein: eine Dorf in Land der Zauberer

Kalkana: eine Stadt im Land der Assassinen

In der Hauptsiedlung der Zauberinnen an einem schönen Sommertag
Sie standen in einer Reihe da, vierzehn junge Frauen und warteten mit klopfendem Herzen darauf das es losging. Sie standen im Abstand von etwa zwei Armspannen auf einer nur leicht erhöhten Bühne, und vor ihnen, etwa 10 Meter entfernt, saßen viele Zauberinnen in dichten Stuhlreihen. Die breite Schneise zwischen den vierzehn Frauen und den Zuschauerrinnen wurde am einen Ende von zwei mächtigen Eingangstüren begrenzt, am anderen Ende stand das Rednerpult. Das Pult war aus Kirschenholz gefertigt und trug keinerlei Verzierungen, es war auch nicht erhöht, denn hier ging es um die vierzehn Frauen, nicht um eine Rede.

Die Halle hatten außer dem zweiflügeligen Tor und einer kleinen und fast schon versteckten Tür hinter dem Rednerpult keinerlei Öffnungen in den Wänden, das Licht fiel stattdessen durch das Dach, an einem Tag wie heute wurde der Innenraum warm und hell durchströmt. Diese Halle wurde von einem gewaltigen Bau beherbergt, dem größten in der ganzen Stadt und sogar im Land. Er war sowohl von außen wie auch von innen von jener schwer zu beschreibenden Architektur die so typisch für dieses Volk war: schlicht, elegant und ästhetisch.

Zweimal im Jahr fand diese Zeremonie in den großen Siedlungen statt, je einmal für Frauen und einmal für Männer, ihr Ablauf war eines der großen Geheimnisse dieses Volkes, denn es war das Promissum.

Für Anna bedeutete dieser Tag unendlich viel, sie fühlte sich immer noch ein wenig als Außenseiter und diese Zeremonie, so hoffte sie, würde das endgültig beenden. Schade nur das Meri und Lykos nicht dabei waren, Meri war erst in zwei Jahren soweit und Lykos würde in einem Jahr seine Feier haben. Sie waren all die Jahre Freunde geblieben, doch jetzt erreichte Annas Leben einen neuen Abschnitt, der vielleicht tiefste Schnitt im Leben eines Menschen stand ihr bevor, nämlich die Kindheit zu beenden und das Elternhaus zu verlassen um entweder hier im Lande oder aber in der Fremde als Erwachsene anzufangen. Sie fühlte Wehmut in sich aufsteigen, doch sie hatte die Hoffnung das wenigstens Meri und Lykos ihr nachfolgen würden, auch wenn Lykos das nur eingeschränkt könnte.

Anna spürte an ihrer linken Seite die Hitze des Feuerbeckens, sie war ihm wohl in ihrer Grübelei etwas zu nahe gekommen. Sie hob ihren Blick auf von dem kleinen Bündel Kleidung vor ihren Füßen, ein kleines Lächeln umspielte ihren Mund als daran dachte woher es stammte, und wandte ihre Aufmerksamkeit auf das Rednerpult zu, sie hatte überhaupt nicht bemerkt wie die Rednerin es besetzt hatte, es war die Erzmagierin Bibi.

*

Etwa zur gleichen Zeit in einer der vielen kleinen Siedlungen der Zauberer
Der Händler war ein wenig enttäuscht, so schlechte Geschäfte hatte er schon lange nicht mehr gemacht, so würde er kaum die Kosten für die Reise erwirtschaften können. Dabei hatte er ein so gutes Sortiment, für jeden etwas, doch entweder waren die Menschen hier zu geizig oder zu arm. Jetzt stand er mit seinem Wagen und dem Verkaufstisch hier in dieser kleinen Siedlung in der Sonne und wartete auf den Abend, hoffentlich fände er dann ein Gasthaus mit ordentlichem Essen und Bier.

Er sah sie kommen, da kam wieder eine von diesen Frauen an, eine die nur in den Sachen rumwühlten und am Ende nichts kauften würde. Er seufzte. Nun, vielleicht könnte er wenigstens etwas mit ihr Plaudern, langsam wurde ihm langweilig. Als sie auf zwei Meter heran war erfasste er sie mit seinem geschäftsgeübten Blick. Sie war schon etwas älter, so um vierzig schätzte er, aber immer noch recht attraktiv, mittelgroß und schlank. Am meisten aber beeindruckte ihn die gepflegte Erscheinung, das erkannte er so richtig als sie den Tisch erreichte. Ihre Sachen waren zwar abgetragen und teilweise geflickt, doch alles passte gut, es war sauber und ihr langes schwarzes Haar kräuselte sich sanft im leichten Wind.

„Suchen Madame etwas bestimmtes? Ich habe noch mehr im Wagen.“ Die Frau sah ihn lächelnd an. Der Händler hatte eine gute Menschenkenntnis und erkannte sofort das da nicht viel zu holen war, aber versuchen konnte er es ja. Es gab ja sonst nichts zu tun. „Ich habe Waffen aus bestem Stahl, Rüstungen aus geschmeidigem Leder oder Ketten, Stiefel, Helme, Werkzeuge und noch mehr. Alles fast geschenkt.“ Sie schüttelte bedauernd den Kopf. „Habt ihr auch Stoffe? Ich würde mir gerne neue Kleider nähen.“ „Stoffe? Hm, leider nein, die bringen keinen richtigen Profit.“ Er seufzte, diese Frau hatte wohl wirklich kein Geld. „Hm, ich habe nur einige gebrauchte Kleider, vielleicht passt euch etwas. Ist aber nur etwas für den schmalen Geldbeutel.“ Die Frau sah ihn entschuldigend an. „Bitte zeigt es mir, ich habe nicht viel Geld. Etwas für meine Figur“, sie drehte sich elegant einmal um ihre Achse. „Wie macht ihr das nur?“ rutschte dem Händler raus. „Wie bitte?“ Er wurde etwas verlegen. „Nun, äh, so schlank zu bleiben, sie und überhaupt das ganze Volk hier, falls ich das fragen darf.“ Sie lachte. „Oh danke, das ist kein Geheimnis. Wir essen hauptsächlich Gemüse, nur wenig Fleisch und kaum Süßwaren.“ „Schade, das schmeckt mir nicht so. Aber danke für den Tipp. Wartet bitte, ich hole eben die Kiste mit den Sachen aus dem Wagen.“

Schnaufend schleppte er eine große Kiste aus seinem Wagen herbei, stellte sie auf den Verkaufstisch und klappte sie auf. „Das sind alles Sachen von eurem Volk. Ist leider nicht weiter sortiert, aber ihr könnt alles anschauen. Nur zu.“ Die Frau blickte skeptisch in die Kiste, in ihrem Inneren war ein heilloses Durcheinander. Vorsichtig fing sie an zu suchen. „Ich glaube das fast alles aus Leinen oder Baumwolle ist, das bevorzugt ihr doch, oder?“ Sie sah kurz auf. „Ja, andere Stoffe sind zu wertvoll für den Alltag.“ „Schade das ihr so arm seid, feinere Stoffe würden ihnen bestimmt gut stehen.“ „Oh, danke für das Kompliment, doch mein Mann sagt immer mir würde einfach alles stehen.“ Sie lächelte etwas. „Nun, Geld habe ich nicht viel, aber ich bin reich.“ „Wie bitte?“ Ihr Lächeln vertiefte sich. „Ja, ich habe einen guten Ehemann und eine gesunde Tochter. Was sollte ich mir mehr wünschen?“

*

Die Erzmagierin war eine große schlanke Frau mit strengem und ernstem Blick, der noch durch ihre ungewöhnliche Haartracht unterstrichen wurde, denn sie trug es nicht wie üblich lang und offen, sondern hatte es auf ihrem Hinterkopf zu einem kleinen Knoten gebunden. Doch es war allgemein bekannt das sich hinter ihrem abweisenden Äußeren ein warmherziger Mensch verbarg, sie war sie extra von der Schule im Grenzgebiet in ihre Heimatstatt hergeeilt um die Zeremonie zu leiten, denn leider war ihre Kollegin, die Erzzauberin Milasi, kurzfristig erkrankt.

„Wir haben uns heute hier versammelt um vierzehn junge Frauen aus ihrer Kindheit zu verabschieden und als vollwertige Mitglieder in unsere erwachsene Gemeinschaft der aktiven Zauberinnen aufzunehmen.“ Sie sah noch ernster als sonst zu den Frauen rüber. „Das ist nicht nur eine Feier und schon gar nicht ein Spaß, das ist hoffentlich allen klar. Habt ihr diesen Schritt einmal vollzogen so gibt es kein Zurück mehr, und ein Bruch eurer Versprechungen würde sehr ernste Konsequenzen nach sich ziehen. Daher ist das hier freiwillig, wer nicht bereit ist kann gehen, das wäre keine Schande, diejenige darf dann aber nicht außerhalb unseres Landes irgendwelche Zauber nutzen. Die vier Erzzauberer garantieren dafür, das damit keinerlei sonstige Beschränkungen oder gar Repressalien verbunden wären, ihr würdet also vollwertige Mitglieder unseres Volkes werden, aber keine aktiven Zauberinnen. Also, wer möchte kann jetzt noch gehen.“

Anna fand Bibis Worte als angenehm direkt, Pathos war nicht ihr Geschmack. Nur eines wunderte sie, wozu gab es das Promissum für Jungen, denn von männlichen Zauberern im Ausland hatte sie noch nie was gehört. Bibi sprach weiter. „Gut. Ihr werdet jetzt zuerst von eurem alten Leben, von der Kindheit, Abschied nehmen. Zieht alle eure Sachen aus und legt sie in das Feuer links von euch.“ Sie machte eine kurze Pause. „Bitte werft die Sachen nicht, denn ihr sollt nicht meinen das ihr eure Kindheit wegwerfen sollt, im Gegenteil, erinnert euch immer an sie.“ Anna zog sich ebenso wie die dreizehn anderen aus. Es kostete sie etwas Überwindung sich vor so vielen Menschen zu entblößen, doch die eigentümliche Atmosphäre und die recht große Entfernung zu den Zuschauern ließ keine unangenehme Scham aufkommen. Es war auch mehr der wieder aufkommende Trennungsschmerz der sie traf als sie ihre geliebten Sachen im Feuer auflodern und vergehen sah, sie glaubte die Freundschaft zu Meri und Lykos würden hier verbrennen.

Als sie alle fertig waren sprach Bibi weiter. „Jetzt wascht euch vollständig in den Wasserbecken rechts von euch von den Zehen bis zu den Haaren, trocknet euch mit dem Handtuch, das vor euch liegt, ab und wartet dann.“ Das Waschen dauerte etwas da sie die gesamte Zeremonie sehr ernst nahmen und sie daher gründlich vorgingen. Das Wasser war eiskalt, doch niemand ließ sich etwas anmerken. Annas Handtuch war etwas rau denn es stammte von Basilos, das Abreiben damit wärmte sie etwas auf, anschließend stellte sie sich etwas näher an ihr Feuer um gänzlich abzutrocknen und sich weiter aufzuwärmen. Doch bei alldem wandte sie sich stets den Gästen und der Erzzauberin zu um ihren Respekt zu zeigen.

*

Die Zauberin hatte bereits zwei Teile gefunden, einen blauen Rock und ein schwarzes Oberteil. Einen zweiten Satz könnte sie noch gebrauchen, Socken und Unterzeug auch, also wühlte sie weiter in der Kiste. Doch was war das, hatte der Händler beim Vorsortieren etwas durcheinander gebracht? Ihre Fingerspitzen hatten einen glatten Stoff berührt. Sie kramte neugierig danach, fand ihn wieder und zog das Teil hervor. „Das gibt es doch gar nicht!“ entfuhr es ihr überrascht. Der Händler wurde aufmerksam. „Ja, da sind auch einige wenige Teile aus Seide dabei, die sind natürlich teurer, doch weil ihr es seid verlange ich nur das doppelte.“ Die Zauberin sah ihn merkwürdig an, er fragte verunsichert „Das ist wirklich billig für diesen Stoff, glaubt mir.“ „Nein, nein, aber dieser Rock hier“, sie hielt ihn vorsichtig hoch, „er ist aus schwarzer Seide mit silberfarbener Borde. Wo habt ihr den her?“ „Hm, kann ich jetzt so aus dem Stehgreif nicht sagen, aber warum wollt ihr das wissen? Was ist so besonderes daran?“

*

Es war nur noch ihr langes Haar etwas feucht als Bibi wieder fortfuhr. „Jetzt könnt ihr euch anziehen, zum ersten mal die Kleidung einer Zauberin. Nehmt zuerst den Rock.“ Anna nahm den schwarzen Rock mit den silbernen Borden auf, schlang ihn um ihren Leib und schloss beide Knöpfe. Es war ein komisches Gefühl, er war aus Seide und dieser kostbare Stoff wurde nur für diesen ersten Rock verwendet, sie spürte ihn daher zum ersten mal auf der Haut. Er war ein Geschenk von Meris Eltern, das war einerseits nichts ungewöhnliches da es Brauch war sich diesen ersten Kleidungssatz gegenseitig zu schenken, doch in ihrem Fall war es etwas Besonderes, hatte sie doch so lange gebraucht ihre Ablehnung, ihren Ruf des schlechten Umgangs, des rohen Barbarenkindes, zu überwinden. Inzwischen waren ihre Familien tief befreundet.

„Promissum ist ein Wort aus unserer alten Sprache und bedeutet ein Versprechen. Es soll euer Versprechen sein unser Volk würdig zu vertreten. Die drei Kleidungsstücke stehen dabei für jeweils einen Teil des Versprechens. Der Rock steht für das erste Versprechen: Nie dem Neid oder der Gier zu verfallen. Wozu mehr haben wollen als man wirklich benötigt?“ Sie machte eine Pause und wartete bis alle ihren Rock fertig angelegt hatten.

„Jetzt das Oberteil. Es steht für euer zweites Versprechen: Lasst nie Hass in eure Herzen. Hass ist immer ein schlechter Ratgeber.“ Anna nahm das grüne Oberteil mit dem schwarzen Rand auf, es stammte von Lykos Eltern und war ebenfalls aus Seide. Auch bei Lykos Eltern waren die früheren Vorbehalte einer innigen Freundschaft gewichen. Anna erinnerte sich kurz daran wie Lykos Mutter damals darauf bestand ihr zu zeigen wie man das Oberteil richtig anlegt, ebenso wie der Rock handelte es ich um ein speziell zugeschnittenes Tuch, doch es richtig zu tragen war eine Kunst.

„Zuletzt die Schuhe, sie symbolisieren das dritte und letzte Versprechen: Nicht glauben, sondern wissen sollt ihr. Das soll euer Schutz vor jenen sein, die eure Kräfte missbrauchen wollen.“ Annas Schuhe waren aus weichem Leder mit einer widerstandsfähigen Sohle, dazu Socken aus Baumwolle. Alles stammte von zwei alten Freunden, Sonkon und Isilde. Sie waren beide keine Zauberer, doch mit ihren Taten in der Vergangenheit hatten sie sich die Freundschaft der Zauberer verdient, und da sie damals Anna aus dem Barbarenland hierher brachten standen sie in einer besonderen Beziehung zu ihr.

Bibi lächelte zum ersten mal. „Das war es auch schon, Zauberinnen. Irgendwelche langen Reden erspare ich uns, ich denke ihr wisst alle von selbst was richtig und was falsch ist. Falls ihr dennoch mal im Zweifel seid oder in Not geratet, materiell oder seelisch, könnt ihr euch jederzeit an mich oder einen der anderen drei Erzzauberer wenden. Ich wünsche euch Glück.“

*

„Das ist kein gewöhnlicher Rock, er wurde einmal einer jungen Zauberin zum äh …“, sie entsann sich gerade noch rechtzeitig das der Ablauf des Promissums den Händler nichts anging, „zur Volljährigkeit geschenkt.“ Der Händler staunte. „Ach so, dann ist er also besonders wertvoll?“ Die Frau schüttelte den Kopf. „Hier geht es nicht um den materiellen Wert. Versteht, keine Zauberin würde dieses Geschenk verkaufen.“ Sie betrachtete ihn genauer. „Seltsam, das scheinen Blutflecken zu sein und einer der Knöpfe ist abgerissen. Wem er wohl gehörte?“

Schade, kaum war ihm die Frau sympathisch geworden da fing sie an zu tricksen. Wollte wohl den Preis drücken, vielleicht gar indem sie ihn der Hehlerei bezichtigte. Dabei hatte er die ganze Kiste ehrlich erworben. Gut, manche Teile mochten von Verstorbenen stammen, doch war man hier so zimperlich? Er sah das sie ein kleines eingenähtes Schildchen am Saum gefunden hatte und es las. Sie wurde aschfahl. „Was ist los? Kennt ihr etwa die ehemalige Besitzerin?“ Er zog vorsichtig den Rock aus den kraftlosen Händen der Zauberin und las das Schildchen: von Filina für Kira. Die Frau fing an zu schreien. „Kira, meine Kira, was ist nur mit dir passiert?“ Aus den umgebenden Häusern rannten einige Anwohner herbei.

*

Einen Tag später, in jener kleinen Siedlung Pratlein
Die Erzmagierin blickte nachdenklich auf den schwarzen Stoff in ihren Händen und schüttelte leicht den Kopf. „Merkwürdig“ flüsterte sie unhörbar, dann sah sie wieder auf und wandte sich dem Händler zu. „Maskun, mehr weist du wirklich nicht?“ Er machte eine bedauernde Geste. „Nein, wirklich nicht. Ich hatte in Lut Gholein bei diesem Zwischenhändler, Pelon, einige Kisten mit gebrauchter Kleidung aufgekauft. Es war alles mögliche durcheinander, und da es nicht so viel Wert ist hatte ich es nur grob nach den verschiedenen Völkern vorsortiert. Dieser Seidenrock war mir dabei nicht weiter aufgefallen, versteht, einige Völker verwenden Seide viel öfters.“ Maskun sah über den Tisch hinweg seine Gastgeber an, es war die Frau vom Vortag, Cilsa, und ihr Ehemann, Relgor. Cilsa sah ihn aus ihren rotgeweinten Augen an, Relgor dagegen machte einen geradezu abwesenden Eindruck, ihn hatte der Schock am härtesten getroffen. „Es tut mir leid, mehr kann ich nicht sagen. Ich verstehe jetzt eure gestrige Reaktion, das ihr mich gewaltsam hier festgehalten habt, ehrlich gesagt wundere ich mich im nachhinein eher über die gute Behandlung. Was wollt ihr jetzt machen?“ „Ich habe die Kiste noch einmal durchsucht und nicht Besonderes mehr gefunden“ antwortete Bibi. „Natürlich werden wir der Sache nachgehen, ich werde eine Zauberin zu diesem Pelon schicken um ihn zu fragen. Ehrlich gesagt glaube ich nicht das etwas Schlimmes dahintersteckt, ich kann mir nicht vorstellen das eine Zauberin ihren seidenen Rock trägt während sie kämpft. Vermutlich wurde Kira der Rock nur gestohlen und der Dieb hat ihn verhunzt.“ Der Händler nickte. „Ja, das wäre tatsächlich möglich. Bei den Amazonen stehlen die Männer manchmal Kleidungsstücke ihrer Angebeteten und tropfen ihr eigenes Blut darauf weil sie glauben so ihr Herz gewinnen zu können. Vielleicht hat jemand versucht das zu kopieren?“

Bibi und Cilsa standen auf und brachten Maskun zur Tür. „Danke das ihr versucht habt Relgor ein wenig zu beruhigen“ verabschiedete Cilsa ihn. „Ihr könnt gerne auf eurem Rückweg wieder vorbeisehen, dann lade ich euch zu einem unserer Gerichte ein. Ihr werdet sehen, es schmeckt euch bestimmt.“ Maskun nahm ihre Hand und drückte sie sanft. „Vielleicht mache ich das. Glaubt mir, eure Tochter lebt noch.“ Er öffnete die Tür, drehte sich noch einmal um. „Die Kiste lasse ich euch hier, natürlich geschenkt.“

Als sie alleine waren versprach Bibi „wie gesagt, ich werde eine Zauberin losschicken, sie soll Kira finden. Sonst glaubt ihr ja doch nicht das alles in Ordnung ist.“ Sie klopfte dem immer noch teilnahmslosen Relgor aufmunternd auf die Schulter. „Du wirst schon sehen. Ich weiß auch schon wen ich losschicken werde.“ Relgor reagierte endlich wieder. „Ja? Wen denn?“ „Sie hat zwar gerade erst das Promissum abgelegt, doch sie kann deine Kira bestimmt besser finden als alle anderen Zauberinnen. Vertrau mir.“

*

Am Tag darauf, wieder in der Hauptsiedlung Magcapis
„Ist das nicht zu gefährlich, mein Kind? So ganz alleine in diese fremde Stadt? Und dann noch dieser Auftrag, wer weiß was hinter dieser Sache steckt?“ Anna sah Asalia an. „Ach Mutter, das schaffe ich schon. Wenn die Erzmagierin mich darum bittet, dann kann ich doch nicht „Nein“ sagen. Ich finde es auch wirklich eine Ehre und einen schönen Auftrag. Ich werde diese Kira finden!“ Sie machte eine kurze nachdenkliche Pause. „Ich hoffe ich werde sie wohlbehalten finden, doch auch wenn sie im Kampf gestorben sein sollte, so möchte ich das ihren Eltern sagen können. Diese Ungewissheit muss doch unerträglich für sie sein.“ Asalia nickte stumm, dann sagte sie „ach, Kind, aus dir spricht das Ideal der Jugend. Ich verstehe ja das du weg musst. Aber bitte pass aus dich auf.“ Anna schüttelte den Kopf. „Habe keine Angst, Mutter. Ich bin jetzt erwachsen und kann gut auf mich achten, und diesen Pelon zu fragen sollte kein Problem sein.“

*

Zur gleichen Zeit, einige Wegstunden von Pratlein entfernt
Maskun war auf dem Weg von jener Siedlung zu einer anderen als er plötzlich die Gestalt am Wegesrand erblickte. Wie aus dem Boden gewachsen war sie aufgetaucht und winkte ihm zu. Viel war aus der Entfernung nicht zu erkennen, zumal die Gestalt ein langes schwarzes Oberteil trug und trotz der Sommerwärme die Kapuze hochgezogen hatte, vielleicht um die Haut vor allzu intensiver Sonnenstrahlung zu schützen. Er hielt seinen Wagen neben ihr an. „Kann ich euch helfen? Wollt ihr ein Stückchen mitfahren?“ Die Gestalt warf ihre Kapuze in den Nacken und zu Maskuns Überraschung blickte ihn eine Frau an. Sie hatte ein rundes Gesicht mit kurzen braunen Haaren, ihr Ausdruck war beherrscht und etwas asketisch, was gut zu ihrem großen hageren Körper passte. Ihr Alter war kaum abschätzbar, sie machte weder einen jungen noch einen alten Eindruck. „Das ist doch mit Sicherheit keine Zauberin“, schoss es dem Händler durch den Kopf, „sie sieht ganz anders aus.“ „Könntet ihr mich mitnehmen? Einfach bis zum nächsten Dorf?“ antwortete sie mit kühler aber nicht unangenehmer Stimme. Maskun hielt ihr als Antwort die Hand hin und half ihr hoch auf den Wagen. Nebeneinander auf dem Kutschbock sitzend ging die Fahrt weiter.

„Was treibt denn euch so in diese Gegend?“ fragte Maskun. „Ach, ich reise gerne und möchte andere Völker und Länder kennen lernen. Nun wollte ich mir die schöne Gegend hier ansehen, doch ich habe mir vorhin etwas den Knöchel vertreten, daher möchte ich ihn lieber etwas schonen.“ Sie lachte. „Dann fahre ich halt mit euch, das gefällt mir. Und was fahrt ihr hier herum? Ein Zauberer scheint ihr mir nicht zu sein.“ „Ich bin ein Händler für alles mögliche.“ „Wirklich? Ihr seid einer von denen die in den Städten wie Lut Gholein größere Mengen einkaufen um sie dann hier auf dem Land zu verkaufen? Das stelle ich mir schön vor.“ Maskun zuckte mit den Schultern. „Ja, ich war erst vor kurzem in Lut Gholein, doch die hiesige Bevölkerung kauft kaum. Zuerst dachte ich es wäre Geiz oder blanke Armut, doch langsam glaube ich die haben kaum Bedarf. Wie heißt du eigentlich? Ich bin Maskun.“ „Oh, entschuldige, ich war unhöflich. Ich bin Sinsa.“ Sie verschränkte ihre Arme hinter dem Kopf und lehnte sich langgestreckt zurück. „Ja, ja, die leben hier von der Luft und der Liebe. Warum auch nicht? Liebe macht schließlich Spaß, oder?“ Maskun schaute zur Seite, sah sie so halb sitzend, halb liegend. Die Frau trug eine relativ eng anliegende graue Hose und darüber dieses merkwürdige schwarze Oberteil, das ihr im Stehen bis zu den Knien reichte, es war eine Mischung zwischen Hemd und Mantel. Sie krempelte die Ärmel hoch und knöpfte es über der Brust auf. Der leichte Wind blies ihr in den Mantel, Maskun konnte so recht deutlich ihre nackten Brüste erkennen. Sinsa drehte plötzlich ihren Kopf ihm zu und lächelte verführerisch. „Schöne Aussicht, nicht wahr?“

Sie fuhren eine Weile weiter, Sinsa ließ sich den warmen Sommerwind weiter über die Haut streichen, sie seufzte wohlig, öffnete ihre Kleidung noch weiter. „Ich hoffe es stört euch nicht, aber mir ist so furchtbar warm.“ „Hm, nein, nur wenn ihr so weitermacht kann ich bald für nichts mehr garantieren.“ Sie lachte hell. „Dem kann ich abhelfen. Wie wäre es mit einem kleinen Abstecher? Ich hätte wirklich Lust, verstehst du?“ Maskun glaubte sich verhört zu haben, sollte das wirklich eine Einladung ein? Wollte diese Frau wirklich mit ihm schlafen? „Nicht so schüchtern, starker Mann. Ich mag etwas beleibte Männer, die sind so schön weich. Außerdem haben die mich noch nie enttäuscht.“ „Wollte ihr wirklich?“ Sinsa lachte wieder. „Aber sicher. Wozu lebt man den sonst? Komm schon, da vorne sehe ich ein kleines Wäldchen, schön abseits von der Straße.“ Sie lehnte sich an ihn, flüsterte mit erotischer Stimme in sein Ohr. „Da hört uns niemand, dort bringe ich dich zum schreien.“

Das ließ sich Maskun nicht zweimal sagen. Er bog nach einigen Metern vom Weg ab und fuhr querfeldein zu dem Wäldchen. „Noch etwas weiter, es fließt ein Bach hier lang, dort mache ich mich noch etwas frisch für dich.“ Er fuhr zwischen den Bäumen hindurch bis sie das leise Gluckern eines Bachs hörten. Sinsa sprang geschmeidig vom Kutschbock und rannte zum Wasser, dort zog sie sich das Oberteil über den Kopf und fing an mit nacktem Oberkörper im Wasser zu plantschen. „Uhh, ist das kalt, ist das herrlich. Komm schon, so erfrischt macht es gleich mehr Spaß.“ Kaltes Wasser war nicht gerade Maskuns Sache, doch so kurz vor dem Ziel wollte er die Frau nicht verärgern. Auch er zog sich sein Hemd aus, warf es nach hinten in den Wagen, kletterte etwas schwerfällig herab und ging zu Sinsa. Er kniete sich an den Bach, schöpfte mit beiden Händen Wasser, trank erst einen Schluck, dann spritzte er sich die nächste Ladung ins Gesicht. Sinsa kniete sich neben ihn, er spürte eine Berührung am Hals und plötzlich wurde ihm schwarz vor Augen.

*

Anna war auf ihr Zimmer im ersten Stock gegangen um die Sachen für ihre Reise zusammen zu suchen. Sie hatte mit Bibi vereinbart nicht offen als Zauberin aufzutreten, sondern sich als Kriegerin zu auszugeben. Zuerst war sie gekrängt darüber, berührte das doch eine ihrer wunden Punkte, doch schließlich hatte sie sich den Argumenten gebeugt. Wenn jener Rock tatsächlich gestohlen war, dann würde sie als Zauberin nur auf Schweigen und Leugnen treffen, einer Kriegerin gegenüber würde man weniger verschlossen sein, auch wäre ein möglicher Dieb nicht gleich vorgewarnt. Das war auch der eigentliche Grund warum Bibi Anna ausgewählt hatte, denn sie war mit ihren blonden Haaren und dem relativ großen und kräftigen Körper geeignet diese Rolle zu spielen, schließlich war sie eine gebürtige Barbarin.

Anna öffnete die Truhe mit den vielen Geschenken von Sonkon, Isilde und auch Basilos. Sie wählte einen dunkelblauen Amazonenrock, der ihr halb bis zu den Knien reichte, dazu ein weinrotes kurzärmliges Oberteil der Barbaren und schwarze Lederstiefel mit kurzem Schaft von den Paladinen. Sie betrachtete sich im Spiegel, band noch ihr langes Haar zu einem Zopf zusammen. Als Rüstung nahm sie das Kettenhemd das ihr mal Basilos geschenkt hatte, es musste ihm ein Vermögen gekostet haben, so kam es endlich zu Ehren. Leicht und geschmeidig legte es sich um den Leib, die vielen tausend Ringe aus denen es zusammengesetzt war raschelten leicht wenn sie sich bewegte. Es würde leichte Waffen, wie Pfeile oder Messer, abwehren, gegen Schwerter und Äxte wäre es dagegen leider machtlos, doch Anna war als Frau nicht stark genug um zum Beispiel die Vollmetallrüstung eines Paladins tragen zu können. Außerdem war es egal, denn ihr kam es hauptsächlich auf das Aussehen an, schließlich zog sie nicht in den Kampf. Als Bewaffnung wählte sie ein Kurzschwert, das sie sich mit einem breiten schwarzen Gürtel umschnallte, an ihm waren außerdem zahlreiche Taschen befestigt. Zum Abschluss hing sie sich noch ihren Bogen, es war inzwischen ein richtiger Amazonenbogen für Erwachsene, und einen Köcher mit Pfeilen um. Ein letzter Blick in den Spiegel zeigte ihr eine durchaus stattliche Kriegerin. Anna grinste sich etwas verlegen selbst an, dann nahm sie den Beutel mit den anderen Reisesachen, öffnete die Zimmertüre und stieg die Treppe hinunter zum Ausgang.

An der Haustüre wartete Asalia auf sie. Anna wäre am liebsten einfach weitergegangen, sie wollte ihrer Mutter den Abschiedsschmerz ersparen so gut sie konnte. Doch Asalia hielt sie am Arm fest. „Kind …,“ sie schüttelte den Kopf und lächelte, „nein, du bist jetzt erwachsen, Anna, ich habe noch etwas für dich. Hier, sonst hast du ja nichts auf deinem Kopf.“ Asalia setzte ihr vorsichtig einen Reif auf. „Das ist kein einfaches Schmuckstück, auch wenn er so aussieht. Das ist einer von den Reifen wie ihn Amazonen und Zauberinnen tragen, er ist mit Magie versehen und bietet daher einen guten Schutz.“ Ihr Lächeln vertiefte sich. „Jetzt siehst du fast wie eine Amazone aus, mit dem Bogen, nur etwas kräftiger. Die Kleider stehen dir auch gut. Das ist eine tolle Tarnung für eine Zauberin. Bitte, pass auf dich auf!“ Anna schwieg kurz, dann sagte sie etwas brüchig. „Es ist Alinas Reif, nicht wahr? Ich … ich weiß nicht ob ich würdig bin, meine große Schwester werde ich nie erreichen.“ Asalia schüttelte den Kopf. „Es ist der Reif den ihr einst Parlok schenkte, doch er soll nicht verstauben und du wirst … ihn gut verwenden … und …“ Sie konnte nicht mehr. Anna nahm ihre Mutter in ihre Arme, drückte sie fast schon schmerzhaft fest an sich. „Ich komme wieder, keine Sorge.“ Dann ließ sie sie vorsichtig los, öffnete die Haustür und ging. Asalia schloss die Tür hinter ihr, dann wurden ihr die Knie weich und sie rutschte langsam an der Wand neben der Tür zu Boden. Zkrasch … zkrasch … zkrasch … hörte sie noch wie der Kies unter Annas Schuhen knirschte, immer entfernter und leiser werdend.

*

Die Kälte des Wassers in seinem Gesicht weckte Maskun wieder auf. Er schlug die Augen auf und erkannte das er auf dem Bauch lag und sein Kopf unmittelbar über dem Bach war. Er wollte den Kopf drehen, doch etwas hielt ihn an den Haaren fest, er wollte sich auf den Armen aufstützen, doch die schienen hinter seinem Rücken gefesselt zu sein. Umdrehen konnte er sich auch nicht, denn etwas lastete auf seinem Rücken. „Na, wieder wach, mein Lieber?“ klang Sinsas Stimme von dort auf, doch da war nichts erotisches mehr, nur noch nüchterne Kälte. „So, jetzt wirst du mir ein Paar Fragen beantworten. Rufen und Rumschreien kannst du dir sparen, hier hört dich niemand und es würde mich nur verärgern.“ „Elende Hure, rutsch mir doch den Buckel runter, du …“ seine Stimme wurde vom Wasser erstickt, Sinsa hatte seinen Kopf tief in den Bach gedrückt. Sie wartete etwas, dann nahm sie einen von Maskuns Fingern in die Hand, es war der rechte Mittelfinger, und knickte in mit einem leisen Knacken nach hinten um. Maskun fing an wild zu zucken, doch er konnte nichts ausrichten, die Frau hielt ihn eisern fest, immer noch den Kopf unter Wasser gedrückt. Sie renkte seinen Finger wieder ein und endlich ließ sie ihn wieder auftauchen, der Händler spuckte Wasser, schnappte keuchend nach Luft, Luft die ihm zum Schreien fehlte. „Du solltest mich nicht provozieren. Höre mir jetzt ruhig zu wenn ich frage, dann antworte und versuche nicht mich anzulügen. Ich würde das merken und dann müsste ich dir richtig weh tun. Also?“ Maskun nickte so gut er konnte. „Ja, ja, was willst du denn von mir? Ich kenne weder Geheimnisse noch habe ich Geld, nur den Wagen, seine Ladung und einige Münzen. Was willst du?“ „Du hast in Lut Gholein von einem Zwischenhändler einige Kisten mit gebrauchter Kleidung gekauft. Wo sind die?“ „Im Wagen, bis auf eine. Sag mal, schicken dich etwa die Leute hier? Wegen diesem blöden Rock? Ich habe doch schon alles gesagt.“ Sinsa schlug im ihr Knie in den Rücken. „Ach, du hast schon alles gesagt? Über einen schwarzen Rock aus Seide mit silberfarbener Borde? Du hast ihn schon verkauft?“ „Ja, verdammt. Eine der Zauberinnen hatte ihn gefunden, ich hatte dann einigen Ärger, sogar eine von den Erzmagierinnen, sie hieß Bibi, tauchte auf. Den Rock haben sie behalten. Ich sagte ihnen das ich ihn von Pelon aus Lut Gholein habe, mehr konnte ich nicht sagen.“ „Schade. Das ist dumm. Was haben die denn gesagt über den Rock? Wollen sie deshalb irgendwas unternehmen?“ „Sie glauben nicht das er einfach so verkauft wurde sondern das da mehr dahinter steckt. Deshalb wollen wie eine Zauberin losschicken, erst mal um diesen Pelon zu fragen.“ „Aha. Welche Zauberin soll das machen?“ „Ich weiß es nicht, ich bin gegangen bevor sie Einzelheiten besprachen.“ Sinsa suchte sich den nächsten Finger. „Nein, bitte lass das. Ich weiß wirklich nicht mehr. Warum sollte ich dich anlügen, das alles geht mich doch nichts an.“ „Ja, das stimmt. Ich glaube dir sogar.“ antwortete die Frau gedehnt. „Weißt du sonst noch was darüber?“ „Nein, wirklich nicht. Wenn du mich jetzt freilässt werde ich den Mund halten. In Ordnung?“ „Ach, das ist nicht nötig. Es geht auch so.“ Sie tauchte wieder seinen Kopf unter Wasser, dann stach sie ihm eine lange dünne Nadel von der linken Achselhöhle aus in sein Herz.

*

Vier Tage später gegen Mittag an jenem Bach
Beranor sah sich den Toten an. „Ihr habt ihn genau so gefunden und nichts verändert?“ fragte er. „Ja. Mir waren die Radspuren und die Hufabdrücke aufgefallen, denn um diese Jahreszeit fährt hier kaum ein Fuhrwerk lang. Ich bin ihnen gefolgt, und dann fand ich den Wagen und die Leiche. Und, huh, nein, die habe ich nicht angefasst, viel zu gruselig. Ich habe nur die Pferde ausgespannt, die armen Tiere haben den Wagen durch die Gegend schleifen müssen um am Fluss zu trinken und um grasen zu können.“ Beranor nickte. „Das ist schon in Ordnung. Ich erwarte jetzt den Heiler Morbanor um die Leiche zu untersuchen, das wirst du kaum ansehen wollen. Wenn du gehen möchtest, könnest du dann bitte die Pferde mitnehmen und vorerst versorgen?“ Der Mann nickte, nahm die Pferde an ihrer Zügel und ging, Beranor wartete alleine.

Zu Beranors Verwunderung kamen etwas später drei Personen angelaufen: der erwartete Heiler Morbanor, zusammen mit Meri und Lykos. Morbanor fragte nicht lange, er ging gleich zu dem Toten und sah ihn sich an. Der Mann lag auf seinem Bauch, einen Arm unter sich begraben, einen Arm neben sich, den Kopf zur Seite gedreht. Während Morbanor dem Toten das Hemd auszog und mit der Untersuchung anfing, wandte Lykos sich an den Erzmagier, Meri dagegen war in etwas Abstand stehen geblieben. „Das ist Maskun, nicht wahr? Der Händler mit dem Rock, weswegen Anna losgeschickt wurde?“ Beranor nickte schwer. „Ja, das ist er. Ehrlich gesagt passt es mir nicht das ihr hier seid, Meri ist erst 17, noch ein halbes Kind, und auch du mit 18 bist noch reichlich jung für so etwas. Was wollt ihr also?“ „Du kannst fragen. Glaubst du etwa das hier ist ein Zufall? Wenn Anna in Gefahr ist können wir nicht wegbleiben.“ Beranor seufzte und sprach den Heiler an. „Nun, könnt ihr schon etwas sagen, Morbanor? Woran ist Maskun gestorben?“ Morbanor hatte ihm inzwischen den Rücken abgesucht, umgedreht und fing gerade an den Oberkörper abzusuchen. „Bis jetzt habe ich keine Wunde gefunden, auch keine Würgemale oder ähnliches, keinerlei Spur von Gewalt. Sieht nach einem natürlichen Tod aus, Herzversagen vermutlich. Ich muss aber noch den Rest ansehen.“

Nach einer halben Stunde war Morbanor fertig mit der Untersuchung. „Nichts. Das einzig besondere ist ein ausgerenkter Mittelfinger an der rechten Hand. Er muss da drauf gefallen sein, der Arm lag ja auch unter seinem Körper.“ Er bemerkte wie Lykos zum Bach blickte und lachte trocken auf. „Oh, ertrunken ist er nicht, seine Brust klingt normal hohl beim Abklopfen.“ Lykos grinste etwas verlegen, doch der Heiler wurde wieder ernst. „Na ja, hast schon recht, bei Mord wäre alles möglich. Deshalb … nun, so ganz kann ich mir den Finger nicht erklären. Schaut her“, er ging zu dem Toten und hob dessen rechte Hand hoch, „um das Fingergelenk hat sich ein recht großer Bluterguss gebildet. Doch wenn man an Herzversagen stirbt, dann sollte er klein sein, da der Blutdruck fehlt. Vielleicht liege ich aber falsch, solche Toten sind recht selten bei uns. Vielleicht wurde er erst bewusstlos und starb später, ich weis es nicht mit Sicherheit.“ Lykos bückte sich, sah sich den Finger genauer an, dann den Boden. Schließlich schüttelte er den Kopf. „Nein, irgendwas stimmt nicht. Wenn man so fällt das man sich dabei den Finger ausrenkt,“ er drückte demonstrativ seinen rechten Mittelfinger gestreckt auf den Boden, „dann bohrt er sich etwas in die Erde, und die ist hier am Bach weich und feucht. Doch sein Fingernagel ist völlig sauber, nicht ein Sandkorn drunter.“ Morbanor zog die Augenbraunen hoch. „Oh. Ja, du hast recht.“ Beranor wurde sehr ernst. „Na gut, Heiler, dann mache seine Brust auf und schaue nach woran er gestorben ist.“ „Was? Ich soll einen Toten so entehren? Das geht nicht!“ „Quatsch, der ist tot. Jetzt mach schon. Verdammt! Wenn Maskun ermordet wurde, dann …“, er drehte sich zu Lykos um, „und ihr, woher wisst ihr das mit Anna überhaupt? Wer konnte da nicht die Klappe halten? Verdammt, ihre Tarnung, verstehst du denn nicht?“ Lykos hob entschuldigend die Arme. „Als Asalia von Maskuns Tod hörte, da hat sie uns um Hilfe gebeten. Die arme Frau macht sich furchtbare Sorgen um ihre Tochter! Doch außer uns dreien, dir und Bibi weiß niemand Bescheid.“ Er blickte auf den Heiler. „Nun, er jetzt auch.“ „Du hältst den Mund, klar! Und jetzt mach endlich!“ motzte Beranor den Heiler an, dann gingen er und Lykos zu Meri, die die ganze Zeit über stumm zugehört hatte, zu dritt entfernten sie sich weiter. „Entschuldigt, doch auch mir geht das nahe“ murmelte Beranor. Meri nickte. „Schon in Ordnung, wir wissen das du Anna magst. Sie mag ja auch dich, manchmal sprach sie sogar von dir wie über einen Vater.“

„Ich habe es gefunden“ strahlte der Heiler, „Maskun ist an Herzversagen gestorben,“, er wartete kurz, grinste, „aber da hat jemand nachgeholfen indem er von der Seite her hineinstach. Die Wunde ist unter der linken Achsel versteckt, ist sehr klein und wurde vermutlich sorgfältig gereinigt. Danach wurde sie noch mit etwas gefärbtem Talg verschlossen und die Umgebung mit hautfarbenem Puder bedeckt. Saubere Arbeit, muss ich sagen.“ Beranor seufzte. „Ach Bibi, warum Anna? Naja, das konntest du nicht wissen.“ Er wandte sich Lykos und Meri zu. „Was nun? Maskun wusste das wir eine Zauberin zu Pelon in Lut Gholein schicken werden, mehr nicht, so hat es mir Bibi gesagt bevor sie zur Schule zurück musste. Anna ist also noch sicher, doch ich fürchte sie wird in ein Wespennest stechen wenn sie bei diesem Pelon aufkreuzt und ihn ausfragt. Jemand muss sie warnen.“ Beranor überlegte kurz. „Mir ist es jetzt egal ob das verpönt ist oder nicht, ich werde ein Portal nach Magcapis öffnen, so kommen wir schneller voran. Dort werde ich einen kleinen Trupp Zauberinnen zusammenstellen und sie nach Lut Gholein schicken. Bis morgen Früh sollte das klappen. Lykos, Meri, ihr könnt mit mir kommen.“ Er schwenkte die Arme, fauchend öffnete sich ein Portal und er schritt hindurch.

Meri sah Lykos an, beide sagten kein Wort, beide dachten dasselbe. Morgen Früh, das könnte zu spät sein, Anna war eine sportliche Frau, sie würde wahrscheinlich bereits in Lut Gholein angekommen sein. Meri schwenkte ebenfalls die Arme und öffnete ein zweites Portal, sie sprangen beide hindurch.

*

Am Abend davor in Lut Gholein
Anna erreichte Lut Gholein gegen Abend. Sie hatte sich beeilt um noch am Nachmittag die Stadt zu erreichen, doch die Entfernung war doch größer als geschätzt gewesen, so schaffte sie es nicht mehr vor der Schließung des Marktes anzukommen. Es dauerte ein wenig bis sich ihr Hunger über die Enttäuschung, wollte sie doch ihren Auftrag so schnell und gut wie möglich erfüllen, hinweg bemerkbar machte, dann suchte sie einen Gasthaus in den Gassen der Innenstadt, das war gar nicht so einfach. Am liebsten wäre sie in eines der ruhigen Gasthäuser gegangen, doch das passte ihrer Meinung nach nicht zu einer Kriegerin, vor allem aber fürchtete sie dort eine Zauberin anzutreffen die sie kannte, das würde ihre Tarnung gefährden. Manchmal kam sie an lärmenden Kneipen vorbei, die hätten zwar gepasst, doch ihr ekelte es zu sehr darin zu essen und gar zu schlafen. Endlich fand sie etwas das ihr zusagte, zwar hatte es keine Betten, doch es sah passabel aus. Sie ging hinein.

Im Inneren war es recht schummrig, es lag dichter Qualm in der Luft der unangenehm in der Nase stach, vor allem ihr als Nichtraucherin. Es war noch früh am Abend, der Raum war vielleicht halbvoll, so steuerte sie geradewegs auf einen freien Tisch zu, sie wollte etwas leichtes essen und danach eine Unterkunft suchen. Doch sie kam nicht weit, ein kräftiger Mann stellte sich ihr in den Weg. „Hallo, wen haben wir den da? Na, Begleitung gefällig?“ Anna wollte ihn beiseite schieben, doch der Kerl wurde zudringlich. „Heh, Mädchen, kannst mich doch nicht einfach so wegschieben wollen. Komm schon, Kleine, zeig mir was du in der Wäsche hast, dann zeige ich dir wie es richtig gemacht wird.“ Er zog Anna an sich und wollte ihr unter den Rock greifen, doch sie rammte ihm ihr Knie in den Unterleib. Er ging aufstöhnend halb zu Boden, sie löste sich von ihm und ging weiter zum Tisch.

„Findest das wohl lustig, was?“ kam er hinterher. Er zog ein Messer. „Na warte, mein Früchtchen, dafür wirst du später bluten. Dir werde ich zeigen was ein Mann ist und danach schlitze ich dich auf! Du …“ Eine Hand legte sich auf seine Schulter und drehte ihn um. „Ich glaube du hast zuviel getrunken. Lass die Fremde in Frieden, klar?“ Anna konnte nicht gut erkennen wer sich einmischte, denn der Kerl stand dazwischen. Er wirbelte herum und wollte das Messer in den Hinzugekommenen rammen, doch der wich ihm spielend aus, packte den Arm und mit einer fließenden Bewegung landete der Angreifer auf dem Boden und hatte seinerseits ein Messer am Hals. „Reicht das?“ Der Wirt kam dazu. „Na, Borog, mal wieder zuviel gesoffen? Du gehst jetzt, aber sofort! Und lass dich so schnell nicht mehr hier blicken, du Schwein! Ich habe alles gesehen, wenn du Ärger machst hole ich die Wachen und du landest in irgend einem Loch. Habe ich mich klar genug für deinen versoffenen Hohlschädel ausgedrückt? Raus!“ Er packte zusammen mit dem anderen Mann Borog an je einem Arm und warf ihn grob zur Tür raus. Dann kam er wieder, zerknirscht bat er Anna um Entschuldigung. „Bitte entschuldigt, ich habe etwas spät gemerkt was wirklich los ist. Darf ich euch als kleine Wiedergutmachung einladen? Was möchtet ihr?“ Anna wusste nicht wie sie reagieren sollte. Unsicher blickte sie erst den Wirt an, dann den Fremden der ihr geholfen hatte. Er war groß, schlank und kräftig, hatte mittellange braune Haare, und aus seinem rauen aber nicht grobem Gesicht sahen zwei dunkle Augen sie merkwürdig verblüfft an. Sie lächelte schüchtern. „Danke, Fremder. Kannst dich gerne zu mir setzen.“ Er lächelte zurück. „Gerne.“ Er setzte sich Anna gegenüber an den kleinen Tisch. Der Wirt lachte. „Ha, schön das ihr nicht nachtragend seit. Karon, du bist natürlich auch eingeladen.“ Er breitete die Arme aus. „Also, was darf es sein?“

Anna sah Karon an. „Hm, kannst du mir helfen? Ich kenne mich nicht so aus in dieser Gegend. Was würdet ihr mir empfehlen?“ Karon nickte. „Für mich Wein, für sie Bier. Dazu frisches Wasser. Zu essen Braten und geröstetes Fladenbrot.“ Der Wirt nickte. „Äh, habt ihr auch Gemüse?“ fragte Anna leise. „Gemüse?“, der Wirt kratzte sich verlegen am Kopf. „Das will sonst niemand hier. Doch ich schau mal, vielleicht kann ich Möhren und Erbsen vom Gasthaus um die Ecke holen lassen, da verkehren diese Zauberinnen, die essen das viel.“ Er wieselte davon.

„Danke für deine Hilfe, Karon. Ich hätte den Kerl nicht so angreifen dürfen.“ sagte Anna. Karon sah Anna jetzt genauer an. „Nein, sie haben vollkommen richtig gehandelt. Borog ist einfach ein versoffener Grapscher, den Tritt hat er verdient gehabt. Macht euch da mal keine Sorgen, er wird euch schon nichts tun, denn er ist viel zu feige.“ „Warum redest du so komisch? Bin ich etwas besonderes? Du kannst mich ruhig normal ansprechen.“ Er stutze kurz. „Ach so. Ja, äh, nein. Also ehrlich, du verwirrst mich. Außerdem bist du doch keine einfache Barbarin oder Amazone.“ „Wieso nicht? Ich trage doch Waffen.“ „Ja, das stimmt schon, hast dich ja auch wie eine Kriegerin gewehrt. Doch deine Kleider sind relativ edel, das Kettenhemd ist vom feinsten. Und dein Gesicht ist auch recht zart, äh…“, er wurde etwas rot. Anna lächelte. „Oh, danke für das Kompliment.“

Der Wirt brachte die Getränke. Anna war vom weiten Weg recht durstig und trank das Glas in einem Zug leer. „Uh, ist das aber bitter. Kann ich noch eines haben?“ Es folgte das Essen, der Wirt hatte tatsächlich Erbsen auftreiben können, so langte Anna ordentlich zu, doch ihr stieg der Alkohol zu Kopf und machte sie noch müder als sie durch den anstrengenden Marsch ohnehin bereits war, denn sie kannte bis zu dem Zeitpunkt kein Bier, sondern lediglich etwas Wein. Nach einer Stunde konnte sie sich kaum noch wach halten, Karon merkte das. Er fragte den Wirt ob er ausnahmsweise ein Zimmer hätte, und da er immer noch Schuld verspürte stimmte er zu. „Aber keine Dummheiten, ja?“ Karon nickte. Er brachte Anna in das Zimmer, zog ihr das Kettenhemd über den Kopf und legte es sorgfältig gefaltet auf einen Stuhl, Anna selbst lies alles teilnahmslos geschehen. Danach legte er sie auf das Bett, zog ihr Schuhe und Socken aus und nahm ihr den Haarreif ab. Verwundert sah er ihn an, im Gastraum war er ihm in der rauchigen Luft nicht weiter aufgefallen, doch jetzt staunte er über das Schmuckstück. Dann zögerte er, sah Anna an, die inzwischen ruhig eingeschlafen war. Einer solchen Frau war er noch nie so nahe gewesen. Wer war sie nur? Eine Häuptlingstochter, die auf Abenteuerurlaub war? Er riss sich aus seinen Gedanken, holte eine Decke aus dem Schrank und breitete sie vorsichtig über Anna aus, dann ging er leise aus dem Zimmer.

Am nächsten Vormittag
„Mh, hm“, Anna wälzte sich wieder auf die andere Seite, doch immer wieder störten irgendwelche Geräusche beim Versuch wieder einzuschlafen. Seufzend wälzte sie sich auf den Rücken und öffnete die Augen. Es war schon hell. Jemand schien die Treppe hinunter zu rennen, plötzlich anzuhalten und gedämpfte Schimpfworte drangen durch die Türe. „Lisawa, mach doch keinen solchen Lärm, wir haben einen Gast!“ Wer war das? Diese Stimme hatte Anna schon einmal gehört, aber … „Diese blöden Gäste, seit wann haben wir welche? Etwa diese komische Fremde von der du erzählt hast? Die kann mich mal!“ erklang eine Mädchenstimme, dann polterte sie weiter die Treppe runter. Langsam erinnerte Anna sich wieder, an den Auftrag, an die Gaststätte, an das Bier das sie mit dem Fremden getrunken hatte. Deshalb ging es ihr so schlecht. Sie schlug die Bettdecke zurück und ging vorsichtig zum Fenster. Das helle Tageslicht schmerzte ihr in den Augen als sie den Vorhang zurückzog, tastend suchte sie den Griff und riss das Fenster auf. Ah, endlich frische Luft! Zwar nicht kalt, aber besser als im Zimmer. Es klopfte leise an der Türe. Offensichtlich hatte man bemerkt das sie aufgestanden war, vielleicht wegen der manchmal quietschenden Bodenbretter oder weil Zugluft durch die Türritze pfiff. Anna ging zur Türe und öffnete sie.

„Ah, guten Morgen, meine Dame, ich bin Cantala.“ Draußen stand eine etwa fünfunddreißigjährige Frau mit einem kleinen und einem großen Krug in beiden Händen, neben ihr ein kleines Mädchen mit einem Handtuch und einem Tablett auf dem ein Glas, Seife und einige Fläschchen standen. „Na, wer bist den du?“ fragte Anna das Kind. „Ich bin Lisawa. Ich mag dich nicht!“ Anna ging in die Hocke. „Heh, warum denn das? Sehe ich denn so böse aus?“ „Nein, aber das ist mein Zimmer!“ „Oh. Achso. Keine Angst, du hast es gleich zurück.“ „Entschuldigen sie bitte mein Kind, es ist manchmal etwas vorlaut und frech. Ich bringe ihnen Wasser zum trinken und zum waschen.“ „Ach, das ist schon in Ordnung, ich hätte mir auch nicht gerne mein Zimmer nehmen lassen.“ Anna nahm die beiden Krüge in die Hände. „Lisawa, bringst du mir bitte das Tablett in dein Bad?“, sie zwinkerte dem Kind zu, „dann bin ich auch schneller hier weg.“ „Na gut.“

Als sie wieder alleine war trank Anna zuerst einige Gläser Wasser, dann zog sie sich aus. Das Waschen war recht unkompliziert, da der Boden im Bad aus Stein gefertigt war mit einem Ablauf in der Mitte. Als sie fertig war nahm sie den großen Krug, er war noch zu zwei Dritteln voll, hob ihn über den Kopf und ließ langsam das kalte Wasser über Kopf und Schulter den Körper herablaufen. Der Kälteschock war nicht gerade angenehm, eher atemraubend, doch danach fühlte Anna sich endlich wieder frisch und munter. Sie trocknete sich ab und zog ihre Sachen wieder an. Die Fläschchen mit den Parfümen rührte sie nicht an, damit kannte sie sich nicht aus.
Der Wirtsraum war um diese Zeit leer, auf einem der Tische stand ein Frühstück für Anna bereit. Ihre Augen strahlten als sie sah wie viel Mühe sich ihre Gastgeber gaben, mit Genuss aß sie die Äpfel. Der Wirt Hospenus gesellte sich noch dazu und sie unterhielten sich ein wenig, Anna erzählte das sie lange im Land der Zauberer gelebt hätte, das erklärte ihm endlich warum sie so gar nicht in das übliche Kriegerinnen-Schema passte.

„Kann ich ein Stück haben?“ fragte überraschend jemand. Anna sah zur Seite und erkannte Lisawa. „Ein Stück vom Apfel? Na klar.“ Anna nahm einen und brach ihn mit den Händen in zwei Teile, die eine Hälfte gab sie dem Kind, die andere behielt sie. „Du bist aber stark, das kann ich nicht.“ „Wenn du größer bist wirst du das auch können, so schwer ist es nicht.“ Lisawa lächelte und sauste davon. „Ist etwas nicht in Ordnung, Hospenus? Du seht plötzlich so mitgenommen aus.“ Der Wirt zögerte, dann überwand er sich. „Lisawa wird nie groß werden, sie hat die Fatigarsion. Weist du was das ist?“ „Ja, das sind Parasiten im Darm, die den Körper langsam aber sicher bis zum Tod schwächen. Lisawa hat die? Ich kann es nicht glauben.“ Hospenus nickte schwer. „Sie hat sie. So ein, vielleicht zwei, Jahre wird sie noch leben. Es sei denn …, nun, du sagtest du kennt die Zauberinnen. Könntest du sie bitten, ihr zu helfen? Ich habe es schon versucht, aber vergeblich. Dabei wäre es so einfach, sie bräuchten nur einen Trank aus Kräutern zu verzaubern, mehr nicht.“

Anna lehnte sich zurück. „Es ist verboten, die Zauberinnen dürfen keine Heilzauber bei Fremden anwenden.“ „Warum? Sind wir ihnen nicht gut genug? Warum sind sie so kaltherzig?“ „Nein, ich glaube du kennst sie nicht gut genug, sonst würdest du das nicht so sagen.“ Anna nahm Hospenus Hand. „Ich verspreche dir, das ich mich darum kümmern werde, ich werde schon einen Weg finden.“ Sie ließ ihn wieder los. „Dafür könnest du mir sagen wie ich zu einem gewissen Pelon finde.“

„Pelon? Von dem habe ich schon einiges gehört, aber nicht viel gutes. Was willst du denn von ihm?“ antwortete Hospenus abweisend. „Das kann ich nicht sagen.“ erwiderte Anna darauf hin. „Es gefällt mir nicht das du mit Pelon etwas zu tun hast, und ich möchte nicht in irgendwelche dunklen Geschäfte reingezogen werden.“ „Keine Sorge, das habe ich auch nicht vor, ich mache keine dunklen Geschäfte. Ich soll ihn nur aufsuchen, warum darf ich nicht verraten.“ „Na gut“, Hospenus lächelte versöhnlich, „du machst auf mich auch nicht den Eindruck einer Verbrecherin. Pelon befindet sich meistens in seinem Haus außerhalb der Stadt. Gehe zum Marktplatz, dann folgt von dort dem Weg nach Osten. Wenn er die Stadt verlässt könnt ihr in etwa einem Kilometer Entfernung ein zweistöckiges gelbes Haus sehen, das einsam in der Wüste steht. Darin wohnt Pelon.“ Anna bedankte sich, stand auf und wollte zahlen, doch der Wirt lehnte ab. „Dein Versprechen ist Lohn genug. Ich hoffe und glaube das du es einhältst, wenn nicht würde mir das Geld auch keine Freude machen.“ Sie nickte. „Ist schon in Ordnung.“

*

zur gleichen Zeit in Pelons Haus
Sinsa dachte über die bisherigen Ereignisse nach. Sie ärgerte sich über ihren Geschäftspartner, aus purer Schlamperei hatte er diesen dämlichen Rock an Maskun verkauft. Nun, wenigstens hatte er es gemerkt und ihr Bescheid gesagt, damit sie seinen Fehler ausbügeln sollte. Pech nur, das der Rock schon gefunden worden war, jetzt musste sie alle Spuren verwischen. Maskun war bereits erledigt, vermutlich würde niemand den Mord entdecken. Blieb noch Pelon. Die Zauberinnen wollten jemand vorbei schicken, das könnte gefährlich werden, wer weis ob Pelon dicht hielt? Doch auch ihn an Herzversagen sterben zu lassen wäre zu unglaubwürdig. Ihn spurlos verschwinden lassen? Nicht so gut, die Stadtverwaltung und vor allem diese Zauberinnen würden alles umkrempeln. Ihn ganz offen ermorden? Natürlich würde sie die Schuld jemand anders zuschieben. Am besten der Zauberin, die hier aufkreuzen würde. Eine Zauberin ermordet Pelon, sie selbst stirbt dabei an den Folgen des Kampfes mit ihm. Dieser Gedanke gefiel Sinsa, das war nach ihrem Geschmack. Das war perfekt! Pelon war weg, die Behörden hätten eine Erklärung und, besser noch, diese Zauberinnen würden es nicht wagen weiter rumzuschnüffeln. Die einzige Schwierigkeit war, das Zauberinnen mit Elementarangriffen vorgehen, und die konnte sie nicht nachmachen. Nun, da würde ihr schon noch etwas einfallen. Sinsa beschloss zunächst abzuwarten und den Zugang zum Haus zu beobachten.

*

Anna erreichte Pelons Haus am frühen Nachmittag. Sie war nicht direkt zu ihm gegangen, da sie sich zuerst ein wenig auf dem Markt der Stadt über ihn erkundigt hatte, doch viel war dabei nicht herausgekommen. Pelon hatte auch dort einen recht schlechten Ruf. Sie war dann dem Weg nach Osten bis außerhalb der Stadt gefolgt, wie Hospenus gesagt hatte, bis ein gelbes Gebäude in Sicht kam. Nun stand sie vor dem verschlossenen Eingang zu dem zweistöckigen Haus. Sie klopfte an.

Hastige Schritte erklangen und die Tür ging auf. Zu Annas Überraschung war es eine große schlanke Frau, dabei hatten auf dem Markt einige gesagt, Pelon sei ledig und habe mit Frauen auch nicht allzuviel im Sinn. „Hallo“, sagte die Frau. „was möchtest du?“ „Ich bin Anna, und ich möchte gerne Pelon sprechen. Ist er da?“ „Pelon ist kurz weg, doch komm nur rein, drinnen wartet es sich besser. Ich bin übrigens Sinsa.“ Anna ging in das Haus und folgte Sinsa die Treppe hinauf in das Wohnzimmer. „Pelon hat mir gar nichts von dir erzählt, um was geht es denn? Wo kommst du eigentlich her?“ „Ich wollte Pelon nur etwas fragen, mehr nicht. Ich weiß nicht ob es ihm recht wäre wenn ich darüber erzähle.“ „Pelon und ich sind schon lange gute Geschäftspartner, vielleicht kann ich dir helfen.“ Anna schüttelte den Kopf. Es gefiel ihr überhaupt nicht, so ausgefragt zu werden.

Nach einigen weiteren vergeblichen Versuchen stand Sinsa auf. „Ich hole uns eben etwas zu trinken. Bleibe nur sitzen.“ Sie ging scheinbar an Annas Sessel vorbei, doch blitzschnell ruckte ihr linker Arm vor und drückte Annas Halsschlagader ab, sie war sofort bewustlos.

Anna erwachte in einem trüben Licht, es war außerdem viel kühler als im Wohnzimmer. Zuerst merkte sie das sie auf einer Pritsche lag und ihre Hände in einer Eisenfessel lagen, von der eine dünne Kette zur Decke verlief. Sie stand zögernd auf, der Boden war eiskalt. Jemand hatte ihr alles bis auf den Rock und das Oberteil abgenommen, seltsamerweise auch die Socken und Schuhe. Anna sah sich um. Der Raum war eine kleine Zelle mit drei Steinwänden. Die vierte Wand wurde durch ein Gitter gebildet, durch das der Gang zu sehen war. Auf der anderen Gangseite war eine zweite Zelle, die der ersten glich. Als einzige Lichtquelle diente ein künstliches Licht im Gang, es war ein Gaslicht. In dessen trübem Schein konnte Anna nicht viele weitere Details erkennen, doch es handelte sich eindeutig um eine Zelle für Menschen, denn neben der Pritsche war noch eine Toilette im Raum.

Sie wusste nicht wie viel Zeit vergangen war, als irgendwo eine Türe oder Luke geöffnet wurde und dann hörte sie wie jemand eine Leiter hinabstieg. Sinsa tauchte auf dem Gang auf. „Was soll das hier?“ protestierte Anna, „lass mich sofort wieder raus.“ Sinsa drehte eine Trommel, mit ihr zog sie die Kette stramm, die von der Eisenfessel zur Decke, dort über eine Rolle an der Decke entlang und über eine zweite Rolle herab zu der Trommel verlief. Anna wurde so zum aufstehen gezwungen, schließlich stand sie mit hochgereckten Armen in der Zelle. Jetzt öffnete Sinsa das Gitter.

„Geht es so? Ich hoffe es ist nicht zu stramm, das würde dann unangenehm werden. Weißt du, mir ist das hier recht unangenehm, alleine der Gedanke anderen Menschen Schmerzen zu bereiten gefällt mir nicht. Dabei ist das hier so einfach, wir sind hier außerhalb der Stadt in einem geheimen Keller unterhalb des eigentlichen Hauskellers. Es gibt keine Fenster, nur winzige Luftschächte und eine kleine Luke. Du kannst also ganz beruhigt sein, niemand hört es wenn du jetzt meine Fragen beantwortest. Es wird alles unter uns bleiben, garantiert.“

„Was soll das heißen, soll das eine Drohung sein?“ „Aber nicht doch, ich drohe niemandem.“ Sinsa lächelte. „Nein, vielleicht gibt es ein Missverständnis zwischen uns, das soll vorkommen. Hilf mir einfach es auszuräumen. Weißt du, wir habe eine Zauberin erwartet, Pelon und ich. Und dann tauchst du auf. Also, was willst du?“ „Pelon ist hier?“ „Ja, aber nur keine Ungeduld, er läuft dir nicht davon. Nun?“ „Hör mal, Sinsa, vielleicht ist das ja wirklich ein Missverständnis. Ich bin nur hier um Pelon etwas zu fragen, und er wird nicht wollen das das unnötig verbreitet wird. Also mach mich los und ich vergesse diesen Zwischenfall hier.“ Sinsa schüttelte den Kopf und holte ein Butterbrot hervor. „Ich mag Schinken, du auch?“ Sie fing an zu essen. „Nein, so geht das leider nicht. Stell dir einfach vor, ich wäre Pelons Sekretärin.“ Anna schwieg. Seufzend stopfte Sinsa sich den letzten Bissen in den Mund, dann blickte sie sich suchend um. „Irgendwie ist mir das Brotpapier runtergefallen. Zu dumm, wegen der Ratten, die sind auf Schinken geradezu versessen, so richtig gierig werden die da.“ „Es liegt auf dem Boden, vor meinen Füßen.“ Sinsa ignorierte Annas Hinweis und sah auf ihre Hände. „Wenn ich jetzt die Einrichtung im Wohnzimmer anfasse riecht die nach Schinken. Ich bin einfach zu dumm.“ Sie sah Anna entschuldigend an. „Ach, du hast doch nichts dagegen?“, sie strich ihre Hände an Annas Oberteil ab. „Verzeihung, wenn ich dich dabei unsittlich berührt habe, aber ich bin ja eine Frau.“ Sie schaute nachdenklich. „Ich muss jetzt weg, aber komme bald wieder, keine Ahnung wie lange es dauert. So im stehen ist es sicherer, Ratten können zwar mit ihren scharfen Krallen klettern, aber es dauert etwas bis sie die Beine hoch sind. Falls welche kommen. Ich mein ja nur.“ Sinsa drehte sich um, schloss das Gitter und ging. Das Licht machte sie aus und es wurde vollkommen dunkel.

Es war still im Keller, Anna konnte nur ihre eigenen ängstlichen Atemzüge hören. Sie hatte Angst, furchtbare Angst. Sie wusste das Sinsa nicht gelogen hatte, das Ratten in Kellern keine Seltenheit waren und Nahrung sie anlockte. Sie versuchte mit ihren Zehen das verräterische Brotpapier zu erreichen, doch die Fessel war zu kurz, sie konnte es nicht ertasten, egal wie sehr sie sich streckte. Allmählich wurden durch die undurchdringliche Dunkelheit ihre Sinne geschärft. Roch es da nicht ganz leicht? Sie senkte ihren Kopf auf die Brust und schnüffelte. Oh nein, jetzt war es ganz deutlich, ihr Oberteil roch nach Schinken. Sie hielt den Atem an um besser lauschen zu können. Nichts. Einige hastige Atemzüge, dann wieder lauschen. War da nicht ein kaum wahrnehmbares Rascheln gewesen? Sie wagte kaum noch zu atmen. Da, wieder! Diesmal war sie sich sicher, sie war hier nicht alleine. Das mussten Ratten sein, aber wo?

Sie schrie vor Schreck auf. Etwas hatte sie an den Beinen berührt! Da wieder, es war pelzig! Panisch zog Anna die Beine an, hing jetzt an den Armen, schmerzhaft drückte die Fessel in die Handgelenke. Es dauerte nicht lange und sie hielt es nicht mehr aus, streckte wieder die Beine um sich abzustützen. Wieder diese Berührung! Anna riss die Beine wieder hoch. Können Ratten springen? Wie hoch? Sie stellte sich vor wie die Ratten an ihr hochkletterten, sie würden ihre Krallen in die Haut bohren um so zu dem geliebten Schinken zu gelangen. Ratten fressen Holz und anderes wenn sie wo hin wollen. Dann würden sie ihre spitzen Zähne in den Stoff und die darunter liegenden Brüste bohren, Blut fließen. Anna wurde immer panischer. Das Blut würde an ihr herabfließen, noch mehr Ratten anlocken, von dem Blutgeruch zur Raserei getrieben. „Nein! Nein!“ Sie zerrte wie wahnsinnig an ihrer Fessel, wollte wieder die Beine hochziehen, doch sie konnte es nicht mehr.

Mit einem dumpfen Poltern öffnete sich die Luke, das Licht ging an und Sinsa tauchte wieder auf. „Ach, ich vergaß zu sagen das es hier unten keine Ratten gibt, dafür aber zwei Katzen. Ich hoffe das war nicht weiter wichtig.“ Sie sah die vor Angst und Terror zitternde Anna an. „Wie wäre es jetzt mit einem vernünftigen Gespräch?“

Anna erzählte ihr alles über den Rock was sie wusste. „Aha, dann haben sie also statt einer Zauberin dich geschickt, das dachte ich mir schon als du hier aufgekreuzt bist. Du bist doch eine Barbarin und keine Zauberin, oder?“ Anna nickte. „Na schön, mein Mädchen,“ sagte Sinsa, „ich werde darüber nachdenken. Solange kannst du dich gerne ausruhen.“ Sie ging wieder auf den Gang, entspannte die Kette so weit das Anna sich wieder auf die Pritsche legen konnte, löschte das Licht und ging nach oben.

*

wenige Stunden zuvor in der Wüste vor Lut Gholein
Die Mittagshitze der Wüste vor den Toren der Stadt traf sie wie ein Hammer. „Mensch, ist das heiß hier“ meinte Meri, Lykos beschwerte sich bei ihr. „Warum hast du es nicht in die Stadt gelegt? Jetzt kann ich hier durch die Wüste rennen.“ „Weil ich gezielt Portale nur zu Orten hin öffnen kann, die ich kenne, Lut Gholein kenne ich aber noch nicht. Daher konnte ich es nur grob platzieren. Oder möchtest du in irgendeinem Haus rauskommen und die halbe Stadt darauf aufmerksam machen?“ „Tschuldigung, war nicht so gemeint, ist toll von dir das du überhaupt Portale erzeugen kannst.“ Meri lächelte etwas. „Verrate es bitte nicht, es soll unser kleines Geheimnis bleiben. Und jetzt komm endlich.“ Sie schloss das Portal, dann liefen sie los. Meri wäre gerne bis an die Stadt teleportiert, doch dann wäre Lykos zurückgeblieben.

Sie brauchten etwa eine Stunde bis zu Stadt. Die Hitze hatte beiden viel Kraft gekostet, doch die Sorge um ihre Freundin trieb sie weiter. Lykos übernahm die Führung, er eilte zum Marktplatz und fragte dort an einem Stand nach dem Händler Pelon. „Pelon? Nein, der hat hier kein Geschäft, der ist doch ein Zwischenhändler. Wenn ihr etwas von ihm wollt, dann müsst ihr zu seinem Haus gehen. Das liegt etwas abseits knapp außerhalb der Stadt.“ Der Händler kniff die Augen zusammen, sah Meri kritisch an. „Hm, ihr seid ja fast noch Kinder, du siehst fast wie eine kleine Zauberin aus. Was wollt ihr denn ausgerechnet von Pelon, diesem Halsabschneider?“ Lykos winkte ab. „Das lasse mal unsere Sache sein. Kannst du uns bitte den Weg näher beschreiben?“ „Na schön, aber so ganz sauber ist der Bursche nicht. Ich habe euch nur gewarnt.“ Der Händler beschrieb ihnen den Weg, Lykos bedankte sich, dann liefen sie weiter nach Osten.

Am Nachmittag kam das gelbe Haus in Sicht. Es stand in einer kleinen Ebene am Fuß einer kleinen Felskante, die hinter dem Haus steil etwa zehn Meter in die Höhe lief, und um das Haus herum lagen einige größere Felsblöcke. Vorsichtig näherten sie sich dem Gebäude im Sichtschutz der Felsen. „Und jetzt?“, fragte Meri, „sollen wir hingehen und Pelon fragen ob Anna schon da war?“ Lykos grinste Meri an. „Klar, vielleicht auch noch ob er sie schon umgebracht hat?“ Meri schmollte ein wenig. „Pff, unser Schlauberger. Also, ich werde hingehen und du wartest hier. Wenn mir was passiert, dann holst du Hilfe. Klar?“ „Willst du wirklich einfach so fragen? Das ist doch unsinnig und gefährlich.“ Meri zuckte mit den Schultern. „Wieso? Ich glaube ich würde es merken wenn dieser Pelon mich anlügt. Und wenn er mich angreifen sollte, dann teleportiere ich einfach weg. Notfalls kannst du immer noch Hilfe holen.“ Lykos wollte erneut etwas einwenden, doch Meri ging einfach los. „Dickköpfige Weiber“ grummelte er leise. Hoffentlich hatte sie das nicht gehört.

Meri ging ganz offen über den Weg zum Hauseingang. Er war fest verschlossen. Sie klopfte, niemand meldete sich. Kurz entschlossen ging sie einmal um das Haus herum, doch es gab nur noch einen Kellereingang der ebenfalls verschlossen war. Sie lief zurück zu Lykos. „Alles zu und verlassen. Was nun?“ „Keine Ahnung, wir könnten hier warten, doch was wenn sie schon im Haus ist und in Schwierigkeiten steckt?“ „Soll ich reinteleportieren und nachsehen?“ fragte Meri. Lykos sah sie an, schüttelte den Kopf, grinste und stubste ihre Nase leicht. „Ach Meri, jetzt bist du hier herum ganz blass geworden.“ Er wurde wieder ernst. „Nein, lass das mal bleiben, wir steigen durch eines der Kellerfenster ein und sehen uns um.“ „Das ist doch Einbruch, oder?“ „Ja, aber nur wenn wir erwischt werden.“ „Den Spruch hast du von Anna, nicht wahr?“ Lykos zuckte mit den Schultern, dann schlich er sich an das Haus heran, Meri folgte ihm.

Lykos brauchte nicht lange zu suchen, denn Meri konnte durch das Fenster hindurch den Riegel sehen und ihn daher leicht per Telekinese öffnen. Vorsichtig klappten sie das Fenster auf und schlüpften in den Keller. Sie fingen an ihn systematisch abzusuchen, so groß war das Haus nicht das es länger dauern würde. In den Räumen fanden sie allerlei Güter, hauptsächlich Weine und Pökelfleisch, doch keine Spur von Anna. Sie wollten schon die Treppe hochgehen um im Erdgeschoss weiter zu suchen, als Meri plötzlich die Hand hob. Sie hatte hinter einen Vorhang gesehen, der den kleinen Raum unterhalb der Treppe verdeckte. „Warte, hier ist eine Bodenluke unter der Treppe.“ Lykos sah sie sich an. „Vielleicht eine geheime Kammer für Schmugglergut? Dieser Pelon soll doch irgendwelche krummen Geschäfte machen. Das würde auch die abgelegene Lage vom Haus erklären. Aber warum ist sie verriegelt?“ Vorsichtig zog er den Riegel zurück und öffnete die Luke. Im Lichtschein der Öffnung war gerade noch eine Leiter zu erkennen, mehr nicht. Vorsichtig stiegen beide hinab. „Verdammt dunkel hier unten“ flüsterte Meri. „Meri? Bist du das etwa?“ kam eine leise Stimme zurück. „Hrmpf!“ Lykos hatte sicherheitshalber Meris Mund zugehalten, er kannte sie ja. Er nahm seine Hand weg und antwortete leise. „Wir sind es, Lykos und Meri. Wo bist du?“ „Hier, hinten rechts in einer Zelle. Es gibt hier unten Gaslicht, es muss ein Hahn oder ähnliches da sein. Aber seit vorsichtig, hier muss irgendwo eine gefährliche Frau im Haus sein, die hat mich überrumpelt.“ Meri ging tastend den Gang lang, Lykos suchte nach dem Hahn. Er drehte ihn etwas auf, und einige schwach glimmende Lichter gingen an. Er machte sie noch heller, aber nur etwas um nicht zu auffällig zu sein, dann ging er zu Meri, die inzwischen das Gangende erreicht hatte und durch ein Gitter starrte.

Lykos sah jetzt ebenfalls Anna. Sie stand in einer kleinen Zelle, ihre Hände waren in Eisenfesseln gelegt, von denen eine Kette zur Decke lief. „Auch wenn ihr hier nichts zu suchen habt, schön euch zu sehen. Ich kann diese Fesseln nicht losbekommen, auch nicht mit Zaubern. Ich wollte einfach rausteleportieren, aber ich schaffe es nicht, bin wohl zu schlecht.“ Sie streckte ihnen die Fessel entgegen. „Kannst du mir helfen, Meri?“ Meri konzentrierte sich, dann schüttelte sie den Kopf. „Nein, es liegt nicht an dir. Das Metall ist magisch aufgeladen und verhindert, das du überhaupt zaubern kannst. Warte.“ Sie teleportierte auf die andere Seite vom Gitter, untersuchte die Fessel, nahm ihre Haarspange und brach dessen Verschlussbügel ab. Mit ihm fing sie dann an im Schloss herumzustochern. „Wer hätte gedacht das wir das Schlösserknacken mal brauchen? Hättest mal hören müssen was mein Vater sagte als er erfuhr das du es uns beigebracht hattest.“ Knackend ging das Schloss auf. Anna nahm spontan Meri in die Arme. „Danke, ich hatte solche Angst. Solche Angst.“ Sie fing an zu weinen.

Nachdem sie sich wieder etwas gefasst hatte teleportierte Anna zusammen mit Meri wieder auf den Gang. Dort nahm sie auch Lykos kurz in die Arme. Oder umgekehrt, denn hier waren die Größenverhältnisse anders herrum. „Sieht doch keiner, da brauchen wir uns nicht zu schämen.“ „Ich sehe euch schon“ protestierte Meri leise. Schließlich ließ Lykos los, Anna ging in die offene Zelle gegenüber wo ihre Sachen lagen. Dabei erzählte sie ihren Freunden kurz was passiert war, und Lykos berichtete ihr über den Mord an Maskun.

Sie kletterten die Leiter hoch. Doch oben angekommen hielt Anna Lykos am Arm fest. „Wir können nicht einfach abhauen, wir müssen diese Sinsa erwischen.“ „Warum? Wir holen einige Wachen und der Spuk ist vorbei.“ Anna schüttelte den Kopf. „Wenn die Frau merkt das Wachen kommen, und die kommen bestimmt unübersehbar angewalzt, dann wird sie abhauen. Die ist viel zu geschickt um sich in diesem unübersichtlichen Gelände erwischen zu lassen. Und wenn das passiert, dann wird sie alle Beweise vernichten. Und es wäre mein Fehler gewesen der sie tötete.“ „Häh? Das sie entkommen könnte glaube ich auch, denn es ist draußen bald dunkel. Aber den Rest verstehe ich nicht. Wen sollte sie töten?“ fragte Lykos. „Kira. Diese Zelle war eindeutig für Menschen gebaut. Pelon und diese Frau haben Menschen entführt und damit gehandelt, Lösegelder und so. Ich glaube das Kira noch lebt, denn warum sollte sie umgebracht werden, das macht keinen Sinn, und diese Frau hier, die ist eiskalt, die macht nichts ohne Sinn. Wenn es ihr aber zu riskant wird, wenn sie fürchtet das wir sie und Kira finden könnten, dann wird sie einfach alle Beweise vernichten.“ Lykos nickte. „Da ist was dran. Na gut, schnappen wir sie uns, zu dritt sollte das kein Problem sein. Wir müssen nur aufpassen das sie uns nicht entwischt.“

Anna schlich die Treppe zum Erdgeschoss hoch, Meri folgte ihr, Lykos bildete den Abschluss. „Wir waren im ersten Stock, dort ist das Wohnzimmer“ flüsterte sie und ging leise weiter nach oben. Im ersten Stock mündete die Treppe in einen breiten, fast schon dielenartigen Gang, an dessen Ende das Wohnzimmer lag. Die Türe war verschlossen, sie schlichen auf ihren weichen Lederschuhen auf sie zu.

Der Angriff kam vollkommen überraschend von der Seite durch eine offene Türe. Sinsa hatte zwar die Eindringlinge erst bemerkt als sie die Treppe hinaufgingen, doch das reichte ihr um sich in einem Nebenzimmer auf die Lauer zu legen. Anna sah noch eine schattenhafte Bewegung und drehte sich halb hin, dann traf sie ein harter Tritt am rechten Rippenbogen. Er trieb ihr die Luft aus der Brust und sie flog krachend gegen die Wand, das Kurzschwert rutschte klirrend über den Boden.

„So“, sagte Sinsa, „und jetzt zu euch beiden. Sie wollte Meri mit einem Messer niederstechen, doch Lykos erwachte in demselben Moment aus seiner Schreckstarre und warf sich dazwischen. Er konnte den Arm zur Seite ablenken. Die Angreiferin tänzelte geschickt um Lykos herum, löste sich etwas von ihm und trat zu. Lykos flog wie ein Blatt im Wind durch die Luft und knallte gegen die Wohnzimmertür, die zerbarst. Zusammen mit den Bruchstücken der Türe landete er im Raum. Das sah recht spektakulär aus, doch im Effekt war das weicher als Annas Aufprall gewesen.

Endlich überwand auch Meri ihre Überraschung. Sie besann sich auf ihre Kräfte und schleuderte der Frau, die jetzt auf sie zustürmte, eine Frostkugel entgegen, dann teleportierte sie sich weg, hinein in das Wohnzimmer. Sinsa schrie verärgert auf, damit hatte sie nicht gerechnet, doch wirklich beeindrucken konnte es sie nicht, denn sie hatte sich ursprünglich auf eine Zauberin eingestellt und trug noch immer die dafür passende Ausrüstung am Leib. Nur das jetzt ausgerechnet dieser Floh sich als die größte Gefahr herausstellte, das war schon überraschend gewesen. Und sie war stark, stärker als alle Erwachsenen die sie bisher kennengelernt hatte. Sinsa rannte in das Zimmer und prompt in den nächsten Eisschauer, Meri war wieder wegteleportiert. „Ach so ist das, mein Früchtchen. Mal sehen ob du so auch deinen Freund retten kannst.“ Sie zog dem immer noch regungslosen Lykos das Messer über den Arm, schnitt eine kleine Wunde. Sinsa wollte ihn nicht ernsthaft verletzen, denn sie könnte seine Leiche nicht wegschaffen, er wäre zu schwer für sie. Bei Meri würde das kein Problem werden, und Anna sollte ja ohnehin die Rolle der toten Mörderin übernehmen.

Lykos Schmerzensschrei lies Meri alle Vorsicht vergessen. Sie teleportierte direkt neben beide und griff mit Nova an, doch gerade davor hatte Sinsa sich perfekt geschützt. Sie trat brutal zu, Meri flog durch den Raum gegen das Fenster, klirrend zerbrachen die Scheiben, sie konnte sich gerade noch am Rahmen festhalten um nicht abzustürzen. Die Angreiferin eilte zu ihr, zog sie rein, trat ihr in die Seite. Wimmernd wälzte Meri sich am Boden, Sinsa trat noch einmal zu, zog wieder ihr Messer. „Feierabend, mein Kind!“

In dem Augenblick passierten zwei Dinge gleichzeitig. Den Gang entlang stürmte ein Krieger heran und im Zimmer brach eine ungeahnte Gewalt sich Bahn. Sinsa wurde umgerissen und verlor ihr Messer, die Druckwelle wirbelte sie und Meri zusammen über den Boden bis sie an die Wand unter dem zerbrochenen Fenster brandete und die Hauswand erschütterte. Die Steinwand hielt stand, doch das Gebäude bebte. Die Frau rappelte sich auf und merkte das ihr die Dinge zu entgleiten drohten, erst dieser unbekannte Angriff und jetzt kam auch noch ein Krieger dazu und sie hatte ihr Messer verloren. Das wurde ihr zu riskant, sie sprang wie eine Katze aus dem Fenster und rannte davon.

Karon bot sich ein Blick der Verwüstung. Er hatte Anna geholfen in das Wohnzimmer zu gehen. Oder besser gesagt was von ihm noch übrig war. Die rechte Zimmerhälfte, vom starr dastehenden Lykos bis zur Außenwand, war total zertrümmert, teilweise waren die Möbel sogar zerfetzt und zermahlen. „Was war das denn?“ staunte er. Lykos überwand seine Starre, er ging zu der unter einigen Trümmerteilen liegenden Meri. Vorsichtig hob er die Teile auf, sie waren nicht weiter schwer. Sie öffnete die Augen, wollte aufstehen, doch es ging noch nicht. „Aua, mir tut alles weh. Diese Furie hat mich getreten, doch ich glaube es ist nichts ernsthaftes passiert.“ Lykos kniete sich neben Meri. Sie richtete ihren Oberkörper auf, blieb aber noch sitzen. Staunend bemerkte sie die Verwüstung, Sorge mischte sich in ihren Blick. „Sag mal, Lykos, das warst doch nicht etwa du?“ Er nickte. „Doch, das war ich. Es tut mir leid, doch sie hat dich getreten als du schon wehrlos warst. Sie hat dich getreten und getreten, ich konnte es einfach nicht ertragen. Sie wollte dich erstechen, da habe ich die Beherrschung verloren. Es tut mir leid.“ Sein Kopf sackte ihm auf die Brust, leise flüsterte er:
„Wenn sie uns kreuzigen,
unsere Kinder töten,
unsere Frauen verbrennen,
wir lassen es geschehen.“
„Wenn rauskommt das ich hier eine Destruktions-Walze gezaubert habe, dann bin ich geliefert.“

„Wieso denn?“ fragte Karon. Das war doch saubere Arbeit, du hast mit dieser Walze, wie auch immer die heißt, die beiden nur gestreift, so wie das Zimmer jetzt aussieht wäre deine Freundin sonst tot. Und wenn du nichts getan hättest, dann wären wir jetzt wohl alle tot, denn das war wahrscheinlich eine Assassine, ich kenne dieses Volk. Die hätte mich locker umgebracht, glaube mir, nur du hast sie vertrieben. Du hättest sie gerne plattmachen dürfen, schade das sie zu nahe bei deiner Freundin war. Was hättest du also besser machen sollten?“ Er erntete nur Schweigen, bis Anna sagte „das kannst du nicht verstehen. Doch wenn du meinst das Lykos auch dich gerettet hat, dann schweige für immer darüber was du hier gesehen hast. Ich bitte dich darum.“ Karos sah sie fragend an, dann zuckte er mit den Schultern.

Anna stellte kurz Karon vor, dann untersuchen sie alle gegenseitig ihre Verletzungen. Anna war hart gegen die Wand geprallt, ihr brummte noch immer der Schädel, dazu ein großer blauer Fleck über dem rechten Rippenbogen, doch die Rippen selbst waren intakt. Lykos hatte ebenfalls eine ordentliche Prellung und eine kleine Schnittwunde. Am meisten hatte Meri abbekommen, einige Flecken und mehrere zum Glück leichte Schnittwunden erinnerten an die Tritte und das Fenster. Anna glaubte, das es ihr nicht so gut ging, sie war leichenblass und unsicher auf den Beinen. Lykos hing dauernd um sie rum, es nervte langsam. Sie beschlossen daher, etwas abzuwarten. Falls es Meri nicht bis zum Morgen besser ging würden sie sie zu einem Heiler bringen. Lykos brachte sie in ein leeres Schlafzimmer und legte sie auf das Bett. „Gut, bleib du bei ihr. Ich sehe mich mit Karon im Haus um, vielleicht finden wir noch was wichtiges.“

Sie gingen los. Karon fragte dabei Anna nach den Hintergründen. „Was ist hier los gewesen? Wer sind die beiden anderen? Und vor allem, wer bist du?“ „Und du? Was suchst du denn hier?“ fragte Anna zurück. „Was ich hier suche? Das ist schnell gesagt. Oder auch nicht. Ich … ich bin dir gefolgt. Dann bist du hier rein gegangen und ich habe gewartet das du wieder rauskommst. Das war nicht schön, ich dachte schon du wärst hier willkommen, als diese Frau dich so freundlich rein lies. Dann zerbrach die Scheibe und ich merkte das oben gekämpft wird. Ich trat die Türe ein und rannte die Treppe rauf.“ Er blieb stehen, packte mit beiden Händen Anna an den Schultern, hielt sie fest und drehte sie zu sich. „So, und jetzt sagst du mir wer du bist.“

„Na gut. Ich bin eine gebürtige Barbarin und bekam den Auftrag Pelon einige Fragen zu stellen. Mit dem hier habe ich auch nicht gerechnet, ich dachte es sei eine ungefährliche Angelegenheit. Deshalb kann ich auch nicht genau sagen was hier los ist. Die beiden anderen sind meine Freunde, beide vom Volk der Zauberer, aber noch nicht erwachsen.“ „Hm, und welche Fragen sind das, die du stellen möchtest? Komm schon, spiel nicht das naive Mädchen.“ „Wir glauben das Pelon mit Menschen handelt. Mehr möchte ich nicht sagen.“ Er lies sie los. „Du verheimlichst noch was, aber was geht es mich an?“ „Das frage ich mich auch. Einerseits freue ich mich dich wieder zu sehen, andererseits ist das eine interne Angelegenheit.“ „Schön das es dich freut.“ Sie gingen weiter.

Sie wurden im Büro fündig. „Das dürfte Pelon sein, diese Frau hat ihn wohl umgebracht.“ Ein Mann lag auf dem Boden in einer großen Blutlache, jemand hatte ihm ein Messer mehrmals in den Leib gerammt, es lag neben ihm auf dem Boden. „Sie wollte es wohl mir in die Schuhe schieben, es sollte wie ein Mord aus Wut aussehen, halt wie man sich so die Barbaren vorstellt“ sagte Anna. „Jetzt weiß ich nicht mehr weiter. Hast du eine Idee? Wir müssen sie finden bevor sie in ihrer Heimat ankommt, denn dann wird sie alle Spuren vernichten. Und ich vermute zu diesen Spuren gehört eine Zauberin, die sie entführte.“ „Wieso vermutest du das?“ „Ich weiß nicht warum ich das glaube. Intuition? Oder weil sie versucht alle Spuren die vom Rock ausgehen zu verwischen?“ Anna zuckte mit den Schultern. „Welcher Rock?“ fragte Karon. Anna seufzte wieder, dann erzählte sie was es damit auf sich hatte und von dem Mord an Maskun. „Ich glaube das Sinsa auch den Händler ermordete, denn dieser Stich in das Herz würde zu einer Assassine passen“ bestätigte Karon Annas Verdacht.

Lykos traf dann zu ihnen und sagte, dass Meri schlief. „Hier, das hat die Assassine verloren.“ Er zeigte das Messer. „Auf dem Griff steht ihr Name, Sinsa. Leider ist das alles.“ Er machte eine Pause. „Ich schätze, das gegen Morgen Beranor mit einem Trupp Zauberinnen eintreffen wird. Was glaubst du wird er machen?“ „Er wird sehen was passiert ist und die ganze Aktion abbrechen. Das muss er machen, denn die Zauberer fürchten nichts mehr als in Verruf zu kommen. Wenn alle dicht halten wird dir nichts passieren, das würde nur mehr Staub aufwirbeln.“ „Dann wäre ja alles in Ordnung“, meinte Lykos, „außer Kira.“ Er sah Anna an. „Ich sehe es dir doch an, du bist nicht bereit sie aufzugeben. Ich bin es auch nicht und Meri denkt bestimmt genau so. Also lass uns diese Sinsa verfolgen. Vielleicht finden wir hier im Büro Hinweise, schließlich waren Sinsa und Pelon offensichtlich Geschäftspartner.“ Anna nickte.

Sie suchten in den zahllosen Papieren, doch es fand sich nichts. Nach einiger Zeit, es graute schon der Morgen, tauchte Meri auf, etwas blass aber leidlich erholt. „So hat das keinen Zweck, da können wir noch Wochen suchen. Wir müssen uns in Pelons Lage versetzen, vielleicht finden wir dann etwas“, meinte Karon schließlich. „Ich glaube er hat sich bestimmt heimlich abgesichert, indem er belastendes Material sammelte. Heimlich bedeutet, das es nicht hier offen rumliegt, sondern es muss ein Geheimfach geben. Vielleicht in den Möbeln hier?“ Meri lächelte. „Ich bin zwar noch etwas kaputt, doch da kann ich helfen. Erinnerst du dich noch an den Pfeil, Anna? So gut bin ich zwar nicht mehr, doch versteckte Hohlräume finde ich schon noch.“ Sie starrte die Möbel eines nach dem anderen an. „Hier, in dem Schreibtisch und dort im Aktenschrank sind Geheimfächer.“

Sie brachen beide Fächer auf, dank Meris Hilfe wussten sie wo sie ansetzen mussten. In dem einen Fach fanden sie Gold und Edelsteine, im anderen eine Mappe mit einigen Zetteln und ein Buch. Anna sah sich die Zettel an. „Hier, das ist eine Liste mit Namen und Zahlen.“ Karon blickte über Annas Schulter. „Das sind Namen, Datumsangaben und Geldbeträge. Ah, ganz unten steht Kira, sonst nichts. Bei allen anderen steht je ein Datum, eine Summe und ein weiterer Name.“ Lykos hatte inzwischen im Buch geblättert. „Sehr schön, dieser Pelon hat hier so eine Art Tagebuch geführt. Soweit ich das auf die Schnelle sehe hat er alle wesentlichen Ereignisse hier aufgezeichnet.“ Er blätterte schneller. „Genau. Hier steht wie sein spezieller Handel entstand … aha, Sinsa steht da auch … hier ihre Adresse.“ Er blickte auf. „Nicht sehr weit, mit einem Pferd ist sie in zwei Tagen dort. Wenn Meri ein Portal erzeugt könnten wir es schaffen vor ihr anzukommen.“

*

am frühen Morgen in Pelons Haus
„Du kannst Portale erzeugen?“ fragte Anna verwundert.
Meri nickte. „Ja, aber erst seit kurzer Zeit. Ich wollte es eigentlich für eine kleine Überraschung aufheben, doch natürlich ist das hier wichtiger. Bitte erzähle es aber nicht herum, Anna.“
„Na klar. Kannst du mir ein Portal in die Nähe zu diesem Ort hier aufmachen?“, Anna deutete auf Sinsas Adresse in dem Buch, das Lykos in der Hand hielt.
Meri wiegte zweifelnd ihren Kopf. „Ich habe keine sonderliche Ahnung wo das liegt, daher kann ich es nur in die grobe Nähe legen, wahrscheinlich werden wir länger nach Sinsas Haus suchen müssen.“
„Haben wir eine Alternative? Komm, lasst uns keine Zeit mehr verlieren“ meinte Lykos, „wenn Beranor hier auftaucht ist es zu spät, er wird es bestimmt verbieten.“
„Ich komme natürlich mit. Einer muss ja auf euch aufpassen“ bestätigte Karon.

Anna schüttelte den Kopf. „Nein, ihr bleibt alle schön hier, ich mache das alleine.“ Sie blickte ihre beiden Freunde streng an. „Ihr braucht gar nicht so zu gucken. Es geht nicht, ganz abgesehen davon, das ihr beide zu jung seid. Lykos darf nicht und Meri, du bist noch viel zu angeschlagen, du solltest besser einen Heiler aufsuchen.“
„Und ich? Ich bin doch wohl alt genug, oder?“ protestierte Karon.
„Das ist eine interne Angelegenheit, die geht dich nichts an. Ich danke dir für deine Hilfe, doch jetzt kann ich sie nicht mehr brauchen.“ Kaum hatte Anna das gesagt, ärgerte sie sich über ihre etwas harsche Wortwahl. Karon tat ihr ein wenig leid, sie fand ihn ganz nett, und er machte nun ein recht betroffenes Gesicht. „Ach Karon, so meine ich das nicht. Es ist besser wenn ich alleine gehe, das fällt nicht so auf. Ich will doch nur wegen Kira Gewissheit finden, bevor Sinsa ankommt. Dann haue ich ab, ich suche nicht den Kampf. Außerdem brauchen wir jemand neutralen, der den Stadtbehörden die Wahrheit erzählt, sonst bekomme ich und meine beiden Freunde ernsthaften Ärger. Wenn du das machst und dabei Lykos kleinen Ausrutscher vergisst, dann hilft du uns am meisten. Du könntest im Übrigen gar nicht mitkommen.“
Karon schwieg.

Meri und Lykos waren ebenfalls wenig glücklich, sahen es aber schließlich ein. Lykos wollte zusammen mit Karon hier warten, Meri wollte einen Heiler aufsuchen und anschließend nach Magcapis zurückkehren. Karon zeichnete inzwischen eine Karte von der Umgebung, wo Sinsa wohnte. Anna nahm sein Geschenk gerne an und zeigte sie auch Meri, so konnte sie genauer ihr Portal öffnen. Sie schwenkte wieder ihre Arme, mit einem schmerzhaften Zucken im Gesicht öffnete sie es.
„Was ist los, Meri?“ fragte Lykos besorgt.
„Die Rippen stechen, geht schon“ antwortete sie.
Anna sah sie noch einmal an. „Geh am besten gleich los. Ich gehe dann auch.“ Mit einem kurzen Winken sprang sie durch das Portal.
„Ist die immer so schnell weg?“ staunte Karon.
„Na ja, so ist sie halt, nimms nicht persönlich. Eher umgekehrt, je mehr sie einen mag desto kürzer ist ihr Abschied, sie zeigt ihre Gefühle nicht gerne“ erwiderte Lykos.
Während er sprach lief Karon plötzlich los und sprang ebenfalls in das Portal, doch er durchschritt es nur wie eine Lichtspiegelung. „Heh, was ist das?“ rief er verblüfft.
„Es funktioniert bei dir nicht“ meinte Meri.
Karon wurde schlagartig wütend, lief zu ihr, packte sie an der Brust und riss sie an sich. „Du lässt mich jetzt sofort durch das Portal! Oder…“. Meri schrie auf, er ließ sie erschrocken los.
„Sie kann nicht, Karon. Du hättest dir deine Grobheit wirklich sparen können. Meri hat wahrscheinlich einige Rippenbrüche, und du fasst sie so brutal an“ warf Lykos ihm vor. „Entschuldige, ich wollte dir nicht weh tun, Meri. Jetzt mache bitte auf, ich bitte dich, Meri.“ Er sah sie flehend an, doch ihre Augen drückten nur Bedauern aus.
„Ist schon gut, Karon, ich bin zwar noch nicht erwachsen, doch ich verstehe dich. Glaube mir, du kannst das Portal nicht benutzen, Anna sagte es dir schon. Nur magisch begabte Personen können unsere Portale verwenden.“
Karon schaute verdutzt. „Häh? Und Anna? Warum kann eine Kriegerin es benutzen?“
Meri wollte lachen, doch sie brach leicht hustend ab. „Anna ist doch keine Kriegerin, sie ist eine Zauberin. Sie kann sogar sehr gut zaubern.“

*

Etwa zwei Stunden später erklangen hastige Schritte im Haus. Wie erwartet waren einige Zauberinnen eingetroffen, zusammen mit einigen Wachen der Stadt. Das Beranor ebenfalls dabei war, das war schon sehr außergewöhnlich. Als er Lykos alleine mit diesem unbekannten Krieger sah, da spiegelten sich tiefe Sorge und Vorwurf in seinem Gesicht.
„Was ist passiert, Lykos, und was ist mit Anna und Meri? Ich hörte in der Stadt das auch Anna hier her wollte.“
Lykos nickte.
„Ja, wir waren alle hier. Wenn ihr euch hier umseht,“ er blickte der Reihe nach alle an „dann werdet ihr einiges finden. Pelon wurde von einer Assassine ermordet, und ich habe Beweise für seine Verbrechen in seiner eigenen Handschrift, doch es genügt wohl ein Blick in den Keller.“
Beranor seufzte. „Eine Assassine? Hat die auch Maskun ermordet? Und wo sind Anna und Meri jetzt? Du kannst offen sprechen, die Wachen haben uns Diskretion zugesagt, solange wir keine Verbrechen verüben.“
Lykos nickte. „Wir hatten einen Kampf mit der Assassine, und Meri wurde von ihr fast erschlagen. Wir haben es Karon“, er nickte zu dem Krieger, „zu verdanken, das sie noch lebt. Er hat gekämpft wie ein Berserker.“
Karon nickte bestätigend. Lykos und er hatten die Zwischenzeit genutzt, um die Spuren von Lykos Destruktions-Walze so gut es ging zu überdecken.
Lykos fuhr fort. „Meri ging es nicht gut“, er sah Beranors erschrockenes Gesicht, „nichts Lebensbedrohliches, aber wohl einige Rippenbrüche. Deshalb wollte sie nicht warten und gleich zu einem Heiler gehen.“
Beranor nickte. „Gut, das war richtig. Was ihr hier allerdings zu suchen habt, das müsst ihr mir später noch erklären.“ Er seufzte. „Ach Mensch! Und was ist mit Anna?“
Zu seiner Überraschung antwortete Karon.
„Anna ist der Assassine gefolgt, sie glaubt das eine von euch“, er lächelte die beiden im Raum stehenden Zauberinnen an, „in ihrer Gewalt ist und will sie befreien.“
Kurz herrschte Stille, dann brach es aus einer der Wachen heraus.
„Wie bitte? Diese Anna will sich mit einer Assassine anlegen? Das ist glatter Selbstmord.“
Beranor sah die Wache betroffen an. „Ist es so aussichtslos? Ich kenne diese Assassinen nicht.“
Die Wache schüttelte nur langsam ihren Kopf.
Lykos sagte „in einem Zweikampf hätte Anna keine Chance, selbst zusammen sind wir kaum klar gekommen. Doch Anna weiß das auch, sie ist ja nicht dumm. Sie will vor der Assassine, sie heißt übrigens Sinsa, ankommen und so einen Kampf vermeiden.“

*

am Abend in Lut Gholein
Es klopfte am Privateingang von Hospenus Haus. Wer mochte das sein? Es war früher Abend und die Händler pflegten früher zu kommen und Freunde erwartete Cantala im Moment keine. Ihr Mann war schon in der Gästestube beschäftigt, und sie bereitete hier in der Küche die Gerichte vor. Cantala unterbrach ihre Arbeit, wischte die Hände an ihrer Schürze ab, ging zur Tür und öffnete sie einen Spalt. „Ja bitte?“ fragte sie.
„Hallo, ich suche einen Schlafplatz für diese Nacht. Jemand erzählte mir, ihr hättet ein besonders preiswertes Zimmer.“
Cantala wunderte sich, es stand doch draußen an der Gästetüre das sie keine Zimmer hätten, und vor allem, was wollte diese Fremde hier am Privateingang? Sie sah sie genauer an. Vor ihr stand ein Mädchen, sie schätze es, obwohl es schon recht fraulich entwickelt war, auf 15 bis 16 Jahre. Es trug ein gelbliches kurzärmliges Oberteil, einen dunkelroten Rock mit einer breiten Borde in der Farbe ihres Oberteils und schwarze Schuhe. Das Mädchen hatte lange kastanienfarbene Haare, die es offen trug, eine Stupsnase und dunkelbraune Augen, die so seltsam schüchtern und erstaunt blickten. „Du suchst ein Zimmer? Leider haben wir keine. Doch komme rein, ich kann dir einige Adressen aufschreiben.“

Das Mädchen folgte der Einladung und sie betraten die Küche.
„Bist du etwa um diese Zeit alleine unterwegs, hier in dieser Gegend?“ fragte Cantala, dann sah sie sich ihren jungen Gast im Licht genauer an. „Sag mal, hat dich jemand geschlagen? Du hast blaue Flecken im Gesicht, an den Armen und an den Beinen. Brauchst du Hilfe?“
Sie winkte ab. „Nein Danke, ist schon in Ordnung, wir hatten nur eine kleine Auseinandersetzung.“
„Wir?“
„Ja, ich, Anna und zwei Freunde mit einer Fremden, doch deshalb bin ich nicht hier.“
„Anna? Meinst du diese feine Barbarin?“
„Hm. Ich glaube ja, doch nenne sie besser nicht ‚fein’ wenn sie dabei ist, dann wird sie wütend. Sie ist meine Freundin und hat mir das mit dem Zimmer erzählt. Ach bitte, kann ich es haben, nur für diese Nacht, Lisawa soll in ihrem Bett bleiben, ich schlafe gerne auf dem Fußboden.“
„Das geht nicht so einfach. Da wir Alkohol ausschenken dürfen wir niemanden, der unter 16 Jahren alt und alleine ist, ohne Genehmigung beherbergen. Wenn dich ein Kerl verprügelt hat, dann sag es mir ruhig, ich werde dich nicht im Stich lassen.“
Die Augen der Fremden blitzten kurz vor Zorn auf. „Heh, ich bin 17! Sehe ich so klein aus? Naja, hier laufen wohl zu viele von diesen Barbarinnen und Amazonen rum. Ich bin eine angehende Zauberin, wir sind halt nicht so groß und kräftig. Wozu auch? Schließlich können wir dafür zaubern!“ Jetzt sah sie eher verschmitzt aus.
„Was? Du bist eine Zauberin? Entschuldige, ich habe noch gar nicht nach deinem Namen gefragt. Ich bin Cantala.“
„Ich bin Meri. Eine richtige Zauberin bin ich noch nicht, doch ich kann schon gut zaubern, gut genug für … Naja, also, kann ich bei Lisawa übernachten? Ich hätte nur gerne eine Decke zum schlafen, eine Teekanne mit kochendem Wasser und zwei Becher. Ich möchte einen kleinen Kräuter-Tee kochen um besser schlafen zu können, Lisawa kann gerne einen Schluck abbekommen, ich habe genügend Kräuter dabei. Tee soll für Kinder gesund sein.“

Cantala verstand. Sie wurde ganz blass und wäre gestürzt, hätte Meri sie nicht per Telekinese ein wenig gestützt und sanft zu einem Stuhl geschoben.
„Ich … ich hatte schon so viele Zauberinnen gebeten, doch sie alle hatten abgelehnt. Den meisten schien es auch Leid zu tun, doch sie sagten, es sei mir und ihnen verboten. Und jetzt … willst du das wirklich machen? Mir ist dieses Verbot egal, es ist mein Kind, doch dir?“
Meris Augen funkelten schelmisch. „Verboten ist es nur, wenn wir erwischt werden.“ Sie wurde schlagartig ernst. „Du, ich und Hospenus werden es niemandem erzählen, und Lisawa könnt ihr ja in den nächsten Tagen irgendwie behandeln, dann wird sie es euch, und nicht meinem Tee, zuschreiben. Ich habe zwei Schlammpackungen vom Markt mitgebracht, damit könnt ihr ja anfangen. Im übrigen, hat hier jemand was gesagt? Ich habe nur von Kräuter-Tee geredet.“ Sie zwinkerte Cantala verschwörerisch zu.

Lisawa war schon auf ihrem Zimmer, als Cantala Meri zu ihr brachte. Erst erstaunt, dann verärgert sah sie Meri von ihrem Bett aus an, auf dem sie noch voll bekleidet und mit halb aufgerichtetem Oberkörper saß und in einem Buch las.
„Och, klaut mir schon wieder so eine blöde Fremde mein Zimmer? Das ist gemein! Immer ich.“
„Nein, nein, Lisawa, du sollst bleiben, ich schlafe hier auf dem Boden“ beruhigte Meri sie. „Ich hoffe das macht dir nichts aus, ist auch nur für heute.“
„Hmpf. Na gut.“
Als Cantala weg war um den Teekessel zu holen breitete Meri ihre Decke aus, dann kramte sie in ihren Taschen herum. „Hier, möchtest zu auch einen?“
„Was ist das?“
„Schokoladenbonbons.“
„Eigentlich darf ich keine Schokolade im Bett essen.“
„Ach? Eigentlich?“ Meri grinste frech. „Schade, dann muss ich sie halt alleine essen.“
„Heh, gib schon her.“

Cantala brachte ein Tablett mit dem dampfenden Teekessel und zwei Bechern. Stumm stellte sie es auf einen kleinen Tisch, die Anspannung hatte ihr die Kehle zugeschnürt. Hastig verließ sie das Zimmer.
„Was hat Mutter nur? Weißt du was los ist?“ fragte Lisawa.
Meri verneinte. „Vielleicht Ärger in der Gaststätte? Keine Ahnung.“
Sie ging zum Tablett und schüttete die Kräuter in den Kessel. Während sie den Tee ziehen lies ging sie zu Lisawa.
„Was liest du da eigentlich für ein Buch?“
„Es heißt ‚Ich spucke gegen den Wind’. Kennst du es?“
„Ist es das mit dem Mädchen auf dem Schiff?“
„Ja.“
„Oh. Das du so schwere Bücher schon lesen kannst, nicht schlecht. Gefällt es dir?“
Lisawas Augen leuchteten auf. „Und ob! Einfach toll wie die klar kommt!“
Meri lachte. „Das glaube ich dir.“

Der Tee war fertig gezogen. Meri nahm den Kessel und ging in das Badezimmer, angeblich um ihn dort auf dem Fensterbrett abkühlen zu lassen, doch in Wahrheit wollte sie dort unbeobachtet die passende Verzauberung vollziehen. Sie stellte den Kessel auf den Steinboden, setzte sich im Schneidersitz davor und schloss die Augen. Ganz konzentriert ließ sie ihre Kräfte einwirken, sie wollte keinen Fehler machen und der Trank sollte so wirksam wie möglich werden. Als sie wieder die Augen öffnete sah sie noch wie ein gelbes Leuchten um den Kessel waberte, das allmählich erlosch. So sollte es sein. Sie nahm ihn auf und ging in das Zimmer zurück. Dort goss sie sich einen Becher voll und nippte vorsichtig an ihm.
Lisawa sah von ihrem Buch auf. „Kann ich auch mal probieren?“
„Nein, der Tee ist nichts für kleine Kinder, er ist zu stark, nur Erwachsene dürfen ihn trinken.“
Lisawa rutschte von ihrem Bett und ging zu Meri.
„Zu stark, pah, gib schon her, ich schaffe das leicht.“
Meri gab ihr den Becher. Lisawa setzte an, nahm einen kleinen Schluck, verzerrte das Gesicht, dann schloss sie die Augen und trank den Rest.
„Buha. Kann ich mehr haben?“
„Eigentlich habe ich den Tee für mich gemacht.“
„Ach komm. Wir teilen das Zimmer, dann teilen wir auch den Tee!“
Meri grinste innerlich. Es war ihr größte Sorge gewesen, das Lisawa den Tee auch trinken würde, schmeckte er doch etwas komisch. Doch sie war viel zu stolz und dickköpfig um sich etwas anmerken zu lassen. So trank sie mehr als genug.
„Hat gut geschmeckt. Danke. So, jetzt lese ich noch ein bisschen weiter.“ Sie kletterte wieder auf ihr Bett.

„Sag mal, kannst du tanzen?“ fragte Lisawa unvermutet.
Meri sah sie erstaunt an, dann bemerkte sie was passiert war. In ihrem Bemühen den Trank möglichst wirksam zu machen hatte sie eine Nebenwirkung übersehen, sie hatte auch Alkohol erzeugt, nicht viel, aber genügend um das Mädchen anzuheitern.
„Nein, leider nicht. Ich weiß nicht einmal so richtig was das ist.“
„Häh?, Naja, macht nichts, dann zeige ich es dir eben.“ Lisawa hüpfte vom Bett, schwankte leicht und fing an zu summen. Im Takt ihrer Melodie bewegte sie sich, tanzte.
Meri sah zu, so etwas hatte sie noch nie gesehen, denn Zauberinnen tanzten nicht. Es sah schön aus, trotz ihres Alters und ihres Zustandes bewegte Lisawa sich mit anmutiger Eleganz, und ihr Summen ging mehr und mehr in einen leisen Gesang über.
Sie ergriff Meris Hände. „Komm, es ist ganz einfach.“
Meri war zuerst ein wenig überrumpelt und gehemmt, Lisawa protestierte.
„Ach komm schon, nicht so steif. Du hast bestimmt Talent.“
Sie wirbelte weiter, und wegen des Alkohols musste Meri sie immer wieder festhalten, so wurde auch sie in den Tanz gezogen. Nach einiger Zeit hatte Meri sich richtig überwunden, zudem auch sie jetzt die Wirkung des Alkohols spürte, und den groben Bogen raus, lachend tanzten beide durch den Raum.
„Schade das ich nicht richtig laut Singen kann, du solltest mal meine Mutter hören, die kann vielleicht schön singen!“
„Cantala? Ja, das passt zu ihrem Namen.“

Lisawa wurde immer müder. Der Alkohol und vor allem die eigentliche Wirkung des Tranks wirkten immer stärker, schließlich nahm Meri das Kind auf ihre Arme und trug es zu ihrem Bett. Lisawa schlief ein kaum das Meri sie hingelegt hatte. Meri deckte sie vorsichtig zu, dann löschte sie alle Öllampen, zog sich aus und legte sich auf ihr Lager. Jetzt, im Dunkeln, spürte sie die Strapazen der letzten zwei Tage, sie hatte die letzte Nacht nicht geschlafen. Sie bemerkte ihre leicht schmerzenden Rippen nicht mehr und schlief ebenfalls sofort ein.

Am nächsten Morgen stand Meri gähnend auf, sie fühlte sich ziemlich zerschlagen. Etwas mühsam legte sie ihre Sachen an, dann sah sie sich Lisawa an, bei ihr war alles in Ordnung. Meri ging zur Tür und wäre fast über die beiden Krüge und das Tablett gestolpert, die auf der Schwelle standen. Im Gang stand ein Mann.
„Wie geht es Lisawa?“ fragte er.
„Lisawa? Ihr geht es gut. Wer bist du eigentlich?“
Der Mann stutzte. „Ach, wir haben uns ja noch gar nicht gesehen. Ich bin Hospenus, ihr Vater.“
„Ach so. Was ist mit Cantala?“
„Meine Frau hat die ganze Nacht über hier gewartet, doch die Aufregung war etwas viel. Als sie immer hysterischer wurde gab ich ihr etwas vom Heiler, jetzt schläft sie dort“, Hospenus deutete auf ein provisorisches Nachlager auf dem Gang. In ihm entstand jetzt Bewegung, offensichtlich war Cantala aufgewacht. Sie stand mühsam auf, Meri konnte deutlich die Anspannung in ihrem Gesicht erkennen, sie winkte ihr zu.
„Kommt und seht selbst.“
Meri ging mit den Eltern zu Lisawas Bett. Das Kind schlief fest. Cantala legte ihrer Tochter die Hand auf die Stirn und streichelte sie leicht.
Meri sagte „die Heilung ist anstrengend aber ungefährlich, sie hat leichtes Fieber und ist erschöpft, mehr nicht. In ein, zwei Tagen wird Lisawa völlig gesund sein.“
Cantala nickte. „Ja, so habe ich das auch gehört.“ Sie war mit einem Schlag völlig entspannt.
Hospenus sah Meri ernst an. „Macht euch frisch, dann sehen wir uns im Wirtsraum zum Frühstück, dort können wir alles weitere besprechen.“
Hospenus ging ohne ein weiteres Wort. Cantala holte die beiden Krüge, Meri nahm das Tablett.
„Bitte nehmt es ihm nicht übel, er hat es wohl noch nicht wirklich begriffen. Wie ich euch jemals dafür danken kann?“

Meri erfrischte sich ebenso wie damals Anna, probierte aber auch die Parfüme aus. Eines gefiel ihr besonders gut, von ihm nahm sie zwei Tropfen. Als sie sich wieder angekleidet hatte ging sie die Treppe hinunter und in den Wirtsraum, wo Hospenus und Cantala schon auf sie warteten. Meri setzte sich an den Tisch.
„Oh, ich sehe ihr wisst was mir schmeckt.“ Sie nahm das Obst.
Ihre Gastgeber sahen eine Weile stumm zu, dann gab sich Hospenus einen Ruck und schob ihr einen Lederbeutel hin.
„Hier, für euch. Mehr habe ich nicht, falls es nicht genügt brauche ich etwas Zeit. Seid ihr einverstanden?“
Meri sah in den Beutel, schüttelte den Kopf und lächelte schüchtern.
„Nein, ich habe es nicht für Geld gemacht, sondern weil Anna mir sagte, das ihr drei es Wert seid. Meinen Lohn habe ich schon gestern Abend bekommen.“
„Was denn für einen Lohn?“ fragte Hospenus erstaunt.
„Lisawa hat mir etwas Tanzen beigebracht, das war ein Spaß.“
„Tanzen?“ Hospenus konnte es nicht glauben.
„Ja, und gesungen hat sie auch etwas dabei. Na ja,“ Meri wurde etwas verlegen, „im Trank war unbeabsichtigt auch etwas Alkohol.“
Hospenus sah Meri an, und irgendwie war das der Moment in dem auch er es wirklich glaubte. Spontan sprang er vom Stuhl auf, lief um den Tisch und riss die völlig verblüffte Meri an sich.
„Danke!“, weinte er, „Danke!“

Meri brach eine halbe Stunde später auf. Hospenus hatte ihr etwas Verpflegung mitgegeben, denn bis zu ersten Siedlung im Land der Zauberer war es eine knappe Tagesreise durch die Wüste. Sie verabschiedete sich von Hospenus.
„Wo bleibt nur Cantala wieder?“ beschwerte der sich über seine Frau.
Da kam sie auch schon herbeigeeilt.
„Oh, ich habe kurz nach Lisawa gesehen, sie ist eben aufgewacht. Sie ist vom Fieber müde, doch die alten Krankheitssymptome sind schon fast verschwunden.“ Sie lächelte erleichtert. „Hier, nehmt wenigstens das hier.“
Sie hielt Meri ein Fläschchen hin.
„Das Parfüm das ihr gewählt habt.“ Sie zwinkerte verschwörerisch. „Gut Wahl, damit wiedersteht euch niemand mehr, ich weiß das ganz sicher.“
Hospenus räusperte sich.

Am Abend erreichte Meri die Grenzsiedlung, hier gab es eine Herberge. Zu ihrer großen Freunde wurde sie erwartet.
„Lykos! Schön das du hier bist!“
Meri rannte auf ihn zu, fiel ihm um den Hals.
„Na, na, Meri, nicht so stürmisch! Du tust ja gerade so, als ob wir uns ewig nicht mehr gesehen hätten, und nicht nur einen Tag lang.“ Lykos legte kurz seine Arme um sie und gab ihr einen kleinen Kuss auf die Stirn.
„Na, hat alles geklappt? So fröhlich wie du bist ist wohl alles bestens.“ Er sog die Luft prüfend ein. „Sag mal, was riecht hier so gut?“
„Ach, das sind nur noch Reste vom Morgen.“
Er lies sie wieder los, Meri seufzte leise. „Aha? Komm, Stupsnase, du musst mir alles erzählen.“
Meris Augen blitzten kurz wütend auf.
„Du weißt genau, das ich den Namen nicht mag. Das du mich immer wegen meiner Nase ärgern musst! Gefällt sie dir denn wirklich nicht?“
„Ach was, du hast eine schöne Stupsnase, worüber also regst du dich auf?“

*

Einen Tag zuvor am frühen Morgen, irgendwo im Land der Assassinen
Anna trat aus dem Portal heraus. Sie hatte in Erwartung von hellem Sonnenlicht vorsichtshalber ihre Augen geschlossen und öffnete sie nun vorsichtig und sah sich um. Sie war im Freien angekommen, doch es war eine ungewohnte Landschaft. Um sie standen Bäume, doch es waren seltsame Bäume, sehr groß, mit faltiger Rinde. Die Stämme waren nicht rund, sondern liefen zum Boden hin in meist vier wuchtige Längsstege aus, wodurch jeder Baum am Boden extrem breit aussah. Sie standen weit auseinander, doch ihre mächtigen Kronen bildeten dennoch ein geschlossenes Dach, durch das die Sonnenstrahlen kaum zur Erde vordrangen. Alles sah ungeheuer verfilzt aus.

Wo war sie nur gelandet? Mit leisem Zischen verschwand hinter ihr Meris Portal, über die große Entfernung war es nur kurz stabil geblieben. Jetzt gab es kein Zurück mehr und auch keine Hilfe, da sogar Meri selbst nicht wusste wo sie ihr Portal genau hingesetzt hatte. Anna schluckte, dann akzeptierte sie ihre Lage. Sie zog eines ihrer kostbarsten Geschenke aus dem Gürtel, einen kleinen Kompass, den sie einst von Sonkon bekommen hatte. Sie hielt ihn vor sich und ging nach Norden. Anna wusste von Karon, das im Westen ein großer See und im Osten einige Hügel liegen mussten, daher hoffte sie, so möglichst schnell einen Fluss zu kreuzen.

Doch es lief schlecht für sie. In dem verfilzten Wald kam sie nur langsam voran, Stunde um Stunde verstrich. Der Tag schritt voran und es wurde warm, in der feuchten Luft entstand bald eine unangenehm schwüle Hitze. Das war Anna nicht gewohnt, sie liebte die kühlen Landschaften. Lut Gholein war schon eine Zumutung, aber wenigstens war es dort viel trockener. Anna brach der Schweiß aus und selbst das Denken viel ihr schwer. Diese Hitze! Sie zog sich ihr Kettenhemd aus, doch nach kurzer Zeit musste sie es wieder überstreifen, das Gestrüpp fing an ihre Kleidung zu zerreißen. Keuchend stapfte sie weiter.

Endlich, es wurde langsam dunkler, kreuzte sie einen kleinen Fluss. Zuerst trank sie ausgiebig und aß etwas von ihrer Verpflegung. Dann bereitete sie sich innerlich auf die Enttäuschung vor, doch es traf sie dennoch hart ihn nicht auf der Karte zu finden, der Fluss war einfach zu klein. Sie folgte ihm stromabwärts, in Richtung Westen. Es wurde immer dunkler, der Abend ging in die Nacht über, und die Anstrengungen machten sich immer bemerkbarer. Sie hatte die letzte Nacht nicht geschlafen und marschierte bereits seit über 12 Stunden durch diese Landschaft, vor allem das Kettenhemd mit seinen rund 6kg zog inzwischen schwer an ihren Schultern, doch wenigstens war hier am Ufer entlang kein Gestrüpp und die Luft wurde immer kühler.

Tief in der Nacht kreuzte endlich ein Weg den Fluss. Es war sogar ein breiter Weg, und die zahllosen Spuren bezeugten, dass er viel benutzt wurde. Zumindest am Tag, jetzt in der Nacht war er leer. Anna zog sich ein Stück zurück um außer Sicht zu sein, dann legte sie sich auf den Boden. Erschöpft schlief sie ein.

*

Grobes Rütteln weckte Anna auf.
„He, aufwachen!“
Anna schlug die Augen auf und blinzelte im Tageslicht, dann erkannte sie eine fremde Gestalt über sich gebeugt. Erschrocken wollte sie zu ihrem Schwert greifen, doch es war weg.
„Keine Angst, Fremde, ich will dich nicht überfallen. Sag mir was du hier suchst.“
Anna richtete sich vorsichtig auf, sah die Gestalt genauer an. Es war ein großer und schlanker Mann, der sie düster anblickte. Alles war schwarz an ihm, Haare, Augen, Kleidung, selbst die Haut war dunkler, ein helles Braun. In seiner rechten Hand hielt er eine seltsame Waffe, es waren drei etwa 20cm lange schlanke spitze Klingen, die seinen Unterarm über die Faust hinweg verlängerten.
„Warum bedrohst du mich dann?“ fragte Anna.
„Du bist eine Fremde und lungerst abseits der Wege herum! Sei froh das ich dich gefunden habe und nicht einer von den anderen, deine Spuren sind ja nicht zu übersehen. Du bist bestimmt eine Spionin oder Diebin! Manch einer hätte dich gleich im Schlaf erstochen, doch ich wollte dir eine Chance geben. Also, sag mir was du hier suchst. Und versuche nicht, mich anzulügen, wir Assassinen merken das sofort!“
„Seid ihr hier alle so misstrauisch und unfreundlich? Nein, ich bin keine Spionin oder Diebin, ich bin hier um jemanden zu besuchen.“
„Ach? Und das soll ich glauben? Sag mal, wie kommst du überhaupt bis hier her? Und wen willst du angeblich besuchen?“
Anna wurde wütend. „Sag mal, was soll das? Es geht dich schlicht und ergreifend einen Dreck an! Wer überfällt hier den wen? Nenn mir gefälligst erst mal deinen Namen!“
Der Fremde war verblüfft. „Ich bin Rel-Arum.“
„Fein, Rel-Arum. Ich heiße Anna und jetzt lässt du mich in Ruhe, klar?“
„Nein!“ Er hielt ihr seine Waffe an die Kehle.
„Schade. Steche nur zu, das wäre eine echte Heldentat. Das scheint ja eure Spezialität zu sein, Wehrlose zu meucheln.“
Rel-Arum stutzte. „Wie meinst du das? Ich spüre das du das ernst meinst.“
Er sah sie nachdenklich an, senkte leicht die Waffe.
„So jemanden wie dich habe ich noch nie getroffen. Was soll ich nur mit dir machen?“ Er dachte kurz nach. „Ich mache dir ein Angebot: du sagst mir jetzt wen du besuchen willst und ich bringe dich hin. Dann sehen wir ja was passiert. Einverstanden?“
Anna seufzte. „Warum kannst du mich nicht einfach ziehen lassen?“
„Erstens weil es meine Pflicht ist, als Einwohner dieses Landes Gesindel abzufangen.“
Er grinste leicht als er den Zorn in Annas Augen aufblitzen sah und senkte seine Waffe endgültig.
„Zweitens hast du mich neugierig gemacht.“
„Na gut,“ Anna stand langsam auf. „Ich suche eine gewisse Sinsa.“
Rel-Arum erstarrte. „Wie bitte? Sinsa? Das glaube ich nicht. Was willst du denn ausgerechnet von der?“
„Das kann ich dir nicht sagen. Bitte! Ich habe keine Zeit und es geht nicht um mich.“
Der Assassin sah sie fragend an. „Hör mal, Mädchen. Entweder bist du dumm oder verrückt. Sinsa ist die reichste Assassine weit und breit und genießt einen Ruf wie Donnerschlag, gefürchtet und nicht beliebt. Ich kann mir nicht vorstellen, das du ihre Freundin bist. Und wenn du sie ausrauben willst oder sonst wie herausforderst, dann bist du so gut wie tot.“
Anna sah ihn ausdruckslos an. „Du glaubst mir doch, oder? Jetzt löse dein Wort ein und bringe mich hin. Wenn das mit dieser Sinsa so ist wie du sagst, dann sollte ich wohl kein Problem mehr sein.“
Rel-Arum fing an breit zu grinsen. „Na schön, es ist dein Leben. Komm mit, bis Sinsas Haus sind wir zwei Stunden lang unterwegs.“

Anna folgte dem Mann zurück zum Weg. Dort wartete sein Pferd auf ihn.
„Oh, du hast ein Pferd?“
„Natürlich, wir Assassinen haben alle eines. Ich hoffe du kannst gut reiten.“
Anna sah ihn verlegen an. „Ich kann überhaupt nicht reiten, wir kennen Pferde nur als Zugtiere für Wagen und Pflüge.“
„Oha. Du bist eine Barbarin oder eine Amazone? Deine Waffen sind da etwas zweideutig.“
Anna grinste. „Weder das eine, noch das andere, aber etwas von beidem.“
„So so, klingt etwas ausweichend, aber egal, ich war schon neugierig genug. Sag es mir, wenn es dir passt. Die zwei Stunden galten für einen schnellen Ritt. Mein Pferd kann uns leicht beide tragen, du bist ja nicht so schwer.“
Mit einem eleganten Schwung stieg er auf, dann reichte er ihr die Hand.
„Komm, ich helfe dir rauf. Steck deinen linken Fuß in den Steigbügel, dann schwing dein rechtes Bein von hinten über das Pferd. Du kannst dich dabei an mir festhalten.“
Anna versuchte es, doch es klappte nicht so recht, ihr Bein blieb am Pferderücken hängen.
„Versuche es noch einmal. Los, halte dich mit beiden Händen an mir fest und ziehe dich hoch.“
Beim zweiten Mal gelang es. Sie wippte etwas hin und her.
„Was ist los“ fragte Rel-Arum und blickte über seine Schulter.
„Ach, der Rock stört beim Sitzen. Ich muss ihn etwas hochziehen.“
Anna zerrte und zog an ihm bis er einigermaßen lag. Es war ziemlich unangenehm für sie so auf dem Pferd zu sitzen, sie saß hinter Rel-Arum unmittelbar auf dem Pferd und ihre Beine hingen haltlos in der Luft.
„Gut, jetzt halte dich fest. Keine falsche Scham, sonst fällst du noch runter. Es macht mir nichts aus wenn du deinen Körper dicht an meinen presst,“ er lachte, „im Gegenteil.“
Anna brummte etwas von ‚Macho’. Rel-Arum entpuppte sich jedoch als rücksichtvoller Reiter. Vorsichtig ließ er sein Pferd loslaufen. Er beschleunigte nur so weit bis er spürte das sich Annas Umarmung verkrampfte, dann verlangsamte er sofort bis sie sich wieder entspannte.
„Wie eilig hast du es? Ich kann auch langsamer reiten.“
„Nein, es geht schon, ich werde mich schon noch etwas daran gewöhnen.“

Das stimmte, im Verlauf der Stunden wurde Anna immer sicherer sowohl bezüglich des Reitens als auch des Festhaltens, nur die zunehmende Hitze und die anstrengende Sitzposition machten ihr zu schaffen. Rel-Arum erzählte dabei ein wenig über das Land, die Leute, Sinsa und schließlich auch über sich selbst. Er war einer der wenigen männlichen Assassinen, normalerweise wurden die Kämpfer von den Frauen gestellt, und wollte in der nahen Stadt Kalkana einkaufen, als er Annas Spuren entdeckt hatte. Allmählich schwand sein Misstrauen, doch er spürte das Anna ihm etwas wichtiges verschwieg.
„Wir sind jetzt bald drei Stunden unterwegs und in etwa einer halben Stunde sind wir da.“ Er blickte so gut er konnte nach hinten, dann drehte er sich wieder nach vorne. „Heute morgen bin ich vielleicht etwas grob zu dir gewesen, nach deinen Maßstäben, nicht nach meinen. Das wollte ich nicht. Bitte sage mir, was los ist, es würde mich bedrücken wenn ich dich in dein Verderben gebracht hätte.“
„Mach dir da mal keine Sorgen“ erwiderte Anna nur.

Rel-Arum brachte sie bis nahe an Sinsas Haus. Es war ein sehr großes Gebäude, das am Ende einer etwa einen Kilometer langen Abzweigung vom Weg mitten im Wald stand.
„Das dachte ich mir!“ rutschte Anna heraus.
„Was dachtest du dir?“ fragte Rel-Arum. Er kletterte vorsichtig von seinem Pferd, bedacht dabei nicht seine Begleiterin anzustoßen. „Komm, ich helfe dir runter. Lasse dich einfach fallen, ich fange dich schon auf.“
Zu seiner Verblüffung machte die recht steif gewordene Anna genau das, sie ließ sich einfach zur Seite in seine Arme kippen, doch ihr ernster Blick sagte ihm, das ihre Gedanken ganz woanders waren. Er stellte sie auf ihre Beine, und sie antwortete verspätet.
„Das das Haus abseits steht, das dachte ich mir.“ Sie sah Rel-Arum an. „Danke für den Transport, doch jetzt muss ich alleine weitermachen.“
Er zögerte.
Anna seufzte. „Du hast doch gesagt, das Sinsa gut auf sich und ihre Sachen selbst aufpassen kann, außerdem magst du sie nicht. Wo ist also das Problem?“
Rel-Arum sah Anna stumm an, schwang er sich auf sein Pferd und warf ihr Kurzschwert auf den Boden.
„Hier. Bis zur Stadt sind es etwa vier Kilometer, einfach die Abzweigung zurück und dann den Weg weiter. Obwohl ich meine Zweifel habe, das du ihn noch gehen wirst.“
Dann stieß er seine Fersen in die Flanken und galoppierte davon.

Anna sah ihm nach. So eine seltsame Begegnung, erst will er einen fast umbringen, dann reitet er einen her, dann haut er so sang und klanglos ab. Sie zuckte mit ihren Schultern, hob ihr Schwert auf und ging auf das Gebäude zu. Wenn Lykos Schätzung stimmte, dann würde Sinsa bald eintreffen, so heute Nacht oder Morgen früh. Bis dahin musste sie wieder weg sein.

Sie ging zur Türe und drückte die Klinke herab. Wie erhofft war sie verschlossen, also das Haus leer. Anna öffnete eine ihrer Gürteltaschen und holte ihr Schlosswerkzeug heraus. Sie brauchte etwa vier Minuten um das Schloss zu knacken, dann konnte sie die Türe öffnen und das Haus betreten.

Im Inneren war es angenehm kühl, Anna folgte einem kurzer Gang, der in eine Diele führte, die mit allerlei kostbar aussehenden Möbeln ausgestattet war. Am Boden lag ein schöner Teppich. Ob das alles mit dem Blut und den Tränen Unschuldiger Opfer bezahlt worden war? Anna erschauerte, das konnte sie sich nicht vorstellen. Überhaupt diese Raffgier mancher Menschen, sie konnte sie nicht verstehen. Wozu mehr Geld haben als man sinnvoll ausgeben kann? Oder ging es um Macht? Sie schüttelte verärgert den Kopf. Jetzt war nicht die Zeit zu philosophieren. Sie suchte etwas. Nein, jemanden, Kira. Wenn sie noch lebte, dann würde sie hier irgendwo gefangen sein. Es musste irgendwo eine Zelle oder so geben, gut versteckt, wahrscheinlich ähnlich wie in Pelons Haus. Anna suchte den Zugang zum Keller.

Er war nicht schwer zu finden, doch der Keller war nicht nur riesig, er war vor allem vollgestopft mit allen möglichen Dingen. Überall waren volle Regale, schwere Kisten, große Gestelle. Weine, Schmuck, kostbare Waffen und Rüstungen lagerten hier zuhauf, doch nirgends eine Spur von einem Versteck. Am meisten achtete Anna auf den Boden, irgendwo müsste doch eine Luke sein. Aber nichts war zu finden. Sollte sie sich geirrt haben? Vielleicht wurden alle Opfer nur in Pelons Haus eingesperrt, und hier war alles normal. Vielleicht. Sollte sie Kiras Leben an ein schnödes ‚vielleicht’ hängen? Nun, wenn Sinsa hier auftauchte, dann würde es schnell klar werden. Welch ein wahnsinniger Gedanke! Sie war hergekommen um nachzusehen, um zu finden und hoffentlich zu befreien. Aber nicht um eine erneute Konfrontation zu riskieren. Doch es ließ sie nicht mehr los. Sie musste Sinsa stellen und besiegen, wenn sie nicht bald etwas fand.

Anna suchte bis zum Abend erfolglos weiter, dann unterbrach sie ihre Suche, ging hinauf in das Erdgeschoss, verschloss die Türe und sah sich sorgfältig nach Spuren ihrer Anwesenheit um. Spätestens seit Rel-Arum war ihr klar, wie fähig ihr Gegner war, sie kroch über den Boden um ja keinen einzigen Fußabdruck zu übersehen. Als sie zufrieden war ging sie zurück in den Keller, hier lauschte sie auf ihre eigenen Schritte. Ihre Stiefel hatten zwar eine durchgehende Sohle aus gummiartigem Material ohne Nägel, doch manchmal war etwas Sand am Boden, wodurch schabende bis knirschende Geräusche entstanden. Kurzerhand zog sie die Stiefel aus, die Socken folgten da sie zu rutschig waren. Blieb das Kettenhemd, es raschelte leicht, doch auf dessen Schutz wollte sie nicht verzichten. Sie öffnete einige Kisten mit Rüstungssachen und suchte sich zwei halbwegs passende Rüstungshemden heraus. Es waren spezielle Hemden, die man für gewöhnlich unter manchen Rüstungen trägt, speziell gefertigt für warme Gegenden. Sie bestanden aus einfachem Leinen, waren ärmellos und waren an den Schultern gepolstert und mit Leder verstärkt. Eines zog sich Anna über ihr Kettenhemd und dämpfte so dessen Rascheln, das andere nahm sie mit in ihre Deckung als Unterlage, denn der Fußboden war eiskalt.

Sie ging in den Raum, in den die Kellertreppe mündete, er war groß und von ihm zweigten viele weitere Gänge ab. Sie suchte hier eine günstige Stelle zum Beobachten, einerseits wollte sie die Treppe im Blick haben, andererseits geschützt sein vor Entdeckung. Hinter einigen Regalen und Kisten machte sie es sich halbwegs bequem und wartete.

*

Fast wäre sie eingenickt, doch die Schritte auf der Treppe ließen sie sofort aufschrecken. Es musste irgendwann spät in der Nacht sein, vielleicht schon nahe am Morgen, doch dunkel war es noch immer. Glimmend gingen die Gaslichter an und erhellten den Keller notdürftig, dann erschien die schlanke Gestalt. Anna spähte vorsichtig zwischen den Kisten hindurch. Das war ohne Zweifel Sinsa. Annas Augen verfolgen, wie sie mit einem Dolch in der Hand durch den Raum ging. Ihr Herzschlag beschleunigte sich, jetzt wurde es ernst.

Sinsa verließ den Raum zu einem der Gänge hin. Der Keller hatte fast nirgends Türen, daher konnte Anna ihr unbemerkt folgen. Sie stand auf und schlich hinter ihr her, gerade noch sah sie wie Sinsa vom Gang in einen weiteren Raum abzweigte. Anna huschte weiter, bemüht beim Auftreten mit den bloßen Füßen keine platschenden Geräusche zu verursachen. Sie erreichte den Raum, in dem Sinsa verschwunden war und spähte mit angehaltenem Atem in der Hoffnung um die Ecke, nicht gesehen zu werden.

Sinsa stand mit dem Rücken zu ihr am gegenüberliegenden Raumende und hantierte an einem dort montierten Regal herum. Dann zog sie fest an ihm, und zu Annas Verwunderung schwenkte es wie eine große Türe in den Raum. Das war also das Versteck! Keine Falltür, sondern ein verborgener Zugang. Sinsa klappte das Regal um etwa 120 Grad weg und stand dann vor der eigentlichen Türe, die massiv verriegelt war. Sie zog je einen dicken Riegel aus dem Boden und der Decke, dann entfernte sie zwei Stangen die quer verliefen. Zum Schluss öffnete sie das eigentliche Schloß. Anna zog sich den Bogen vom Rücken, legte einen Pfeil an und spannte, das ging lautlos von sich, doch in dem Lärm, den Sinsa verursachte, wäre sowieso kaum etwas aufgefallen.

Es war so einfach. Sinsa trug nur eine leichte Rüstung, und Anna hatte einen panzerbrechenden Pfeil angelegt. Sie spannte ihren Compbound-Bogen und zielte auf Sinsas Rücken, aus der Entfernung könnte sie ihr Herz sicher treffen. Selbst ihre leichte Rüstung würde ihr nichts nützen, Annas Bogen war ein Compbound-Bogen mit Wurfarmen aus Holz/Horn Komposit, der trotz seiner extrem kurzen Bauform von nur einem Meter eine verheerende Schusskraft entwickelte. Aber sie konnte es nicht, sie brachte es nicht fertig ihr in den Rücken zu schießen. Als Sinsa die Tür öffnete gab es kein Zögern mehr, Anna zielte spontan auf den rechten Oberschenkel und schoss.

Mit einem klatschenden Geräusch durchschlug der Pfeil Sinsas Bein. Die Assassine spürte zunächst keinen Schmerz, sondern nur die Wucht des Treffers der sie stolpern ließ. Sie sah an sich herab, sah die blutige Spitze, die nach vorne aus ihrem Bein ragte. Langsam drehte sie sich um und erkannte die blonde Angreiferin. Anna hatte rasch einen neuen Pfeil aufgelegt und stand mit gespanntem Bogen vor ihr im Zugang, etwa 8 Meter entfernt.
„Schlechter Schuss, meine Kleine, du hättest die Chance besser nutzen sollen.“
Sinsa ließ den Dolch fallen, beugte sich langsam herab, packte den herausstehen Pfeilschaft mit beiden Händen und brach die Spitze ab. Dann griff sie dessen hinten herausstehen Teil und zog ihn mit einem Ruck aus dem Fleisch, dabei stöhnte sie vor Schmerz auf.

Anna war beeindruckt über Sinsas Leistung, doch sie lies sich nichts anmerken, langsam ging sie zwei Schritte in den Raum hinein.
„Ich schieße niemandem kaltblütig in den Rücken, auch dir nicht, doch ich glaube es reicht auch so. Ergebe dich.“
„Warum sollte ich? Du bist viel zu weich um zu schießen. Und vor allem, ein Bogen ist nichts für schnelle Ziele.“
Mit diesen Worten sprang Sinsa zur Seite, Anna schoss mehr vor Überraschung und verfehlte sie. Da sprang Sinsa auch schon auf sie zu, im Laufen schleuderte sie eine Kralle, ähnlich wie sie Rel-Arum hatte, nur kleiner und leichter, aus einem Unterarmfutteral nach vorne in Kampfposition, sie hatte drei dünne etwa 15cm lange Spieße ohne Schneiden.

Anna ließ ihren Bogen fallen und zog zur Abwehr ihr Kurzschwert, es war 60cm lang mit einer 45cm langen Klinge aus Damast und einseitiger Schneide. Zu ihrem Glück war Sinsa durch die Verletzung behindert, ihr Laufen war mehr ein Humpeln, doch immer noch schnell, schneller als viele andere unbehindert laufen können. So konnte Anna zwar die Kralle gerade noch mit dem Schwert blocken, aber dessen Haltung war zu ungünstig, wodurch die Kralle am Schwert entlang nach vorne abrutschte. Ohne ihr Kettenhemd wären die Spieße in Annas Bauch eingedrungen, doch so zerrissen sie nur das Rüstungshemd darüber, als sie im flachen Winkel über die Metallringe schrammten.

Die Spieße erreichten das untere Ende vom Kettenhemd, und mit einem dumpfen Schlürfen versenkte sich einer von ihnen in Annas Oberschenkel. Sinsa riss ihre Waffe heraus um einen zweiten Angriff führen zu können, sie hatte Annas Rüstung erkannt, ein direkter Stoß im stumpfen Winkel würde sie leicht durchschlagen können. Anna schien ihre Verletzung nicht zu bemerken, sie stieß ihrerseits mit dem Schwert zu. Sinsa parierte das meisterlich, und als die Parierstangen von Schwert und Kralle gegeneinander schlugen fing sie mit geschickten Rührbewegungen ihrer Kralle an. Deren Spieße rissen und bohrten in Annas Handgelenk, sie bedrohten ihre Pulsadern und der Schmerz der aufreißenden Haut lähmte die Hand, sie drohte ihr Schwert zu verlieren. Anna packte mit der freien Hand die Kralle, wollte sie festhalten, doch Sinsa hatte auch noch einen Arm frei. Mit ihm führte sie einen kurzen Schlag gegen Annas Hals, traf aber nicht richtig, da Anna reflexartig ihr Kinn herabzog. Sinsa setzt nach, führte einen Kopfstoß gegen Annas Nase, der Schmerz des Schlages blendete ihre Sinne, Sinsa löste sich etwas von ihr, dann trat sie zu.

Im Kampfgeschehen hatten sie sich umeinander gedreht, als der Tritt Anna traf stand sie zum Raum hin, folglich taumelte sie weiter hinein. Der Tritt war wegen Sinsas Verletzung nicht so hart und sie prallte nirgends gegen, doch es war klar, das sie so verlieren würde. Sinsa lachte auf.
„Und ich sollte mich ergeben, Mädchen? Schade, das du erst jetzt merkst wie lächerlich das von einer einfachen Kriegerin war, jetzt wo du gleich tot bist.“ Sie stürmte wieder vor, mitten hinein in eine Frostkugel.

Damit hatte sie weder gerechnet, noch war sie entsprechend ausgerüstet. In Lut Gholein hatte sie eine Ausrüstung zur Abwehr von Elementarangriffen getragen, doch als sie die Grenze zu ihrem Land erreichte hatte sie sich umgezogen, sie wollte schließlich keine unnötige Aufmerksamkeit erregen. Annas Angriff überraschte sie komplett, sie hätte nie gedacht das diese blonde Kriegerin zaubern könnte, so fehlte ihr auch jegliche mentale Abwehr. Die Eisspeere der Frostkugel fraßen sich kalt brennend in ihren Körper und lähmten ihn kurzzeitig, dann zuckten Blitze aus Annas Händen und badeten Sinsas Körper in Schmerzen, doch ihre Schreie erstarben in einer zweiten Frostkugel. Dann sprang Anna auf sie zu.

So sehr war Anna in ihrer Rolle als einfache Kriegerin aufgegangen, das sie während des Kampfes nicht an ihre Zauberkräfte gedacht hatte. Erst als Sinsa sie eine ‚einfache Kriegerin’ nannte wurde sie sich ihrer Möglichkeiten wieder bewusst, und jetzt setzte sie all ihre Kräfte erbarmungslos ein. Zuerst schleuderte sie eine Frostkugel, dann einen Kettenblitz, wieder eine Frostkugel. Sinsa war schwer getroffen, wankte wie im Sturm. Anna sprang auf sie zu, ließ sich zwei Meter vor ihr auf den Boden fallen und rutschte mit angezogenen Beinen auf die Assassine zu. Sie schleuderte im Rutschen eine dritte Eiskugel, steckte ihr linkes Bein aus, hakte den Fuß hinter Sinsas rechte Ferse und stieß kraftvoll ihr rechtes Bein vor. Mit einem grässlichen Knirschen trat sie Sinsas Knie nach hinten durch, die Assassine stürzte schreiend nach hinten. Anna rollte sich nach links weg in die Hocke, wich den nun eher unkontrollierten Hieben von Sinsas Kralle aus und schlug mit dem Kurzschwert zu. Sie hieb den stumpfen Schwertrücken von oben gegen Sinsas Unterarm, krachend zerbrach der Ellenknochen. Anna sprang aus ihrer Hocke neben Sinsas Kopf auf ihre Knie, holte erneut aus und schlug ihr den Schwertknauf mitten in das Gesicht. Da die Assassine ihren Kopf leicht angehoben hatte knallte sie mit dem Hinterkopf hart auf den Steinboden, ihre Schreie verstummten. Anna kippte keuchend zur Seite weg.

Anna brauchte einige Minuten um wieder zu Atem zu kommen. Während des Kampfes hatte sie ihre Verletzungen nicht wirklich wahrgenommen, doch jetzt brannte ihr rechtes Handgelenk, sie schluckte ihr eigens Blut von der Nase und ihr Oberschenkel war von einem dumpfen Schmerz erfüllt. Zuerst fasste sie sich an die Nase, wenigstens war sie nicht gebrochen. Dann sah sie sich Handgelenk und Bein an, beide bluteten, doch wirklich Sorgen machte ihr nur die Oberschenkelverletzung. Sie zog sich das Rüstungshemd über den Kopf und riss vier Streifen ab. Einen band sie sich fest um das Bein, den zweiten wickelte sie um das Handgelenk. Die anderen Streifen verwendete sie, um die bewusstlose Sinsa an Armen und Beinen zu fesseln, nachdem sie ihr die Kralle abgenommen hatte. Sie riss noch eine Streifen ab und verband auch ihr Bein. Dann untersuchte sie kurz die Assassine, fand aber nichts weiter. Mit zusammengebissenen Zähnen stand Anna schließlich auf, hob ihren Bogen und Sinsas Dolch auf, und humpelte durch die halb geöffnete Türe.

Es ging zuerst einige Stufen hinab, dann betrat sie einen kurzen Gang, der nur von dem Zugang aus spärlich erleuchtet wurde. An seiner rechten Seite waren zwei Türen, an der linken Seite eine. Anna fand den Gashahn für die Beleuchtung und drehte ihn auf. Sie öffnete die erste Türe, der Raum dahinter war dunkel, doch auch hier gab es Gasbeleuchtung. Das heller werdende Licht offenbarte merkwürdige Gegenstände. Anna verließ den Raum und ging zur nächsten Türe. Sie war anders als die erste Türe, viel schwerer und von außen verschließbar, aber zur Zeit offen. Hinter ihr lag ein weiterer dunkler kurzer Gang. Er gehörte zu einer kleinen Wohnung. Anna fand ein Bad, ein Wohnzimmer und ein Schlafzimmer, doch die gesamte Einrichtung war festmontiert wie in einem Gefängnis. Und genau das wahr es wohl auch.

Sie ging zurück zum Gang und zur letzten Türe, sie war von außen fest verschlossen. Sie zog die drei Riegel zurück und öffnete sie. Unvermittelt stand sie einer jungen Frau gegenüber, die im Gang stand und sie erstaunt ansah.

*

vor vier Monaten nahe dem See im Westen
Kira war in ihren Gedanken versunken als sie den Weg entlang durch den Wald ging. Es war gegen Abend, die Sonne ging gerade unter und weit und breit war kein Mensch zu sehen. Seit einiger Zeit liebte sie diese Tageszeit und diese Umgebung, genau genommen seit Tarkol sich für Diana entschieden hatte und nicht für sie. Kira grübelte noch immer darüber, ob er je bemerkt hatte was sie für ihn empfand? Hätte sie es ihm vielleicht deutlicher sagen sollen? Sie seufzte. Egal, jetzt war es zu spät, er hatte Diana zur Frau genommen. Ein Paladin und eine Amazone, das passte ja auch nur zu gut, ein Paladin und eine Zauberin dagegen, das war noch immer problematisch in dieser Welt. Wenigstens war Diana eine gute Wahl, genau genommen die zweitbeste, dachte Kira, sie waren sogar trotz aller Eifersüchteleien schließlich Freundinnen geworden. Heute wollten Tarkol und Diana sich von all ihren Freunden verabschieden, um in eine andere Gegend zu ziehen, natürlich war auch Kira eingeladen. Die Zauberin wollte ihnen eine besondere Anerkennung zollen, die hatte die Kleidung von ihrem Promissum an, rötlich schimmerte das Licht auf der glänzenden Seide.

Selten hatte Sinsa eine so schöne Frau gesehen, einen solchen Körperbau, von anmutigem Schwung, solche Haare, lang und kastanienbraun. Doch am beeindruckendsten war ihr ebenmäßiges Gesicht, das von zwei dunkelgrünen klaren Augen beherrscht wurde. Wieviel würde sie wohl Wert sein?

Sie war Kira unauffällig gefolgt, und hier im Wald waren sie alleine. Sie ließ sie an ihrer Deckung am Wegesrand vorbeigehen, die junge Frau war offensichtlich in Gedanken versunken. Nun, egal welche es waren, bald würden sie keine Rolle mehr spielen. Lautlos schlüpfte die Assassine hinter ihrem Opfer hervor und eilte mit großen Schritten lautlos auf Kira zu. Sinsa hob die Arme um sie am Hals zu fassen, nach hinten umzureißen und mit einem Schlag gegen die Halsschlagader zu betäuben, wie sie es schon so oft getan hatte. Doch der Zufall spielte ihr einen Streich, hinter ihnen brach ein morscher Ast von einem Baum und krachte auf den Boden, Kira blieb plötzlich stehen und drehte sich um.

Kiras unerwartete Reaktion ließ Sinsas Zugriff scheitern, sie prallte gegen die Zauberin, die dadurch fürchterlich erschrak und in Panik losrennen wollte, doch Sinsas Aufprall hatte sie aus dem Gleichgewicht gebracht, so stolperte die Zauberin und schlug hart der Länge nach hin, sie spürte wie die Steine im Boden ihre Hände und Knie aufrissen und ein Knopf von ihrem Rock abriss. Dann war Sinsa heran und betäubte sie.

Die Assasssine ärgerte sich über ihr Pech, hoffentlich hatte sich die Zauberin nicht verunstaltet. Sie drehte sie um und atmete erleichtert auf, das Gesicht war unversehrt, nur einige Schürfwunden and Händen und Knien, das würde spurlos verheilen. Sie holte ihren versteckten Wagen hervor, er wurde von zwei Pferden gezogen und hatte eine große Ladefläche, die von einer zeltartig angebrachten großen Plane überspannt wurde. Sinsa lud Kira auf, sie legte sie gefesselt und geknebelt in eine der vielen Kisten, dann fuhr sie los zu ihrem Haus. Sie führ die ganze Nacht über durch, die meiste Zeit über ließ sie dabei die Kiste offen, nur wenn sie durch ein Dorf rollten schloss sie die Kiste kurzzeitig.

Am späten Vormittag des nächsten Tages erreichte Sinsa ihr Haus, dort fuhr sie in den angebauten Stall, spannte die beiden Pferde aus, holte die Zauberin aus der Kiste und brachte sie in ihr Gefängnis. Kira war von dem langen Liegen in der engen Kiste völlig erschöpft, geradezu apathisch ließ sie alles mit sich geschehen. Sinsa legte ihr einen magisch aufgeladenen Ring um den Hals, der ihre Zauberkräfte blockierte, danach entfernte sie alle Fesseln und den Knebel. Sie brachte noch Essen und Trinken, dann ging sie um sie sich bis zum nächsten Tag erholen zu lassen.

Kira griff Sinsa an als sie das Gefängnis betrat, doch die Assassine hatte keine Mühe damit, sie packte beide Arme, die sie greifen wollten, trat ihr die Beine unter dem Körper weg und blitzschnell lag die Zauberin auf ihrem Bauch, die Arme schmerzhaft auf den Rücken gedreht.
„Das hat keinen Sinn, ich bin dir haushoch überlegen. Ich will dir nichts tun, warum sollte ich auch. Wenn du jetzt versprichst vernünftig zu bleiben, dann lasse ich dich los. Übrigens, der Ring um deinen Hals verhindert, das du zaubern kannst.“
Kira keuchte, dann nickte sie. Sinsa ließ ihre Arme los und die Zauberin stand auf.
„Was willst du überhaupt von mir, warum hast du mich entführt?“ fragte sie.
„Ich will von dir gar nichts, ich will dich verkaufen“ antwortete Sinsa trocken.
Kira sah sie ungläubig an, das verstand sie nicht.
„Verkaufen? Wie meinst du das? Man kann Menschen doch nicht verkaufen!“
„Warum nicht? Du wirst diversen Interessenten angeboten, und der am besten zahlende bekommt dich.“
Kira war sprachlos, Sinsa seufzte.
„Du bist nicht die Erste, ich habe schon viele Frauen und auch einige Männer verkauft. Eure ersten Reaktionen sind meistens die gleichen, zuerst Unglaube, dann Widerstand. Ich verspreche, beides wird dir vergehen. Vielleicht schon übermorgen, dann wird der erste Interessent auftauchen, übrigens mein bester Kunde. Je eher du dich in dein Schicksal fügst, desto besser für dich.“

Zwei Tage später erschien Sinsa wieder, in Begleitung eines fetten kleinen Mannes. Ehe Kira recht wusste was ihr geschah hatte die Assassine ihr die Arme in eine mitgebrachte Eisenfessel gelegt und drängte sie vor sich her aus ihrer Gefängnis-Wohnung auf den Gang, dann weiter in einen ihr unbekannten Raum. Da die Beleuchtung aus war konnte Kira nicht viel erkennen, Sinsa schob sie hinein, drehte sie mit dem Gesicht zur Tür und klinkte ein von der Decke baumelndes Seil in die Fessel, das sie über eine kleine Winde strammzog, doch ohne Kira anzuheben. Dann machte sie das Gaslicht an.

„Soll ich ihr noch die Beine zusammenbinden, damit sie dich nicht treten kann, Daskos?“
Daskos grinste schmutzig. „Nein, das behindert die Untersuchung der Ware, ich passe schon auf.“
Sinsa zuckte mit ihren Schultern, dann zog sie Kiras Oberteil und Rock aus. Daskos glotzte die jetzt bis auf die Schuhe nackte Zauberin an.
„Ah, nicht schlecht. Das sie hübsch ist hatte ich schon vorher gesehen, doch jetzt … fein, fein. Wie sie mich anstarrt, klasse Anblick, so schön verängstigt.“ Er griff ihr an den Busen. „Akzeptabel …“.
Er unterbrach sich, denn Kira hatte ihm ins Gesicht gespuckt.
„He, dir muss ich wohl Manieren beibringen.“ Er rammte ihr brutal seine Faust in die Magengrube. Die Zauberin keuchte auf und rang japsend nach Luft.
„Daskos, was soll das?“ tadelte Sinsa ihn, „du weißt genau, das ich das nicht dulde, noch hast du sie nicht gekauft. Dafür bekomme ich 1000 Gold, klar?“
„Was, 1000 Gold, du spinnst wohl!“
„Anschauen und anfassen, mehr nicht, wie immer. Stell dich nicht dumm, Daskos, dazu warst du schon zu oft hier. Das wäre jetzt Nummer vier, oder?“
„Ja ja, ist ja schon gut.“ Er schaute Kira böse an. „Warte nur, Früchtchen, wenn ich dich erst habe. Du wirst das bitter bereuen, das verspreche ich dir.“
Kira erschauerte unter seinem Blick, so viel kalte Gier und perverse Lust hätte sie nicht für möglich gehalten, Angst und Entsetzen schnürten ihr die Kehle zu. Daskos grinste drohend und wischte sich demonstrativ langsam das Gesicht ab, dann wandte er sich Sinsa zu. „Ich biete 100000 Gold, und wenn mich jemand überbietet, dann sag es nur.“
Abrupt drehte er sich um und verließ den Raum und das Haus.

„Tja, meine Liebe, so geht das jetzt weiter. Daskos war zufällig in der Nähe, die anderen Interessenten werden etwas länger brauchen um her zu kommen, so um zwei Wochen. Ein halbes Jahr lang wirst du angeboten werden, dann werde ich die Versteigerung beenden.“
Sinsa sah die noch immer schreckensstumme Kira an.
„Warum ich dir das erzähle? Glaubst du, ich schwatze gerne mit meiner Ware?“ Sinsa schüttelte den Kopf. „Nein, einzig um dir eine Chance zu geben. Das eben war sehr dumm von dir, Daskos ist sehr reich. Denk mal scharf nach, warum sollte jemand so viel Gold für eine Frau bezahlen?“
Sinsa sah wie es in ihr arbeitete, geduldig wartete sie bis Kira leise flüsterte „geht es ihm um Beischlaf?“
„Um Beischlaf? Ich glaube nicht das dieses Wort passend für Daskos ist. Für so viel Gold könnte er tausend mal in ein erstklassiges Bordell gehen, doch das braucht er nicht, denn er hat einen Harem. Nein, so viel zahlt er nur, weil er etwas wirklich illegales will. Er will dein Eigentümer werden und dann seine absolute Macht an dir ausüben, so wie schon an zwei Frauen und einem Mann vor dir.“
„Macht über mich ausüben? Ich verstehe nicht.“
„Daskos ist ein übler Sadist, absolute Macht über andere Menschen zu haben bedeutet für ihn, sie unbegrenzt demütigen und quälen zu können. Sie dich nur um!“
Sinsa drehte Kira um, jetzt konnte sie die Einrichtung des Raums erkennen.
„Ich füge niemandem gerne Schmerzen zu oder erniedrige ihn aus Spaß, ich habe diesen Raum nur für den Fall, das jemand widerspenstig wird. Doch Daskos hat auch so einen Raum, und er benutzt ihn gerne. Kurz, er ist ein perverses Schwein.“

Kira erkannte nicht viel, doch die Liege mit den vielen Lederriemen, die zahlreichen Peitschen und unidentifizierbaren Dinge, all das ließen sie schlimmes erahnen, das aufsteigende Grauen lähmte sie geradezu. Sinsa ging zu eine der Wandhalterungen und holte eine lange Rute.
„Ich sehe, du versteht langsam“ sagte Sinsa. „Ich erzähle dir das, weil es auch noch andere Interessenten gibt. Natürlich wollen auch die dich alleine besitzen, wollen ihre Macht befriedigen, doch sie foltern nicht aus Spaß, bei ihnen könntest du es relativ gut haben. Ich rate dir, sei friedlich bei den Präsentationen, denn Typen wie Daskos macht dein Widerstand nur an, deshalb hatte ich dich unvorbereitet gelassen. 100000 Gold, das ist schon recht nett. Wenn du eine andere Sorte von Interessenten da drüber bekommen willst, dann sei freundlich zu ihnen. Es ist in deinem Interesse, ich verkaufe dich an den Höchstbietenden, und selbst wenn Daskos nur ein Goldstück mehr bietet, dann wird er dich bekommen, und du würdest nur noch ein kurzes und qualvolles Leben vor dir haben.“ Sie fuchtelte demonstrativ mit der Rute herum.
Kira fing an zu schreien. „Das kannst du doch nicht machen! Ich bin ein Mensch, keine Sache! Ich…“
Sinsa schlug ihr mit der Rute quer von vorne über beide Beine, Kira schrie vor Schmerz auf, Sinsa schlug ihr die Rute hinten über die Beine, wieder schrie Kira auf, dann schluchzte sie laut. Sinsa sah sie ernst an.
„Das habe ich schon so oft gehört. Vergiss es, ich habe dich und werde dich verkaufen. So ist das nun einmal, das ist nur ein Geschäft, mehr nicht, und du bist die Ware, mehr nicht. Ich hoffe du hast jetzt verstanden, die beiden Schläge sollten dir nur andeuten, was Daskos bedeuten würde. Nur andeuten, denn eine richtige Demonstration dessen möchte ich dir nicht antun. Denke in den nächsten Tagen darüber nach.“
Sie deutete auf die beiden am Boden liegenden Kleidungsstücke.
„Diese Kleidung wirst du nie wieder tragen, verabschiede dich von ihnen, so wie auch von deinem alten Leben, es ist bedeutungslos geworden, nur noch ein Traum, aus dem du aufgewacht bist. Ja, du träumst nicht jetzt, jetzt bist du in der harten Realität.“
Sinsa löste Kiras Fesseln und brachte die völlig aufgelöste Zauberin zurück in ihr Gefängnis, dann brachte sie ihr neue Kleidung und Essensvorräte.

Kira musste ungezählte Präsentationen über sich ergehen lassen, zwar gewöhnte sie sich allmählich an die grapschenden Finger, an das Gefummel am Busen, Po und Schoß, doch diese gierigen Augen, diese kalten Blicke, diese erniedrigende Prozedur, daran gewöhnte sie sich nicht. Dazu dieses fensterlose Gefängnis, sie kam sich mehr und mehr vor wie lebendig begraben. Kira hatte ihren Widerstand aufgegeben, und Sinsa behandelte sie ohne eine Gefühlsregung, sie kannte kein Mitleid, aber misshandelte sie nie, es blieb bei jenen beiden Rutenhieben. Dann tauchte eines Tages Sinsa mit einer ungewöhnlich großen Menge an Nahrung auf.
„Ich werde eine Zeit lang verreisen, mache dir keine Sorgen, ich werde dich schon nicht vergessen.“

*

wieder in der Gegenwart
„Du bist Kira, oder?“ fragte Anna.
Die Frau nickte. „Ja. Aber wer bist du denn? Ich habe Kampflärm gehört und du siehst auch ziemlich mitgenommen aus.“
Anna sah Kira genauer an. Sie erkannte Verzweiflung, Angst und Erstaunen in ihrem Gesicht.
„Ich bin Anna und hatte eine Meinungsverschiedenheit mit Sinsa. Ich bin wegen dir hier.“
Kira reagierte nicht, dann sank sie plötzlich auf die Knie, Tränen liefen über ihr Gesicht.
„Lass mich hier raus, bitte! Ich ertrage es nicht mehr, dieses Gefängnis, diese demütigenden Präsentationen. Verkauft mich an wen ihr wollt, aber lasst mich hier raus!“

Anna kniete sich ihr unmittelbar gegenüber und legte sanft beide Hände auf Kiras Schultern.
„Beruhige dich doch, Kira. Ich bin gekommen um dich nach Hause zu bringen. Begreife doch, ich bin eine Zauberin wie du, ich habe mich nur ein wenig verstellt, um nicht aufzufallen. Sinsa ist besiegt.“
Kiras Anspannung ließ nach, sie heulte sich in Annas Armen aus. Als sie sich wieder beruhigt hatte stand sie langsam auf, Anna dagegen setzte sich auf den Boden und lehnte sich gegen die Wand, sie fühlte sich recht schwach.
„Geh und hole Hilfe, ich fürchte der Weg ist für mich zu weit. Folge dem Weg bis zur Straße, dann geht es nach links weiter zur nächsten Stadt.“
„Und was ist mit Sinsa?“
„Sinsa liegt gefesselt am Eingang zu diesem Kerker, vermutlich noch bewusstlos.“
Anna sah Kira ernst an. „Lass sie einfach liegen, ja? Und jetzt geh bitte, mir geht es nicht besonders gut.“
Kira nickte, dann lief sie los. Anna blieb noch etwa eine halbe Stunde wach, dann kam sie gegen ihre Erschöpfung nicht mehr an und fiel in einen tiefen, an Ohnmacht grenzenden, Schlaf.

Als Anna erwachte fühlte sie zuerst, das sie nicht mehr auf dem harten Steinboden, sondern auf einem weichen Untergrund lag. Sie öffnete langsam die Augen und erkannte eine weiße Decke, sie drehte ihren Kopf und sah sich um. Sie lag in einem Bett, das in einem kleinen Zimmer stand. Anna wollte ihren Oberkörper aufrichten, das fiel ihr recht schwer, denn sie fühlte sich schwach uns ihr rechtes Bein schmerzte als sie die Muskeln anspannte. Kira erschien in ihrem Gesichtsfeld.
„Warte, ich helfe dir.“
Kira griff ihr unter die Schultern und half Anna hoch, die stützte sich keuchend mit ihren Armen ab, die Anstrengung ließ schwarze Punkte vor ihren Augen tanzen, ihre Beinwunde fing an zu pochen.
„Eigentlich solltest du das lassen, du bist verletzt und hast Fieber bekommen.“
„Du hast recht, ich sollte nicht ungeduldig sein.“ Anna ließ sich wieder zurücksinken.
„Erzähle mir bitte was passiert ist.“
„Gerne. Ich lief an der bewusstlosen Sinsa vorbei aus dem Haus, dann den Weg entlang bis zur Straße, so wie du sagtest. Dort bin ich wohl aufgefallen wie ein bunter Hund, jedenfalls hielt schon die nächste Reiterin an, es war eine Assassine. Sie wollte mir nicht glauben und mit mir zum Haus, doch ich weigerte mich, ich will nie wieder alleine mit einer Assassine sein. Zum Glück herrschte viel Verkehr, wir stritten uns noch als der nächste dazukam, ein gewöhnlicher Mann, kein Kämpfer. Sie gallopierten auf ihren Pferden zum Haus, ich wartete an der Straße, ich kann nicht reiten.“
Anna lächelte als sie das hörte, Kira unterbrach sich.
„Ach, das geht schon. Aber ich wollte dich nicht unterbrechen, das hat Zeit bis später, rede bitte weiter.“
„Sie kamen schnell zurück und sagten, das sie Sinsa und dich gefunden hätten. Der Mann blieb jetzt bei mir und die Assassine eilte zur Stadt um Hilfe zu holen. Wir warten zwei Stunden, dann trafen einige recht grimmig blickende Assassinen ein, dann ein kleiner Wagen. Wir fuhren zum Haus, luden euch beide auf und fuhren hier her in die Stadt.“
„Und dann?“ fragte Anna ungeduldig.
„Dann wurdest du versorgt. Inzwischen haben sie Sinsas Haus gründlich durchsucht, und als sie merkten was da los war wurden sie sehr ernst, legten aber auch ihr Misstrauen gegen uns beide ab. Was aus Sinsa wurde kann ich nicht sagen. Sal-Luna ist zwar freundlich, aber auch mir gegenüber etwas verschwiegen.“
„Sal-Luna? Und was heißt hier ‚inzwischen’?“
Kira lächelte entschuldigend. „Oh, stimmt. Nun, du hast lange geschlafen, es ist jetzt einen Tag später, gegen Mittag. Sal-Luna ist die Herrscherin über das Gebiet hier, eine Assassinenvorsteherin.“
„So lange! Ich muss los und …“
„Papperlapapp!“ Energisch drückte Kira sie auf das Bett zurück. „Du ruhst dich schön aus, und heute Nachmittag komme ich wieder, dann wollte auch Sal-Luna kommen.“

„Anna! Anna, wach auf!“ Kira weckte sie auf. „Sal-Luna ist gekommen.“
„Das war nicht nötig, Kira, du …“ klang eine neue Stimme auf.
Anna unterbrach sie. „Ist schon gut, zuviel Schlaf ist ungesund.“ Sie blickte die neben ihr sitzende Assassine an. Sal-Luna war eine relativ kleine Frau mit kurzen schwarzen Haaren, sie hatte ein ernstes Gesicht, doch ihre schwarzen Augen drückten eine gewisse Güte aus. Die ganz in schwarz gekleidet Frau lächelte andeutungsweise.
„Wir sind dir zu großem Dank verpflichtet, Kriegerin. Oder besser Zauberin? Wir hatten Sinsa schon länger im Verdacht ihren Reichtum durch faule Geschäfte erworben zu haben, doch wir konnten ihr nie etwas nachweisen. Und was wir nun fanden und was uns Kira berichtete, das übertraf unsere dunkelsten Phantasien. Sie hat tatsächlich Menschen, hauptsächlich Frauen, aber auch einige Männer, geraubt und verkauft. Ich kann es immer noch nicht fassen!“
„Was ist aus ihr geworden?“
„Aus Sinsa? Im Moment geht es ihr relativ gut, sie ist im Gefängnis. Wir haben ihr Knie und ihren Arm geschient und ihre Beinwunde ist nicht so schlimm, deine ist übler.“
„Werdet ihr sie bestrafen?“ fragte Anna.
„Natürlich! Doch ich schlage vor, das wir das besprechen wenn du wieder gesund bist, so eine Woche wird es dauern bis du aufstehen kannst. Übereile es nicht, sonst könnten bleibende Schäden im Bein bleiben. Wir können aber einen Boten in deine und Kiras Heimat senden, um Bescheid zu geben.“
Anna nickte. „Ja, das wäre nett, vor allem meine Mutter wird sich fürchterliche Sorgen machen.“
Ein warmes Lächeln huschte über Sal-Lunas Gesicht.
„Gut, dann ruhe dich weiter aus, Kira kann mir alles Weitere sagen.“
„Moment“, rief Anna, „du, Kira, willst doch bestimmt so schnell wie möglich nach Hause, oder?“
Kira verzog ihr Gesicht. „Ja und Nein. Natürlich zieht es mich dort hin, aber ich möchte dich nicht alleine lassen.“
Sal-Luna verließ leise den Raum, sie spürte das die beiden sich noch etwas unter vier Augen sagen wollten.
„Anna, ich weiß nicht wie ich dir danken soll. Mir ist erst in den letzten Stunden so richtig klar geworden was du getan hast, und …“
„Papperlapapp!“ Anna lachte. „Hast du selbst gesagt. Und wenn es dich nach Hause zieht, dann geh nur, ich komme schon nach.“
Kira schüttelte ihren Kopf. „Es ist nicht nur wegen dir. Ich fürchte mich alleine zu reisen, und noch mehr Angst hätte ich zusammen mit einer dieser Assassinen. Kann ich … kann ich bei dir bleiben? Ich könnte eine Notliege für mich besorgen.“
„Sicher, wenn es dich beruhigt.“

Nach sechs Tagen konnte Anna aufstehen und anfangen ein wenig zu gehen, besser gesagt zu humpeln. Die Assassinen hatten ihre beiden Wunden genäht, so waren sie jetzt äußerlich gut verheilt. Doch sie konnte ihren rechten Mittelfinger nicht richtig strecken und ihr Bein war immer noch fest geschient. So bewegte sie sich mit Hilfe von zwei Krücken durch das Haus, getrieben von Ungeduld und der Angst, nie wieder richtig gesund zu werden. Das Ärzte-Ehepaar, das sich um sie kümmerte, meinte zwar das alles verheilen würde, denn kein Muskel und keine Sehne sei vollständig durchtrennt worden, und mit etwas Gymnastik und Geduld sie ihre volle Bewegungsfreiheit wieder erreichen würde, doch Anna glaubte das noch nicht so recht. Langsam fing auch Kira an, unter vier Augen über ihre Erlebnisse zu erzählen. Anna wusste zwar bereits von Sal-Luna was Sinsa getan hatte, auch im Detail, doch es war ein Riesenunterschied, es von jemandem zu hören, der es teilweise selbst hatte erleiden müssen.

Weitere fünf Tage später konnte Anna ohne Schiene die ersten Schritte machen, und vier Tage später brauchte sie keine Krücken mehr. Etwas steif ging sie im Wohnzimmer auf und ab, als Sal-Luna kam. Sie hatte außer Kira noch zwei weitere Personen dabei, zum einen zu Annas Verwunderung Rel-Arum, und zum anderen eine junge Assassine. Sie war fast so groß wie Anna, hatte schulterlange dunkelbraune Haare und graue Augen.
„Rel-Arum kennst du ja schon. Und das hier“, sie zeigte auf das etwas traurig blickende Mädchen, „ist Salcia.“
Anna nickte beiden Neuankömmlingen freundlich zu. In ihr baute sich eine Spannung auf, dieses Mal schien Sal-Luna offiziell zu werden.
„Es geht darum, wie wir jetzt weiter verfahren wollen. Genauer gesagt um drei Punkte. Zuerst einmal bist du jetzt gesund genug, um mit Kira nach Hause zu reiten, Rel-Arum soll euch begleiten.“
„Warum ausgerechnet ein Mann? Ich dachte immer, männliche Assassinen sind so selten?“ unterbrach Kira sie.
Kurz war Schweigen, dann räusperte Rel-Arum sich und antwortete.
„Weil es unschicklich ist, wenn Frauen alleine reisen. Ich hoffe, ihr seid beide mit mir einverstanden.“
Anna nickte. „Von meiner Seite aus bist du willkommen.“
Kira zuckte mit ihren Schultern, sagte aber nicht.
Sal-Luna seufzte. „Das könnt ihr ja später noch ausmachen. Jetzt zum zweiten Punkt, zu Sinsa. Ich habe mich lange mit meinen Kollegen und Kolleginnen von den anderen Gebieten beraten, und wir meinen, das ihr sie haben könnt um sie hinzurichten. Wir würden das zwar sehr gerne selber machen, denn sie hat unsere Prinzipien verraten und unserem Ansehen sehr geschadet, doch wir sehen das als eine Geste der Widergutmachung an.“
Wieder Stille. Sal-Luna wirkte etwas irritiert, zumal sie eher Entsetzen als Freude in den Gesichtern sah.
Kira schüttelte als erste den Kopf. „Hinrichten? Du meinst, wir sollen sie zur Strafe töten? Das machen wir nicht.“
Anna schüttelte auch den Kopf. „Kira hat Recht, das ist bei uns unbekannt. Wir wollen keine Rache. Macht sie irgendwie unschädlich. Wir wollen Hilfe. Wir haben die Namen und Adressen all derer, die ihre Kunden waren.“
Sal-Luna nickte schwer. „Na gut, wenn ihr Sinsa nicht wollt, dann übernehmen wir das. Wegen der Kunden und was aus all den anderen Opfern geworden ist, nun, das ist der dritte Punkt. Wir haben inzwischen auch eine Liste aller, und wir Assassinen sehen es als unsere Pflicht an, alle aufzusuchen. Ich denke auch, das wir das am besten können. Das sehen das als unsere eigentlich Schuldtilgung an.“ Sie deutete auf Salcia. „Salcia wird eure Geisel sein.“

Anna sah Sal-Luna völlig erstaunt an. „Geisel?“ fragte sie. „Wie meinst du das?“
„Kennt ihr das etwa nicht? Es ist ganz einfach: Wir haben eine Schuld bei euch, nämlich dem Schicksal von allen Opfern Sinsas nachzugehen, und ihr bekommt eine Geisel. Wenn ihr mit unserer Tilgung nicht zufrieden seid, dann könnt ihr dafür die Geisel bestrafen. Wie, das steht teilweise in eurem Ermessen, sagen wir Auspeitschen wenn wir zu langsam sind, sicher aber töten wenn wir eine Befreiung vermasseln und dadurch eines von den Opfern stirbt.“
Anna sah Sal-Luna und Rel-Arum an, doch ihr Gesichtsausdruck ließen keine Zweifel aufkommen, das war tatsächlich ernst gemeint.
„Ich glaube nicht, das wir eine Geisel brauchen, wir glauben auch so, das ihr euch bemühen werdet. Ich vermute, unsere Erzmagier werden das auch so sehen.“
„Auf die Geisel muss ich bestehen! Das ist bei uns unvermeidbar, was glaubt ihr, wie das bei den anderen Vorstehern ankommen würde, wenn ihr ohne Geisel weggeht? Versteht bitte, es muss sein, und wenn wir etwas falsch machen, dann müsst ihr sie auch bestrafen! Es würde sonst wie fauler Handel aussehen.“
Anna schüttelte den Kopf und sah Sal-Luna vorwurfsvoll an. „Ich möchte euch nicht beleidigen, doch ich finde das etwas seltsam, wenn du einfach so irgend jemanden von deinem Volk opfern willst. Die Liste ist verdammt lang, und es sind viele Leute mit großem Reichtum und Macht dabei. Ehrlich gesagt, ich glaube nicht das ihr da alle lebend rausholen könnt. Außerdem, wir töten niemanden zur Strafe.“
Sal-Luna senkte kurz den Kopf, dann blickte sie Anna an, in ihren Augen war Schmerz. „Salcia ist meine Tochter. Ich glaube auch nicht, das alle Befreiungsversuche erfolgreich sein werden, aber wir haben keine andere Wahl, oder willst du all diese Menschen ihrem Schicksal überlassen? Sobald aber das erste Opfer stirbt werdet ihr Salcia töten müssen.“
„Was, sie ist deine Tochter?“ Anna schüttelte den Kopf. „Und wenn wir uns weigern würden sie zu bestrafen oder gar zu töten?“
„Dann werden wir das machen müssen. Ich bitte euch, tut mir das nicht an. Wenn das passiert, dann müsste ich meine eigene Tochter grausam hinrichten lassen und dabei auch noch zusehen. Versteht du jetzt, warum Sinsa von mir keine Gnade erfahren wird?“
Anna nickte schwer. „Ja, es sieht so aus als ob sie indirekt jetzt auch noch deine Tochter töten würde.“ Sie blickte Salcia an. „Was sagst du eigentlich dazu?“
„Ich? Was soll ich machen, ich habe keine Wahl, das ist nun einmal eines der Nachteile als Tochter einer Assassinenvorsteherin. Nein, Freude macht mir das keine.“
Anna lächelte traurig. „Gut, wenigstens keine pathetischen Sprüche. Na schön, ich nehme dich als Geisel mit bis Magcapis, dort müssen dann unsere Erzmagier weiter entscheiden. Ich bin nur ein kleines Licht. Und dieses Mal bin ich froh darum.“ Sie wandte sich wieder Sal-Luna zu. „Euch bitte ich so lange nichts zu unternehmen.“
Sal-Luna nickte.

Zwei Tage später wollten sie abreisen. Anna und Kira trugen zum ersten Mal in ihrem Leben Hosen, es war ein seltsames Gefühl. Sal-Luna hatte ihnen mehrere geschenkt, es waren je zwei Hosen mit Lederauflagen und vier ohne, alle in unterschiedlichen Farben. Trotz ihres engen Schnitts war ihre Bewegungsfreiheit nicht eingeschränkt, darin war dieses Volk einfach meisterhaft. Auch klimatisch war der Stoff recht angenehm zu tragen. Sie hatten die Hosen bekommen, weil sie reiten sollten, zu Fuß wären sie sonst Wochen unterwegs gewesen. Entsprechend hatten beide eine schwarze Hose mit Lederauflagen angezogen.

Anna wollte versuchen alleine zu reiten, und um dabei ihr verletztes Bein zu schonen hatte sie es in eine rinnenförmige Lederschiene geschnallt, die dann seitlich am Sattel auf zwei Halterungen aufliegen würde. So hatte sie eine gute Schienung bei festem Halt im Sattel. Kira wollte zunächst bei Rel-Arum mitreiten und erst später ein eigenes Pferd versuchen, das Rel-Arum mitführte.

Zuerst halfen Rel-Arum und Kira Anna auf ihr Pferd. Danach schwang sich Rel-Arum auf sein Pferd und half Kira rauf, so wie damals Anna. Sie lächelte als sie das sah, dann wurde sie ernst als sie Salcia sah. Der Geisel hatte man die Hände auf den Rücken gefesselt, doch sie steckte ihren linken Fuß in den Steigbügel und schwang sich dann mit einem eleganten Beinschwung in den Sattel, gerade so, als wenn sie es nie anders getan hätte. Sal-Luna brachte Anna noch die Schlüssel für die Fessel.
„Hier. In ihrer Satteltasche ist noch eine Kette, wenn ihr sie am Pferd oder beim Rasten an einem Baum anketten wollt. Aber eigentlich braucht ihr das nicht machen, sie wird nicht fliehen, sie kann ja nirgends hin.“
Anna sah, wie Sal-Lunas Augen feucht wurden. „Ich versprach einst Kira zu retten, und ich verspreche jetzt dir, das Salcia nichts passieren wird. Es gibt immer einen Weg, glaube mir.“ Sal-Luna schüttelte traurig den Kopf. „Danke, das du versuchst mir Hoffnung zu geben. Bewahrt ihre Würde.“
Anna ritt los, gefolgt von ihren Begleitern.

Autor: Hinrich Eilts
Alle Rechte liegen beim Autor
© Geschrieben 2003 von Hinrich Eilts

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